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Foto © Nasser Hashemi

Kunst und Religion

PARSIFAL
(Richard Wagner)

Besuch am
30. März 2018
(Premiere am 1. Juni 2013)

 

Oper Chemnitz

Für viele Christen ist es zu Ostern eine Selbst­ver­ständ­lichkeit, die Oster­nachts­messe zu besuchen. Und für viele Wagne­rianer, unter denen es auch viele Christen gibt, ist es ein Muss, am Karfreitag Parsifal zu besuchen. An vielen deutschen Opern­häusern steht daher am Karfreitag Wagners letztes Werk, sein „Bühnen­weih­fest­spiel“, auf dem Spielplan. Ist es nur der dritte Aufzug der Handlung, der an einem Karfreitag spielt, und die musika­lische Umsetzung des „Karfrei­tags­zaubers“, oder ist die rituelle Handlung in diesem Werk vielleicht sogar ein Ersatz für den Gottes­dienst zu Ostern? Das Werk selbst erlebte unmit­telbar nach Ablauf der 30-jährigen Schutz­frist 1914 seine sächsische Erstauf­führung im anno 1909 einge­weihten Chemnitzer Opernhaus, was der Stadt den ehren­vollen Beinamen Sächsi­sches Bayreuth einbrachte. Mit Parsifal wurde dieses Haus auch 1992 nach der Rekon­struktion wieder­eröffnet. Zum 200. Geburtstag von Richard Wagner im Jahre 2013 ehrte die Stadt den Kompo­nisten mit einer Neuin­sze­nierung des Bühnen­weih­fest­spieles in einer Insze­nierung von John Dew. Diese Insze­nierung steht nun am Karfreitag als Wieder­auf­nahme auf dem Chemnitzer Spielplan. Und wer sich mit der Vita von John Dew beschäftigt, weiß, dass eine Insze­nierung des Parsifal von ihm nicht ohne religi­ons­kri­tische Untertöne über die Bühne gehen wird. Die Frage ist, aus welcher Perspektive Dew das Werk betrachtet. Und die Antwort ist so verblüffend wie einfach: Aus Wagners Perspektive. Um Dews insze­na­to­ri­schen Ansatz verstehen zu können, muss man ein frühes Erlebnis von ihm mit Wagner voranstellen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

John Dew beschreibt seinen emotio­nalen Ausnah­me­zu­stand, als er 1964 als Zwanzig­jäh­riger zum ersten Mal im Bayreuther Festspielhaus war und den Parsifal erlebte. „Mitten im zweiten Akt, in dem Augen­blick, wo Parsifal seine erste Anregung des Mitleids erfährt, erfasste mich ein Gefühl des Unvoll­kom­menen, eine Gewissheit, dass mein Leben sich anders entwi­ckeln musste als bis dahin. Ich wurde von Weinen überwältigt. Ich glaube jetzt, dass dieser Moment der erste Schritt war, den ich aus der Kindheit getan habe. Die erste Erkenntnis des Mitleids. Was ich seither an Geistes­ent­wicklung mitge­macht habe, begann an jenem heißen Augusttag, als ich die Worte Amfortas! Die Wunde! hörte“, schreibt er. Dieses Schlüs­sel­er­lebnis des jungen John Dew wird noch um so prägnanter, wenn man in die Historie zurückgeht und schaut, wer da in Bayreuth am 13. August 1964 im Parsifal mitge­wirkt hat: In der legen­dären Wieland-Wagner-Insze­nierung dirigierte Hans Knapperts­busch das Festspiel­or­chester, sang John Vickers den Parsifal, Thomas Stewart den Amfortas, Hans Hotter den Gurnemanz, und Babro Ericson die Kundry. Diese Aufnahme ist als Referenz­auf­nahme für die Nachwelt erhalten. Das alles muss man im Hinterkopf haben, wenn fast 50 Jahre nach diesem Erlebnis Dew seinen Parsifal in Chemnitz in Szene setzt.

Foto © Nasser Hashemi

Der Kernsatz seiner Insze­nierung, am Schluss als Projektion einge­blendet, ist Wagners These. „Da, wo die Religion künstlich wird, ist es der Kunst vorbe­halten, den Kern der Religion zu retten.“ Dew folgt dem Prinzip von These und Antithese. Gemeinsam mit dem Regisseur Marcelo Buscaino, der Dews Konzept mit großer Inten­sität in Chemnitz umsetzt, werden durch die ausdrucks­starken und oft mystisch erhöhten und überdi­men­sio­nalen Bühnen­bildern von Heinz Balthes sowie den teilweise abstrakten Kostümen von José Manuel Vázquez und einer subtilen Licht­regie von Matthias Klemm Momente großer drama­ti­scher Dichte erzeugt. Dazu zählt auch ein riesiges, langsam nach oben schwen­kendes Weihrauchfass sowie der Aufzug der Grals­ritter mit gut 20 in blau und später rot leuch­tenden Lanzen, die die Überreste des Grals­tempels symbolisieren.

Der erste und dritte Aufzug zeigen aus Wagners Perspektive die christ­liche Religion, der zweite Akt mit Klingsor als Antipoden die Religi­ons­kritik. Im ersten Aufzug sieht man zu Beginn eine große Inschrift, wie ein Tisch geformt, der bei genauem Hinsehen die Namen von vier großen Kirchen­lehrern der Spätantike beinhaltet. „Augus­tinus, Hiero­nymus, Gregorius und Ambrosius“, steht da geschrieben. Eine wie ein dreiflüg­liger Wandaltar wirkende große Schul­tafel, auf der die Grals­ge­schichte aufgemalt ist, dient Gurnemanz als Hinter­grund für seine lange Erzählung im ersten Aufzug. Amfortas erscheint als Kirchen­fürst in großer Robe, während Gurnemanz und die Grals­ritter in Mess- oder Mönchs­ge­wändern den christ­lichen Bezug der Gralssage symbo­li­sieren. Das überdi­men­sionale, über den Grals­rittern schwe­bende Kreuz, einer Dali-Darstellung des Gekreu­zigten nachemp­funden, symbo­li­siert die Last und die Qual, die Amfortas mit sich trägt.

Die Antithese folgt im zweiten Aufzug. Die große Inschrift enthält jetzt die Namen von vier Philo­sophen der Neuzeit. „Voltaire, Nietzsche, Marx und Spinoza“, die die Religion kriti­siert, entlarvt oder zerstört haben. Klingsor steht in der Figur des Friedrich Nietzsche, der anfangs ein glühender Verehrer von Richard Wagner war, auf den überdi­men­sio­nalen Seiten seines Buches Die fröhliche Wissen­schaft von 1882, dem Jahr der Parsifal-Urauf­führung. Kundry entsteht im wahrsten Sinne des Wortes aus den Blättern dieses Buches. Sie trägt wie die Blumen­mädchen ein Gewand, bedruckt mit Nietzsche-Texten mit der These „Gott ist tot“ aus dem dritten Buch von Die fröhliche Wissen­schaft, das das Thema Religion und Moral behandelt. Über der Szene hat eine überdi­men­sio­nierte Schlange als Symbol der Versu­chung im Paradies statt Christus das Kreuz fest umschlungen.

Im dritten Aufzug ist die Bühne zunächst öde, verwandelt sich dann aber im Karfrei­tags­zauber durch eine großflä­chige, bewegte Spiegelung der heiligen Quelle, bis nach der Verwandlung bei geschlos­senem Vorhang wieder die Grals­szene aus dem ersten Aufzug erscheint. Doch jetzt ist das große Kreuz verhüllt, und erst mit der Übernahme des Amtes von Parsifal und der Enthüllung des Grals fällt das Tuch vom Kreuz, und Dews kritische Sicht­weise auf die Religion bei Wagner endet mit der schon eingangs erwähnten Projektion: „Da, wo die Religion künstlich wird, ist es der Kunst vorbe­halten, den Kern der Religion zu retten“.

Mit großar­tigen Sänger­dar­stellern gelingt es der Oper Chemnitz, diese symbol­trächtige Wieder­auf­nahme auch musika­lisch und spiele­risch auf hohem Niveau umzusetzen. Thomas Mohr, Leipzigs umjubelter Siegfried, singt die Partie des Parsifal mit intel­li­genter Kraft­ein­teilung. Sein stahl­kräf­tiger Tenor mit barito­nalen Timbre meistert die Höhen ohne Probleme, sein „Amfortas! Die Wunde!“ ist erschüt­ternd. Den Vertrag für Chemnitz hatte Mohr übrigens bereits vor vier Jahren unter­schrieben, da konnte noch keiner ahnen, wie sich der Helden­tenor in dieser Zeit entwi­ckeln würde. Es ist aber auch ein Abend der großen Debüts. Allen voran Magnus Piontek als Gurnemanz. Der junge Bass, erst in seiner zweiten Spielzeit am Theater Chemnitz, hatte grade eine Woche zuvor ein fulmi­nantes Debüt als Hunding in der Premiere der Walküre gegeben, und nun gibt er einen Gurnemanz mit klarem Bass und beein­dru­ckender Textver­ständ­lichkeit. Seine große Erzählung im ersten Aufzug singt er balsa­misch und mit deutlichen Phrasie­rungen und Bögen, die eine große Spannung aufbauen. Besonders eindrucksvoll gelingt ihm das im dritten Aufzug in der Salbungs- und Krönungs­szene sowie dem anschlie­ßenden Karfrei­tags­zauber. Hier hat jemand, der vom Alter der Sohn von Parsifal-Darsteller Thomas Mohr sein könnte, vielleicht schon seine Lebens­rolle gefunden.

