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Foto © Karl Forster

Feuchter Tod

CARMEN
(Georges Bizet)

Besuch am
19. Juli 2018
(Premiere am 19. Juli 2017)

 

Bregenzer Festspiele, Seebühne

Bei sommer­lichem Kaiser­wetter kann sich jetzt die spekta­kuläre Carmen-Produktion auf der maleri­schen Bregenzer Seebühne nach dem verreg­neten Auftakt im letzten Jahr in voller Pracht präsen­tieren. Auch wenn diesmal kein Regen­wölkchen zu sehen ist, bleibt der verfüh­re­ri­schen, andalu­si­schen Zigeu­nerin – charis­ma­tisch: Gaëlle Arquez – in der Insze­nierung von Kasper Holten das Schicksal nicht erspart, am Ende von Don José im Bodensee ertränkt zu werden. Der kapitalste Schwach­punkt der Insze­nierung, der die geniale Paral­le­lität des Stier­kampfs hinter der Bühne und Carmens Überle­bens­kampf auf der Bühne im wahrsten Sinne des Wortes verwässert.

Dass die 210.000 Eintritts­karten für die 29 Auffüh­rungen bis zum 20. August schon zu 95 Prozent verkauft sind, ist nicht zuletzt dem sensa­tio­nellen Bühnenbild der Ausstat­terin Es Devlin zu verdanken: Zwei schlanke Damenarme, bis zu 24 Meter hoch und 24 Tonnen schwer, flankieren die 30 Meter lange Bühne; die Hände, geschmückt mit Zigarette und Ring, werfen lasziv ein Karten­spiel in die Luft. Spiel­karten, die auch den Boden bedecken und zugleich als Projek­ti­ons­flächen für diverse Einblen­dungen von Stier­kampf­szenen bis zu Todes­al­le­gorien dienen.

Geändert hat sich seit dem letzten Jahr nicht viel. Die sich auf vielen Parketts zwischen New Yorker Met und aufwän­digen Rock-Events erfolg­reich tummelnde Bühnen­bild­nerin Es Devlin hat schon recht, wenn sie die Seebühne der Bregenzer Festspiele als El Dorado für jeden Bühnen­bauer empfindet. Eine eindrucks­volle chine­sische Mauer wie zur Turandot in der vorhe­rigen Produktion kann da manchen szeni­schen Mager­quark vergessen lassen. Ohnehin sollte man angesichts der gigan­ti­schen Archi­tek­turen nicht mehr schlicht von Bühnenbild sprechen, sondern von Monumental-Skulp­turen, die der Seebühne zwei Jahre lang während und außerhalb der Festspiel­zeiten ein singu­läres Ambiente verleihen, das, wie im Falle der Tosca, sogar in James-Bond-Thrillern eine gute Figur macht.

Auch wenn Devlins Tarot-Karten ein filigra­neres Bild vermitteln als viele frühere Bühnen­ar­chi­tek­turen, bleibt für psycho­lo­gische Feinarbeit in einem solchen Umfeld, in dem die Figuren wie geschrumpfte Insekten anmuten, wenig Platz. Und, ganz ehrlich gesagt, wird das von den meisten Besuchern auch nicht erwartet. Die Seebühnen-Produk­tionen, die sich ganz bewusst auf populäre Höhepunkte des Reper­toires konzen­trieren, leben von ihrer spekta­ku­lären optischen Präsenz, nicht von Feinkost für musika­lische Gourmets.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Ein Dilemma, wenn man es mit einem psycho­lo­gisch hinter­grün­digen Stück wie Bizets Carmen zu tun hat, und erst recht, wenn man, wie Regisseur Kasper Holten, seines Zeichens künst­le­ri­scher Leiter der Londoner Covent Garden Opera, in der Oper mehr sieht als einen blutigen Eifer­suchts-Thriller mit flotter Musik. Vor allem das Psycho­gramm der Titel­figur erfasst Holten diffe­ren­ziert. Eine Frau, die als Zigeu­nerin bereits im Kindes­alter in eine Außen­sei­ter­rolle gedrängt wurde und früh gelernt hat, sich durch­zu­setzen. Als erwachsene Frau nutzt sie ihre unwider­steh­liche Anzie­hungs­kraft, um sich an den Männern zu rächen, obwohl sie im Grunde ihres Herzens nach nichts anderem sucht als nach Gebor­genheit und Freiheit. Das Tarot-Orakel, das ihr den nahen Tod prophezeit und die konzep­tio­nelle Basis für das Bühnenbild bildet, lässt die femme fatale, die Männer wie Spielgeld benutzt, selbst zum Opfer eines unaus­weich­lichen Schicksals heran­wachsen. Eine Erkenntnis, die einen Wandel von der koketten Verfüh­rerin und Spielerin zu einer geradezu mythisch überhöhten Figur in langem, rotem Gewande bewirkt.

