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Das Musiktheater am Theater Bremen schont sich wahrlich nicht. Wieder steht ein in jeder Hinsicht aufwändiges Werk des 20. Jahrhunderts in einer Neuinszenierung auf dem Programm des Hauses. Und als wäre das noch nicht genug, gibt es eine Uraufführung obendrauf: Der Komponist Detlef Heusinger hat für den dritten Akt eine Neufassung geschaffen, die erstmals zur Aufführung gebracht wird.
Regisseur Marco Štorman ist in Bremen bereits durch seine Produktionen von Peter Grimes, Parsifal und Candide bekannt. Er wagt sich nunmehr an die Lulu. Ihm zur Seite für die Kostüme steht Sara Schwartz, die sie auch für Peter Grimes und Parsifal entworfen hatte. Neu im Team ist Frauke Löffel, die das Bühnenbild geschaffen hat.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Getragen ist die ideelle Konzeption des fast vierstündigen Abends vom kaleidoskopischen Blick der Männer auf die Figur Lulus als femme fatale und die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern als Ausgangslage. Der Sänger des Dr. Schön sitzt zunächst als ein Besucher der Vorstellung im Publikum und begibt sich schließlich wie ein ganz zufällig ausgewählter arche-typischer Mann auf die Bühne, um dort wie alle weiteren Protogonisten dem perfiden Spiel der Lulu und mehr noch den eigenen Obsessionen zu verfallen. Die unaufhaltsame Abfolge der Morde und Selbstmorde von Lulus Verehrern nimmt ihren Lauf, bis sich scheinbar das Bild verkehrt und in der Vorlage Lulu als Prostituierte in London von Jack the Ripper alias Dr. Schön ermordet wird. Dieses tiefschwarze Ende einer wehrlosen Frau findet jedoch bei Štorman so nicht statt. Vielmehr sieht er die Intimität und Nähe Lulus und Schöns im Todesakt als Moment von großer Zärtlichkeit und erkennt in diesem Bild das Aufscheinen einer Utopie der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Folgerichtig stirbt Lulu nicht, sondern blickt am Ende mit einer verschwörerischen, fast verschmitzten Geste ins Publikum.
Optisch ist die Inszenierung in Kostüm und weiterer Ausstattung fast ausschließlich in schwarz-weiß-Effekten gehalten. Da sind die stereotypen Männer in schwarzen Anzügen und möglichst mit schwarzem Schnurrbart, deren Outfit auch die lesbische Gräfin Geschwitz nachahmt. Das Einheitsbühnenbild ist geprägt von einem zentral positionierten, schwarzen, runden Spiegel-Irrgarten, der sich im Laufe des Abends immer wieder in seinen Bestandteilen auch gegenläufig dreht und in dem jeder Mann verloren geht, indem er sich in den beweglichen, matten Spiegelflächen verletzt, verläuft und verliert. Lulu bewegt sich über lange Zeit in einer weißen Phantasierobe über die Bühne.
Die Personenführung will die Sprachlosigkeit, das aneinander Vorbeireden der Akteure dadurch sichtbar machen, dass sich die handelnden Personen bei der Kommunikation nicht ansehen, im Spiegelkabinett verloren gehen oder auch einfach zentral nach vorne singen. Das alles ist Teil einer geschlossenen konzeptionellen Idee, macht den Abend jedoch zu einem schwarz-düsteren Erlebnis, an dem am Ende die Utopie einer menschlichen Gleichberechtigung wie aus der fahlen Asche der Götterdämmerung emporsteigen soll.
Eine Ausnahme ist die nicht fassbare Figur des Schigolch, der in Bremen wie ein Verführer die Opfer erfolgreich in den Irrgarten zu ziehen scheint und der durch seinen Zauberlehrling Aujust, eine hinzuerfundene Figur, ergänzt wird. Dargestellt wird die durch den Tänzer Sami Similä. Er repräsentiert eine übergeschlechtliche Komponente, die zeitweise im Kleid der Lulu agiert, ihren eigenen, teilweise irrlichternden Choreografien folgt, wobei der Eindruck entsteht, dass diese in ihrem Loslassen, Dahingleiten und Verlorengehen nicht einmal mehr von sich selbst kontrolliert werden kann. Ein Gegenbild zu den sich in irgendeiner Weise immer wieder an ein gesellschaftliches Bild haltenden und kontrollierenden anderen Protagonisten, vor allem der Männer.

