O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Selbstfindung zwischen Mensch und Natur

DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN
(Leoš Janáček)

Besuch am
24. September 2021
(Premiere)

 

Theater Bremen

Die Oper Das schlaue Füchslein basiert auf einer Fortset­zungs-Erzählung von Rudolf Těsnohlídek, die 1920 in einer vom Kompo­nisten gelesenen Tages­zeitung erschien. Der mit Wald und Natur verbundene Förster in diesem 1924 im Natio­nal­theater Brünn urauf­ge­führten Spätwerk von Leoš Janáček begegnet bei seinen Wande­rungen durch Wald und Natur dem Füchslein Schlaukopf. Für beide entspannt sich eine erotische Zauber­stimmung, die als elementare Natur­kraft Faszi­nation und Antrieb für die Handlung darstellt. Bei den Abenteuern des Füchs­leins treten Tiere mit ausge­sprochen mensch­lichen Eigen­schaften auf und Menschen, die von der Natur verzaubert werden. Das Abenteuer des Lebens im Wald führt das Füchslein von Kindheit, wilden Spiele­reien und Verliebtheit schließlich zu einer großen eigenen Kinder­schar und plötz­lichen Tod durch einen Wilderer. Eine Bühnen­pro­duktion des Werkes erfolgte lange Zeit entweder mit einem Arsenal putziger, als Tiere kostü­mierter Sänger oder als Sinnbild für eine melan­cho­lische Abschieds­stimmung eines alternden Kompo­nisten mit verklärtem Blick auf das vergangene Leben.

Das muss aber so nicht sein, wie Tatjana Gürbaca in ihrer neuen Bremer Reali­sierung des Werkes jetzt zeigt. Hier gibt es eine immer wieder überra­schende, weitge­hende Überlappung der Sphären. Man merkt oft gar nicht, dass im Moment Tiere mit so altbe­kannten mensch­lichen Charak­ter­zügen und Schwächen agieren, oder der Förster eine Hinwendung zur Ursprüng­lichkeit des Füchs­leins empfindet, die ihn an die alte, wohl vergangene Zeit der Liebe zu seiner Frau erinnert. Er stattet das Füchslein mit Stiefeln aus, deren Einengung es nur als Einschränkung seiner Freiheit empfinden kann. Auch die Verbindung des Füchs­leins zum Fuchs, mit dem es schnell eine Kinder­schar in Mannschafts­stärke hat, weist eine Zuneigung und Innigkeit auf, die jeder Mensch sich wohl genauso wünschte. Diese schwe­bende Verstri­ckung der Welten von Mensch und Tier wird noch durch die Mitwirkung von nicht weniger als zehn Mitgliedern des Kinder­chores gesteigert. Die Kinder übernehmen dabei Rollen wie den jungen Frosch oder die Heuschrecke und andere Waldbewohner.

Die Bühne von Henrik Ahr ist dominiert durch einen schräg gestellte, helle Kreis­kon­struktion, die alle Ensem­ble­mit­glieder zum Balan­cieren während ihrer Auftritte zwingt und durch Drehung im Unter­grund den Dachsbau sichtbar werden lässt. Die Szene mit den fanta­sie­vollen Kostümen von Silke Willrett präsen­tiert sich in der atmosphä­risch gelun­genen Licht­regie von Stefan Bolliger nicht selten im warmen Abend­licht, aber noch häufiger im silbernen Mondlicht.

In der von Christoph Heinrich glänzend gesun­genen und darge­stellten Rolle des Försters kommt es zu der am inten­sivsten erlebten emotio­nalen Begegnung der Sphären. In ihm streiten die Sehnsucht nach vergan­gener Lebens­in­ten­sität und Liebe mit der Erkenntnis von Vergäng­lichkeit nach dem Tod des Füchs­leins. Die Verzweiflung an diesem Zwiespalt spielt der Sänger auch körperlich eindrucksvoll und bewegend aus. Er findet am Ende Ruhe durch das Sich-Fügen und Annehmen des ewigen Kreis­laufs der Natur, ohne die der Mensch nicht existiert. Die Apotheose des Werkes nach dem Tod des Füchs­leins vermittelt genau diese Botschaft. Heinrich schont sich stimmlich und darstel­le­risch nicht und gelangt in aller Leiden­schaft dabei auch mitunter an die Grenzen seiner ausdrucks­starken Bass-Stimme.

Marysol Schalit fügt mit dem Füchslein ihrem umfang­reichen Reper­toire eine weitere Partie hinzu und vermag durch die unver­stellte und unbezähmbare Jugend­lichkeit zu überzeugen. Das Gespür der Sängerin für die intrikate Musik­sprache Janáčeks gewähr­leistet ein Rollen­porträt von anrüh­render Inner­lichkeit und Tiefe.

Foto © Jörg Landsberg

Auch Nadine Lehner erweitert mit dem Fuchs ihr Rollen­re­per­toire am Bremer Haus. Sie bewegt sich stimmlich auf dem ihr eigenen, hohen Niveau. In der Darstellung bewegt ihr stiller und scheinbar unbewegter Abgang nach dem plötz­lichen Tod ihres geliebten Füchs­leins als Beispiel für eine archaische Anders­ar­tigkeit der Welt der Tiere ganz besonders.

Zum überzeu­genden Ensemble gehören weiterhin Christian-Andreas Engel­hardt als Der Schul­meister und Mücke, Daniel Eggert als Der Pfarrer und Dachs sowie Stephen Clark als der Wilderer.

Kinderchor und Chor unter der Leitung von Alice Meregaglia bestechen durch eine überzeu­gende Aneignung der so spezi­fi­schen Janáček­schen Stimmführung.

General­mu­sik­di­rektor Marko Letonja leitet die Bremer Philhar­mo­niker und gibt mit dieser Produktion seinen Einstand. Gespielt wird eine kammer­mu­si­ka­lische Fassung von Jonathan Dove. Das erfolgt nicht aus Corona-Einschrän­kungen oder weil gar die komplexe Partitur zu anspruchsvoll wäre, sondern aufgrund der von Letonja erkannten Chance, Janáčeks sehr spezi­fische Tonsprache neu hörbar zu machen. Und das gelingt auf frappie­rende Weise.

Nachdem auch wohlmei­nende Freunde zu Lebzeiten das Klangbild „verbessert“ haben oder als schroff empfundene Tonge­bungen abgemildert haben, folgten ganze Genera­tionen, die das Klangbild roman­tisch, sprich mit möglichst dickem Strich und großer Besetzung aufge­laden und klang­schön übersetzt haben. Erst nach der Revision durch John Tyrrell und Charles Mackerras fand man zu einem durch­sich­tigen Spiel zurück. Dabei waren die letzten Jahrzehnte durch Inter­pre­ta­tionen gekenn­zeichnet, die gerne disso­nante Cluster und dynamische Zuspit­zungen betont haben.

Aber jetzt, auf der Basis der weiter­ent­wi­ckelten Orches­ter­kultur und der filigranen Durch­sich­tigkeit der vorlie­genden Fassung sowie vor allem den heraus­ra­genden solis­ti­schen Leistungen im Bremer Orchester findet Letonja zu einem gewis­ser­maßen neu-roman­ti­schen Bogen ohne künst­liche Klang­bal­lungen oder rhyth­mische Zuspitzung. Janaceks auf Volks­musik und Natur­klängen basie­rende, so empathische Musik­sprache kommt so glänzend zur Geltung.

Die großen Leistungen des gesamten Ensembles werden vom Publikum lange gefeiert.

Achim Dombrowski

Teilen Sie O-Ton mit anderen: