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Zum Spielzeitstart in Bremen haben sich Regisseur Frank Hilbrich und Generalmusikdirektor Yoel Gamzou den Rosenkavalier von Richard Strauss vorgenommen. Sie präsentieren einen Gegenentwurf zu dem seit der Uraufführung im Raum stehenden Kritik an dem Werk, die dem Komponisten einen Rückfall in die Musik des 19. Jahrhunderts vorwirft, nachdem Strauss selbst zwei Jahre zuvor mit seiner Elektra die musikalische Weiterentwicklung der Musik des 20. Jahrhunderts so bedeutend vorangetrieben hatte.
Teil der dem Werk von der Fachpresse von Anbeginn entgegengebrachten Zurückhaltung liegt in der überbordenden Handlung mit vielen Nebensträngen sowie einer zahlreichen und bunten Zahl an Protagonisten, die zu einem unterhaltsamen, aber teilweise wenig fokussierten Handlungsablauf führen. Auf der musikalischen Seite stehen immer wieder die vermeintliche Walzer-Seligkeit und die Länge des Stücks in der Kritik. Das Bremer Leitungsteam misstraut auch einem gewissen kalkulierten Effekt des Werkes, der gezielt und mit Raffinesse den Zeitgeist vor dem Ersten Weltkrieg aufgreift und beim Publikum auch dadurch so erfolgreich und populär wurde. Dazu gehört auch die erfundene wienerische Kunstsprache oder die erdachte Tradition einer adligen Brautwerbung durch eine Rosenübergabe.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Die junge Feldmarschallin Fürstin Werdenberg betrügt ihren Mann mit dem deutlichen jüngeren Grafen Octavian, welcher in der Stimmlage eines Mezzosoprans und als Hosenrolle konzipiert ist. Als der Vetter der Marschallin, der verarmte Ochs auf Lerchenau erscheint, muss sich Octavian rasch als Kammerzofe verkleiden, der wiederum Ochs sofort zudringlich nachstellt, ohne die Verkleidung zu bemerken. Die Marschallin schlägt Ochs Octavian als Überbringer der Rose bei der ihm versprochenen jungen Sophie, der Tochter des Unternehmers Faninal vor. Mit Faninals Reichtum will sich Ochs auch materiell sanieren. Nachdem alle gegangen sind, sinnt die Marschallin über das Altern nach und ahnt bereits, dass der junge Graf sie bald verlassen wird. Octavian verliebt sich anlässlich der Rosenübergabe an Sophie schlagartig in die Ochs versprochene Braut. Sophie ist von den mehr als derben Annäherungen ihres zukünftigen Gatten Ochs angewidert. Es kommt zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen Octavian und Ochs, in deren Verlauf Ochs verletzt wird. Im dritten Akt trifft Ochs heimlich die Kammerzofe der Marschallin, in die sich Octavian wiederum verkleidet hat. In diesem inszenierten Treffen erscheint plötzlich die Polizei, die Ochs in flagranti bei sexueller Annäherung an eine Minderjährige vermutet. Faninal verweigert Ochs die Hand seiner Tochter. Octavian verlässt die Marschallin für eine jüngere und schönere Frau, wie sie zuvor bereits befürchtet hatte.

Hilbrich und Gamzou streichen das Stück insbesondere in diversen Ensembleszenen erheblich zusammen und konzentrieren sich so auf den Kern von Handlung und Musik: die Irritationen und Unkalkulierbarkeit der menschlichen Liebe sowie der Endlichkeit durch den Tod. Das Sängerensemble wird von über 20 Charakteren auf sieben gekürzt. Dabei kommt die siebte Figur, in der Aufführung als Hippolyte benannt, in dieser Form im Original nicht vor: Hippolyte durchwandert als schwarze Figur unerwartet die gesamte Handlung, singt vereinzelt kurze Text- und Gesangspassagen einzelner, ansonsten gestrichener Rollen, und insbesondere auch die Arie des Sängers beim Morgenempfang der Marschallin. Er ist die personifizierte Figur des Todes und gibt den melancholischen Stellen des Werkes Gestalt und Nachdruck. Das gilt selbst kontrapunktisch für den Schluss, in dem Sophie und Octavian gerade erst in die Zeit ihrer jungen Liebe aufbrechen.
