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Die Stadt Chemnitz feiert in diesem Jahr ihr 875. Stadtjubiläum. Für das Theater Chemnitz und Generalintendant Christoph Dittrich Anlass genug, einen neuen Ring des Nibelungen auf die Bühne zu bringen. Nachdem die letzte Ring-Inszenierung von Michael Heinicke vor elf Jahren das letzte Mal über die Bühne ging, hat sich das Theater Chemnitz viel für den neuen Zyklus vorgenommen. Alle vier Produktionen werden im Kalenderjahr 2018 ihre Premiere erleben. Im Zentrum der Chemnitzer Auseinandersetzung steht der für alle vier Musikdramen des Zyklus entscheidende Impuls: die Frau. Frauen nehmen in Wagners Ring zentrale Rollen ein. Für das Theater Chemnitz ist es daher nur folgerichtig, dass nicht eine, sondern gleich vier Regisseurinnen sich der Tetralogie inszenatorisch annehmen. Liegt also der Blick der Regisseurinnen auf das spezifisch Weibliche im Ring, oder ist es die weibliche Perspektive, die dem Zuschauer eine neue Sichtweise auf das Drama vermitteln kann? Nach der drastischen Premiere des Rheingold am 3. Februar dieses Jahres in der Inszenierung von Verena Stoiber steht nun die mit Spannung erwartete Neuinszenierung der Walküre in der Regie der renommierten Regisseurin Monique Wagemakers im Blickpunkt.
Am ersten Tag seiner Tetralogie konzentriert sich Richard Wagner auf das Innerste seiner Figuren. Nachdem im Rheingold Wotans in Kraft gesetzte Weltenordnung Risse bekommen hat, leuchten in der Walküre die Seelenleben der um Durchsetzung ihres Willens Ringenden auf und offenbaren Zwang und Besessenheit. Wotans und Frickas Auseinandersetzung, aufgespannt zwischen Abscheu und Zuneigung, Brutalität und Zärtlichkeit, entfaltet sich zu einem Dualismus der Vernichtung. Brünnhilde trotzt dem Unausweichlichen und macht Rettung von Leben zum Maßstab ihres Handelns.
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Die große Frage vor der Premiere ist, wie wird Monique Wagemakers Blickwinkel auf das Werk sein? Immerhin elf der insgesamt zwanzig weiblichen Figuren im Ring des Nibelungen sind in der Walküre vertreten. Eins kann man schon vorwegsagen. Für Wagemakers gibt es nicht den speziellen „weiblichen Blick“, sondern für sie ist die Erzählung der Handlung aus einem sehr starken Gefühl herausgearbeitet. Es ist eine Familientragödie, eine in sich abgeschlossene Handlung, die Wagemakers erzählt. Es ist keine mythische Erzählung von Helden und Göttern, es ist eine Geschichte über Menschen, insbesondere über die Beziehung eines Vaters zu seinen Kindern. Deshalb erzählt sie von dem Missbrauch und der Vernichtung enger familiärer Beziehungen. Im Mittelpunkt des Geschehens steht Wotan, für Wagemakers ein „arroganter Narziss“, der die Beziehungen zu seinen Kindern Siegmund, Sieglinde und Brünnhilde auf das Grausamste zerstört. Seine Kinder sind für ihn Werkzeuge, Mittel zum Zweck, die funktionieren müssen, um seine eigene Macht zu sichern. Wenn sie nicht so wollen wie er, greift er rigoros ein. Besonders Brünnhilde, seine Lieblingstochter, die er einst mit Erda gezeugt hat, bekommt seine grausame Härte zu spüren. Das Ende ist bekannt, am Schluss der Tetralogie wird keiner mehr am Leben sein. Um diese Verflechtung herauszuarbeiten, erzählt Monique Wagemakers die Handlung aus der Perspektive der Kinder, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die Vorgeschichte der Walküre, die Siegmund im ersten Aufzug in Hundings Halle erzählt, wird ansatzweise auf die Bühne gebracht. Mit projizierten Kindergesichtern von Siegmund und Sieglinde, sowie zwei mit verbundenen Augen spielenden Kindern auf der Bühne. Die Vorgeschichte über die Ermordung der Mutter des Zwillingspaars sowie deren Trennung in jungen Jahren ist der konzeptionelle Ausgangspunkt für diese Produktion, die sich auch deutlich im Bühnenbild von Claudia Weinhart niederschlägt. Die Materialart des Raumes ist verbranntes Holz, Symbol für die in der Vorgeschichte niedergebrannte Hütte der Wälsefamilie.
