O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Tomasz Golla

In Breslau geht ein Vorhang auf

WESELE FIGARA
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
27. Mai 2022
(Premiere am 21. Mai 2022)

 

Oper Breslau

Die Hochzeit des Figaro heißt hier Wesele Figara, was, wenn man einen solchen Titel vor sich hinmurmelt mit seinen ungewohnten Betonungen auf den vorletzten Silben, einen geheim­nis­vollen Klang hinein­bringt. Anderer­seits, auch hier, auch in der Opera Wrocławska, ist es das nämliche Stück. Auch in Wesele Figara haben die Geschlechter, wie eigentlich in allen Opern des Kompo­nisten, nur ein Thema: sich selbst. Sie erfahren die Stärke ihrer Bindungen und, im gleichen Moment, deren Gefährdung. Erwachsene Kunst wie Wesele Figara zeigt sich Takt für Takt darüber im Bilde, dass die Geschlech­ter­spannung in der Marriage, der Hochzeit, der Wesele gerade nicht aufgeht. Das macht den Reiz. Auch für das polnische Publikum, das an diesem Freitag­abend für ein ausver­kauftes Haus sorgt, indem es einer Einladung der Opern-Direk­torin Halina Oldakowska folgt: „to celebrate together“. So steht es im englisch­spra­chigen Teil des Programm­hefts, einem liebevoll aufge­machten Begleiter für eine Aufführung, die, so die Dyrektor Opery Wroclaw­skiej, ganz auf eine „young generation“ setzt – „to spread their wings and improve their skills“. Immerhin, soviel ist zuzugeben, es sind die in Doppel­be­setzung aufge­bo­tenen jungen Stimmen, die diesem Figaro zum Aufwind unter den Flügeln verhelfen. Stimmen, die etwas wollen, die noch nicht fertig sind.

Auch im Zuschau­erraum, unüber­sehbar, herrscht starker jugend­licher Anteil. Man hat sich zurecht­gemacht, hübsch aufge­brezelt, was wohl irgendwie auch ein Echo sein mag auf diesen klassi­zis­ti­schen, in den Reise­führern geprie­senen Prachtbau von Theater, das sich innen kleiner, intimer anfühlt als man draußen, davor­stehend, den Eindruck hat. Rot das Gestühl, weiß, goldfarben, reich verziert Wände und Decke, von wo die Köpfe zahlreicher promi­nenter Persön­lich­keiten aus dem vorvo­rigen Jahrhundert grüßen. Man fühlt sich aufge­nommen, ja, würdig in einem solchen Interieur. Mein Platz, Parkett, Reihe 11, ist ganz hinten, direkt unter dem ersten von insgesamt vier Balkonen, die der Bauherr der Oper Breslau seinem Archi­tekten aufge­geben hat. Die Sicht an dieser Stelle, was auch so angekündigt war, ist einge­schränkt. Die Übertitel sind nur lesbar, wenn man seinen Sitz als Liege­stuhl nutzt, was meine polnische Sitznach­barin zu meiner nicht geringen Verblüffung zwischen­zeitlich genauso prakti­zieren wird. Kurz vor dem letzten Klingeln stürmt sie heran, lässt sich, ein älteres, rundes Semester mit freund­lichem Gesicht und Kuller­augen, neben mir nieder. Sie hat eine Freundin mitge­bracht, die auf sie einredet, immer mit dem Namen vorweg. Ich verstehe: Eine Marianna sitzt neben mir.

Foto © Tomasz Golla

Dann geht der Vorhang auf. So wie er sonst selten oder eigentlich nirgendwo mehr aufgeht, seitdem die hippen Theater­macher, die ehrgei­zigen Theater­re­former sich mit ihrer Meinung durch­ge­setzt haben, dass so was ein alter Zopf ist, ein schreck­liches Symbol für unange­messene Distanz zum Publikum und folglich abgeschnitten, abgeschafft gehört. In Breslau ist das noch anders. In Breslau darf er noch mitspielen, darf seinen majes­tä­ti­schen Flair verströmen, darf sich wie von Geisterhand teilen, nur um rechts wie links oben noch einen eleganten Knicks hinzu­legen, eine Art Augen­zwinkern, das man diesem schweren Tuch gar nicht zugetraut hatte.

Das einzige, was an dieser stummen Theater­kon­vention stört, ist ihr all zu früh einge­lei­teter Start. Das Breslauer Opern­or­chester unter Bassem Akiki, einem gebür­tigen Libanesen mit Kapell­meis­ter­aus­bildung und Philo­so­phie­studium, hat die Ouvertüre gerade begonnen, da gibt der brasi­lia­nische Regisseur André Heller-Lopes bereits den Blick frei auf den Schau­platz des Figaro. Eine Fahrigkeit, die die Klangrede aus dem Orches­ter­graben unwei­gerlich zur Bühnen­musik degra­diert. Unver­standen bleibt, dass diese musizierte Eröffnung voller drama­tisch-prophe­ti­schem Potenzial steckt. Sie ist es, die um die Stärken wie die Gefähr­dungen der Geschlech­ter­be­zie­hungen weiß, die in vier nachfol­genden Akten entfaltet werden.

Hinzu­kommt ein weiteres Missver­ständnis. Dass der Figaro dezidiert in der Gegenwart seiner Entste­hungszeit spielt – im Schloss des Grafen Almaviva, Aguas­frescas bei Sevilla um 1780 – ist dieser histo­ri­sie­renden Ausstat­tungs­in­sze­nierung an keiner Stelle anzumerken. Deren Haupt­au­genmerk gilt der sich munter drehenden Bühne, die man vollge­stellt hat mit maurisch-arabesk angehauchten Kästen, Treppen, Bögen, Toren und einem, ausge­rechnet, unbenutzt bleibenden Himmelbett, womit die Regie, ganz und gar unfrei­willig, zu Protokoll gibt: Was wir hier machen, liebes Publikum, hat mit Euch, hat mit Eurer Welt da draußen nichts zu tun. Wir machen Oper. Eine Nicht-Haltung zum Stück, die in der Konse­quenz ihre eigene Überflüs­sig­ma­chung betreibt. Immer nur neu ausstatten zu wollen, muss jede Insze­nierung in den Sinkflug zwingen. – Was also bleibt von Breslau?

In jedem Fall, dass dort schön musiziert wurde: seitens des städti­schen sinfo­ni­schen Orchesters, dessen gepflegte Spiel­kultur sich problemlos aus dem Graben vermittelt ebenso was das junge Gesangs-Ensemble des Hauses angeht, dessen Elan diese Aufführung überhaupt trägt. Sitznach­barin Marianna sieht es wohl ähnlich, jeden­falls ist das einer Körper­sprache zu entnehmen, die mir hierzu­lande eher selten unter­kommt. Wenn Susanna, die an diesem Abend eine Aleksandra Laska ist, in ihre Arien, Duettinos, Terzette einsteigt, wenn sie kokett ihren zudring­lichen Grafen Adam Kutny in die Schranken verweist, sind Mariannas Augen ganz weit und glänzen. Ist die Arie zu Ende, klatscht sie, wie es die Kinder machen, schnell und hell. – Irgendwann fällt der Vorhang, und der stumme Diener der Breslauer Oper verab­schiedet sich, wie er uns begrüßt hat: elegant.

Georg Beck

Teilen Sie O-Ton mit anderen: