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AUS EINEM TOTENHAUS
(Leoš Janáček)
Besuch am
7. November 2018
(Premiere am 6. November 2018)
In Salzburg gelang dem polnischen Regisseur Krzysztof Warlikowski in diesem Sommer mit Hans Werner Henzes Oper Die Bassariden eine Sternstunde. So glänzend präsentiert sich seine Deutung von Leoš Janáčeks letzter Oper Aus einem Totenhaus am Brüsseler Monnaie-Theater bei weitem nicht. Das liegt nicht nur an dem noch düsteren Stoff, sondern an Warlikowskis Perspektive, aus der wesentliche Aspekte der Oper und der literarischen Vorlage von Fjodor Dostojewski an den Rand gedrängt werden.
Aus Dostojewskis beklemmenden Erinnerungen an seinen vierjährigen Aufenthalt in einem sibirischen Straflager schmiedete Janáček eine „Oper ohne Handlung“, basierend auf Erlebnis‑, Lebens- und Leidensgeschichten der Sträflinge. Damit ist das Totenhaus an allgemeingültiger Brisanz nicht zu überbieten. Daran mangelt es Warlikowskis Inszenierung nicht, der das Geschehen nicht in ein bestimmtes aktuelles oder spezifisch sibirisches Straflager verlegt, sondern in eine triste Gefängnis-Turnhalle, die die Langeweile des Knast-Alltags ausdrückt, aber nur wenig bedrückend wirkt. Seine nüchterne Lesart unterstreicht Warlikowski zu Beginn der Akte durch Video-Einblendungen eines aktuellen politischen Gefangenen und, besonders störend, zum eindrucksvollen Orchestervorspiel mit theoretischen Ausführungen von Michael Foucault zum Gefangenendasein. Genau das verfehlt die Intentionen Dostojewskis und Janáčeks, die der Masse der anonymen Gefangenen einen Namen, ein „menschliches Gesicht“ geben und letztlich zeigen wollen, dass in jedem Menschen, in jedem noch so brutalen Mörder, ein „Funke Gottes“ glüht. Ein zentraler menschlicher Aspekt, der sowohl in der Inszenierung als auch in der derben musikalischen Leitung von Michael Boder kaum zum Tragen kommt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Bühnenbildnerin Małgorzata Szczęśniak schuf eine kühle Kulisse mit einer heruntergekommenen Turnhalle, die von einem Gitterkäfig als Aufnahmesektor flankiert ist, der mobil verschoben werden kann und der auch als Bühne für die von den Sträflingen produzierte Theateraufführung dienen kann. Eine Aufführung, die wie eine Show im Affenkäfig wirkt und wenigstens Spuren von Beklemmung auslöst.

Ansonsten trägt das Bühnenbild wenig dazu bei, den menschlichen Kern des Stücks schärfer ins Auge fassen zu können. Die ergreifenden Erlebnisberichte der Gefangenen, auch die zarte Freundschaft zwischen dem Neuankömmling Gorjantschikow und dem jungen Aljeja, wirken trotz glänzender Sänger distanziert und kühl und die Chance, mit einfachen, vom Stück vorgegebenen Symbolen den nicht erloschenen Freiheitsdrang der Inhaftierten bewusst zu machen, wird verschenkt. Etwa das Bild des verletzten Adlers, den die Gefangenen aufpäppeln und am Ende in die Freiheit schicken, was Warlikowski ignoriert.
Michael Boder am Pult des Brüsseler Orchesters setzt auf harte, dynamisch schroffe, nicht immer sängerfreundliche Akzente. Die Feinheiten der Partitur kommen wenig zum Tragen, was die vielköpfige, durchweg hervorragende Sänger-Crew um einen Teil ihrer Wirkung bringt. Alle 23 Solisten hätten es verdient, herausgestellt zu werden. Stellvertretend genannt seien hier Willard White als Gorjantschikow mit seinem grandiosen Monolog, Pascal Charbonneau als Aljela, Stefan Margita als Luka und Nicky Spence als „großer Gefangener“. Und ein Wiedersehen gibt es mit dem legendären Graham Clark als „alter Gefangener“.
Das Publikum reagiert freundlich, wenn auch nicht enthusiastisch, was angesichts des Stücks auch nicht nötig sein muss. Nach der ebenfalls problematischen Zauberflöte von Romeo Castellucci kann auch die zweite große, mit einem prominenten Regisseur bestückte Produktion der Brüsseler Oper in dieser Saison noch nicht ganz an die Triumphe der letzten Spielzeiten anknüpfen. Aber die Saison ist ja noch jung.
Pedro Obiera