Das Bühnenbild ähnelt einem kuppelförmigen Sakralbau, nach hinten und zur Seite offen. Eine Konstruktion, die man eher in einem Parsifal vermuten würde, weniger in einer Walküre. Das Bühnenbild, das sich um 360 Grad drehen lässt, bleibt im Grundsatz in allen drei Aufzügen unverändert, lediglich durch Video-Projektionen im Hintergrund wie Nebel, kahler Wald oder weitere Säulen ändert sich der Ausdruck. Ein schwarz-grauer, transparenter Vorhang, der immer wieder auf und zu geht, trennt das Geschehen ebenenmäßig ab respektive verschleiert etwas den Blick des Zuschauers auf die Bühne. Des Weiteren verzichten Wagemakers und Weinhart fast komplett auf Requisiten, lediglich neun Stühle als Sitzplätze für die Walküren im dritten Aufzug weichen vom Konzept ab. Doch viel entscheidender ist das Fehlen von Nothung, dem Schwert, das Wotan einst in Hundings Hütte in einen Esche-Stamm gehauen hatte, damit Siegmund es in höchster Not fände. Für Wagemakers ist das Schwert lediglich ein Symbol für die Kraft und Stärke des Wälsung, der sich in dieser Szene von seinem Vater emanzipiert, ja, erwachsen wird.
Nicht nur, dass er Vertrauen in seine eigene Kraft und Stärke gewinnt, auch seine Sexualität erwacht, mit einem deutlichen Griff seiner Hände in den eigenen Unterleib symbolisiert. Das versprochene Schwert versagt ja am Schluss des zweiten Aufzuges im Kampf mit Hunding, da Siegmunds Vater ihn im Stich lässt und sich über den Schutz von Brünnhilde stellt. Somit waren der Glaube und das Vertrauen in den Vater ein Trugschluss. Für Wagemakers ist das Schwert mehr eine Art überdimensionaler „Schaschlik-Spieß“, ein Waffen-Requisit. Mit dem Verzicht auf Nothung will die Regisseurin seine Bedeutung „kraftvoller und ausdrucksstärker“ inszenieren, auch weil das Schwert am Schluss des ersten Aufzuges nach ihrer Ansicht „deutlich mit dem sexuellen Erwachen Siegmunds“ konnotiert sei. Das ist ein interessanter Ansatz, der aber in der szenischen Umsetzung nicht wirklich gelingen will, zumal Sieglinde und Siegmund das Schwert ja immer wieder erwähnen. Und in der Todesverkündigung, in der Siegmund droht, Sieglinde mit dem Schwert zu töten, geht er ihr einfach an die Gurgel, auch ein sehr drastisches Bild! Zwar verzichtet Wagemakers konsequenterweise auch auf die Darstellung von Wotans Speer, dem Symbol für Macht und Stärke, aber auch die Gebundenheit an die eigenen Verträge. Ohne Speer kann Wotan frei walten, wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Doch das ist schon eine sehr freie Interpretation. Inkonsequent wird Wagemakers dann aber zum Schluss des zweiten Aufzuges, indem sie Hunding mit einem Schwert ausstattet, der dann von hinten Siegmund erschlagen kann.

Der dritte Aufzug einer Walküre beinhaltet immer zwei Fragen. Wie löst ein Regisseur den Auftritt der acht Walküren, und wie wird er den Feuerzauber am Schluss inszenieren? Es gibt keinen „Walkürenritt“, mehr ein braves Defilee der acht Schwestern, die sich um die angeordneten Stühle platzieren. Und der Feuerzauber findet überhaupt nicht statt. In einer letzten großen Geste legt Wotan Brünnhilde auf den Boden, und zieht den schwarzen Vorhang über sie. Als dieser Vorhang sich zu den letzten Klängen noch einmal öffnet, ist Brünnhilde verschwunden, und ein kleines Mädchen steht dort und wartet fast ängstlich auf ihren Vater Wotan. Mit diesem durchaus eindrucksvollem Schlussbild schließt sich auch die perspektivische Erzählung aus der Sicht der Kinder, die initial mit dem kleinen Zwillingspaar begonnen hat. Es ist eine durchaus gefühlsbetonte, vielleicht auch feminine Sichtweise der Handlung und der familiären Tragödie, die Wagemakers erzählt. Und obwohl vieles nachvollziehbar ist, gelingt die szenische Umsetzung nicht wirklich. Es fehlt der zündende, fesselnde Ausdruck. Insgesamt ist es eine solide, aber deutlich zu brave und harmlose Darstellung der Geschichte. Da helfen auch die großartigen, archaischen Kostüme von Erika Landertinger nicht weiter, die insbesondere Wotan und Hunding ein martialisches Erscheinungsbild verpassen, während die Walküren zwar über erotische Brustpanzer verfügen, mit ihren ausladenden Reifröcken aber mehr als kleine Töchter Frickas erscheinen denn als kampferprobte Walküren.
