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Moses in der Folterkammer

MOSES UND ARON
(Arnold Schönberg)

Besuch am
10. Dezember 2023
(Premiere)

 

Opernhaus Bonn

Tumulte wie bei der Deutschen Erstauf­führung 1959 in Berlin provo­ziert Arnold Schön­bergs fragmen­ta­rische Oper Moses und Aron zwar längst nicht mehr. Doch verlangt sie noch immer jedem Opernhaus einen musika­lisch und szenisch derart gewal­tigen Kraftakt ab, dass die Zahl der Auffüh­rungen in den letzten 60 Jahren überschaubar geblieben ist. Zumal auch dem Publikum ein hohes Maß an Konzen­tration und Aufnah­me­be­reit­schaft abver­langt wird. Im Rheinland ist es in langen zeitlichen Abständen bisher nur in Düsseldorf, Köln und bei der Ruhrtri­ennale gezeigt worden. Umso willkom­mener ist eine Neupro­duktion der Bonner Oper zu begrüßen, die vom Premie­ren­pu­blikum mit großem, unein­ge­schränktem Beifall goutiert wird.

Die ersten zwei auskom­po­nierten Akte fertigte Schönberg bereits in den Jahren 1931 und 1932 vor seiner Emigration in die USA an, bevor er sich, der zum luthe­ri­schen Glauben konver­tierte Jude, 1933 demons­trativ zu seinen jüdischen Wurzeln bekannte. In seiner Oper perso­ni­fi­ziert er diverse Gottes­vor­stel­lungen durch das Brüderpaar Moses und Aron. Die Konfron­tation eskaliert ohne Versöhnung und lässt die Brüder am Ende des zweiten Akts ratlos zurück. Eine Lösung findet Schönberg auch nicht im Text des dritten Akts, den er zwar verfasste, aber aus nachvoll­zieh­baren Gründen unkom­po­niert ließ. Das offene Ende der Oper wird so zum Programm des Werks.

Foto © Sebastian Hoppe

Mit seiner dogma­ti­schen Vorstellung von dem „einzigen, ewigen, allge­gen­wär­tigen, unsicht­baren und unvor­stell­baren Gott“, der das Volk Israels aus der Knecht­schaft befreien soll und ihm ein Land verheißt, in dem „Honig und Milch fließen“, überfordert Moses die Glaubens­fä­higkeit des Volks. Sein redege­wandter Bruder Aron vermag die Menschen immerhin mit einigen spekta­ku­lären Zauber­tricks dazu zu bewegen, Moses auf dem Auszug aus Ägypten zu folgen. Als Moses das Volk jedoch 40 Tage lang allein lässt, um in der Einsamkeit des Berges Sinai die Gebote Gottes zu empfangen, erweist sich Moses‘ Vorstellung vom „unvor­stell­baren“ Gott für die Menschen als Illusion. Die sich gegen Aron aufschau­kelnde Wut und Verzweiflung führt zum sicht­baren Bild des „Goldenen Kalbs“, mit dem die Menschen ihre materi­ellen und sexuellen Bedürf­nisse ausleben und ihr Gottesbild sichtbar machen können. Der zurück­keh­rende Moses sieht schließlich seine Mission, die Menschen von der Kraft eines abstrakten, unsicht­baren und unvor­stell­baren Gottes zu überzeugen, als gescheitert.

Ein Werk, das viel über Glaubens­zweifel Schön­bergs verrät, aber auch über die Unsicherheit der Menschen im Umgang mit dem eigenen Glauben und mit vermeint­lichen oder tatsäch­lichen Heils­bringern. Der Aufstieg der Natio­nal­so­zia­listen zur Entste­hungszeit der Oper ist schließlich ein Muster­bei­spiel für die Verführ­barkeit des Volks durch einen Sieg und Heil verspre­chenden Führer.