Berg starb vor der Vollendung seines Werkes. Die Uraufführung des Lulu-Fragments 1937 in Zürich fand zwei Jahre nach seinem Tod statt. Lange Zeit blieb der dritte Akt unvollendet. Nach der vielgelobten Pariser Uraufführung des von Friedrich Cerha vervollständigten und vielfach nachgespielten dritten Aktes im Jahre 1979 hat man sich lange nicht vorstellen können, dass man Lulu in einer anderen Version auf die Bühne bringen werde. Das hat sich jedoch in den letzten Jahren geändert. Während einzelne Produktionen wieder die zweiaktige, vom Komponisten insoweit selbst vollendete Fassung präsentieren, hat die Marthaler-Inszenierung in Hamburg vor einem Jahr möglichst viele Teile der unvollendeten Musik gewissermaßen in der Rohfassung mit Klavierbegleitung, allerdings ergänzt mit Bergs Violinkonzert Dem Andenken eines Engels, gezeigt.
Bremen geht einen anderen Weg: Das Theater Bremen hat dem Komponisten Detlef Heusinger, zugleich Leiter des SWR-Experimental-Studio, einen Kompositionsauftrag zur Vollendung des dritten Aktes der besonderen Art gegeben. Dabei wird das Orchester im Graben halbiert sowie durch Synthesizer und Hammondorgel, gespielt von Ernst Surberg, E‑Gitarre von Josef Müksch sowie Theremin von Carolina Eyck ergänzt. Diese Instrumentengruppe ist unmittelbar auf der Drehbühne des schwarzen Kaleidoskops installiert und wird durch eine live-elektronische Realisation unterstützt. Ein Theremin ist ein elektroakustisches Instrument, das durch das elektrische Potenzial des menschlichen Körpers berührungslos, nur über Handbewegungen, gesteuert wird. Das Instrument produziert ein flirrendes, etwas unbestimmtes Klangerlebnis. Für den Komponisten soll die auf dieser Basis geschaffene Komposition das Groteske und die Aura des Verfalls einfangen und wiedergeben. Das beabsichtigte Klangspektrum soll ausdrücklich nicht in der Tradition der 1930-er Jahre, also des Zeitraums der Komposition, stehen, sondern neuzeitliche Klangfarben und Zwischentöne erschaffen.
Mit dieser Bremer Neufassung des dritten Aktes gewinnt die Gesamtproduktion eine andere Dimension. Während die Realisierung der Oper bis dahin und auch weiterhin sich im Szenisch-optischen sowie Konzeptionellen in einem dominierend schwarzen, gewissermaßen kommunikations-zerstörerischen Orbit entfaltet, fügt die musikalische Seite im dritten Akt die Doppelbödigkeit des Grotesken ein. Sie verbindet sich dabei mit den grenzüberschreitenden choreografischen Elementen der Person des Aujust.
Unglaublich, dass bei den Anforderungen dieses Werkes alle Beteiligten bis auf eine einzige Ausnahme vollständig aus dem Bremer Ensemble besetzt werden können. Marysol Schalit als Lulu bewältigt die mörderische Partie mit bewunderungswürdiger Kraft und Präsenz. Ihre über weite Strecken scheinbar kontemplative Haltung erhöht noch die Wirkung ihres infamen Spiels. Claudio Otelli als Dr. Schön und Jack the Ripper hat sich eine weitere große Rolle seiner mittlerweile zum Markenzeichen gewordenen Kreationen denkbar schwieriger und diffiziler Männerrollen erarbeitet.
Vom weiteren Ensemble seien stellvertretend Chris Lysack als Alwa, Nathalie Mittelbach als Gräfin Geschwitz, Birger Radde als Tierbändiger sowie Athlet und Loren Lang als der mystische Strippenzieher Schigolch hervorgehoben.
Die Bremer Philharmoniker unter der Leitung von Hartmut Keil spielen einen beeindruckend durchhörbaren und kantigen Berg, nicht ohne auf die Sänger Rücksicht zu nehmen und sich in angemessener Weise mit dem Ensemble Experimental des SWR im dritten Akt zu vereinen.
Das Haus ist bei der ersten Wiederholung nach der Premiere mäßig besucht und leert sich in den beiden Pausen weiter; das Durchschnittsalter des Publikums ist hoch. Die femme fatale hat heute anscheinend nur noch eine gemäßigte Anziehungskraft.
Achim Dombrowski