Auch musikalisch ist es ein Abend des gefühlsbetonten Ausdrucks. Insbesondere Zoltán Nyári, der erst vor wenigen Monaten in Oldenburg sein Rollendebüt als Siegmund gegeben hat, ist ein sanfter Siegmund, kein wirklicher Held. Sein schöner, klarer Tenor hat nicht die klassische Strahlkraft eines Heldentenors, es ist mehr der Schöngesang, wie ein Klaus Florian Vogt ihn erfolgreich kultiviert hat. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Aber Nyári singt ausdrucksstark und textverständlich, und seine Wälse-Rufe sind keine Kraftergüsse, sondern verzweifelte Hilferufe an den Vater. Spielerisch gelingt ihm die Umsetzung von Wagemakers Intention. Ein wunderbares Rollendebüt als Sieglinde gelingt Christiane Kohl. Ihr jugendlich-dramatischer Sopran klingt frisch und unverbraucht, sie hat eine sehr warme Mittellage und gleichzeitig expressive leuchtende Höhen. Auch ihre Textverständlichkeit ist in der heutigen Zeit fast schon eine Ausnahme. Auch sie setzt das gefühlsbetone Spiel in der Vorgabe von Monique Wagemakers eindrucksvoll um. Aris Argiris gibt den Wotan mit fulminantem Bariton und exzentrischem Spiel, so dass die Kategorisierung der Rolle von Wagemakers als „arroganter Narziss“ von Argiris auch konsequent umgesetzt wird. Sein musikalischer Ausdruck aber ist der eines ganz Großen, und sein berührender Abschied von Brünnhilde „Leb wohl, du kühnes herrliches Kind“ vielleicht der emotionalste Moment des Abends. Magnus Piontek, der im Chemnitzer Rheingold einen eher balsamischen Fasolt gegeben hat, darf hier als Hunding eine ganz andere Facette seines Könnens zeigen. Mit seinem markanten Bass und seinem martialischen Auftreten verleiht er der Rolle des Hunding etwas Archaisches, so wie Wagner ihn sicher selbst dargestellt hätte. Diana Hobbs gefällt als hochdramatische Brünnhilde, mit starkem Ausdruck und intensivem Spiel. Lediglich in den dramatischen Ausbrüchen klingt ihre Stimme etwas scharf, ist ein zu starkes Vibrato vorhanden, das den guten sängerischen Gesamteindruck etwas trübt. Monika Bohinec, die schon als Fricka im Rheingold zu reüssieren wusste, gibt auch mit dieser Partie in der Walküre einen überzeugenden Auftritt, und zwingt ihren Göttergatten Wotan mit weiblichem Charme, aber vor allem auch mit kraftvollem Ausdruck, von seinem Schutz für Siegmund abzurücken. Das Oktett der Walküren harmoniert stimmlich gut miteinander, und Guibee Yang singt die Helmwige besonders kultiviert.
Etwas differenzierter muss man die musikalische Umsetzung betrachten. Felix Bender, Erster Kapellmeister und stellvertretender GMD am Theater Chemnitz, steht am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie. Auch das ist etwas Besonderes an der Chemnitzer Ring-Inszenierung, dass GMD Guillermo Garcia Calvo nicht alle vier Premieren dirigiert, sondern sich die Tetralogie mit seinem Stellvertreter teilt, ein Ausdruck von Größe und Wertschätzung gegenüber dem jungen Kollegen. Und Bender zeigt, dass er seinen eigenen Stil hat, insbesondere in der Tempogestaltung und in der Phrasierung. Mit knapp 70 Minuten ist der erste Aufzug der Walküre deutlich länger als die meisten Referenzaufnahmen, gleiches gilt für den zweiten Aufzug. Die langgezogenen Tempi, dabei immer wieder ins Piano gehen, ist effektvoll, wenn es im Wechsel eingesetzt wird. Doch Bender zieht dieses Tempo über zwei Aufzüge durch, was leider langatmig und ermüdend wirkt, obwohl er schöne Farben und Nuancierungen herausarbeitet. Durch das Piano-Spiel steht der Gesang im Vordergrund, das ist redlich, aber ebenfalls etwas langweilig, weil die Ausdrucksstärke dann doch zu einseitig wird. Im dritten Aufzug hat Bender dann umgestellt, wechselt klug die Tempi und dirigiert sowohl einen kraftvollen Walkürenritt als auch einen ausdrucksstarken Schluss mit Wotans Abschied und dem Feuerzauber. Das Orchester folgt dem Gestus des jungen Dirigenten, arbeitet die Leitmotive klug heraus. Einige Unsauberkeiten im Blech trüben schon wie im Rheingold einen ansonsten überzeugenden Gesamteindruck.
Das Chemnitzer Publikum nimmt die Vorstellung dankbar auf, es gibt großen Jubel für die Protagonisten einschließlich Dirigent und Orchester, und auch das Regieteam um Monique Wagemakers darf sich über einen warmherzigen Applaus ohne Buhrufe erfreuen. Das Publikum erhebt sich ab dem zweiten Vorhang von den Sitzen. Diejenigen, die schon das Rheingold gesehen haben, sind vielleicht etwas erleichtert, nicht wieder mit so drastischen Bildern konfrontiert zu werden. Einziger Wermutstropfen sind mal wieder die vielen Huster, die insbesondere an den leisen Stellen im zweiten Aufzug wie der Todesverkündigung einen ungetrübten Musikgenuss unmöglich machen. Nach einem expressiven Rheingold und der etwas biederen Walküre ist jetzt Halbzeitpause im Chemnitzer Ring. Im Herbst geht es dann weiter mit Siegfried und Götterdämmerung, jeweils wieder mit neuen Regisseurinnen. Dann erst wird man sehen, wie weit dieses Ring-Konzept aufgeht. Nach der Walküre bleibt indes ein Fragezeichen.
Andreas H. Hölscher