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Bedeutende Opernkomponisten wie Gaetano Donizetti oder Giuseppe Verdi wenden sich spätestens im Alter der wahren Waffe der Lebensreife zu, dem Heiteren, dem Humor, der Satire. Tutto nel mondo è burla, lautet der Schluss im Falstaff. Für den gegen Ende seiner Laufbahn als Opernunternehmer in London in jeder Beziehung angeschlagenen Händel gilt im Prinzip dasselbe. Xerxes, im Original: Serse, Händels drittletzte Oper, ist ein köstliches Spiel mit den Solipsismen, Eitelkeiten und Abgründen der Mächtigen im orientalischen Milieu Persiens fünf Jahrhunderte vor Christi Geburt. Welch enormes Theaterpotenzial in dieser Frivolität von 1738 enthalten ist, offenbart nun die brillante Inszenierung des Dramma per musica durch den erstmals in Deutschland Regie führenden Italiener Leonardo Muscato. Sein Furioso im Stil der Commedia dell’Arte hat gute Chancen, sich vorn im Wettbewerb der besten Inszenierungen der aktuellen Spielzeit zu platzieren.
Außerhalb des Kreises der Opernafficionados ist Serse vor allem wegen des weltbekannten und nicht selten verkitschten Arioso Ombra mai fu ein Begriff. Wundersamer Weise folgt es direkt auf die dreiteilige Ouvertüre. In dem Sehnsuchtsstück, das auch gut als Barkarole durchgehen könnte, stimmt der junge König eine Hymne auf eine Platane an. Eine Chiffre vermutlich auf seine misanthropische Einstellung gegenüber den Menschen, ob nun von ihm mit Liebeshunger verfolgt oder schlicht Untergebene. Die Popularität dieses „Largo“ hat indessen das rasche Verschwinden des Serse aus den Spielplänen der Opernhäuser Europas bis 1924 nicht verhindern können. In dem Jahr gelingt der Reanimationsversuch bei den Göttinger Händel-Festspielen.
Der Niccoló Minato zugeschriebene Plot nach einer venezianischen Komödie variiert das uralte Thema eines Machtkampfs in höchsten Kreisen, das später Mozart mit seinem Titus exemplarisch aufgreift. Doch auch am Hellespont bleibt noch Zeit für Liebeshändel und Intrigen. Im Zentrum wetteifern Serse und sein Bruder Arsamene um die Liebe der goldigen Romilda, die wiederum und ihre leichtlebige Schwester Atalanta um Arsamenes Zuneigung. Amastre, Prinzessin von Tagor, Serse versprochen, aber von diesem im Stich gelassen, bleibt es schließlich vorbehalten, den Weg der Lösung hin zum lieto fine zu bahnen. Wie bei vielen Barockopern ist die eigentliche Handlung sekundär. Bestätigend liest sich hierzu eine Notiz Händels. „Das Gewebe dieses Dramas“, schreibt der Impresario vor der Uraufführung, „ist so überaus leicht zu verstehen, dass es den Leser nur beschweren würde, ihm zur Erklärung eine lange Inhaltsangabe vorzusetzen. Einige törichte Akte und die Unbesonnenheit Serses sind das Fundament der Handlung. Das übrige ist erdichtet.“
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Für die Neuproduktion hat Muscato, der mit einer unkonventionellen Carmen in der letzten Spielzeit in Florenz Aufsehen erregt hat, ein Szenario ersonnen, das als knall-krasse Satire auf diverse Usurpatoren von Ramses über Stalin bis Kim Yong-un seine Wirkung entfalten muss. Der historische Xerxes ist den Berichten des Herodot zufolge ein grausamer und herrischer Tyrann. Als er erlebt, wie die auf seinen Befehl gebaute Doppelbrücke über die Dardanellen einem Sturm zum Opfer fällt, lässt er zur Strafe die Wasser des Hellespont peitschen und die Ingenieure des Bauwerks köpfen. Muscato, der vor dem Bonner Engagement laut eigenem Bekunden Händels Spätwerk nicht gekannt hat, merkt alsbald, dass die historische Figur mit der der Oper nichts zu tun hat. Aus dieser Erkenntnis erwächst die Idee, die semi-seria oder auch quasi-komische Oper Händels als eine humorige Geschichte über die Macht anzulegen. Ihm sei sehr schnell klar geworden, berichtet der Regisseur, dass das Ganze „nur in der Welt der Commedia dell’arte, der Pantomime oder aber der Comics anzusiedeln ist“.
