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Foto © Nasser Hashemi

Das Märchen von Siegfried

SIEGFRIED
(Richard Wagner)

Besuch am
29. September 2018
(Premiere)

 

Oper Chemnitz

Wenn in diesen Tagen von Chemnitz die Rede ist, dann steht leider nicht die Kunst im Vorder­grund, sondern die unseligen Vorgänge um Auslän­der­feind­lichkeit, Hetzjagden, rechter Propa­ganda und die zur Staats­affäre hochde­kli­nierten Aussagen des Präsi­denten des Verfas­sungs­schutzes. Das ist natürlich eine eindi­men­sionale Betrachtung einer Stadt, die dieses Jahr ihr 875. Stadt­ju­biläum begeht und das mit einer Neuin­sze­nierung von Richard Wagners Ring des Nibelungen feiert. Das Theater Chemnitz hat auf die drama­ti­schen Vorfälle in der Stadt souverän reagiert und am 7. September mit einer Open-Air-Aufführung von Ludwig van Beethovens Neunter Symphonie vor mehreren Tausend Besuchern auf dem Theater­platz ein Zeichen gesetzt. Unter dem Motto „Gemeinsam stärker – Kultur für Offenheit und Vielfalt“ wollte das Theater damit den Tendenzen zu Fremden­feind­lichkeit, Hetze und Gewalt konse­quent entgegentreten.

Nun kehrt so etwas wie Norma­lität in den Theater­be­trieb ein, es steht mit der Premiere Siegfried die Fortsetzung der Ring-Tetra­logie auf dem Spielplan. Es bleibt nach der Halbzeit des Chemnitzer Ringes festzu­stellen, dass zwei szenisch und musika­lisch diver­gente Einzel­werke eine durchaus fulmi­nante Premiere erlebt haben, ohne Gesamt­konzept und ohne roten Faden, was aber bei der Besetzung mit vier unter­schied­lichen Regie­teams und mit zwei Dirigenten auch nicht anders zu erwarten war. Jetzt steht mit Sabine Hartmannshenn die dritte Regis­seurin im Rampen­licht, und mit ihr wieder ein neues Team, das ausnahms­weise nicht durch­gängig weiblich ist, sondern mit Lukas Kretschmer für Bühne und Choreo­grafie so etwas wie den männlichen Antago­nisten bildet.

Nach der durchaus drasti­schen Insze­nierung des Rheingold von Verena Stoiber und der gefühls­be­tonten Erzählung der Walküre als Famili­ensaga von Monique Wagemakers erlebt der Zuschauer an diesem Abend das Märchen vom tumben Helden Siegfried, mit schönen Bildern, aber auch sehr diskus­si­ons­wür­digen Szenen, die deutlich machen, wie eng die Grenzen zwischen künst­le­ri­scher Freiheit und Werktreue manchmal verlaufen. Auf ihrer Webseite schreibt die Regis­seurin: „Sabine Hartmannshenn drängt in ihren Arbeiten auf Wahrhaf­tigkeit und auf eine moderne Perso­nen­führung, orien­tiert sich dabei aber gleich­zeitig konse­quent an der Musik.“ Die zweite Aussage ist für den Siegfried definitiv zu bejahen, für die erste Aussage gilt das nur bedingt. Für Hartmannshenn ist der Siegfried das Märchen im Ring, und so erzählt sie ein Märchen für Erwachsene, oft aus der Perspektive von Menschen, die das Geschehen beobachten, aber keinen Einfluss nehmen können. Deshalb sind auch immer zahlreiche Statisten auf der Bühne, die dem Kammer­spiel eher die Intimität nehmen, als dass sie zu einer Verdichtung der Erzählung beitragen. Siegfried selbst wird als tumber, kraft­mei­ernder Jüngling darge­stellt. „Jemand, der auszog, das Fürchten zu lernen.“

Sein Ziehvater Mime, Siegfried an Körper­größe fast überlegen, wirkt eher wie ein Überbleibsel der Alt-68-er Generation. Doch sein pseudo­in­tel­lek­tu­elles Gehabe soll nicht über sein eigent­liches Ziel hinweg­deuten, Fafner zu töten, um wieder in den Besitz des Rhein­golds und des Ringes zu gelangen. Dabei ist ihm jedes Mittel recht. Das quasi im Prolog die sterbende Sieglinde gezeigt wird, die von Mime brutal getötet wird, und ihr das Kind aus dem Bauch geschnitten wird, ist eine von den vielen grenz­wer­tigen Szenen, die einfach am Werk vorbei erzählt werden. Nirgendwo in der Literatur findet sich ein Hinweis darauf, dass Mime Sieglinde getötet hat. Auch die Darstellung des Waldvogels, hier so ein wenig an Ingrid Steeger in Klimbim erinnernd, ist sehr weit hergeholt. Der Waldvogel als eigen­ständige Persön­lichkeit, der den Ablauf der Geschichte verändern will, ist nicht nachvoll­ziehbar. Wenn überhaupt, ist der Vogel eine Mario­nette des Wotan-Wanderers, der ihn steuert, um Siegfried genau den Weg gehen zu lassen, den er ihm vorge­zeichnet hat, aber er selbst darf nicht mehr eingreifen. Das der Waldvogel im dritten Aufzug plötzlich wieder auftaucht, sich auf Wotan stürzt, um Siegfried vor ihm zu schützen, ist schon sehr kurios. Folge­richtig tötet Wotan den lästigen Vogel.

Dass anschließend Siegfried den Speer Wotans, mehr Neonröhre als Speer, mit seiner bloßen Faust zerschlägt, ist auch wieder so ein diskus­si­ons­wür­diger Regie­einfall. Zwar ist die Schmie­de­szene im ersten Aufzug so gut wie nicht sichtbar, da Siegfried auf der Unter­bühne das Schwert Nothung neu schmiedet, aber es ist existent, liegt nur in dieser besagten Szene auf dem Boden. Monique Wagemakers hat in der Walküre ja komplett auf das Schwert verzichtet, doch es hat natürlich eine besondere Bedeutung. In der Walküre wird es durch Wotans Speer zerbrochen, hier hatte der Gottvater noch die Allmacht.

Das im Siegfried Wotans Speer durch das neuge­schmiedete Schwert zerbricht, ist die Umkehr der Macht, und damit der Beginn der Götter­däm­merung. Siegfried nur auf seine physische Stärke zu reduzieren, ist einfach zu kurz gedacht.

Die Einbettung des Siegfried zwischen Walküre und Götter­däm­merung wird sehr oft betont, und Rückblenden oder Vorschauen sollen dem Zuschauer wohl ein größeres Werkver­ständnis vermitteln. Das ist teilweise nett anzuschauen, erweckt aber den Eindruck, dass Hartmannshenn sich hier einen aufklä­re­ri­schen Lehrauftrag gegeben hat und reduziert den Zuschauer auf einen Schüler, der mit offenem Mund der Märchen­stunde folgen soll. So tritt Alberich meist mit einem Jüngling an seiner Seite auf. Der Wagner-Kenner weiß schnell, das soll Hagen sein, sein Sohn, der nur dafür gezeugt wurde, Siegfried zu töten und Alberich den Ring zurück zu gewinnen. Damit er später seine Mission erfolg­reich durch­führen kann, lernt er schon mal die Bruta­lität seines Vaters kennen. So verge­waltigt Alberich in seinem Beisein eine Frau, einfach nur als Zeichen seiner Macht und Stärke.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Dass die in tiefen Schlaf gelegte Brünn­hilde in dieser Aufführung mit dem Rücken zum Publikum steht, ist eine weitere Kurio­sität der Insze­nierung, die man spätestens an diesem Moment nicht mehr wirklich ernst nehmen kann. Dass die Statisten mit Fackeln um Brünn­hilde stehen und damit den Feuer­zauber aus der Walküre zeigen, ist stimmungsvoll, wirkt aber wie so vieles künstlich aufge­setzt. Das Bühnenbild von Lukas Kretschmer besteht nur aus einem guten Dutzend großer Stelen, die einen offenen Raum symbo­li­sieren sollen. Für Sabine Hartmannshenn ist es ein Ort für alle. „Es gibt keine Ab- und Begrenzung. Alles ist mit allem verwoben und verbunden. Innen ist außen und umgekehrt.“ Das trotz dieser simplen Anordnung eine märchen­hafte Stimmung aufkommt, ist der großar­tigen Licht­ge­staltung von Mathias Klemm zu verdanken. Die Kostüme von Susana Mendoza wirken zeitlos. Dass die männlichen Haupt­dar­steller wie Siegfried, Wotan und Fafner meist mit freiem Oberkörper agieren müssen, ist sicher mit Hartmannshenn Neigung zur natura­lis­ti­schen Darstellung zu verstehen, die tätowierten Runen auf Wotans Oberkörper dahin­gegen weniger. So könnte man die Aufzählung beliebig fortsetzen, doch es würde dem Abend nicht gerecht, wenn man alles auf diese Äußer­lich­keiten reduziert.

