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L’INCONTRO IMPROVVISO
(Joseph Haydn)
Besuch am
24. August 2019
(Premiere)
Konzertante Opernaufführungen sind eigentlich ein Widerspruch in sich, weil sie eben kein „Gesamtkunstwerk“ darstellen. Trotzdem erfreuen sie sich bei Veranstaltern immer größerer Beliebtheit. Ob das beim Publikum auf Dauer gut ankommt, wird man sehen. Natürlich gibt es immer „gute Gründe“, warum von einer Oper nur zwei Drittel aufgeführt werden. Wollen wir den Menschen diese tolle Musik vorenthalten, nur, weil uns das Geld für eine Inszenierung fehlt? Entweder eine großartige Spielstätte oder das Opernhaus, was wollt ihr lieber? Wenn wir das Geld für die Inszenierung einsparen, können wir „bessere“ Sänger aufbieten. Und so weiter und so fort. Besonders ärgerlich wird es, wenn Opernhäuser sich der Verpflichtung des Gesamtkunstwerks entziehen – oder wenn vor Ort nicht wenigstens alle kreativen Möglichkeiten ausgenutzt werden, aus einer konzertant aufgeführten Oper etwas Besonderes zu machen.
Zum Abschluss des diesjährigen Haydn-Festivals, das alljährlich im Rahmen der Brühler Schlosskonzerte stattfindet, hat sich der Künstlerische Leiter Andreas Spering etwas prinzipiell Besonderes einfallen lassen. Joseph Haydns Oper L’incontro improvviso – Die unverhoffte Zusammenkunft – kommt zur Aufführung. 1775 wurde das Werk erstmals im Haus Esterháza gezeigt. Sieben Jahre vor der Entführung aus dem Serail von Wolfgang Amadeus Mozart. Thematisch so ähnlich, weil es der Mode der Zeit entsprach, alles Orientalische großartig zu finden, qualitativ übertrumpft Mozarts Singspiel Haydns Dreiakter; zumindest scheinen sich die meisten Menschen heute darüber einig. Möglicherweise sind Oper und Singspiel auch gar nicht vergleichbar. Für Spering jedenfalls steht ein Vergleich nicht zur Debatte, sondern die Aufführung von „Haydns Entführung“ im Vordergrund.

Mit der Veranstaltung im Treppenhaus des Schlosses Augustusburg in Brühl gibt es gewichtige Gründe für eine konzertante Aufführung des Werks. Das Vestibül verfügt über eine fantastische Akustik, in der die Musik einer Oper so erstrahlen kann, wie es woanders vielleicht nicht möglich ist. Dafür sind wenig Platz und wenig Technik für eine Bühne gegeben. Spering entscheidet, dass der akustische Gewinn so groß ist, dass man für eine konzertante Aufführung votieren kann. Und behält prinzipiell recht.
Gerade mal 22 Musiker der Capella Augustina reichen aus, um einen ganz wunderbaren Klang zu entfalten, von Thomas Wormitt am Cembalo für die Rezitative ganz zu schweigen. Das Orchester wird auf dem Mittelpodest platziert, weil die Musik von hier aus bis in alle Ecken und Winkel dringt. Ein bisschen Premieren-Stress zu Beginn hat Spering schnell im Griff und leitet das Orchester zügig in sichere Bahnen. Das Lächeln von Konzertmeisterin Monica Waisman nach der Ouvertüre zeigt: Von nun an wird orchestral alles gut. Sie behält Recht. Spering behält die Übersicht und kümmert sich um Sänger wie Musiker gleichermaßen. Als kleinen Spaß übernimmt er eine Nebenrolle und singt die eine Strophe des dritten Subalterno. So sieht Souveränität aus.
Bei den Sängern wird die Beurteilung ein bisschen schwieriger. Hervorragende Stimmen ohne Ausnahme, auch wenn es im zweiten Akt hie und da ein wenig schwächelt – das ist durchaus den hochsommerlichen Temperaturen geschuldet. Aber ein Opernsänger, der einen regulären Auftritt hat und den nur vom Blatt singen kann, hat doch nichts mehr mit Kunst zu tun. Die Besucher haben den vereinbarten Eintrittspreis bezahlt und dürfen erwarten, dass sie das zu sehen und zu hören bekommen, wofür sie bezahlt haben: Einstudierte Sänger, die sich mit der Rolle auseinandergesetzt und sie verinnerlicht haben. Was bei der Aufführung von Kirchenmusik längst zur Pest geworden ist, greift auch bei – konzertanten – Opernaufführungen immer mehr um sich. Demnächst werden wir auch bei Inszenierungen noch Sänger erleben, die über ihre eigenen Notenständer stolpern.

In Brühl ist die Angst vor dem Publikum übermächtig. Hier traut sich niemand zwei Stufen über die Freitreppe hinunter. Fest zurren sich die Sänger vor dem Orchester, verstecken sich noch lieber auf dem rechten Treppenaufstieg. Und wenn es dann ganz schlimm kommt, erschallen die Stimmen vom Obergeschoss aus, was so klingt, als riefe jemand ins Treppenhaus, vielleicht in Wanne-Eickel im Mehrfamilienhaus. Währenddessen bleibt die Freitreppe zum Mittelpodest verbotene Zone. Als die Sänger zum Schlussapplaus erstmalig die Treppe hinunterschreiten, wird richtig deutlich, wie viel Potenzial an diesem Abend verschenkt worden ist.
Robin Johannsen als Rezia, Sophie Harmsen als Dardane und Berit Norbakken Solset als Balkis gehen ebenso in ihre festgefügten Positionen wie Juan Sancho in der Rolle des Ali oder Rafael Fingerhus als Calandro. David Fischer traut sich als Osmin immerhin mal, sich auf den Sicherungspodest des Dirigenten zu setzen. Selbst das brausende Finale erklingt vom ersten Podest aus, wo sich Sänger und Orchester drängen.
Spering hat Recht, wenn er die Akustik über die Inszenierung setzt, weil sie wirklich überwältigend ist. Aber das Treppenhaus des Schlosses gibt mehr her als Rampensingen. Dabei hat man sich doch sonst so viel Mühe gegeben. Das Programmheft schildert die Handlung und bildet das Libretto zweisprachig – italienisch und deutsch – ab. Sogar für Disziplin wird gesorgt an diesem Abend. Eine eigens abgestellte Aufsichtskraft sorgt dafür, auf das Fotografierverbot zu achten. Die greift hart durch. Da wird schon mal quer durch den Saal geschrien, und während der Aufführung schreitet der Mann durch den Saal, um einen Widerständler mit Handy zur Ordnung zu rufen. Ob ein solches Ordnungssystem Zukunft hat, mag dahingestellt sein.
Nach den ersten Bravo-Rufen und einem mächtigen Applaus verabschiedet sich das Publikum recht zügig, um zum Feuerwerk zu gelangen, das an diesem Abend noch im Park aufleuchtet.
Michael S. Zerban