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LE NOZZE DI FIGARO
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
3. Februar 2018
(Premiere am 28. Januar 2018)
Jede Inszenierung von Le nozze di Figaro muss sich für einen Umgang mit der speziellen Ambivalenz dieses frivolen Stoffes nach dem Lustspiel des Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais aus dem vorrevolutionären Frankreich entscheiden. In der Bonner Neuproduktion der Mozart-Buffa auf das famose Libretto von Lorenzo da Ponte klammert der junge Regisseur Aron Stiehl die gesellschaftspolitische Dimension weitgehend aus, ohne sie zu ignorieren oder unter dem Vorzeichen der heutigen „#metoo“-Debatte auszuschlachten. Dass der 1780 im alten Wiener Burgtheater uraufgeführte Stachel wider die Feudalherrschaft, das Ancien régime, auf Betreiben des aufgeklärten Regenten Joseph II. überhaupt möglich ist, verblüfft ja noch heute. Hätten Frauen vom Format der Susanna und – mit Einschränkung – der Gräfin Almaviva in den Monarchien Europas die Rechte bereits damals gehabt, die für sie heute selbstverständlich verbürgt sind, wäre das jus primae noctis vermutlich noch früher in der Versenkung verschwunden.
Stiehl ist ein Schüler von Götz Friedrich, sammelt später Erfahrungen als Spielleiter in der Ära des Briten Peter Jonas an der Bayerischen Staatsoper in München. Beide sind Vollblutkünstler des Theaters. So kann es nicht groß überraschen, dass der erstmals in Bonn inszenierende Regisseur Mozarts und Da Pontes Kammerspiel beim Wort nimmt. Macht und Verrat, Liebe und Untreue – es gibt ja praktisch nichts, was in diesem Katalog der menschlichen Verfehlungen und Tugenden fehlt. In feinster Wiener Unterhaltungsmanier macht sich der 38-jährige den Spaß, aus der edlen Farce eine bitterböse Angelegenheit für Moralisten wie Freigeister anzurühren. Stiehl bringt so in einem kühnen Streich prächtiges Theater auf die Bühne und eine Inszenierung auf die Beine, als hätte ein Magier Versatzstücke aus dem Wildschütz, dem Rosenkavalier und einem der Stück von Goldoni aus der Meisterschule der Commedia dell’Arte übereinander gelegt. Fürwahr eine Commedia delle maschere, tatsächliche und seelische Maskeraden einer Gesellschaft im Untergang, die nur noch auf die Erotik als Antriebskraft und die Intrige als letztes Instrument ihrer Herrschaft baut.
Kaum gerät nach dem federnd-spritzigen Auftakt der Ouvertüre der Schauplatz dieser Irrungen und Wirrungen ins Blickfeld, wird der elegante Spaß auf derbe Weise konkret. Die Buffa spielt in einer von den Ausstattern Timo Dentler und Okarina Peter ersonnenen zweigeschossigen Villa, die einmal eine war. Der weitgehend ramponierte Sitz der Almavivas verrät vieles, aber nicht seine Nähe zum Sevilla der Mozart-Zeit. Das Dach im Obergeschoss fehlt völlig. Das künftige eheliche Schlafzimmer von Kammermädchen und Kammerdiener wirkt arg renovierungsbedürftig. Auch die weiteren Räume, die via Drehbühne nach und nach zum Vorschein kommen, machen einen ziemlich desolaten Eindruck. Während die Kostüme noch gesellschaftlichen Status und modischen Anspruch erkennen lassen, frappiert das bürgerliche, um nicht zu sagen kleinbürgerliche Interieur. Die Tapete atmet den Stil der Zeit um 1950. Regelmäßig erheitern Accessoires dieser Epoche das Publikum, das Telefon mit Wählscheibe, die Schreibmaschine vom Typ Monica, die Radio- und TV-Antenne für den Empfang von Mittelwelle und Schwarz-Weiß-Fernsehen.
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Stiehl spielt auch gern mit den Figuren, die es ihm besonders angetan haben. Der Hausherr, offenkundig ein eingefleischter Jäger, hat die Utensilien seiner Passion, Geweihe von Hirsch und Co., über das ganze Anwesen verteilt. Als der Graf im zweiten Akt in das Boudoir der Gräfin platzt, beglückt er sie mit einem ausgewachsenen Hasen. Nicht nur das: Ein ausgestopfter Pfau ziert den Salon der Grafschaft. Später den Garten, in dem sich der Mummenschanz des finalen jeux à tous abspielt. Der für das Licht verantwortliche Max Karbe hat das Schlussbild in eine Melange von Nachtblau und Grau gehüllt, in deren verschwommenen Konturen alle standesgemäßen Unterschiede unkenntlich geworden sind. Der latente Eindruck eines gesellschaftlichen Abstiegs begleitet auch die Figur der Gräfin. Batterien von Alkoholika und der häufige Griff zur Zigarette rufen die Assoziation einer Frau in der Lebens- und Sinnkreise hervor. Selbst mit sprachlichen Einfällen treibt der Regisseur das Spiel voran, wenn die Protagonisten in den Rezitativen unverhofft in die deutsche Sprache verfallen.
Die Figuren werden – unter dem Strich – in diesem Komödienstadl der noblen Leute um einige Grade gröber, menschlicher, grotesker gezeichnet, wenn sie nicht gerade durch Mozarts Musik geadelt werden. Insbesondere zwei Protagonisten werden trennschärfer gezeigt als bei vielen Figaro-Inszenierungen üblich. Da ist einmal Basilio, der Intrigant ohne Rückgrat und Vasall des Grafen. Seine schäbige Rolle als Spitzel und Kuppler wird von Beginn an überdeutlich, wenn er vom Dach das Treiben von Figaro und Susanna mit Antenne und Fotoapparat beobachtet. David Fischer, der auch die Nebenrolle des Don Curzio verkörpert, singt diesen Basilio mit feinem Tenor und Gespür für das Abgründige der Person. Da ist zum zweiten Cherubino, auf den vieles abgeladen wird, knüppelhart der Spott Figaros. Kathrin Leidig macht aus der Hosenrolle des ständig Verliebten und Leidenden das Beste, agiert voller Spielfreude. Sie zeigt sich gesanglich auf der Höhe, auch wenn sie mit ihrem kantablen Mezzo die Partie sehr viel höher anlegt oder versteht als gewohnt.
Mozarts Geniestreich höchster Ensemblekunst schließt eigentlich die penible Auslotung der gesanglichen Einzelleistung aus. Die Summe ist ja mehr als die Addition ihrer Teile. Dieser Erkenntnis folgen wollen, heißt zugleich, sie wieder ein Stück aufzuheben. Die Vollkommenheit, die diese Partitur wie keine zweite ihres Genres auszeichnet, manifestiert sich eben nicht nur in den Duetten und sonstigen Ensemblenummern. So in den choralaffinen Augenblicken und den Finali des zweiten und des vierten Aktes, die auch in Bonn mit großer Meisterschaft gelingen. Mozart höchstselbst hat ja seine Hauptfiguren mit Kavatinen und Arien verwöhnt. Mit solistischen Charakterstücken, Visitenkarten, wenn man so will, die Graf und Gräfin sowie die Hochzeiter mit Wonne verteilen. Selbst Barbarina, die Tochter des Gärtners Antonio, dargestellt von Boris Beletskiy, darf sich mit einer Kavatine präsentieren. Claudia Rodriguez erledigt das charmant.

Für die Titelpartie hat das Theater der Bundesstadt mit Wilfried Zelinka einen Gast aus Graz engagiert, aus der vorherigen beruflichen Station von Bonns GMD Dirk Kaftan. Eine gute Entscheidung. Zelinka repräsentiert eine noble virile Erscheinung, verfügt über ein angenehmes Timbre und allerlei spielerische Raffinesse. Giorgos Kanaris ist ein Graf Almaviva ohne Fortune, dennoch der Dreh- und Angelpunkt des Geschehens, der stets mit gefälliger Baritonstimme den Ton angibt und doch seine Lektion zu lernen bereit ist. Kanaris verleiht diesem Vexierbild eines Adligen Charakter und, wenn gefordert, Würde, selbst im Morgenmantel oder vom bloßen Saunahandtuch umhüllt. Als Gräfin Almaviva ist Johanni van Oostrum für viele Bonner Opernbesucher ein neuer Name. Die aus Südafrika stammende Sopranistin alterniert mit der Premierenbesetzung Anna Princeva. Ist die von Leid und Selbstmitleid gequälte, in der Cherubino-Affäre eher leichtsinnig-frivole Erscheinung bei Mozart der Pol der Ernsthaftigkeit, so trifft van Oostrum diesen Typus sehr genau. Da mag das Flatterhafte rundum überwiegen – die psychisch so angeschlagene Gräfin erhebt sich daraus in Momenten wie ein Fels aus der Brandung. Die Riege der vortrefflich besetzten weiblichen Rollen wird schließlich durch Marie Heeschen komplettiert. Sie als Susanna zu verfolgen, die ihren Zukünftigen um den Finger wickelt und den liebestollen Grafen auf Distanz hält, ist reines Vergnügen. Einmal mehr nimmt der Chor des Theaters Bonn in der Einstudierung von Marco Medved mit einer feinen Leistung für sich ein.
Unter der musikalischen Leitung von Daniel Johannes Mayr versteht es das Beethoven Orchester Bonn, pures Mozart-Glück über die Strecke von fast drei Stunden zu entfachen. Ein besonderes Kompliment gilt dem Horn, das etliche der Soloauftritte – etwa von Cherubino – in Kabinettstücke verwandelt. Mit großer Einfühlung gestaltet auch Christoph Arpin am Hammerklavier die Secco-Rezitative. Wie sensibel im Graben musiziert wird, zeigt sich nicht zuletzt im klugen Umgang Mayrs mit Fermaten und Pausen, der die Handschrift Kaftans, des Premieren-Dirigenten, verrät. Wäre der Begriff nicht so banal, könnte dies das i‑Tüpfelchen der Aufführung genannt werden. Mit „Tüpfelchen“ will sich der Beifall an diesem Abend nun wahrlich nicht begnügen, den das Publikum im proppenvollen Haus über alle Mitwirkenden ausgießt, begeistert und unermüdlich. Dem Theater Bonn ist zweifellos mit diesem Figaro ein Pfund zu eigen, mit dem jetzt nur noch zu wuchern ist.
Ralf Siepmann