Denn große Oper gelingt insbe­sondere bei Wagner erst wirklich durch die Musik und den Gesang. Und dafür sorgen an diesem Abend die erstklas­sigen Sänger. Allen voran Daniel Kirch, der mit der Partie des Siegfried ein fulmi­nantes Rollen­debüt gibt. Er überzeugt durch seinen strahl­kräf­tigen Tenor mit schöner barito­naler Mittellage. Zu großen Taten und gesang­licher Hochform schwingt er sich dann besonders im dritten Aufzug. Zunächst das gesang­liche Kräfte­messen mit dem Wanderer, um dann mit dem wunder­baren finalen Liebes­duett mit Brünn­hilde sein emotio­nales Chaos in einem tenoralen Jubel­aus­bruch zu sortieren.

Im Dezember darf man sich auf sein nächstes Siegfried-Debüt in der Götter­däm­merung in Chemnitz freuen. Ihm steht im dritten Aufzug eine Chris­tiane Kohl als Brünn­hilde zur Seite, die durch einen klaren und strah­lenden, jugendlich-drama­ti­schen Sopran zu betören weiß. Ihr „Heil dir Sonne, heil dir Licht“ erklingt wie eine Offen­barung. Für die Siegfried-Brünn­hilde eine Traum­be­setzung, für eine Götter­däm­merung-Brünn­hilde aber sicher noch früh, zumal sie erst im Frühjahr in der Chemnitzer Walküre ihr Debüt als Sieglinde gab.

Foto © Nasser Hashemi

Arnold Bezuyen gehört zu den Großen seines Faches in der Darstellung des Mime. Sein fokus­sierter Charak­ter­tenor und sein listiges Spiel geben dem Sänger alles mit, was man für die Darstellung des kleinen Giftzwerges benötigt. Ralf Lukas als Wanderer begeistert mit seinem kräftigen und hohen Bass-Bariton und überzeugt auch durch sein Charak­ter­spiel, insbe­sondere in der Erda-Szene zu Beginn des dritten Aufzuges. Wunder­bares Pendant dazu ist Simone Schröder in der Partie der Erda, die diese Figur ausdrucks­stark und mit warmem Mezzo­sopran gestaltet. Bjorn Waag hinter­lässt als Alberich mit seinem kraft­vollen, aber wohltö­nenden Bariton eine inter­es­sante Visiten­karte, und Avtandil Kaspeli verleiht dem Riesen Fafner einen markanten und volumi­nösen schwarzen Bass. Guibee Yang verkörpert den Waldvogel mit glockigem Kolora­tur­sopran und engagiertem Spiel.

Felix Bender, der wie schon bei der Premiere der Walküre am Pult steht, führt die Robert-Schumann-Philhar­monie mit facet­ten­reichem Spiel durch die schwierige Partitur. Präzise werden die vielen Leitmotive heraus­ge­ar­beitet, nur die Bläser, die an den voraus­ge­gan­genen Premieren von Rheingold und Walküre immer wieder durch diverse Verspieler auffielen, sind auch an diesem Abend nicht ganz sauber, darunter leiden auch Siegfrieds Hornrufe im zweiten Aufzug. Besonders im schon fast kammer­mu­sik­ar­tigen Waldweben erzeugt Bender ein musika­li­sches Siegfried-Idyll. Er begleitet die Sänger sicher durch die Partie, die gefähr­lichen Forte-Stellen der Partitur hat er souverän im Griff. Das Tempo ist moderat, nicht mehr so schleppend wie in der Walküre, mit schnellen Anzügen und expres­siven Ausbrüchen, aber insgesamt sehr sängerfreundlich.

Am Schluss gibt es großen Jubel und Bravo-Rufe für Daniel Kirch, aber auch für Felix Bender und die Robert-Schumann-Philhar­monie. Bei Sabine Hartmannshenn und ihrem Team ist die Publi­kums­re­aktion dagegen sehr gemischt, es gibt Jubel, aber auch laut vernehmbare Buhs. Nicht allen hat diese fast fünfeinhalb Stunden dauernde Märchen­er­zählung gefallen. Nun bleibt noch die Frage, wie mit dem vierten Regieteam Anfang Dezember die Götter­däm­merung gestaltet wird und wie das Chemnitzer Experiment letzt­endlich ausgehen wird.

Andreas H. Hölscher

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