O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
DIALOGUES DES CARMÉLITES
(Francis Poulenc)
Besuch am
8. Dezember 2017
(Premiere)
Die Glanzzeiten der Brüsseler Oper, die noch der unvergessene Gerard Mortier in den 1980-er Jahren einläutete, sind zwar Geschichte, dennoch lohnt sich ein Abstecher in die belgische Hauptstadt immer wieder, auch wenn „nur“ eine Übernahme aus einem anderen Haus auf dem Programm steht. Gegen diese mittlerweile allerorts gängige Praxis ist auch nichts einzuwenden, wenn nicht gänzlich auf eigene Inszenierungen verzichtet wird und wenn es sich um legendäre Spitzenproduktionen wie die von Olivier Pys Deutung von Francis Poulencs 1957 in Mailand uraufgeführter Oper Dialogues des Carmélites – Gespräche der Karmeliterinnen – handelt. Nicht nur das Werk gehört zu den Meilensteinen des modernen Musiktheaters, auch Pys Pariser Inszenierung des überwältigenden Werks verdient einen Ehrenplatz im Olymp der Theatergeschichte. Wenn die vor vier Jahren in Paris aus der Taufe gehobene und mittlerweile zu DVD-Ehren gelangte Produktion jetzt auch im Brüsseler Opernhaus Begeisterungsstürme auslöst, tut man den Belgiern Unrecht, den Regisseur allzu vordergründig ins Rampenlicht zu rücken. Denn an der Aufführung stimmt so gut wie alles. Die leuchtkräftige, ebenso intensive wie feinfühlige musikalische Leitung durch den Brüsseler Musikchef Alain Altinoglu, das bis in die winzigste Rolle hinein superb besetzte Ensemble, die unter die Haut gehende Inszenierung Pys und die ebenso schlichten wie bedrückenden Bühnenbilder von Pierre-André Weitz.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Dabei bietet sich der Stoff auf den ersten Blick nicht gerade für die Opernbühne an. Dem Titel gemäß bestimmen in der Tat Gespräche das Werk, das auf eine Theaterversion der berühmten Novelle Die Letzte am Schafott von Gertrud von le Fort zurückgeht. Eine eindrucksvolle Seelenschilderung der 16 Pariser Karmeliterinnen, die sich 1794 kurz vor dem Höhepunkt und Ende des jakobinischen Terrors weigerten, ihrem Gelübde zu entsagen, gemeinsam unter der Guillotine starben und später seliggesprochen wurden. Im Mittelpunkt der Novelle steht die junge Adelige Blanche de la Force, die sich dem weltlichen Revolutionsterror durch die Flucht ins Kloster entziehen will, aber auch dort von den Schrecken der Realität eingeholt wird. Sowohl die Novelle als auch die Oper faszinieren vor allem durch die filigrane psychologische Charakterisierung einer Figur, die von Ängsten durchschüttelt wird und sich als Nonne Blanche von der Todesangst Christi nennt. Ängste, die von äußeren Umständen ausgelöst werden, aber im Inneren noch schmerzlichere Konflikte aufwühlen. Als die Nonnen gezwungen werden, zwischen Tod und Widerruf ihres Gelübdes zu wählen, entscheiden sie sich für den Märtyrertod, angefeuert von der extrem überzeugten Novizenmeisterin Mère Marie de L’Incarnation. Blanche kann dagegen ihre Ängste nicht besiegen und flieht kurz vor dem Ende, bevor sie dann doch als Letzte das Schafott mit ihren Glaubensschwestern besteigt.

Dabei muss erwähnt werden, dass sowohl Gertrud von le Fort als auch Francis Poulenc keinerlei Schwarz-Weiß-Zeichnung betreiben und alle Figuren sehr differenziert skizzieren. Blinder Fanatismus ist nicht angesagt. Alle Figuren zeigen menschliche Größen und Schwächen. Und genau das wird in Olivier Pys Inszenierung in lupenreiner Klarheit deutlich. Die äußeren Einwirkungen, also die kurzen Auftritte der Revolutionsschergen, inszeniert er so dezent wie das Ende der Nonnen, die schlicht eine nach der anderen während eines ergreifenden Schlussgesangs in den offenen Bühnenhintergrund abwandern. Von Blut und Guillotine, von geiferndem Volk ist nichts zu sehen und zu hören.
Umso penibler inszeniert er die vielen Dialoge, die die Seelenlage und unterschiedlichen Haltungen der Figuren erkennen lassen. Eindrucksvoll die Vision der alten sterbenden Priorin vom Untergang des Klosters, deren Bett wie ein Kruzifix an den Bühnenhintergrund genagelt ist. Die dunklen, verschiebbaren Wandgerüste von Pierre-André Weitz passen sich den Orts- und Stimmungswechseln nahtlos wie ein Handschuh an. Schnell, schlicht und überzeugend.
Und aus dem Orchestergraben hören wir unter Leitung von Alain Altinoglu ein symphonisches Gemälde von idealer Transparenz und Ausdrucksdichte. Niemals zu stark, immer sängerdienlich und dennoch von glühender emotionaler Intensität durchzogen.
Und über die Besetzung kann man, darstellerisch wie gesanglich, nur ins Schwärmen geraten. Dass Patricia Petibon als Blanche besonders imponierend herausragt, liegt an der exponierten Bedeutung der Rolle, nicht etwa an den minderen Leistungen des vielköpfigen Ensembles, an dem nicht das Geringste auszusetzen ist. Nicht an Sophie Koch als Mère Marie, nicht an Sandrine Piau als Novizin Constanze oder an Sylvie Brunet-Grupposo als sterbenskranke Priorin. Und nichts am Rest des vielköpfigen Ensembles, wobei auch die naturgemäß weniger bedeutenden Männerrollen mit Stanislav de Barbeyrac als Blanches Bruder an der Spitze keineswegs nachlässig behandelt werden. Zu erwähnen ist, dass die großen Rollen für die folgenden Aufführungen doppelt besetzt sind.
Eine rundum überzeugende Produktion und eine große Herausforderung an das Theater Aachen, das das Stück in einer eigenen Neuinszenierung ab dem 14. April zeigen wird. So groß die Begeisterung des Publikums: Ein so hemmungs- und rücksichtslos hustendes Auditorium wie in der Premierenvorstellung ist selten zu erleben.
Pedro Obiera