Auf direkte Anspie­lungen auf die Entste­hungszeit verzichtet Regisseur Lorenzo Fioroni konse­quent und konzen­triert sich auf den religiösen Aspekt der Oper und das zeitlos aktuelle Problem der Verführ­barkeit des Menschen. Anfänglich in naiv pitto­resken, wie einer Kinder­bibel entnom­menen Bildern, in denen Moses und Aron wie Kasper­le­puppen über die Bühne trippeln und niedliche Schäfchen strei­cheln und den Worten Gottes aus einem putzig brennenden Dornbusch lauschen. Die kindliche Attitüde lassen beide fallen, als sie beginnen, das in schwarze elegante Roben des 19. Jahrhun­derts gekleidete Volk von ihrer Mission zu überzeugen. Unter anderem mit einer eindrucks­vollen Video­pro­duktion des sich in eine Schlange verwan­delnden Hirten­stabs. Zum Aufbruch in die Wüste streifen sie ihre Kostüme ab und folgen Moses und Aron in blüten­weißer Unterwäsche.

Foto © Sebastian Hoppe

Das alles geschieht mit einer beklemmend dynami­schen Führung der grandiosen Protago­nisten und des riesigen, durch das Vocal­consort Berlin verstärkten Opern­chors. Und zwar mit einem Druck, der die Spannung des ersten Akts zum Bersten bringt. Einen unerwartet scharfen Schnitt setzt der Regisseur zum zweiten Akt, in dem das Volk während der Abwesenheit Moses dem „Goldenen Kalb“ huldigt. Das Götzenbild ist aber in Bonn ebenso wenig zu sehen wie die Menschen. Als Masse ebenso wenig wie in den Ensembles mit den opfer­breiten Greisen, den nackten Jungfrauen und verzückten Jünglingen. So eksta­tisch die Musik aufschäumt, so konse­quent entzieht sich Fioroni jedem Versuch, die ausge­dehnte Szene als Gewalt- und Sexspek­takel darzu­stellen. Die Sänger sind allesamt im Background postiert, sichtbar wird lediglich eine enge Kammer, in der Moses von den herab prasselnden Geboten Gottes geradezu erschlagen wird. Gebote in Form von Müll und Requi­siten. Verzweifelt rennt er gegen die Wände, reißt sich die Kleider vom Leib, beschmiert sich und die Kammer mit roter und schwarzer Farbe und scheint eher vom Teufel besessen als von Gott gesegnet zu sein. Nach seiner Rückkehr trifft er auf ein Leichenfeld und seinen einge­schüch­terten, in sich versun­kenen Bruder, der den Exzess nicht verhindern konnte.

Es ist eine diskus­si­ons­würdige Lesart des Werks, die der Regisseur präsen­tiert. Ebenso wenig durch­gängig schlüssig wie Schön­bergs Antworten auf zentrale Fragen des Glaubens und der Menschheit. Eine harte Darstellung, die in dem souve­ränen Dirigat Dirk Kaftans ihre musika­lische Entspre­chung findet. Das komplexe Zwölf-Ton-Geflecht der Partitur heizt er mit expres­sivem Druck auf und behält selbst in den massivsten Chorpas­sagen den Überblick. Und Chordi­rektor Marco Medved ist es gelungen, die wohl schwie­rigste Chorpartie der Opern­li­te­ratur bewun­dernswert präzise einzu­stu­dieren. Schließlich hat der Chor neben den beiden Protago­nisten die größten und diffi­zilsten Aufgaben zu bewältigen.

Die von Schönberg rezita­ti­visch angedeutete Sprech­rolle des Moses verkörpert Dietrich Henschel mit geradezu alttes­ta­men­ta­ri­scher Strenge und Größe. Im Kampf mit den Zehn Geboten während des Tanzes um das „Goldene Kalb“ leistet er mit akroba­ti­scher Gewandtheit körper­liche Schwer­arbeit. Kongenial stellt Martin Koch den Aron mit seiner stimm­lichen Eleganz als eine Figur dar, die als Antipode zum strengen Moses den Aron nicht als eitlen Populisten versteht, sondern als Menschen, der Verständnis für die spiri­tu­ellen Grenzen und Bedürf­nisse der Menschen zeigt. Beides vorbild­liche Leistungen.

Das Bonner Theater begleitet die außer­ge­wöhn­liche Produktion mit einem ausführ­lichen Programmheft inklusive Libretto, einer sehens­werten Ausstellung im Foyer sowie einem umfang­reichen Rahmenprogramm.

Pedro Obiera

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