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Foto © Eric Bouloumié

Viel nackte Haut

MANON
(Jules Massenet)

Besuch am
14. April 2019
(Premiere am 5. April 2019)

 

Grand Théâtre Bordeaux

Manon gilt als Jules Massenets Meisterwerk und als große franzö­sische Oper. Neben seiner Kompo­si­ti­ons­tä­tigkeit fand er als Lehrer am Pariser Konser­va­torium Eingang in die Musik­ge­schichte. Zu seinen Schülern zählen Cesar Franck, George Enescu oder François Charpentier. Fünfund­zwanzig Opern umfasst sein prägendes Schaffen für die Musik des ausge­henden 19. Jahrhunderts.

Die Tragédie lyrique Manon fußt auf der Geschichte von Abbé Prévost vom Chevalier des Grieux und dem Mädchen Manon Lescaut. Die Prägung der Titel­heldin ist der wesent­liche Gestal­tungs­in­di­kator für die Regie. In Bordeaux stellt der Franzose Olivier Py ein klares Bild der jungen Manon dar. Frisch vom Lande kommend, ist sie bereits bei ihrer Ankunft in Amiens aufge­weckt, lasziv und zielori­en­tiert. Leicht­füßig lässt sie sich auf das Abenteuer mit dem jungen des Grieux ein, um dem Kloster­leben zu entfliehen. Da steckt sie bereits mit ihrem Cousin unter einer Decke, lebt das berau­schende, luxuriöse Leben einer Kurtisane und hält neben des Grieux Kontakt zu verschie­denen noblen Freiern. Macht und Luxus treiben sie, auch nachdem sie des Grieux wieder für sich gewinnt, und reif stellt sie sich ihrem Schicksal, ohne Reue oder Angst. Stringent setzt Py diese Deutung um und baut dabei auf eine bildreiche Insze­nierung mit viel Aktion. Pierre André Waltz liefert ihm dazu eine eindrucks­volle leuch­tende Bildsprache mit seinem beweg­lichen und rasch verän­der­baren Bühnenbild sowie effekt­vollen Kostümen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Gleich zu Beginn befinden wir uns in einem modernen Vergnü­gungs­viertel mit entspre­chenden Leucht­re­klamen. Ausschweifend ist das Leben in den Clubs, das auf die Straße getragen wird. Das Spiel mit den Geschlechtern inklusive. Schnell wechselt das Ambiente, indem die einzelnen Bilder meist von der Seite unter­schiedlich auf die Bühne geschoben werden. Ein mächtiger Gitter­vorhang schafft für einzelne Bilder die nötige Intimität. Cabaret-Einlagen erinnern an die großen Pariser Revuen. Dabei darf die nackte Haut nicht fehlen. Py bewegt sich an der Grenze zur Geschmack­lo­sigkeit, aber er beherrscht das Spiel mit der nötigen Ästhetik. Es wird nicht langweilig im pracht­vollen Opernhaus von Bordeaux, wenn die Geschichte des jungen Liebes­paares ausschweifend erzählt wird. Dazu tragen auch die vielen kleinen Details auf der Bühne bei.

Die Sänger werden gefordert und kräftig zum Mitspielen angehalten. Nadine Sierra hat die Rolle der Manon übernommen und möchte gerne sexy und verfüh­re­risch wirken. Aber irgendwo bleibt sie gefühllos und leer übrig. Stimmlich fehlt ihr das Spiel mit der Färbung und den Nuancen. Es bleibt monoton gefühllos. Dazu gesellen sich Defizite in der klaren Intonation in der Höhe. So ist es Benjamin Bernheim als des Grieux überlassen, die Gefühle der Zuhörer und Zuschauer zu gewinnen. Stimmlich zeigt er sich in Höchstform und treibt geradezu unbegrenzt seine Melodien in alle Lautstärken, Lagen und Emotionen. Sein Tenor zeigt Kraft­re­serven, Leich­tigkeit und ein samtenes Timbre, dass er immer wieder in neue Schat­tie­rungen bringt. So wird seine Darstellung des jungen naiven sowie geläu­terten des Grieux überzeugend echt und mitleidsvoll. Alexander Duhamel bleibt einseitig als Lescaut und setzt wenig Akzente, auch wenn seine Stimme sicher ist. Mehr Pfeffer zeigt Daniel Bigourdan in der Rolle des Guillot. Erfri­schend und gesanglich überzeugend sorgen die lockeren Damen Olivia Doray, Adele Charvet und Marion Lebegue als Pousette, Javotte und Rosette für Spaß.

Foto © Eric Bouloumié

Marc Minkowski hat viel Reputation mit seinem Barock-Ensemble auf Origi­nal­in­stru­menten erarbeitet. Umso überra­schender sein Dirigat dieses hochro­man­ti­schen Werkes. Viel Tempo und Kraft setzt er an. Keine emotio­nalen Ausschwei­fungen. Er urteilt, er verur­teilt somit musika­lisch die Titel­heldin. Es liegt kein Mitgefühl drin. Liebe ist spürbar, aber sie ruht im Moment und umgarnt den Chevalier des Grieux, dessen Ehren­haf­tigkeit und Ehrlichkeit der erlebte Gegenpol zur oberfläch­lichen, laster­haften Manon wird. Er setzt Akzente, er setzt eine musika­lische Bildsprache, die überzeugend klar und einfach ist. Unauf­dringlich, frisch und klar fließt seine Inter­pre­tation, greift die Bildsprache von Py auf und ist immer präsent. Eine gelungene einheit­liche Sprache zwischen den beiden ist spürbar. Minkowski entschärft obszöne Szenen mit seinem entwaffnend ehrlichen Dirigat wie in der barocken Opern­szene, die der Regisseur kunstvoll zum laster­haften Ballett wachsen lässt.

Das Publikum folgt gespannt der Erzählung und bedankt sich mit großzü­gigem und herzlichem Beifall, der vor allem Benjamin Bernheim und Marc Minkowski gilt.

Die Produktion wird im Mai von der Opéra Comique in Paris übernommen. Dort wird Patrizia Petibon die Titel­rolle übernehmen.

Helmut Pitsch

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