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RIGOLETTO
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
17. Juli 2019
(Premiere)
Donnergrollen bedeutet in der Oper eigentlich nie etwas Gutes und auf der Seebühne in Bregenz, wo Publikum, Akteure und Sänger der freien Witterung ausgesetzt sind, schon gar nicht. Als dann im dritten Akt von Verdis Rigoletto in weiter Ferne das erste Grollen hörbar wird, suchen die ersten Köpfe den mittlerweile dunklen Himmel über der Bühne nach dem scheinbaren Gewitter ab. Doch in diesem Fall sind sie auf die Technik der Festspiele auf dem See hereingefallen. Das Gewitter wird sich wenige Minuten später nur über der Spielfläche entladen. Es ist einer von vielen optischen Einfällen in der Inszenierung von Philipp Stölzl, die das Potenzial hat, zu den besten in der Festspielgeschichte zu gehören.
Die Bregenzer Festspiele sind in ihrer Symbiose aus Spektakel, Oper und Natur etwas Besonderes, und das möchten die Zuschauer auch erleben. Verdis berühmtes Werk mit vielen bekannten Melodien und einer kurzen, spannenden wie bewegenden Handlung ist obendrein für die neugierigen Zuschauer perfektes Zugpferd. Stölzl, Heike Vollmer mit dem Bühnenbild und Kostümbildnerin Kathi Maurer gelingt das Kunststück, die Oper optisch spektakulär und tiefgängig zugleich auf den Bodensee zu bringen. Ein riesiger Kopf, eine echte Zimmermannsarbeit, mit der klassischen Halskrause eines Clowns ragt aus dem Wasser, rechts und links sind zwei Hände, eine von ihnen hält einen Ballon, der bis zu 45 Meter hoch gen Himmel steigen kann. Die andere ist mit einer beachtlichen Hydraulik ausgestattet. In ihrer Faust wird im ersten Akt Gilda sichtbar – ein schönes Symbol dafür, wie der Narr seine Tochter schützen will und ihr gleichzeitig damit Schmerzen zufügt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
An dieser Stelle zu viele der optischen Lösungen zu verraten, wäre genauso falsch, wie vor der Aufführung in dem großen Programmheft in den Abbildungen zu schmökern. Was erzählt werden kann, ist wie einerseits der mehr als dreizehn Meter hohe Kopf, der ausgestattet ist mit erschreckend lebendigen Augen, sozusagen die Nahaufnahme für auf der Bühne sehr kleine Titelpartie ist, der dann Stück für Stück von den Höflingen demontiert wird. Anderseits dient er auch gleichzeitig als Kulisse für die Handlung, die Stölz in das Zirkusmilieu zu Beginn des 20. Jahrhundert verlegt. Das funktioniert auch soweit ganz gut, weil der Zirkusdirektor als Duca angeredet wird und in einem Zirkus eben auch ein Clown benötigt wird. Außerdem eben auch Artisten, Gorillas und Pantomimen, die als treu ergebene Höflinge über die Bühne toben. Die Künstler des Wired Aerial Theatre, diverse Statisten und Stuntmen liefern eine Show ab, die wirklich vom Allerfeinsten ist. Dazu kommt ein Messerwerfer, der sich später als Sparafucile entpuppt, ein Magier, der Monterone heißt und, und, und. Maurer kann sich auch daher bei den Kostümen so richtig austoben, um Sänger und Statisten frei nach dem Motto „Die Manage ist bunt“ einzukleiden. Gilda ist in ein schönes Blau gekleidet, Duca trägt ein dominantes Pink-Rot-Gemisch, und das Gelb von Rigolettos Kostüm findet sich wieder in den Farben der Narren-Kulisse.

