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Aus Anlass des Puccini-Jahres 2024, dem 100. Todesjahr des Komponisten, verwöhnt das Theater Bonn die Anhänger der Oper mit einer werkgetreuen Inszenierung des Dramma lirico unter Verwendung einer prätentiösen Ausstattung des Teatro Comunale di Bologna. Es erinnert so indirekt an die opulente Phase des Hauses in der Ära des Intendanten Jean-Claude Riber in den 1980-er Jahren. Aufführungen in der von Silvia Gatto besorgten Inszenierung sind bis in den Mai geplant, zum Teil mit prominenten Gastsängern. Genannt sind Angela Gheorghiu, Stefano La Colla, Freddie De Tommasso und Ramón Vargas.
Risolvi!, herrscht Baron Scarpia Floria Tosca an, die Sängerin und Geliebte des Malers Mario Cavaradossi, der sich in den Händen des Polizeichefs befindet. Entschlossen hat sich das Haus am Belderberg, Sternstunden der Kunst der Oper zu ermöglichen, der Giacomo Puccini mit seinem Schlüsselwerk des Verismo einen modernen, einen auch demokratischen Weg gewiesen hat.
In etlichen Produktionen seit der Spielzeit 2017⁄18 hat Bonns GMD Dirk Kaftan mit dem Beethoven-Orchester Bonn seine Affinität zu Opern im Bereich der Italianità unter Beweis gestellt. Das geschieht auch unmittelbar mit der B‑Dur-As-Dur-E-Dur-Akkordreihe, dem Scarpia-Leitmotiv, zu Beginn des kurzen Vorspiels, das die blendend eingestellten Musiker im Graben dynamisch und machtvoll intonieren. Optisch zurück bleibt dagegen zunächst das Bühnenbild der römischen Kirche Sant‘Andrea della Valle mit der angedeuteten Kapelle der Familie Attavanti. Das Bildnis der Maria Magdalena, an dem Cavaradossi arbeitet, ist wie das Gerüst des Malers von bescheidener Größe. Aus seinem Versteck tritt der ehemalige Konsul Cesare Angelotti hervor, der aus dem Verlies der Engelsburg vor den Häschern der Restauration geflohen ist und Zuflucht in der Familienkappelle sucht. Christopher Jähnig verkörpert ihn gehetzt und angsterfüllt, mithin glaubwürdig.

Als Cavaradossi ist Marcelo Puente direkt mit seiner Auftrittsarie Recondita armonia präsent. Sein gleißender, höhensicherer Tenor, sicher geführt und Sehnsucht erfüllend im Passagio, leidet anfänglich unter einem unnatürlichen Vibrato. Es wird sich allerdings über die Stationen der menschlichen und vokalen Entwicklung seines Charakters zumal in den Begegnungen mit Tosca ein Stück weit reduzieren, bis Puente tenorale Kantabilität im Verismo-Hit E lucevan le stelle erreicht. Yannick-Muriel Noah macht dem Maler ihre Aufwartung in einer noblen bis zum Boden reichenden Robe – die Kostüme sind von Simone Bendacordone entworfen – und zugleich deutlich, dass sie ihrem Geliebten keineswegs eine Affäre hinter ihrem Rücken durchgehen lassen wird. In Mia gelosa, dem Duett mit Cavaradossi, lässt sie sich aber weitgehend besänftigt auf Puccinis Melodie der Versöhnung ein, ohne in ihrer zunächst noch unpolitischen Naivität zu ahnen, was ihr und dem Geliebten bevorsteht. Die Arie Vissi d‘arte vissi d’armore, den Abschied von einem Leben in Sorglosigkeit, gestaltet die Sopranistin im zweiten Akt unter der Gewaltandrohung Scarpias ergreifend. Schade nur, dass in die Bekundung ihres Schmerzes Szenenapplaus fällt, während die Handlung unmittelbar danach mit Scarpias Risolvi! in die entscheidende Phase rückt.
Nimmt man Puccini und sein Autoren-Team beim Wort, stellt Tosca den großartig gelungenen Versuch dar, eine „Kinokomposition“, einen mit filmischen Mitteln grundierten Musikrausch, mit einem Handlungsdrama zu verschmelzen, das so oder in etwa so stattgefunden haben könnte. Eben dieses Opernkino offenbart sich mit Scarpias Erscheinen in der Kirche, zu der sich der Zwischenvorhang auf der Bühne öffnet, und dem anschließenden Te Deum grandios. Da mögen der Chor in der Einstudierung von André Kellinghaus und der Kinder- und Jugendchor unter Leitung von Ekaterina Klewitz, nicht zuletzt der von Martin Tzonev spielfreudig gegebene Meßner die Aufmerksamkeit des Publikums noch so sehr auf sich ziehen, von nun an beherrscht Giorgos Kanaris als Scarpia die Szene.

Ein Polizeichef in Aufmachung und Pose des Aristokraten, der zunächst den Hüter der Ordnung der und in der Kirche mimt, der seinen wahren Charakter im Farnese-Akt in seinem Brutalo-Monolog Tosca é un buon falco und in der Folterszene entlarvt. Vor dem Hintergrund von Fresken, die den originalen Kunstwerken in der Villa Farnese nachgebildet sind, bricht der wahre Charakter des Scarpia hervor, der selbst die von Kanaris gegenüber Tosca superb gespielte Maske des Kavaliers nicht verbergen kann, die sexuelle Gier und die skrupellose Gewaltbereitschaft.
Noch ist das berauschende Vittoria! Vittoria! Cavaradossis nach der Nachricht vom Sieg Napoleons in der Schlacht von Marengo in allen Sinnen, da fasziniert die finale Szene, in der der Polizeichef seine tyrannische Seele unter dem Messer Toscas ausröchelt. Gatto inszeniert sie streng nach dem Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, also mit dem Kreuz und den beiden Kerzen, die die gläubige, nun existenziell ins Leben gerissene Sängerin neben der Leiche postiert. Die Regisseurin verzichtet so auf pseudofeministische Attitüden wie zum Beispiel 2021 das Theater Dortmund. Dort lässt Nikolaus Habjan Tosca die Pistole, die aus dem Peleton auf sie gerichtet ist, blitzschnell in ihre Richtung reißen und abdrücken, worauf ihr der erniedrigende Sprung von der Engelsburg erspart bleibt. Auf der Bonner Bühne ist es allein der Sergeant, der Cavaradossi mit der Pistole erschießt.
Im finalen Akt auf der Plattform der Engelsburg, den Valérie Ironside mit Io de‘ sospiri, dem Lied des Hirten, herzzerreißend einleitet, entfaltet sich wiederholt die Raffinesse, mit der Puccini sein „Opernkino“ angelegt hat. Während Tosca ihrem Mario noch Verhaltensregeln für die zu erwartende Scheinhinrichtung zu geben sucht, ertönt aus dem Graben – Kaftan lässt es sein Orchester nur antupfen – immer wieder das Scarpia-Motiv. Eine Schreckensherrschaft nimmt sich mit Gewalt das Recht, am Ende zu obsiegen. Diesem Regime haben im Drama Ján Rusko als Spoletta, Miljan Milovic als Sciarrone und Jongmyung Lim als Schließer gedient, auf der Bühne indes nichts anderes als ihre Partien absolviert. Und das vorzüglich.
Tosca 2024 in Bonn wird in Anlage wie Besetzung ihr Publikum finden. Das manifestiert das Premierenpublikum mit großem Jubel für alle Mitwirkenden, mit Pegelausschlägen für die Sängerdarsteller der drei Hauptpartien sowie Kaftan und das BOB. Und das zu Recht.
Ralf Siepmann