Es ist schade, dass ausge­rechnet in der letalen Final­szene nicht mehr zu sehen ist als ein Geplantsche im kniehohen Wasser der See. Dass Don José seine Carmen nicht ersticht, sondern im Bodensee ertränkt, ist originell, aber sinnwidrig. Die geniale Wirkung, die die parallel geführten Todes­stiche des Toreros hinter der Bühne und Don Josés auf der Spiel­fläche erzielen, verpufft angesichts der um ihr Leben stram­pelnden Zigeunerin.

Es ist auch schade, dass die Möglich­keiten der Spiel­karten nicht stärker ausge­schöpft werden, die schließlich als Projek­ti­ons­flächen für diverse Einblen­dungen von Stier­kampf­szenen bis zu Todes­al­le­gorien dienen. Zu selten wird die Chance genutzt, wenigstens in den intimeren Szenen die Sänger optisch wirksam auf die Leinwände zu „werfen“.

Foto © Karl Forster

Natürlich gehören auch ein paar hübsche Tanzein­lagen und ein paar dekorative, aber recht überflüssige Stunts, wenn sich mutige Akteure vom haushohen Kartenhaus abseilen, ebenso zu einer zünftigen Seebühnen-Produktion wie schip­pernde Bötchen und ein zünftiges Feuerwerk, wenn Escamillo zum Stier­kampf einzieht.

Da die Bregenzer Opern-Air-Insze­nie­rungen pausenlos gezeigt werden und nicht die Dauer von zwei Stunden übersteigen sollen, muss man einige verschmerzbare Kürzungen in Kauf nehmen. Das betrifft die dezimierte Chorszene zu Beginn des letzten Akts, leider auch das Duett zwischen Don José und Micaëla im ersten Akt. Die akusti­schen Bedin­gungen sind erstaunlich gut. Das im Festspielhaus spielende Orchester wird klanglich auf die Bühne übertragen, die Gesangs­stim­mungen werden durch zahlreiche, in die Spiel­karten integrierte Lautsprecher ohne nennens­werte Verzer­rungen verstärkt.

Antonio Fogliani schlägt überwiegend sehr zügige Tempi an, und die Wiener Sympho­niker liefern eine ebenso zuver­lässige Leistung ab wie der Prager Philhar­mo­nische Chor und der Bregenzer Festspielchor. Alle Haupt­rollen sind für die fast 30 Auffüh­rungen dreifach besetzt. In der Premiere überzeugte Gaëlle Arquez in der Titel­rolle mit ihrem samten-sinnlichen Mezzo und einer Bühnen­präsenz, wie man sie sich für die Rolle nur wünschen kann. Ihr ebenbürtig Cristina Pasaroiu als Micaëla mit vorzüg­lichen lyrischen Quali­täten, die glaubhaft den Mut zum Ausdruck bringt, den das Mädchen aufbringen muss, wenn es sich Don José zuliebe in die dunklen Gefilde der Schmugg­lerwelt wagt. Achtbar schlägt sich Daniel Johansson als Don José durch die kräfte­zeh­rende Partie, der mit seiner kantigen Darstellung der Rolle jenes Profil eines zum Jähzorn neigenden Basken verleiht, die ihn zum ebenbür­tigen, gleich starken Partner der Carmen präde­sti­niert. Kostas Smori­ginas als Escamillo verfügt zwar über eine große, aber wenig elegante Stimme. Die kleineren Partien lassen keinen Wunsch offen.

Das Publikum verfolgt das spannende Spiel im Wesent­lichen aufmerksam, auch wenn sich angesichts des schönen Wetters die Unsitte breit­macht, selbst an den empfind­lichsten Teilen des Stücks die Smart­phones zu zücken, um Fotos zu schießen, die auf der Homepage der Festspiele in profes­sio­neller Qualität einzu­sehen sind.

Pedro Obiera

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