O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Musikalisch und szenisch opulent

TOSCA
(Giacomo Puccini)

Besuch am
1. Dezember 2024
(Premiere)

 

Theater Bonn, Opernhaus

Aus Anlass des Puccini-Jahres 2024, dem 100. Todesjahr des Kompo­nisten, verwöhnt das Theater Bonn die Anhänger der Oper mit einer werkge­treuen Insze­nierung des Dramma lirico unter Verwendung einer präten­tiösen Ausstattung des Teatro Comunale di Bologna. Es erinnert so indirekt an die opulente Phase des Hauses in der Ära des Inten­danten Jean-Claude Riber in den 1980-er Jahren. Auffüh­rungen in der von Silvia Gatto besorgten Insze­nierung sind bis in den Mai geplant, zum Teil mit promi­nenten Gastsängern. Genannt sind Angela Gheorghiu, Stefano La Colla, Freddie De Tommasso und Ramón Vargas.

Risolvi!, herrscht Baron Scarpia Floria Tosca an, die Sängerin und Geliebte des Malers Mario Cavara­dossi, der sich in den Händen des Polizei­chefs befindet. Entschlossen hat sich das Haus am Belderberg, Stern­stunden der Kunst der Oper zu ermög­lichen, der Giacomo Puccini mit seinem Schlüs­selwerk des Verismo einen modernen, einen auch demokra­ti­schen Weg gewiesen hat.

In etlichen Produk­tionen seit der Spielzeit 201718 hat Bonns GMD Dirk Kaftan mit dem Beethoven-Orchester Bonn seine Affinität zu Opern im Bereich der Italianità unter Beweis gestellt. Das geschieht auch unmit­telbar mit der B‑Dur-As-Dur-E-Dur-Akkord­reihe, dem Scarpia-Leitmotiv, zu Beginn des kurzen Vorspiels, das die blendend einge­stellten Musiker im Graben dynamisch und machtvoll intonieren. Optisch zurück bleibt dagegen zunächst das Bühnenbild der römischen Kirche Sant‘Andrea della Valle mit der angedeu­teten Kapelle der Familie Attavanti. Das Bildnis der Maria Magdalena, an dem Cavara­dossi arbeitet, ist wie das Gerüst des Malers von beschei­dener Größe. Aus seinem Versteck tritt der ehemalige Konsul Cesare Angelotti hervor, der aus dem Verlies der Engelsburg vor den Häschern der Restau­ration geflohen ist und Zuflucht in der Famili­en­kap­pelle sucht. Chris­topher Jähnig verkörpert ihn gehetzt und angst­er­füllt, mithin glaubwürdig.

Foto © Bettina Stöß

Als Cavara­dossi ist Marcelo Puente direkt mit seiner Auftrittsarie Recondita armonia präsent. Sein gleißender, höhen­si­cherer Tenor, sicher geführt und Sehnsucht erfüllend im Passagio, leidet anfänglich unter einem unnatür­lichen Vibrato. Es wird sich aller­dings über die Stationen der mensch­lichen und vokalen Entwicklung seines Charakters zumal in den Begeg­nungen mit Tosca ein Stück weit reduzieren, bis Puente tenorale Kanta­bi­lität im Verismo-Hit E lucevan le stelle erreicht. Yannick-Muriel Noah macht dem Maler ihre Aufwartung in einer noblen bis zum Boden reichenden Robe – die Kostüme sind von Simone Benda­cordone entworfen – und zugleich deutlich, dass sie ihrem Geliebten keineswegs eine Affäre hinter ihrem Rücken durch­gehen lassen wird. In Mia gelosa, dem Duett mit Cavara­dossi, lässt sie sich aber weitgehend besänftigt auf Puccinis Melodie der Versöhnung ein, ohne in ihrer zunächst noch unpoli­ti­schen Naivität zu ahnen, was ihr und dem Geliebten bevor­steht. Die Arie Vissi d‘arte vissi d’armore, den Abschied von einem Leben in Sorglo­sigkeit, gestaltet die Sopra­nistin im zweiten Akt unter der Gewalt­an­drohung Scarpias ergreifend. Schade nur, dass in die Bekundung ihres Schmerzes Szenen­ap­plaus fällt, während die Handlung unmit­telbar danach mit Scarpias Risolvi! in die entschei­dende Phase rückt.