Strauss hatte bereits diverse, auch kürzere Fassungen seines Werkes zur Aufführung sanktioniert, aber ganz sicherlich nicht dieses Format vor Augen gehabt.
Das Bühnenbild von Sebastian Hannak kreiert eine die gesamte Bühne ausfüllende Maschinerie von verschiebbaren Rahmen, die zeitweise eine Tunnelformation bilden und gegen Ende ganz in die Hinterbühne verbannt wird, so dass insbesondere die Marschallin schließlich ganz allein vor ihrem Schicksal und ihrer Einsamkeit steht. Die Kostüme von Gabriele Rupprecht begleiten den Betrachter von der Ebene der Zeit des Stücks über die Entstehungszeit des Werkes bis in die heutige Zeit. Die Marschallin steht schließlich als junge Frau von heute vor dem Publikum – so könnten wir der Sängerin Nadine Lehner vor dem Bremer Theater auch auf der Straße begegnen. Das Thema der Einsamkeit und der Vergänglichkeit wird gewissermaßen in die heutige Zeit getragen und greift auch hier und jetzt nach uns.
Das Frauenterzett Marschallin, Octavian und Sophie wird hochkarätig von den Ensemblemitgliedern Nadine Lehner, Nathalie Mittelbach und Nerita Pokvytyte gegeben. Sie lassen in Spiel und Gesang bis zum fulminanten Höhepunkt des berühmten Terzetts keinen Wunsch offen. An diesen Besetzungen zeigt sich die hohe Ensemblekultur der Bremer Oper, die, soweit es irgend geht, mit den hauseigenen Sängern arbeitet und so im Laufe der Jahre die Chance zur Erarbeitung eines großen und anspruchsvollen Repertoires in ihrem jeweiligen Stimmfach ermöglicht.

Patrick Zielke glänzt in dieser verdichteten Fassung des Werkes als Urgewalt eines durch seine Instinkte getriebenen, hemmungslosen Baron Ochs‘, der bei der körperlichen Inspektion seiner ihm zunächst zugedachten Braut Sophie wie der brutale Henker Salomes neben der zierlichen, verängstigten Gestalt der Sophie steht. Drohende sexuelle Gewalt wird physisch spürbar, die Rettung der jungen Frau aus diesen Klauen dringend erforderlich. Zielke umgeht jedes sonst so oft verwandte alberne Spiel, sondern legt die Partie mit einer gewissen, unerschütterlichen Lakonik an. Sein ungeheuerliches und erniedrigendes Verhalten ist ihm nicht bewusst und umso gefährlicher und zerstörerischer.
Christian-Andreas Engelhardt gibt den immer verzweifelteren Vater Faninal und Luis Olivares Sandoval brilliert in der schillernden Figur des Hippolyte, einer Begegnung mit dem Tod, der als Sieger verbleibt und die Rose als Sinnbild der Zuversicht und des Lebens unter unheimlichem Lachen zerstört.
Die Bremer Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten brillieren beim Walzer, als ob sie in Wien beheimatet seien, machen jedoch außerdem eine Fülle von Details im Unterfutter der Partitur hörbar, die man so noch gar nicht erlebt hat. Das Urteil einer rückwärtsgewandten Musik kommt einem nicht mehr in den Sinn. Dabei ist faszinierend, dass nicht versucht wird, besondere musikalische Reibungen oder Dissonanzen zu finden und mit Nachdruck auszuspielen, sondern im natürlichen Fluss der Musik wird unausgesetzt ein nachtschwarz funkelnder, immer wieder zum Tode verführender, sehr moderner Klang erlebbar. Es bleibt das Geheimnis der Musiker, wie sie eine solche, noch nicht gehörte morbide Klangstruktur erarbeiten konnten.
Der Rosenkavalier ist ganz offenbar vielschichtiger, als wir lange geglaubt haben. Schon das musikalisch noch ungekürzte, aber szenisch aufgebrochene Format von Konwitschnys Realisierung in Hamburg vor einigen Jahren begann, dem sensiblen Betrachter die Augen zu öffnen. Bremen hat mit dieser verdichteten Fassung einen bedeutenden weiteren Beitrag in der Rezeptionsgeschichte des Werkes geleistet.
Jubel beim Publikum. Einzelne, wenige Buhrufe beim Regie-Team feuerten die Zustimmung nur umso wirkungsvoller an.
Achim Dombrowski