Katerina Hebelkova gelingt ebenfalls ein furioses Rollen­debüt. Sie gibt die Kundry mit erotisch warmem und vollklin­gendem Mezzo­sopran sowie drama­ti­schen Höhen und meistert darstel­le­risch beein­dru­ckend den szeni­schen Wechsel von der gejagten Furie zur Verfüh­rerin bis hin zur liebenden Dienerin. Katzen­gleich sind ihre Bewegungen, und in der großen Verfüh­rungs­szene im zweiten Aufzug gleicht sie der Venus im Tannhäuser.

Michael Bachtadze beein­druckt als Amfortas mit kulti­viertem, wohlklin­gendem Bariton und ausdrucks­starker Leidens­fä­higkeit. Seine „Erbarmen“- Rufe erschüttern, und der Piano-Ansatz der letzten Szene ist von großer Emotio­na­lität. Martin Bárta debütiert in der Rolle des Klingsor, die er mit großer Inten­sität und Leiden­schaft anlegt. André Eckert gibt den Titurel mit wohltö­nendem Bass, und das Alt-Solo von Sophia Maeno aus der Höhe passt stimmlich gut zur Atmosphäre auf der Bühne. Grals­ritter, Knappen und Blumen­mädchen, aus der Guibee Yang wie schon in der Walküre stimmlich kulti­viert herausragt, fügen sich harmo­nisch in das Gesamt­ensemble ein.

Großartig die von Stefan Bilz einstu­dierten Chöre, die besonders die Liebes­mahl­szene im ersten Aufzug und die Schluss­szene im dritten Aufzug mit großer Inten­sität umsetzen und dabei vor der großen Heraus­for­derung gestanden haben, einige Chorszenen unsichtbar hinter der Bühne zu gestalten. Guillermo Garcia Calvo leitet die Robert-Schumann-Philhar­monie mit großem Engagement und lässt durch sein unprä­ten­tiöses Dirigat wunderbare Phrasie­rungen und Akzen­tu­ie­rungen zu. Das Vorspiel hat sakralen Charakter, das Tempo ist zügig, aber niemals hastig. So endet der erste Aufzug nach knapp 90 Minuten, was schon sehr schnell ist. Beein­dru­ckend seine präzisen Einsätze, die das Gesamt­ensemble aus Musikern, Solisten und Chor zu einer homogenen Gestaltung führen, dabei hat er immer den Blick für den Sänger, der für ihn im Vorder­grund steht und dem er das Orchester unterordnet.

Das Theater Chemnitz ist an diesem Karfreitag leider nur mäßig besetzt. Eine Aktion eine Woche zuvor bei der Premiere der Walküre versprach jedem Besucher eine Ermäßigung von einem Viertel des Kaufpreises für eine Parsifal-Karte unter Vorlage des Walküren-Premie­ren­ti­ckets. So richtig aufge­gangen ist diese Aktion aber nicht, dafür bleiben zu viele Plätze leer. Und das Publikum, das an diesem Karfreitag die Aufführung besucht, ist wieder einmal sehr heterogen. Einer­seits, wie schon in den letzten Auffüh­rungen, zahlreiche Bronchi­al­rüpel, die mit großer Inten­sität und Nachhal­tigkeit besonders die ruhigen und sensiblen Stellen der Partitur zu stören wissen. Anderer­seits aber auch ein Publikum, das ein sensibles Gespür für das Geschehen auf der Bühne mit großer Begeis­terung für das gesamte Ensemble entwi­ckelt. Wohltuend die kurze Stille nach dem ersten und dritten Aufzug, bevor zunächst verhal­tener Applaus einsetzt, der sich aber zum Schluss in frene­ti­schen Jubel verwandelt. Und so mancher Zuschauer schämt sich seiner Tränen nicht ob der inten­siven Darbietung auf der Bühne.

Mit dieser Parsifal-Wieder­auf­nahme hat Chemnitz nicht nur musika­lisch einen Karfrei­tags­zauber geboten, sondern durch die inten­siven Bezüge zur Religion mit ihren christlich-jüdischen Wurzeln hat diese sehens­werte Insze­nierung von John Dew auch fünf Jahre nach ihrer Premiere einen aktuellen politi­schen Bezug.

Andreas H. Hölscher

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