Nimmt man Puccini und sein Autoren-Team beim Wort, stellt Tosca den großartig gelun­genen Versuch dar, eine „Kinokom­po­sition“, einen mit filmi­schen Mitteln grundierten Musik­rausch, mit einem Handlungs­drama zu verschmelzen, das so oder in etwa so statt­ge­funden haben könnte. Eben dieses Opernkino offenbart sich mit Scarpias Erscheinen in der Kirche, zu der sich der Zwischen­vorhang auf der Bühne öffnet, und dem anschlie­ßenden Te Deum grandios. Da mögen der Chor in der Einstu­dierung von André Kellinghaus und der Kinder- und Jugendchor unter Leitung von Ekaterina Klewitz, nicht zuletzt der von Martin Tzonev spiel­freudig gegebene Meßner die Aufmerk­samkeit des Publikums noch so sehr auf sich ziehen, von nun an beherrscht Giorgos Kanaris als Scarpia die Szene.

Foto © Bettina Stöß

Ein Polizeichef in Aufma­chung und Pose des Aristo­kraten, der zunächst den Hüter der Ordnung der und in der Kirche mimt, der seinen wahren Charakter im Farnese-Akt in seinem Brutalo-Monolog Tosca é un buon falco und in der Folter­szene entlarvt. Vor dem Hinter­grund von Fresken, die den origi­nalen Kunst­werken in der Villa Farnese nachge­bildet sind, bricht der wahre Charakter des Scarpia hervor, der selbst die von Kanaris gegenüber Tosca superb gespielte Maske des Kavaliers nicht verbergen kann, die sexuelle Gier und die skrupellose Gewaltbereitschaft.

Noch ist das berau­schende Vittoria! Vittoria! Cavara­dossis nach der Nachricht vom Sieg Napoleons in der Schlacht von Marengo in allen Sinnen, da faszi­niert die finale Szene, in der der Polizeichef seine tyran­nische Seele unter dem Messer Toscas ausrö­chelt. Gatto insze­niert sie streng nach dem Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, also mit dem Kreuz und den beiden Kerzen, die die gläubige, nun existen­ziell ins Leben gerissene Sängerin neben der Leiche postiert. Die Regis­seurin verzichtet so auf pseudo­fe­mi­nis­tische Attitüden wie zum Beispiel 2021 das Theater Dortmund. Dort lässt Nikolaus Habjan Tosca die Pistole, die aus dem Peleton auf sie gerichtet ist, blitz­schnell in ihre Richtung reißen und abdrücken, worauf ihr der ernied­ri­gende Sprung von der Engelsburg erspart bleibt. Auf der Bonner Bühne ist es allein der Sergeant, der Cavara­dossi mit der Pistole erschießt.

Im finalen Akt auf der Plattform der Engelsburg, den Valérie Ironside mit Io de‘ sospiri, dem Lied des Hirten, herzzer­reißend einleitet, entfaltet sich wiederholt die Raffi­nesse, mit der Puccini sein „Opernkino“ angelegt hat. Während Tosca ihrem Mario noch Verhal­tens­regeln für die zu erwar­tende Schein­hin­richtung zu geben sucht, ertönt aus dem Graben – Kaftan lässt es sein Orchester nur antupfen – immer wieder das Scarpia-Motiv. Eine Schre­ckens­herr­schaft nimmt sich mit Gewalt das Recht, am Ende zu obsiegen. Diesem Regime haben im Drama Ján Rusko als Spoletta, Miljan Milovic als Sciarrone und Jongmyung Lim als Schließer gedient, auf der Bühne indes nichts anderes als ihre Partien absol­viert. Und das vorzüglich.

Tosca 2024 in Bonn wird in Anlage wie Besetzung ihr Publikum finden. Das manifes­tiert das Premie­ren­pu­blikum mit großem Jubel für alle Mitwir­kenden, mit Pegel­aus­schlägen für die Sänger­dar­steller der drei Haupt­partien sowie Kaftan und das BOB. Und das zu Recht.

Ralf Siepmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: