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Wenn der Vater mit der Tochter …

BEATRICE CENCI
(Berthold Goldschmidt)

Besuch am
18. Juli 2018
(Premiere)

 

Bregenzer Festspiele, Festspielhaus

Die Entde­ckung Berthold Goldschmidts in den 1980-er Jahren wurde wie eine Sensation gefeiert. Der 1903 in Hamburg geborene Komponist emigrierte als Jude nach England, wo er bis zu seinem Tod 1996 verblieb. Doch weder dort noch in Deutschland konnte er sich als Komponist durch­setzen, bis man Mitte der 80-er Jahre seine wichtigsten Opern, Der große Hahnrei und Beatrice Cenci, wahrzu­nehmen begann. Beatrice Cenci, obwohl bereits 1951 kompo­niert, brachte es endlich 1994 zu einer szeni­schen Urauf­führung in Magdeburg. Da war Goldschmidt bereits 91 Jahre alt. Seitdem wurde es wieder ruhiger um den verges­senen Sohn. Warum seine Opern auch heute einen schweren Stand haben dürften, das zeigt jetzt eine mit großem Ehrgeiz und Aufwand bedachte Neupro­duktion seiner zweiten Oper, Beatrice Cenci, mit der die Bregenzer Festspiele eröffnet werden.

Goldschmidt selbst bezeichnete sich als einen „aus der Zeit gefal­lenen“ Kompo­nisten. Dass seine Musik nicht auf der Höhe des Entste­hungs­jahres 1951 steht, damit mag man sich abfinden. Dem seriellen Diktat der Adorno-Jünger musste sich schließlich nicht jeder unter­werfen. Goldschmidt geht mit seiner unper­sön­lichen Tonsprache jedoch noch weit hinter Werke wie Strauss‘ Salome zurück, die noch 50 Jahre älter ist. Zu hören ist eine sänger­freund­liche Musik, die in ihrer warm timbrierten Färbung ein wohlig-schau­riges Gefühl vermittelt, am Ende freilich in eine nahezu senti­mentale Melodi­en­se­ligkeit verfällt, die die brutale Handlung nicht nur verwässert, sondern auch die zentrale ethische Frage­stellung des Stücks banalisiert.

Das Libretto stützt sich auf Percey Shelleys 1819 entstandene Tragödie der histo­risch belegten Geschichte um die römische Patri­zierin Beatrice Cenci. Sie war die Tochter des völlig skrupel- und gewis­sen­losen Renais­sance-Grafen Francesco Cenci, der zwei seiner Söhne umbrachte, seine Frau Lucrezia und seine Tochter Beatrice misshan­delte und verge­wal­tigte, bis die geschun­denen Frauen auf Anraten eines zwielich­tigen Priesters beschlossen, den Tyrannen umzubringen. Auch die beson­deren Umstände der Tat konnten den Papst nicht erweichen, die Mörde­rinnen zu begna­digen, die 1599 vor der Engelsburg öffentlich enthauptet wurden.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Die Bruta­lität der Handlung findet auf der Bühne selbst nur ein schwaches Echo. Goldschmidt geht es mehr um die inneren Qualen der gedemü­tigten Frauen, die sich in großen Kanti­lenen und Klagen ausdrücken dürfen. Aller­dings schlägt die Sympathie für die Frauen so einseitige Wellen, dass das ethische Problem, inwieweit auch derart fürch­ter­liche Umstände einen Vater- und Gattin­nenmord recht­fer­tigen, völlig unreflek­tiert bleibt. Die Damen beklagen ihr Schicksal und ihre Ängste vor dem Henkerbeil, aber die unaus­weich­lichen und letztlich spannenden Gewis­sens­kon­flikte, die eine solche Entscheidung auslösen, bleiben ausge­klammert, so dass selbst die zentralen Frauen­fi­guren drama­tur­gisch ebenso blass bleiben wie der eindi­men­sional bösartig gezeichnete Tyrann.

Grund­le­gende Schwächen, die Regisseur Johannes Erath mit seiner Bühnen­äs­thetik nicht auffangen kann. Erath verlässt sich auch in Bregenz, wie schon vor wenigen Monaten in seiner Kölner Manon, auf großdi­men­sio­nierte Bühnen­bilder, in denen die Figuren schemenhaft klein wirken und in ihrer statua­ri­schen Bewegungs­starre eher an Puppen in Spiel­zeug­land­schaften erinnern als an blutvolle Menschen. Katrin Connan entwarf ein riesiges Bullauge, durch das der Zuschauer wie durch ein Schlüs­selloch die Figuren in Augen­schein nehmen kann, die sich in der Schluss­szene auch noch hinter den Rändern der Riesen­linse verbergen müssen. Erath scheint weniger den Figuren zu trauen als symbo­li­schen Anleihen, wenn etwa der gläserne Festtags­tisch des Grafen mit Gold und Leichen gefüllt wird. Richtig überzeugen kann das alles nicht.

Foto © Karl Forster

Immerhin beschert Goldschmidt den Frauen dankbare Gesangs­rollen. Gal James als Beatrice gelingen vor allem im Schlussakt Töne von anrüh­render Zartheit, mit denen die Figur trotz der anachro­nis­tisch anmutenden Musik erheblich mensch­licher wirkt als in den seltenen drama­ti­schen Höhepunkten. Dshamilja Kaiser gestaltet die Tyrannen-Witwe Lucrezia stimmlich souverän und verliert bis zum letzten Atemhauch nicht ihre aristo­kra­tische Würde. Christoph Pohl hat als Bösewicht Francesco eine undankbare Rolle zu erfüllen. Das simple, auf Bösar­tigkeit reduzierte Profil der Partie verleitet den Bariton wenigstens nicht dazu, allzu polternd vorzu­gehen. Mit statt­lichem Bass stattet Per Bach Nissen den von Goldschmidt farblos charak­te­ri­sierten Kardinal Camillo aus. Die kleine Mezzo-Partie des Sohnes Bernardo ist bei Christina Bock bestens aufge­hoben. Und der Philhar­mo­nische Chor Prag stattet den weihe­vollen Requiem-Gesang im Finale mit anspre­chendem klang­lichem Volumen aus.

Johannes Debus holt mit den Wiener Sympho­nikern ein Maximum an Farbigkeit und unter­schwel­liger klang­licher Dämonie aus der Partitur. Die Schwächen der drama­tur­gi­schen Anlage, der Kompo­sition und der Insze­nierung kann man dem musika­li­schen Team beileibe nicht anlasten.

Freund­licher, wenn auch nicht enthu­si­as­ti­scher Beifall des Premieren-Publikums für eine insgesamt proble­ma­tische Produktion eines proble­ma­ti­schen Stücks.

Pedro Obiera

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