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OBERST CHABERT
(Hermann Wolfgang von Waltershausen)
Besuch am
22. Juni 2018
(Premiere am 17. Juni 2018)
1832 veröffentlicht Honoré de Balzac den Roman Le Comte Chabert, der auch unter anderen Titeln Aufsehen erregt. Das Werk im Rahmen seines Großprojekts comédie humaine handelt von der Tragödie eines ehrenhaften Mannes, der an einer egoistischen und grausamen Gesellschaft zerbricht. 1807 in den Napoleonischen Kriegen in der Schlacht bei Preußisch Eylau schwer verwundet, wird der Oberst anfänglich für tot gehalten und in einem Massengrab bestattet, aus dem er sich allerdings zu befreien vermag. Nach einer jahrelangen Irrfahrt in die Metropole Frankreichs zurückgekehrt, muss der inzwischen vom Kaiser für tot erklärte Chabert erleben, wie ihn seine neu verheiratete Frau, nun auch Mutter zweier Kinder, um Identität, Existenz und Ansehen bringt. Acht Jahrzehnte später greift der deutsche Musikwissenschaftler und Komponist Hermann Wolfgang von Waltershausen Balzacs Abrechnung mit Egoismus und Nihilismus auf.
Waltershausen, von Kindheit an gesundheitlich schwer gehandicapt, gelingt mit seiner 1912 in Frankfurt am Main uraufgeführten Musiktragödie in drei Aufzügen einer der größten Erfolge, die ein Komponist im Jahrzehnt der Triumphe von Richard Strauss – Rosenkavalier und Ariadne auf Naxos – mit einem zeitgenössischen Werk erreicht. Schon ein Jahr später kommt Oberst Chabert in Covent Garden heraus. Einhundert Neuproduktionen registriert die Opernszene bis 1933. Jetzt, 85 Jahre danach, wagt sich das Theater Bonn an eine szenische Neufassung. Zu verdanken ist diese dem persönlichen Engagement des Tandems Jacques Lacombe und Andreas K.W. Meyer. Der kanadische Dirigent in seiner letzten Spielzeit am Haus und der heutige Bonner Operndirektor bauen dabei auf jene halbszenische Fassung auf, die sie 2009 an der Deutschen Oper in Berlin realisierten. Meyer war damals Chefdramaturg an der Bismarckstraße.
Die dem Realismus nach der Jahrhundertwende zuzuordnende Musiktragödie, für die der Komponist auch das Libretto verfasste, ist ein Unikat von ganz besonderer Eigenart. Unter Ausklammerung der bahnbrechenden Strauss-Werke erinnert die deutschsprachige Oper der 1910-er Jahre an einen umgepflügten Acker ohne Bepflanzung. Die wenigen nennenswerten Ausnahmen sind Engelbert Humperdincks Königskinder, die bezeichnenderweise ihre Uraufführung 1910 an der Metropolitan Opera in New York erleben, und Erich Wolfgang Korngolds Die tote Stadt von 1920. Hans Pfitzners Palestrina − entstanden in den Jahren 1912 bis 1915 − gelangt 1917 in München zur Uraufführung, also nach Oberst Chabert.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Strauss, der Neuerer, und Pfitzner, der Traditionalist, beide prinzipiell deutschnationaler Musikkultur verhaftet, bilden nicht zufällig die Eckpfeiler der Konstellation, aus der heraus Waltershausen nach unverwechselbaren Ausdrucksformen strebt. Was jetzt in der Bundesstadt Lacombe mit dem vorzüglich präparierten Beethovenorchester Bonn und einem eindrucksvollen Sängerensemble ohne einen Opernchor in des Wortes wahrer Bedeutung zum Blühen bringt, ist nichts weniger als ein eigener Stil. Eine eigene Musiksprache, eine Synthese von Handlung, Wort und Tongemälden, auf der Höhe der Anforderungen, die ein postromantisches Musiktheater verlangt. 1912 ist der Komponist wohlgemerkt ein Arrivierter, der ohne seine vom NS-Regime verfügte Entlassung 1933 aus der Münchner Akademie der Tonkunst und die kriegsbedingte Aufführungszäsur nach 1939 womöglich mehr geworden wäre, als die kurzen Abschnitte in heutigen Musiklexika ausweisen.
Diese Musiksprache, von gewaltiger Emotionalität, impressionistisch, mal scharfkantig beißend, mal lyrisch verhaltend, ist eine adäquate Basis für die psychologisierende Sicht auf die Figuren des Romans im Musikdrama. Zwar hat Waltershausen die düstere Zeichnung der Charaktere Balzacs in seiner Textfassung abgemildert und insbesondere Rosine, die vermeintliche Witwe Chaberts, menschlicher gefasst. Doch bleibt der tief pessimistische Kern dessen, was altmodisch als „Sittengemälde“ gefasst werden kann, weitgehend erhalten. Man weiß mich tot, und damit lebe ich, deklamiert der Oberst. So, lebend tot, stilisiert das Musikdrama auch das sonstige, nur auf seinen Vorteil bedachte Personal Balzacs. Das Ende kennt nur Verlierer und Verlorene. In ihren Einzelschicksalen nimmt Waltershausen letztlich das vorweg, was die Völker Europas noch vor sich haben. Der Krieg ist nicht die Voraussetzung der Verrohung des Menschen, sondern ihre Folge.
Ist allein schon die Wiederentdeckung dieser Musik jede opernarchäologische Anstrengung wert, so ist es das Bühnenbild nicht minder. Es dürfte zu den bemerkenswertesten der letzten Bonner Spielzeiten überhaupt gehören. Regisseur Roland Schwab hat mit seinem Team um
Bühnenbildner David Hohmann und Kostümbildner Renée Listerdal eine Untergangslandschaft geschaffen, die den Besucher schier frösteln lässt. Chabert, gestützt auf eine Krücke, taumelt durch eine Ödnis, die an eine Endmoräne oder an eine Landschaft mit erkalteter Lava erinnert. Ergänzt wird dieses Szenario der Destruktion durch eingespielte Videosequenzen, zumeist in slow motion, die das Kriegsgeschehen der Napoleonischen Feldzüge mit dem gegenwärtigen Schrecken von Nahost, wohl Syrien, in einen beredten Zusammenhang bringen. Ist der Einsatz von Video bei manchen Inszenierungen schlicht eine Modeerscheinung, sind die von Janica Aufmwasser, Niclas Siebert und David Sridharan gewählten Motive eine virtuelle Unterfütterung von starker Aussagekraft. Exemplarisch hierfür die Wiedergabe von Caspar David Friedrichs Bild Das Eismeer auf der Bühnenrückwand, Symbol für die vereisten Seelen der Protagonisten.
In der Titelpartie erweist sich Mark Morouse als eine starke Besetzung. Sein kerniger Bariton, offenkundig weitgehend von einer Halsentzündung befreit, die ihm noch in der Premiere zu schaffen gemacht hat, und sein charismatisches, zu Herzen gehendes Spiel vereinen sich zum ergreifenden Porträt eines Menschen, der gegen die Abgefeimtheit der Menschen letztlich nichts auszurichten vermag. Wenn er durch die morbide Fantasielandschaft taumelt, zu Boden fällt, sich wieder aufrafft und zum Schluss ohne Bindungen und Perspektive, an Wotan erinnernd, die Pistole als letzten Ausweg auf sich richtet, scheint Friedrichs Eismeer zur Person erstarrt.

In der Rosine der Sopranistin Yannick-Muriel Noah hat die Besetzung noch einen weiteren Glücksfall zu bieten. In dem existentiellen Dreieck zwischen Chabert, dem Grafen Ferraud, ihrem neu Erwählten, und den beiden Kindern, die sie mit ihm hat und die auch auf der Bühne zusammen mit einer Gouvernante in Erscheinung treten, gibt sie die femme fatale und liebende Mutter aufopferungsvoll und bis in den frei gewählten Gifttod ergreifend. Die gewisse Milde, die Waltershausen der emotional Zerrissenen hat angedeihen lassen, tut auch ihrer Stimme gut. So durchmisst die Noah die gesamte Palette von der hohen Dramatik bis hin zur samtenen caresse, die sie gegenüber ihren Kindern zeigt. Peter Tantsits gibt den Ferraud mit seinem hoch gelegenen Tenor in den besten Passagen kristallklar und vehement. In den anderen, den deutlich robusteren Momenten ist der Graf, der Rosine vorwirft, „nicht einen Blick“ für ihn zu haben, leider zu leise und zu wenig markant.
In den peripheren Rollen agieren Giorgos Kanaris als Derville, Martin Tzonev als Godeschal und David Fischer in dem Miniauftritt des Boucard in guter Form. Wie sehr sich die Sängerdarsteller in die Vorbereitung und die Probenarbeit hineingestürzt haben müssen, beweist das grandios gestaltete Nun heb‘ Dein schmachgebeugtes Haupt. Die fein gewobene Struktur dieser Ensemblenummer ist durchaus in der Lage, Assoziationen an das Quintett in der Schusterstube in Wagners Meistersinger auszulösen.
Bravi-Rufe, die sich speziell über Morouse und Noah, dann auch Lacombe ergießen, sind in dieser geballten Form auch im Haus am Rhein eher selten. Schade, dass etliche Plätze in der ersten Aufführung nach der Premiere unbesetzt bleiben. Sollte sich, beflügelt durch die Bonner Inszenierung, Oberst Chabert in den Spielplänen der Opernhäuser neu behaupten können, was nur zu wünschen ist, wäre dieser Eindruck ohnehin längst vergessen.
Ralf Siepmann