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MY BODY IS YOUR BODY
(Tim Behren)
Besuch am
11. Mai 2019
(Einmaliges Gastspiel)
Gerade mal drei Besuche braucht es, um die ungeheure Vielfalt beim Festival Tanz NRW zu erahnen. Und sie zeigen auch, dass es sich durchaus lohnt, nicht darauf zu warten, bis eine Veranstaltung des Festivals in der eigenen Stadt auftaucht, sondern sich auch mal auf den Weg zu den Spielstätten anderer Städte zu machen. Nach der fulminanten Uraufführung von Alexandra Waierstalls Bodies and Structure im Düsseldorfer Tanzhaus NRW und Julia Rieras Mira 7 – Thuley auf der Brotfabrik Bühne Bonn-Beuel öffnet mit dem Theater im Ballhaus in Bonn-Endenich eine weitere Spielstätte ihr Schmuckkästchen, um My Body is Your Body von Overhead Project zu zeigen.
1830 nahm der Ballsaal im Bonner Vorort Endenich seinen Betrieb auf und zog schon bald die Studenten der Bonner Universität und städtische Jugendliche an. Auf dem charakteristischen Balkon am Kopfende nahmen die Musiker Platz, die zum Tanz aufspielten. Eine darüber gelegene Empore mag in früheren Zeiten Platz für beobachtungsfreudige Menschen geboten haben, die nicht so gern gesehen werden wollten. Bis 1990 stand der Saal in der Frongasse lange Jahre leer. Gemeinsam mit dem Eigentümer reaktivierte das Theaterkollektiv Jubiläumsensemble den inzwischen komplett in Blau gestrichenen Saal. Heute heißt die Spielstätte Theater im Ballsaal und wird gemeinschaftlich vom Theaterkollektiv Fringe Ensemble und der Tanz-Compagnie Cocoon Dance geleitet. Neben ihren eigenen Produktionen zeigen sie auch Gastspiele und Festivals. Im Ensemble mit einem Gasthaus, der gegenüberliegenden Kabarettbühne der Springmaus und einem Kino bietet sich dem Besucher ein reizvolles kleines „Vergnügungsviertel“ – wenn er denn einen Parkplatz findet. Das Theater im Ballsaal verfügt nach Aussage vieler Menschen über eines der schönsten Theaterfoyers in ganz Nordrhein-Westfalen. Hier versammeln sich an diesem Abend ausreichend viele Besucher, um nahezu alle Plätze im Saal zu füllen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Choreograf Tim Behren kann in dem Saal die aus seiner Sicht perfekte Bühne einrichten. Vom Balkon aus betrachtet, der den überdachten Eingangsbereich des Saales bildet, sind links und rechts die Zuschauertribünen aufgebaut. Der Zwischenraum bietet den Künstlern ausreichend Platz, ihre Akrobatik zu verwirklichen. Darum hat sich Charlotte Ducousso ebenso gekümmert wie um das Licht, das sie nahezu ausschließlich mit Neonröhren gestaltet. Selten hat man eine Bühne im Tanzgeschehen so hell erleuchtet gesehen. Und es funktioniert. Bevor die Besucher aber in den Genuss der Szenerie kommen, müssen sie erst mal zu ihren Plätzen finden. Und das ist nicht so ganz einfach. Die „freie Platzwahl“ ist hier nämlich ausgesprochen theoretisch. Zwei Männer und eine Frau in Anzügen sorgen ziemlich resolut dafür, dass die Besucher zunächst die vom Eingangsbereich aus gesehen hintere Tribüne besetzen. Da müssen sich einige Individualisten rasch eines Besseren belehren lassen. Die Kostüme der drei hat Monika Odenthal gestaltet, und erst bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die barfüßigen „Ordner“ hier bereits ihrer künstlerischen Aufgabe nachkommen.
Die zierliche Mijn Kim ist in Süd-Korea geboren, lebt und arbeitet heute in Köln, nachdem sie dort an der Musikhochschule den Bachelor für zeitgenössischen Tanz abgelegt hat. Leonardo Garcia ist eher von schmächtiger Figur, in Chile geboren und hat vor zwei Jahren seinen Bachelor als Zirkusakrobat absolviert. Der gebürtige Spanier Leon Börgens schließt seine Ausbildung an der Ecole Supérieure des Arts du Cirque in Brüssel ebenfalls mit dem Bachelor ab. Leonardo und Leon arbeiten gern als Duo, hier sind sie als Trio gefragt. Eine Ausbildung mit dem Bachelor abzuschließen, ist in anderen Berufen keine empfehlenswerte Angelegenheit. Hier wird jungen Menschen ein „Abschluss“ vorgegaukelt, der eigentlich nichts anderes heißt als „auf der ersten Ausbildungsstufe abgebrochen“. Viele junge Menschen werden in Zukunft noch erleben müssen, wie ihre Karriere ein vorzeitiges Ende findet, weil mit einem halben Studium kein ganzes Berufsleben zu gestalten ist. Im praktisch orientierten künstlerischen Bereich zeigen die drei heute die Ausnahme.

Mit eindringlichen Blicken ins Publikum absolvieren sie einige Runden auf der Bühne. Überhaupt ist der Blickkontakt dem Trio ausgesprochen wichtig. Eine Einladung, das Publikum auf der anderen Seite zu betrachten? Da hat sich Tim Behren in seiner Inszenierung sicher verspekuliert. Die Menschen auf den Tribünen interessieren sich nicht für die Menschen auf der anderen Seite, sondern für das Geschehen auf der Bühne. Und hier stockt einigen Besuchern alsbald der Atem, wenn Kim auf die Schultern von Börgens springt und aufrecht stehend durch das Rund getragen wird. Dabei ist das erst der Anfang. In der nächsten Runde legen alle drei ihre Sakkos und Hemden ab. Mit blankem Oberkörper wird die Akrobatik waghalsiger. Bald sind alle ineinander verkeilt, stehen aufeinander, fallen übereinander her oder voneinander ab. Das ist Zirzensik vom Allerfeinsten in moderner Sprachgestalt. Behren sagt selbst, dass er mit dem Titel seiner Inszenierung nicht mehr so ganz glücklich sei, weil sich vom Beginn seiner Konzeption bis zum Probenende zu viel verändert habe. Betrachtet man das uneingeschränkte Vertrauen der Akrobaten ineinander, erfährt der Titel My Body is Your Body – also Mein Körper ist Dein Körper – aber eine ganz neue Bedeutung. Da wird schnell klar, dass Vertrauen in den anderen zu sensationellen künstlerischen Ergebnissen führt. Es ist vielleicht nicht das Ergebnis, dass sich Behren von seiner Recherche erhofft hat.
Aber die Botschaft des Abends stimmt optimistisch. Sich Menschen zu suchen, mit denen man mit intensiver Übung zu absolutem Vertrauen findet, ist nicht der schlechteste Ausgang eines Abends. Das Publikum ist begeistert und applaudiert minutenlang. Drei Aufführungen in drei Tagen, von denen drei überzeugten – das ist eine gute Bilanz. Da darf man sich auf eine weitere Festival-Woche Tanz NRW mit Veranstaltungen freuen, die bei O‑Ton bereits vorgestellt wurden.
Michael S. Zerban