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Harte Arbeit am Unfalltrauma

DIE TOTE STADT
(Erich Wolfgang Korngold)

Besuch am
25. Mai 2019
(Premiere am 12. Mai 2019)

 

Theater Bremen

Eine Oper mit Musik aus den Tagen einer überreifen Spätro­mantik sowie zwei Arien-Hits von Wunsch­kon­zert­qua­lität und nicht wenigen Genre­über­schrei­tungen zur Operette. Was macht daraus wohl Hausre­gisseur und Hausautor Armin Petras am Bremer Theater, der bisher nicht durch eine schwel­ge­risch-roman­tische Geste aufge­fallen ist?

Paul trauert um seine aus unbekanntem Grund aus dem Leben geschiedene Frau Marie. Er trifft Marietta und hält sie für ein Abbild Maries. Marietta wehrt sich gegen Pauls Verein­nahmung, die in ihr nur das Wesen seiner verstor­benen Frau, nicht ihre eigene Persön­lichkeit, zulässt. In der Oper träumt er, Marietta zu töten. In der Bremer Fassung vollzieht er den Mord tatsächlich.

Regisseur Petras und sein Team versuchen in ihrer Insze­nierung möglichst viele, im Fin de Siècle geheim­nisvoll verblei­bende Sachver­halte handfest zu begründen, dabei vor allem Pauls starre, unerklär­liche Haltung durch den Tod Maries. Sie finden sie in einem trauma­ti­sie­renden Schuld­komplex nach einem tragi­schen Autounfall mit tödlichem Ausgang. Auf einer ausge­las­senen Ausflugs­fahrt, die Paul mit seiner Frau Marie, der Haushäl­terin Brigitta und seinem Freund Frank unter­nimmt, kommt der Wagen von der Fahrbahn ab, überschlägt sich und stürzt einen Hang hinab. Marie stirbt, Brigitta und Frank werden Zeugen. Alle Überle­benden sind körperlich und seelisch angesichts der Katastrophe versehrt. Die Ereig­nisse werden in aller Ausführ­lichkeit mittels Video­ein­spie­lungen von Rebecca Riedel erzählt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Während Brigitta und Frank Wege in ein neues Leben zu finden suchen, erstarrt Paul zunächst gänzlich in seinem Trauma verhaftet, ohne sich physisch oder psychisch bewegen zu können. Er verbleibt den gesamten Abend fast unbeweglich in der Mitte der Bühne. So träumt er von seiner verstor­benen Frau, so trifft er auf Marietta, die Tänzerin.

Marietta ist von einer Tanzgruppe von sechs Frauen und Männern umgeben. In weiteren, unter anderem in Gewer­be­ge­bieten Bremens aufge­nom­menen Video­szenen und auf der Bühne weiß man nicht, ob sie gerade proben, tanzen oder sich nur in ausge­las­sener Weise des Lebens freuen, so übergangslos gestaltet sich ihr gemein­samer, unbeschwerter Umgang.

Paul sieht sie ausschließlich als Marie, er kann ihr keine eigene Persön­lichkeit zuerkennen. Als Marietta das immer stärker einfordert, wird mehr und mehr deutlich, dass Paul und Marietta sich aus gänzlich gegen­sätz­lichen Welten zu erreichen versuchen und daran scheitern. Die Video­ein­spie­lungen zeigen stilis­tische Elemente der 1970-er und 80-er Jahre und nehmen Bezug auf die Frauen­be­wegung der Zeit. Als Marietta mit ihrer Tanzgruppe immer ausschwei­fender, diony­si­scher tanzt, weiß sich Paul nicht anders zu erwehren als sie in einem Verzweif­lungsakt zu töten. Die Szene erscheint wie eine Antwort auf das rausch­hafte, entgrenzte Taumeln der orgias­ti­schen Gruppe, das sich im Video wie auf der Bühne bis an die Grenze der Selbst­aufgabe in eine kultische Handlung hinein­zu­steigern scheint. Erst nach der Tat beginnt Paul seine eigene Handlungs­fä­higkeit zurückzugewinnen.

Eine implizite Düsternis der Szenerie wird durch die Bühne von Martin Wertmann gesteigert. Wie die zum Zuschau­erraum aufge­bro­chene Apsis von Pauls Kirche des Gedenkens an Marie wurden den gesamten Bühnenraum in der Höhe ausfül­lende Instal­la­tionen kreiert, die in zehnfacher maleri­scher Überla­gerung auf Bilder von Aleppo zurück­gehen, der wohl zerstör­testen Stadt der Welt. Die Darstel­lungen sind hochabs­trakt und erschließen sich nicht als bildhafte Wiedergabe des Ortes. Sie sind damit ein konträres künst­le­ri­sches Ausdrucks­mittel in einer ansonsten tenden­ziell stark nach realis­ti­scher Umsetzung suchenden Inszenierung.

Die Szene wird weiterhin durch das im hinteren Bühnenraum platzierte Orchester geprägt. Was zunächst als reine Notwen­digkeit, über 70 Musiker einschließlich Klavier, Celesta und Harmonium überhaupt platzieren zu können, geboten ist, bewirkt schließlich ein ganz beson­deres künst­le­ri­sches Wirkungs­element. Die durch den hochge­fah­renen Orches­ter­graben unmit­telbar vor dem Publikum agierenden Protago­nisten sowie die Video­se­quenzen werden durch die Klang­magie der Korngold-Partitur gleichsam klang­ma­le­risch und psycho­lo­gisch durch­leuchtet. Dabei passt der durch das offen spielende Orchester unmit­tel­barere Klang der Instru­mente bestens in das Konzept dieser hinter­fragten Spätro­mantik als der oft wohlig-vermischte Klang aus dem Graben.

Der Bremer Umsetzung gelingt damit eine neue Sicht­weise auf Korngolds geniales Werk unter Vermeidung einer allzu verklärten, unbestimmten, so genannten roman­ti­schen Sicht. Vielmehr durch­leiden die Personen reale Situa­tionen, die ihre Trauma­ti­sierung erklären.

Foto © Jörg Landsberg

Wieder kann Nadine Lehner mit einem glänzenden Rollen­debüt aufwarten. Ihre Marietta ist gesanglich und darstel­le­risch, insbe­sondere auch in der Choreo­grafie zusammen mit den Tänzern, mitreißend und berührend gelungen. In ihrer zunächst mädchen­haften, ungezwun­genen Art, später zunehmend eigen­ständig und fordernd, macht sie die Entwicklung des Charakters einer jungen Frau deutlich, die sich nicht von der Trauer und dem Trauma eines Mannes verein­nahmen lassen will.

Karl Schineis ist Paul. Sein kraftvoll-silbriger Tenor wird der Partie glänzend gerecht. Darstel­le­risch ist er rollen­be­dingt abstinent in der Mitte der Bühne positio­niert. Birger Radde gibt den treuen Freund Frank, der vergebens versucht, Paul aus seiner Abgeschie­denheit zu befreien. Wunderbar seine große Arie und seine abgestimmte musika­lische Gestaltung. Nathalie Mittelbach gelingt ein überzeu­gendes Porträt einer mitlei­denden Gefährtin und Haushälterin.

Ein beson­deres Lob gilt Mima Millo, die als Marie ganz kurzfristig für die vorge­sehene, erkrankte Kollegin einge­sprungen ist und dadurch die Vorstellung rettet.

Das Orchester mit seinem jungen General­mu­sik­di­rektor Yoel Gamzou funkelt in den vielfar­bigen Facetten von Korngolds genialer Partitur, nicht ohne die beson­deren Aspekte der Instru­men­tation und ihrer Klang­wirkung in ihrer Fantastik hörbar werden zu lassen.

Der Kinderchor des Theaters unter der Leitung von Alice Meregaglia überzeugt durch eine unwirk­liche Darstellung der Prozession zu Maries Tod.

Das Publikum ist faszi­niert und spendet lange Beifall mit vielen bravi für Nadine Lehner und das Orchester unter Yoel Gamzou. Wenn es nur zahlreicher erschiene – nicht wenige Plätze sind in der erst dritten Aufführung der Produktion leer.

Achim Dombrowski

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