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Chiffren von Verstörung

JAKOB LENZ
(Wolfgang Rihm)

Besuch am
1. Januar 2020
(Premiere)

 

Theater Bremen

Wolfgang Rihm kompo­nierte die Kammeroper Jakob Lenz mit dem Text einer auf Büchner basie­renden Vorlage von Michael Fröhling als Auftragswerk der Hambur­gi­schen Staatsoper. Die Aufführung fand 1979 statt. Seitdem ist das Werk eine der meist­ge­spielten deutschen Opern des späten 20. Jahrhunderts.

Mit dem Werk hat Rihm in dreizehn Szenen ein höchst subjek­tives Porträt eines hoch-sensiblen, verirrten Künstlers geschaffen, der den Anfor­de­rungen von Vater und Gesell­schaft nicht genügen kann, seiner verlorene Liebe Frederike nachtrauert, im Pfarrer und einem Sozial­re­former Halt und Trost zu finden versucht und sich letzt­endlich in der fremden Welt verliert.

Die Darstellung erfolgt aus der Perspektive des Dichters Lenz. Der Zuschauer fühlt sich mitunter mitten in seinem Kopf, in seinen Gedanken und Ängsten. Im Regie­konzept von Marco Štorman und zusammen mit den Kostümen von Sara Kittelmann hat Jil Bertermann eine ganz besondere Bühne entworfen und umgesetzt. Die Zuschauer werden an dem leeren Zuschau­erraum des Theaters vorbei auf die Bühne geleitet, wo sie in einem dem Anato­mi­schen Theater von Padua nachge­bil­deten Hörsaal­kon­strukt platz­nehmen. Solche medizi­ni­schen Schau­bühnen mit steil anstei­genden Sitz- oder Stehreihen, runder Anordnung um einen Kreis, wo der Sezier­tisch steht, dienten in vergan­genen Jahrhun­derten dazu, Zuschauern gegen Bezahlung die Betrachtung anato­mi­scher Verrich­tungen und Studien an Körpern oder Leichen zu ermög­lichen. Sie wurden auch als Diszi­pli­nie­rungs­anlage verstanden, wo der Betrachter bei einer Ohnmacht nicht zur Seite fallen und seinen Blick nicht vom Gegen­stand abwenden konnte. Dort fanden die Rituale und Feiern der Autopsie statt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



In Bremen ist dieses Zentrum der Ort von Jakob Lenz. Hier sinnt er nach, hier entwi­ckelt er seine Zweifel, seine Sehnsüchte, das Gefühl seiner gesell­schaft­lichen Randstän­digkeit, seiner Einsamkeit. Und die Zuschauer können ihm nicht entgehen.

Das gilt umso mehr für einen so eindrucks­vollen Sänger­dar­steller und Experten fürs Ungeheure wie Claudio Otelli. Otelli hat in Bremen schon einige düstere Charak­ter­dar­stel­lungen selbst von Rollen gegeben, die man nicht nur einseitig auf der Seite der Finsternis verortet: Sachs aus den Meister­singern, Wassermann aus Rusalka, aber auch Dr. Schön aus Lulu oder Bergs Wozzeck, um nur einige Beispiele zu nennen.

In Jakob Lenz übertrifft er sich selbst. Wir erleben den Sänger schon beim Betreten des Anato­mi­schen Theaters auf dem Kreis stehend, mit stechenden Augen die Zuschauer betrachtend, sich später in Zweifel, Angst, Hoffnung, Sehnsucht verzehrend wie kein anderer. Die textlichen, rheto­ri­schen und lautma­le­ri­schen Sprech- und Gesangs­fä­hig­keiten, die die Rolle abver­langt, vermag Otelli den 75-minütigen Abend lang auf, neben, manchmal gar unter der Kreis­plattform, mit schonungs­losem, manchmal gar beängs­ti­gendem Einsatz zu geben. Die anderen Darsteller sind bei allem Können Refle­xionen seines Selbst, seiner Psyche in all ihren Ausprä­gungen eines zerbrech­lichen Verfalls.

Foto © Jörg Landsberg

Zu nennen sind Christoph Heinrich als Oberlin und Christian-Andreas Engel­hardt als Kaufmann. Beide umkreisen Lenz mit Interesse und Zugewandtheit. Die Partien sind in ihrer Nah-Ferne sowohl darstel­le­risch wie auch stimmlich mit den beiden Sängern untadelig besetzt.

Die sehnsüchtig ersehnte, doch unerreichbare Geliebte Frederike ist mit Sibylle Bülau als einer reifen Frau, die asexua­li­siert und als Mutter­er­scheinung im Braut­kleid auftritt, verkörpert.

Eine Gruppe von sechs Sängern taucht während der Aufführung an mehreren Orten um das Geschehen auf und vertritt die Natur­stimmen, die Lenz umgeben oder aus ihm zu strömen scheinen: Maria Martin Gonzales, Martina Parkes, Mariam Murguglia, Jiwon Choi, Jörg Sändig und Allan Parkes.

Der Kinderchor des Theaters Bremen unter der Leitung von Noori Choo begleitet mit bemer­kens­werter Präsenz an entschei­denden Stellen die Handlung. Er tritt im Kinder-Matro­sen­anzug auf, in welchem auch Lenz ganz zu Beginn wie in aller Unschuld dasteht, und bewegt sich bei Auf- und Abtritt nicht selten über die hohen Stufen des Anato­mi­schen Hörsaals.

Es spielen elf Mitglieder der Bremer Philhar­mo­niker unter der Leitung von Kilian Farrell in einer beson­deren Instru­men­tal­be­setzung: drei Celli, zwei Oboen, eine Basskla­ri­nette, je ein Fagott und Kontra­fagott, Trompete, Posaune sowie Schlagzeug und Cembalo, insgesamt ein dunkles Klangbild ohne Flöten, Geigen oder Hörner. Die Musiker unter der inten­siven und zugewandten Leitung von Farrell spielen mit höchstem Engagement und werden mit bestechender Tongebung und Rhythmik dem Kompo­si­ti­onsstil des Kompo­nisten blendend gerecht. Das Ensemble ist an der dem Zuschau­erraum zugewandten Seite des Theater­aufbaus positioniert.

Großer Jubel des im Anato­mi­schen Theaters rund 300 Personen zählenden Publikums. Insbe­sondere Otelli wird lange gefeiert, nachdem sich die Zuschauer von den Bedrü­ckungen des Inhalts freige­klatscht haben.

Achim Dombrowski

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