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Die Bregenzer Festspiele stellen traditionsgemäß alle zwei Jahre zwei Inszenierungen auf die Bühne. Auf der großen Seebühne mit fast 7000 Besuchern läuft in der Spielzeit 2024⁄25 Der Freischütz nach Carl Maria von Weber – O‑Ton berichtet von der Premiere zur Eröffnung. Auf der kleineren Bühne im Festspielhaus, das immerhin1656 Besucher fasst, hat Regisseur Jan Philipp Gloger, derzeit Schauspieldirektor am Staatstheater in Nürnberg, Tancredi von Gioachino Rossini aufbereitet und in einer zweiten Premiere vorgestellt.
Von Tancredi, einer Oper, die Rossini mit 20 Jahren schrieb, gibt es zwei offizielle Fassungen, Gloger und seine Dramaturgen Clauss Spahn und Florian Amort haben noch eine andere entwickelt. Die auffälligste Änderung neben anderen Eingriffen in das Libretto liegt darin, dass der siegreiche Tancredi – eine Hosenrolle für einen Mezzosopran – hier eine Frau ist, die die Hauptfigur Amenaide liebt. Gloger hat die Handlung in einen Konflikt zwischen zwei Drogenbanden gelegt, hier muss die Liebe zwischen zwei Frauen geheim gehalten werden. Stark sind die Repressalien Homosexuellen gegenüber, wie eine andere Szene mit Gewalt gegen einen Mann zeigt. Ob das alles nötig ist, sei dahingestellt, den ideologischen Zeitgeist bedient es allemal.
Etwas schwach motiviert ist die auf einem falsch verstandenen Brief beruhende Verurteilung Amenaides in dem Frühwerk Rossinis, vor der selbst Tancredis Liebe keinen Halt macht. Alles etwas weit hergeholt und mit der Zeit über drei Stunden hinweg auch etwas ermüdend, allerdings mit einer fast schon in Zeitlupe sterbenden Tancredi am Ende, die ihren Tod selbst provoziert, hinreißend gesungen.

Das Bühnenbild von Ben Baur, auf der Drehbühne montiert und verschiedene Räume von Amenaides Familie zeigend, trägt auch nicht unbedingt zur Abwechslung bei. Es zeigt eine sizilianische Villa mit Patio, Jungmädchenzimmer, Fitnessraum und Küche der sechziger Jahre. Die Kostüme von Justina Klimeczyk passen zu Drogenbanden von heute, wie man sie sich halt aus den billigen Gangsterfilmen so vorstellt. Martin Gebhardt steuert das passende Licht bei, von Ran Arthur Braun gut choreografierte Stunts beleben das Geschehen sehr professionell.
Die Sänger sind allesamt an Rossini geschult. Antonino Siragusa als Patriarch Argirio singt diesen mit stets sehr hellem, obertonreichem und nicht ganz geschmeidigem Tenor, nur in den Piani zeigt er größere Sensibilität. Andreas Wolf als Orbazzano, der am Vorabend als Eremit im Freischütz imponierte, zeigt auch hier einen überzeugenden Gegenspieler, gestaltet gut und hat schöne Piani. Die Isaura, hier als Mutter Amenaides noch stärkere Impulse einbringend als im Original, singt Laura Polverelli anfangs etwas ungelenk, später dann freier. Ilia Skvirskii gefällt in der kleinen Rolle des Roggiero.
Die Stars des Abends aber sind die beiden weiblichen Hauptrollen. Mélissa Petit als Amenaide verfügt über einen wirklich schönen lyrischen Sopran, den sie auch ins leiseste, sehr berührende Piano in der Höhe führen kann. Ihre weiche und dem Ohr sehr schmeichelnde Stimme gewinnt die Zuhörer gleich für sich. Anna Goryachova spielt mit großem Einsatz – schauspielerisch wie stimmlich – die Tancredi. Gleich zu Anfang zeigt sie in den A‑cappella-Takten ihre prächtige und voluminöse, aber auch sehr diffizil einsetzbare Stimme. Sie ist eine Idealbesetzung für die Rolle, kann Rossinis Koloraturen ebenso wie den ganz großen Ton. I tanti palpiti, die einzige Arie, die aus der Oper wirklich überlebt hat, gelingt ihr umwerfend gut. Sehr gut harmonieren die beiden Frauen in den Duetten miteinander.
Die Männer des Prager Philharmonischen Chors haben sichtlichen Spaß daran, die Drogenbanden darzustellen und machen ihre Sache auch stimmlich gut.
Yi-Chen Lin dirigiert die Wiener Symphoniker gut durchsichtig, nimmt aber eine etwas dunklere Nuance, nicht unbedingt den Rossini-Stil, den man so gewohnt ist. Sie arbeitet die dunkleren Stellen des Frühwerkes sorgsam heraus, lässt den Orchesterapparat recht weich erklingen, was dem Werk entgegenkommt.
Nach der Pause ermatten die Zuschauer etwas ob der sich hinziehenden Handlung, manche fragen sich, ob nach dem zweiten Akt schon Schluss sei und stehen auf. Alle spenden am Ende sehr freundlichen Applaus, wobei die beiden Protagonistinnen besonders herausgehoben werden.
Jutta Schwegler