Durch die Zirkus-Metapher steppt sozusagen der Bär auf der Bühne. Es immer recht viel los, vielleicht sogar eine Nuance zu viel. In einer Szene, in der Gilda ihrem Vater ihre Gefühle beichtet, wäre da der Mut zur totalen Fokussierung angebracht gewesen. Aber ansonsten wird die Inszenierung dem Werk nicht nur aus der Sicht eines Event-Charakters gerecht, weil Stölzl sich durchaus von Libretto und Musik leiten lässt. So enttarnt er die hübschen Phrasen des Herzogs als reine Shownummern. Dabei bekommt er akustische Unterstützung aus den übrigens hervorragend funktionierenden Lautsprechern, die die Begleitung der sensationell aufgelegten Wiener Symphoniker unter der Leitung von Enrique Mazzola auf die Bühne übertragen. Mazzola, einer der besten Belcanto-Dirigenten dieser Tage, begnügt sich nicht einfach nur damit, Arien zu begleiten und Ensembles zusammen zu halten. Seine Tempi sind eher zügig, um die Aufführung kurz zu halten, aber er besteht auch darauf, die Musik ruhig zu halten, wo es Komposition und Dramatik gebieten. Er setzt seine Akzente, so wie man es von ihm gewohnt ist, und seine Interpretation schafft einen großartigen Spannungsbogen, der in dem Augenblick beginnt, wenn zu dem düster intonierten Vorspiel der schlafende Gigant im Wasser zum Leben erwacht. Ein Moment, der zum ersten und nicht zum letzten Mal Gänsehaut erzeugt. Das Orchester, nur sichtbar über eine Leinwand, spielt sich trotzdem in das Gedächtnis der Zuschauer, weil jedes Crescendo pulsiert, weil sich ihr Piano so wunderbar mit dem Abendlicht über dem See mischt.
Das Opernglück dieses Sommers wird perfekt, weil auch die Sänger das Niveau von Bühne und Orchester halten können, was in Bregenz beileibe nicht immer der Fall ist. Die vokalen Leistungen sind auch deshalb so zu loben, weil sie angesichts eines totalen Körpereinsatzes erfolgt, für den man am besten schwindelfrei sein sollte. Stephen Costello gelingt es mit seiner gut geführten Stimme, den tenoralen Strahlemann und den unsympathischen Womanizer zu vereinen. Seine berühmten Arien trägt er selbstbewusst und technisch sicher vor. Die Gilda von Mélissa Petit bewegt sich nicht nur sicher in ihren Drahtseilakten, sondern weiß auch die Koloraturen und Höhenflüge der Gilda absolut traumwandlerisch zu absolvieren. Ihre Stimme sitzt dabei immer auf einem soliden Fundament, was den Klang besonders schön abrundet. Vladimir Stoyanov schließlich muss das Manko übersingen, dass seine Präsenz – für die Titelpartie eigentlich so wichtig – nur über das Opernglas wahrgenommen werden kann. Dem Bariton mit einer starken Legato-Kultur gelingt das sehr gut, und er formt eine tragische Figur mit markanter Attacke und einer schönen italienischen Träne im Timbre.

Das Schöne an diesem Abend ist, dass selbst die Nebenrollen engagiert, aber auch versiert singen. Kostas Smorginas macht den Fluch des Monterone greifbar, Katrin Wundsam den Sexappeal der Maddalena. Paul Schweinester liefert die Einwürfe des Borsa mit Spielfreude ab, Wolfgang Stefan Schwaiger tut es ihm als Marullo gleich. Miklós Sebestyén läuft als Sparafucile vor allem in dritten Akt zu großer Form auf. Der Prager Philharmonische Chor und der Bregenzer Festspielchor, einstudiert von Lukás Vasilek und Benjamin Lack, bringen sich szenisch und vokal ebenfalls mehr als zufriedenstellend ein.
Das Publikum auf der ausverkauften Seebühne scheint sich der Klasse dieser Darbietung bewusst zu sein und spendet viel Zwischenapplaus. Die großartigen Bilder auf der Bühne sorgen dafür, dass man sich über das Verbot des Fotografierens großzügig hinwegsetzt und die bekannten Melodien laden zum Mitsummen ein. Aber irgendwie passt das alles zu den Bregenzer Festspielen. Hier geht ein derartiges Fehlverhalten scheinbar unter. Die Stimmung an einem wunderschönen Premierenabend ist wirklich richtig gut. Am Schluss werden alle Beteiligten, die die Vorstellung mit einem herrlich choreografierten Schlussbild beenden, mit lautem Beifall verabschiedet.
Rebecca Hoffmann