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Wolfgang Rihm komponierte die Kammeroper Jakob Lenz mit dem Text einer auf Büchner basierenden Vorlage von Michael Fröhling als Auftragswerk der Hamburgischen Staatsoper. Die Aufführung fand 1979 statt. Seitdem ist das Werk eine der meistgespielten deutschen Opern des späten 20. Jahrhunderts.
Mit dem Werk hat Rihm in dreizehn Szenen ein höchst subjektives Porträt eines hoch-sensiblen, verirrten Künstlers geschaffen, der den Anforderungen von Vater und Gesellschaft nicht genügen kann, seiner verlorene Liebe Frederike nachtrauert, im Pfarrer und einem Sozialreformer Halt und Trost zu finden versucht und sich letztendlich in der fremden Welt verliert.
Die Darstellung erfolgt aus der Perspektive des Dichters Lenz. Der Zuschauer fühlt sich mitunter mitten in seinem Kopf, in seinen Gedanken und Ängsten. Im Regiekonzept von Marco Štorman und zusammen mit den Kostümen von Sara Kittelmann hat Jil Bertermann eine ganz besondere Bühne entworfen und umgesetzt. Die Zuschauer werden an dem leeren Zuschauerraum des Theaters vorbei auf die Bühne geleitet, wo sie in einem dem Anatomischen Theater von Padua nachgebildeten Hörsaalkonstrukt platznehmen. Solche medizinischen Schaubühnen mit steil ansteigenden Sitz- oder Stehreihen, runder Anordnung um einen Kreis, wo der Seziertisch steht, dienten in vergangenen Jahrhunderten dazu, Zuschauern gegen Bezahlung die Betrachtung anatomischer Verrichtungen und Studien an Körpern oder Leichen zu ermöglichen. Sie wurden auch als Disziplinierungsanlage verstanden, wo der Betrachter bei einer Ohnmacht nicht zur Seite fallen und seinen Blick nicht vom Gegenstand abwenden konnte. Dort fanden die Rituale und Feiern der Autopsie statt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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In Bremen ist dieses Zentrum der Ort von Jakob Lenz. Hier sinnt er nach, hier entwickelt er seine Zweifel, seine Sehnsüchte, das Gefühl seiner gesellschaftlichen Randständigkeit, seiner Einsamkeit. Und die Zuschauer können ihm nicht entgehen.
Das gilt umso mehr für einen so eindrucksvollen Sängerdarsteller und Experten fürs Ungeheure wie Claudio Otelli. Otelli hat in Bremen schon einige düstere Charakterdarstellungen selbst von Rollen gegeben, die man nicht nur einseitig auf der Seite der Finsternis verortet: Sachs aus den Meistersingern, Wassermann aus Rusalka, aber auch Dr. Schön aus Lulu oder Bergs Wozzeck, um nur einige Beispiele zu nennen.
In Jakob Lenz übertrifft er sich selbst. Wir erleben den Sänger schon beim Betreten des Anatomischen Theaters auf dem Kreis stehend, mit stechenden Augen die Zuschauer betrachtend, sich später in Zweifel, Angst, Hoffnung, Sehnsucht verzehrend wie kein anderer. Die textlichen, rhetorischen und lautmalerischen Sprech- und Gesangsfähigkeiten, die die Rolle abverlangt, vermag Otelli den 75-minütigen Abend lang auf, neben, manchmal gar unter der Kreisplattform, mit schonungslosem, manchmal gar beängstigendem Einsatz zu geben. Die anderen Darsteller sind bei allem Können Reflexionen seines Selbst, seiner Psyche in all ihren Ausprägungen eines zerbrechlichen Verfalls.

Zu nennen sind Christoph Heinrich als Oberlin und Christian-Andreas Engelhardt als Kaufmann. Beide umkreisen Lenz mit Interesse und Zugewandtheit. Die Partien sind in ihrer Nah-Ferne sowohl darstellerisch wie auch stimmlich mit den beiden Sängern untadelig besetzt.
Die sehnsüchtig ersehnte, doch unerreichbare Geliebte Frederike ist mit Sibylle Bülau als einer reifen Frau, die asexualisiert und als Muttererscheinung im Brautkleid auftritt, verkörpert.
Eine Gruppe von sechs Sängern taucht während der Aufführung an mehreren Orten um das Geschehen auf und vertritt die Naturstimmen, die Lenz umgeben oder aus ihm zu strömen scheinen: Maria Martin Gonzales, Martina Parkes, Mariam Murguglia, Jiwon Choi, Jörg Sändig und Allan Parkes.
Der Kinderchor des Theaters Bremen unter der Leitung von Noori Choo begleitet mit bemerkenswerter Präsenz an entscheidenden Stellen die Handlung. Er tritt im Kinder-Matrosenanzug auf, in welchem auch Lenz ganz zu Beginn wie in aller Unschuld dasteht, und bewegt sich bei Auf- und Abtritt nicht selten über die hohen Stufen des Anatomischen Hörsaals.
Es spielen elf Mitglieder der Bremer Philharmoniker unter der Leitung von Kilian Farrell in einer besonderen Instrumentalbesetzung: drei Celli, zwei Oboen, eine Bassklarinette, je ein Fagott und Kontrafagott, Trompete, Posaune sowie Schlagzeug und Cembalo, insgesamt ein dunkles Klangbild ohne Flöten, Geigen oder Hörner. Die Musiker unter der intensiven und zugewandten Leitung von Farrell spielen mit höchstem Engagement und werden mit bestechender Tongebung und Rhythmik dem Kompositionsstil des Komponisten blendend gerecht. Das Ensemble ist an der dem Zuschauerraum zugewandten Seite des Theateraufbaus positioniert.
Großer Jubel des im Anatomischen Theaters rund 300 Personen zählenden Publikums. Insbesondere Otelli wird lange gefeiert, nachdem sich die Zuschauer von den Bedrückungen des Inhalts freigeklatscht haben.
Achim Dombrowski