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Wenn in diesen Tagen von Chemnitz die Rede ist, dann steht leider nicht die Kunst im Vordergrund, sondern die unseligen Vorgänge um Ausländerfeindlichkeit, Hetzjagden, rechter Propaganda und die zur Staatsaffäre hochdeklinierten Aussagen des Präsidenten des Verfassungsschutzes. Das ist natürlich eine eindimensionale Betrachtung einer Stadt, die dieses Jahr ihr 875. Stadtjubiläum begeht und das mit einer Neuinszenierung von Richard Wagners Ring des Nibelungen feiert. Das Theater Chemnitz hat auf die dramatischen Vorfälle in der Stadt souverän reagiert und am 7. September mit einer Open-Air-Aufführung von Ludwig van Beethovens Neunter Symphonie vor mehreren Tausend Besuchern auf dem Theaterplatz ein Zeichen gesetzt. Unter dem Motto „Gemeinsam stärker – Kultur für Offenheit und Vielfalt“ wollte das Theater damit den Tendenzen zu Fremdenfeindlichkeit, Hetze und Gewalt konsequent entgegentreten.
Nun kehrt so etwas wie Normalität in den Theaterbetrieb ein, es steht mit der Premiere Siegfried die Fortsetzung der Ring-Tetralogie auf dem Spielplan. Es bleibt nach der Halbzeit des Chemnitzer Ringes festzustellen, dass zwei szenisch und musikalisch divergente Einzelwerke eine durchaus fulminante Premiere erlebt haben, ohne Gesamtkonzept und ohne roten Faden, was aber bei der Besetzung mit vier unterschiedlichen Regieteams und mit zwei Dirigenten auch nicht anders zu erwarten war. Jetzt steht mit Sabine Hartmannshenn die dritte Regisseurin im Rampenlicht, und mit ihr wieder ein neues Team, das ausnahmsweise nicht durchgängig weiblich ist, sondern mit Lukas Kretschmer für Bühne und Choreografie so etwas wie den männlichen Antagonisten bildet.
Nach der durchaus drastischen Inszenierung des Rheingold von Verena Stoiber und der gefühlsbetonten Erzählung der Walküre als Familiensaga von Monique Wagemakers erlebt der Zuschauer an diesem Abend das Märchen vom tumben Helden Siegfried, mit schönen Bildern, aber auch sehr diskussionswürdigen Szenen, die deutlich machen, wie eng die Grenzen zwischen künstlerischer Freiheit und Werktreue manchmal verlaufen. Auf ihrer Webseite schreibt die Regisseurin: „Sabine Hartmannshenn drängt in ihren Arbeiten auf Wahrhaftigkeit und auf eine moderne Personenführung, orientiert sich dabei aber gleichzeitig konsequent an der Musik.“ Die zweite Aussage ist für den Siegfried definitiv zu bejahen, für die erste Aussage gilt das nur bedingt. Für Hartmannshenn ist der Siegfried das Märchen im Ring, und so erzählt sie ein Märchen für Erwachsene, oft aus der Perspektive von Menschen, die das Geschehen beobachten, aber keinen Einfluss nehmen können. Deshalb sind auch immer zahlreiche Statisten auf der Bühne, die dem Kammerspiel eher die Intimität nehmen, als dass sie zu einer Verdichtung der Erzählung beitragen. Siegfried selbst wird als tumber, kraftmeiernder Jüngling dargestellt. „Jemand, der auszog, das Fürchten zu lernen.“
Sein Ziehvater Mime, Siegfried an Körpergröße fast überlegen, wirkt eher wie ein Überbleibsel der Alt-68-er Generation. Doch sein pseudointellektuelles Gehabe soll nicht über sein eigentliches Ziel hinwegdeuten, Fafner zu töten, um wieder in den Besitz des Rheingolds und des Ringes zu gelangen. Dabei ist ihm jedes Mittel recht. Das quasi im Prolog die sterbende Sieglinde gezeigt wird, die von Mime brutal getötet wird, und ihr das Kind aus dem Bauch geschnitten wird, ist eine von den vielen grenzwertigen Szenen, die einfach am Werk vorbei erzählt werden. Nirgendwo in der Literatur findet sich ein Hinweis darauf, dass Mime Sieglinde getötet hat. Auch die Darstellung des Waldvogels, hier so ein wenig an Ingrid Steeger in Klimbim erinnernd, ist sehr weit hergeholt. Der Waldvogel als eigenständige Persönlichkeit, der den Ablauf der Geschichte verändern will, ist nicht nachvollziehbar. Wenn überhaupt, ist der Vogel eine Marionette des Wotan-Wanderers, der ihn steuert, um Siegfried genau den Weg gehen zu lassen, den er ihm vorgezeichnet hat, aber er selbst darf nicht mehr eingreifen. Das der Waldvogel im dritten Aufzug plötzlich wieder auftaucht, sich auf Wotan stürzt, um Siegfried vor ihm zu schützen, ist schon sehr kurios. Folgerichtig tötet Wotan den lästigen Vogel.
Dass anschließend Siegfried den Speer Wotans, mehr Neonröhre als Speer, mit seiner bloßen Faust zerschlägt, ist auch wieder so ein diskussionswürdiger Regieeinfall. Zwar ist die Schmiedeszene im ersten Aufzug so gut wie nicht sichtbar, da Siegfried auf der Unterbühne das Schwert Nothung neu schmiedet, aber es ist existent, liegt nur in dieser besagten Szene auf dem Boden. Monique Wagemakers hat in der Walküre ja komplett auf das Schwert verzichtet, doch es hat natürlich eine besondere Bedeutung. In der Walküre wird es durch Wotans Speer zerbrochen, hier hatte der Gottvater noch die Allmacht.
Das im Siegfried Wotans Speer durch das neugeschmiedete Schwert zerbricht, ist die Umkehr der Macht, und damit der Beginn der Götterdämmerung. Siegfried nur auf seine physische Stärke zu reduzieren, ist einfach zu kurz gedacht.
Die Einbettung des Siegfried zwischen Walküre und Götterdämmerung wird sehr oft betont, und Rückblenden oder Vorschauen sollen dem Zuschauer wohl ein größeres Werkverständnis vermitteln. Das ist teilweise nett anzuschauen, erweckt aber den Eindruck, dass Hartmannshenn sich hier einen aufklärerischen Lehrauftrag gegeben hat und reduziert den Zuschauer auf einen Schüler, der mit offenem Mund der Märchenstunde folgen soll. So tritt Alberich meist mit einem Jüngling an seiner Seite auf. Der Wagner-Kenner weiß schnell, das soll Hagen sein, sein Sohn, der nur dafür gezeugt wurde, Siegfried zu töten und Alberich den Ring zurück zu gewinnen. Damit er später seine Mission erfolgreich durchführen kann, lernt er schon mal die Brutalität seines Vaters kennen. So vergewaltigt Alberich in seinem Beisein eine Frau, einfach nur als Zeichen seiner Macht und Stärke.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Dass die in tiefen Schlaf gelegte Brünnhilde in dieser Aufführung mit dem Rücken zum Publikum steht, ist eine weitere Kuriosität der Inszenierung, die man spätestens an diesem Moment nicht mehr wirklich ernst nehmen kann. Dass die Statisten mit Fackeln um Brünnhilde stehen und damit den Feuerzauber aus der Walküre zeigen, ist stimmungsvoll, wirkt aber wie so vieles künstlich aufgesetzt. Das Bühnenbild von Lukas Kretschmer besteht nur aus einem guten Dutzend großer Stelen, die einen offenen Raum symbolisieren sollen. Für Sabine Hartmannshenn ist es ein Ort für alle. „Es gibt keine Ab- und Begrenzung. Alles ist mit allem verwoben und verbunden. Innen ist außen und umgekehrt.“ Das trotz dieser simplen Anordnung eine märchenhafte Stimmung aufkommt, ist der großartigen Lichtgestaltung von Mathias Klemm zu verdanken. Die Kostüme von Susana Mendoza wirken zeitlos. Dass die männlichen Hauptdarsteller wie Siegfried, Wotan und Fafner meist mit freiem Oberkörper agieren müssen, ist sicher mit Hartmannshenn Neigung zur naturalistischen Darstellung zu verstehen, die tätowierten Runen auf Wotans Oberkörper dahingegen weniger. So könnte man die Aufzählung beliebig fortsetzen, doch es würde dem Abend nicht gerecht, wenn man alles auf diese Äußerlichkeiten reduziert.
Denn große Oper gelingt insbesondere bei Wagner erst wirklich durch die Musik und den Gesang. Und dafür sorgen an diesem Abend die erstklassigen Sänger. Allen voran Daniel Kirch, der mit der Partie des Siegfried ein fulminantes Rollendebüt gibt. Er überzeugt durch seinen strahlkräftigen Tenor mit schöner baritonaler Mittellage. Zu großen Taten und gesanglicher Hochform schwingt er sich dann besonders im dritten Aufzug. Zunächst das gesangliche Kräftemessen mit dem Wanderer, um dann mit dem wunderbaren finalen Liebesduett mit Brünnhilde sein emotionales Chaos in einem tenoralen Jubelausbruch zu sortieren.
Im Dezember darf man sich auf sein nächstes Siegfried-Debüt in der Götterdämmerung in Chemnitz freuen. Ihm steht im dritten Aufzug eine Christiane Kohl als Brünnhilde zur Seite, die durch einen klaren und strahlenden, jugendlich-dramatischen Sopran zu betören weiß. Ihr „Heil dir Sonne, heil dir Licht“ erklingt wie eine Offenbarung. Für die Siegfried-Brünnhilde eine Traumbesetzung, für eine Götterdämmerung-Brünnhilde aber sicher noch früh, zumal sie erst im Frühjahr in der Chemnitzer Walküre ihr Debüt als Sieglinde gab.

Arnold Bezuyen gehört zu den Großen seines Faches in der Darstellung des Mime. Sein fokussierter Charaktertenor und sein listiges Spiel geben dem Sänger alles mit, was man für die Darstellung des kleinen Giftzwerges benötigt. Ralf Lukas als Wanderer begeistert mit seinem kräftigen und hohen Bass-Bariton und überzeugt auch durch sein Charakterspiel, insbesondere in der Erda-Szene zu Beginn des dritten Aufzuges. Wunderbares Pendant dazu ist Simone Schröder in der Partie der Erda, die diese Figur ausdrucksstark und mit warmem Mezzosopran gestaltet. Bjorn Waag hinterlässt als Alberich mit seinem kraftvollen, aber wohltönenden Bariton eine interessante Visitenkarte, und Avtandil Kaspeli verleiht dem Riesen Fafner einen markanten und voluminösen schwarzen Bass. Guibee Yang verkörpert den Waldvogel mit glockigem Koloratursopran und engagiertem Spiel.
Felix Bender, der wie schon bei der Premiere der Walküre am Pult steht, führt die Robert-Schumann-Philharmonie mit facettenreichem Spiel durch die schwierige Partitur. Präzise werden die vielen Leitmotive herausgearbeitet, nur die Bläser, die an den vorausgegangenen Premieren von Rheingold und Walküre immer wieder durch diverse Verspieler auffielen, sind auch an diesem Abend nicht ganz sauber, darunter leiden auch Siegfrieds Hornrufe im zweiten Aufzug. Besonders im schon fast kammermusikartigen Waldweben erzeugt Bender ein musikalisches Siegfried-Idyll. Er begleitet die Sänger sicher durch die Partie, die gefährlichen Forte-Stellen der Partitur hat er souverän im Griff. Das Tempo ist moderat, nicht mehr so schleppend wie in der Walküre, mit schnellen Anzügen und expressiven Ausbrüchen, aber insgesamt sehr sängerfreundlich.
Am Schluss gibt es großen Jubel und Bravo-Rufe für Daniel Kirch, aber auch für Felix Bender und die Robert-Schumann-Philharmonie. Bei Sabine Hartmannshenn und ihrem Team ist die Publikumsreaktion dagegen sehr gemischt, es gibt Jubel, aber auch laut vernehmbare Buhs. Nicht allen hat diese fast fünfeinhalb Stunden dauernde Märchenerzählung gefallen. Nun bleibt noch die Frage, wie mit dem vierten Regieteam Anfang Dezember die Götterdämmerung gestaltet wird und wie das Chemnitzer Experiment letztendlich ausgehen wird.
Andreas H. Hölscher