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Foto © Van Rompay_Segers

Nettes Bilderbuch ohne Konzept

TRISTAN UND ISOLDE
(Richard Wagner)

Besuch am
2. Mai 2019
(Premiere)

 

La Monnaie de Munt, Brüssel

Der enthu­si­as­tische Applaus, mit dem Alain Altinoglu vor der Premiere von Richard Wagners Oper Tristan und Isolde begrüßt wird, zeigt die Beliebtheit, die sich der smarte Maestro in den zurück­lie­genden drei Jahren als Musikchef der Brüsseler Oper erarbeitet hat. Und gleich das Vorspiel leuchtet so plastisch und vorwärts­stürmend auf wie aus den besten Jahren Karl Böhms. Die orches­trale Qualität ist es letztlich, die der Neupro­duktion ihren beson­deren Akzent verleiht. Leider nimmt Altinoglu dabei wenig Rücksicht auf die Sänger, die sich gegen die fulmi­nanten Klang­fluten des Orchesters nur mit riskanten Kraft­akten durch­setzen können. Gesund für die Stimmen ist das nicht. Und werkdienlich letztlich auch nicht.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Das wirkt sich auf das vokale Niveau hörbar aus. In Brüssel sind die Haupt­rollen zweifach besetzt. In der Premiere überzeugt Ann Petersen als Isolde durch eine ausge­prägte emotionale Inten­sität in Darstellung und stimm­lichem Ausdruck, auch wenn sie in den Höhepunkten hörbar forcieren muss. An Ausstrahlung kann Bryan Register nicht mit der Kollegin konkur­rieren und spart seine Kräfte für den anstren­genden dritten Akt so extrem auf, dass er in den ersten beiden Aufzügen seine Stimme strecken­weise nur zu markieren scheint. Rundum überzeugen kann auch Nora Gubisch als Brangäne nicht, die sich mit ihren vibra­tor­eichen und scharfen Spitzen­tönen als überfordert zeigt. Grandios und nobel wie gewohnt, charak­te­ri­siert Franz Josef Selig den König Marke, und auch Andrew Foster-Jenkins als Kurwenal entspricht dem Niveau des renom­mierten Hauses. Was die drei Haupt­partien angeht, werden mögli­cher­weise Chris­topher Ventris als Tristan, Ricarda Merbeth und Kelly God als Isolde sowie Ève-Maud Hubeaux als Brangäne die vokalen Akzente noch positiv verschieben können.

Foto © Van Rompay_Segers

Für die Insze­nierung wurde mit dem Filme­macher Ralf Pleger und dem bildenden Künstler Alexander Polzin ein Team mit nicht allzu großen Erfah­rungen im Musik­theater verpflichtet. Für ein aktions­armes Stück wie den Tristan eine gewagte Wahl, auch wenn sich Pleger mit seinem Porträtfilm Wagnerwahn schon inten­siver mit dem Bayreuther Meister ausein­an­der­ge­setzt hat. Im Brüsseler Tristan verlässt sich Pleger freilich allzu blind auf die starken Bilder Polzins, ohne sie richtig zu nutzen, um die Hilflo­sigkeit, der er der Handlung ausge­setzt zu sein scheint, entgehen zu können.

Es sind die Bilder Polzins, die Aufmerk­samkeit erregen. Weiße, an bedroh­liche Eiszapfen erinnernde Tuch-Arran­ge­ments schweben im ersten Akt über dem Liebespaar. Ein aus mensch­lichen Körpern zusam­men­ge­setzter, verwach­sener Baum bildet nicht nur die Kulisse, sondern auch die Spiel­stätte des Liebes­duetts, und vor einer durch­lö­cherten und gespens­tisch ausge­leuch­teten Rückwand stellt sich Tristan seinem Todes­kampf. Wie auch die von Akt zu Akt wechselnde Kostüm­parade von Wojciech Dziedzic wirkt das optisch anregend, entspricht letztlich jedoch nicht mehr als Plegers These, Wagners Werk müsse „in erster Linie eine bezau­bernde, sinnliche und visuell beein­dru­ckende Erfahrung sein.“ Das trifft zwar bedingt zu, reicht aber nicht, um die komplexe Beziehung des einst auf den Tod verfein­deten und letztlich bis in den Tod mitein­ander verwach­senen Paares hinter­gründig inter­pre­tieren zu können. Doch über diesen zentralen Aspekt erfahren wir nicht das Geringste. Die Perso­nen­führung erschöpft sich in stili­sierten Gesten aus dem Nähkästchen Robert Wilsons. Immer wieder laufen die Figuren hilflos an der Rampe wie einge­schlossene Raubtiere umher. Wie willkürlich Pleger mit dem diffi­zilen Verhältnis von Nähe und Distanz zwischen den beiden Titel­helden umgeht, lässt auf eine Ratlo­sigkeit schließen, die auch den Schluss befällt.

Da haben in der letzten Zeit Fachmänner wie Romeo Castel­lucci mit seinem Parsifal und Olivier Py mit seinem Lohengrin in Brüssel wesentlich Nachhal­ti­geres zum Thema Wagner beigetragen. Das Brüsseler Premieren-Publikum lässt die musika­li­schen Akteure hochleben, während der Beifall für das szenische Team verhalten bleibt.

Pedro Obiera

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