Das einerseits auf Popart getrimmte, andererseits lakonische Bühnenbild von Andrea Belli und ganz besonders die fantasievollen Kostüme von Katia Bottegal treiben Muscatos Grundidee gekonnt auf die Spitze. Belli siedelt das Geschehen im Palast des Königs mit nur drei Begrenzungen sowie zwei Seitenwänden an, durch die Menschen gehen und wilde Tiere wie Löwen und Giraffen lugen können. Selbstredend verfügt der Herrscher über ein privates Gehege. Im ersten Bild stehen Atomraketen für einen Traum des Serse, der unwillkürlich aktuelle Assoziationen aufdrängt. Herrscherkult strahlen dazu die übergroßen Statuen aus, die wie die chinesischen Darstellungen der Terrakotta-Krieger immer wieder Serse selbst porträtieren. Ein Extrakapitel dieser Produktion sind Bottegals Kostümierungen, die aus der Welt der Beatles mit ihrem Album Sgt. Pepper’s Lonely Heartclub Band stammen könnten. Mit einem ausgeklügelten Farbsystem treibt sie ihr tiefgründiges Spiel mit den Protagonisten sowie den historischen Genderverhältnissen. Bei der Uraufführung gibt der Kastrat Caffarelli den Titelhelden. Inzwischen sind die Verhältnisse längst so weit verändert, dass nicht nur Frauen im Musiktheater auf der Bühne agieren, sondern auch in Gestalt der grandiosen Sopranistin Luciana Mancini die Titelrolle zelebrieren. Sie wirbelt in einer violettfarbenen Generalsuniform über die Bühne, als gäbe es kein Morgen mehr.
Unter den Pluspunkten, die Händels Gefallen am Drama vom Herrscher ohne Maß und Mitte ausmachen, ist die durchgearbeitete ausgeprägte Charakterisierung der Handelnden der zentrale. Muscatos Inszenierung setzt mit einer ausgefeilten Personenregie genau hier an. Das gesamte komödiantische Arsenal des Theaters wird von ihm in den Dienst genommen, um die ständig wechselnden Seelen- und Stimmungszustände der Getriebenen sichtbar und plausibel zu machen. Gefühlswelten wie Leid und Hingabe werden überzeichnet und ausgiebig karikiert. Immer wieder gern in der Pantomime, dem Slapstick, sicherlich auch im Stil von Screwball Comedies, so es diese im 18. Jahrhundert schon gegeben hätte.
Wenn Barockoper heißt, dem in Selbstbewunderung um sich kreisenden Individuum eine öffentliche Bühne in Luxus zu errichten, so wird das in Händels spätem Werk zur Evidenz. Dabei erlebt das Bonner Publikum die Umsetzung einer Idee der Personenführung, die für deutsche Bühnen mutmaßlich terra nova bedeutet. Klatscht eine der Figuren in die Hände, gefrieren die anderen förmlich zu Statuen. Ein genialer Kniff, der latenten Sehnsucht der Handelnden, besser noch: ihrem prinzipiellen Anspruch auf absolute Aufmerksamkeit einen Ausdruck zu verleihen, der im Menschheitstheater der Commedia dell’Arte großartig funktioniert, fast die ganze Strecke dieses Stücks in tre atti.

Händel, seit 1732 auf dem Weg zum englischen Oratorium, nimmt mit Serse schon ein Stück weit Abschied von der italienischen Oper, der er höchsten Ruhm und tiefsten finanziellen Schaden verdankt. Sein Spätwerk bevorzugt eine schon moderne liedhafte Vokalität und eine sehr variabel gehaltene Ausführung der Arien. Da-capo-Strukturen sind bereits an den Rand gedrängt. Die für die Aufführung aufgebotene Formation des Beethoven-Orchesters Bonn (BOB), etwas höher positioniert als üblich, ist von ihrem musikalischen Leiter, dem Barock-Spezialisten Rubén Dubrovsky, offenkundig ein Stück weit auf Alte Musik hin gecoacht worden. Seit Vivaldis Orlando Furioso 2008 und Händels Tamerlano 2011 ist der aus Argentinien stammende und in Wien als Leiter des Bach Consort Wien tätige Dubrovsky mit den Usancen am Boeselagerhof vertraut. Das BOB jedenfalls meistert bei herausragender Besetzung so an der Langhalslaute von Sören Leupold, am Cembalo mit Julia Stelchenko und der Blockflöte die Partitur erstaunlich gut.
Sängerisch schlägt sich ein Ensemble durch das Werk, das nichts vermissen lässt. Die Mezzosopranistin Luciana Mancini zeichnet ihren Turbo-Part mit einer Vehemenz und einer Spielfreude, die schlicht staunen lassen. Unermüdlich rast ihre in der Barockoper geschulte Stimme durch die mörderischen Kaskaden dieser Rolle, die Händel einst seinem Zugpferd Caffarelli auf die Gurgel geschrieben hat. Als Romilda begeistert Louise Kemény, mal Zirkusprinzesschen, mal Barbarella, dann ernstzunehmende Frau, mit ihrem technisch versierten, quirligen Sopran. Einen starken Eindruck hinterlassen die beiden Mezzos Kathrin Leidig als der auf Aristokratisches bedachte Arsamene, robuster und komödiantischer Susanne Blattert, die die Schlüsselperson Amastre verkörpert. Als Atalante kann Sopranistin Marie Heeschen ihr komödiantisches Talent voll in die Waagschale werfen. In den weiteren Rollen schlagen sich Leonard Bernad als Ariodate mit gefälligem Bass sowie Martin Tzonev als Diener Elviro mit Witz und Komik in der Bassstimme prächtig.
In der üblichen Lautsprecheransage zum Handy-Verbot während der Aufführung wird in der englischen Version ein „thrilling evening“ gewünscht. Das jubelnde Publikum unternimmt am Ende akustisch und körpersprachlich alles, um zu bekunden, eben das gerade erlebt zu haben. Dabei macht es zwischen allen Musikern und dem Inszenierungsteam keinerlei Unterschiede. Bemerkenswert.
Ralf Siepmann