O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Familientragödie

DIE WALKÜRE
(Richard Wagner)

Besuch am
24. März 2018
(Premiere)

 

Oper Chemnitz

Die Stadt Chemnitz feiert in diesem Jahr ihr 875. Stadt­ju­biläum. Für das Theater Chemnitz und General­intendant Christoph Dittrich Anlass genug, einen neuen Ring des Nibelungen auf die Bühne zu bringen. Nachdem die letzte Ring-Insze­nierung von Michael Heinicke vor elf Jahren das letzte Mal über die Bühne ging, hat sich das Theater Chemnitz viel für den neuen Zyklus vorge­nommen. Alle vier Produk­tionen werden im Kalen­derjahr 2018 ihre Premiere erleben. Im Zentrum der Chemnitzer Ausein­an­der­setzung steht der für alle vier Musik­dramen des Zyklus entschei­dende Impuls: die Frau. Frauen nehmen in Wagners Ring zentrale Rollen ein. Für das Theater Chemnitz ist es daher nur folge­richtig, dass nicht eine, sondern gleich vier Regis­seu­rinnen sich der Tetra­logie insze­na­to­risch annehmen. Liegt also der Blick der Regis­seu­rinnen auf das spezi­fisch Weibliche im Ring, oder ist es die weibliche Perspektive, die dem Zuschauer eine neue Sicht­weise auf das Drama vermitteln kann? Nach der drasti­schen Premiere des Rheingold am 3. Februar dieses Jahres in der Insze­nierung von Verena Stoiber steht nun die mit Spannung erwartete Neuin­sze­nierung der Walküre in der Regie der renom­mierten Regis­seurin Monique Wagemakers im Blickpunkt.

Am ersten Tag seiner Tetra­logie konzen­triert sich Richard Wagner auf das Innerste seiner Figuren. Nachdem im Rheingold Wotans in Kraft gesetzte Welten­ordnung Risse bekommen hat, leuchten in der Walküre die Seelen­leben der um Durch­setzung ihres Willens Ringenden auf und offen­baren Zwang und Beses­senheit. Wotans und Frickas Ausein­an­der­setzung, aufge­spannt zwischen Abscheu und Zuneigung, Bruta­lität und Zärtlichkeit, entfaltet sich zu einem Dualismus der Vernichtung. Brünn­hilde trotzt dem Unaus­weich­lichen und macht Rettung von Leben zum Maßstab ihres Handelns.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die große Frage vor der Premiere ist, wie wird Monique Wagemakers Blick­winkel auf das Werk sein? Immerhin elf der insgesamt zwanzig weiblichen Figuren im Ring des Nibelungen sind in der Walküre vertreten. Eins kann man schon vorweg­sagen. Für Wagemakers gibt es nicht den spezi­ellen „weiblichen Blick“, sondern für sie ist die Erzählung der Handlung aus einem sehr starken Gefühl heraus­ge­ar­beitet. Es ist eine Famili­en­tra­gödie, eine in sich abgeschlossene Handlung, die Wagemakers erzählt. Es ist keine mythische Erzählung von Helden und Göttern, es ist eine Geschichte über Menschen, insbe­sondere über die Beziehung eines Vaters zu seinen Kindern. Deshalb erzählt sie von dem Missbrauch und der Vernichtung enger familiärer Bezie­hungen. Im Mittel­punkt des Geschehens steht Wotan, für Wagemakers ein „arroganter Narziss“, der die Bezie­hungen zu seinen Kindern Siegmund, Sieglinde und Brünn­hilde auf das Grausamste zerstört. Seine Kinder sind für ihn Werkzeuge, Mittel zum Zweck, die funktio­nieren müssen, um seine eigene Macht zu sichern. Wenn sie nicht so wollen wie er, greift er rigoros ein. Besonders Brünn­hilde, seine Lieblings­tochter, die er einst mit Erda gezeugt hat, bekommt seine grausame Härte zu spüren. Das Ende ist bekannt, am Schluss der Tetra­logie wird keiner mehr am Leben sein. Um diese Verflechtung heraus­zu­ar­beiten, erzählt Monique Wagemakers die Handlung aus der Perspektive der Kinder, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die Vorge­schichte der Walküre, die Siegmund im ersten Aufzug in Hundings Halle erzählt, wird ansatz­weise auf die Bühne gebracht. Mit proji­zierten Kinder­ge­sichtern von Siegmund und Sieglinde, sowie zwei mit verbun­denen Augen spielenden Kindern auf der Bühne. Die Vorge­schichte über die Ermordung der Mutter des Zwillings­paars sowie deren Trennung in jungen Jahren ist der konzep­tio­nelle Ausgangs­punkt für diese Produktion, die sich auch deutlich im Bühnenbild von Claudia Weinhart nieder­schlägt. Die Materi­alart des Raumes ist verbranntes Holz, Symbol für die in der Vorge­schichte nieder­ge­brannte Hütte der Wälsefamilie.

Das Bühnenbild ähnelt einem kuppel­för­migen Sakralbau, nach hinten und zur Seite offen. Eine Konstruktion, die man eher in einem Parsifal vermuten würde, weniger in einer Walküre. Das Bühnenbild, das sich um 360 Grad drehen lässt, bleibt im Grundsatz in allen drei Aufzügen unver­ändert, lediglich durch Video-Projek­tionen im Hinter­grund wie Nebel, kahler Wald oder weitere Säulen ändert sich der Ausdruck. Ein schwarz-grauer, trans­pa­renter Vorhang, der immer wieder auf und zu geht, trennt das Geschehen ebenen­mäßig ab respektive verschleiert etwas den Blick des Zuschauers auf die Bühne. Des Weiteren verzichten Wagemakers und Weinhart fast komplett auf Requi­siten, lediglich neun Stühle als Sitzplätze für die Walküren im dritten Aufzug weichen vom Konzept ab. Doch viel entschei­dender ist das Fehlen von Nothung, dem Schwert, das Wotan einst in Hundings Hütte in einen Esche-Stamm gehauen hatte, damit Siegmund es in höchster Not fände. Für Wagemakers ist das Schwert lediglich ein Symbol für die Kraft und Stärke des Wälsung, der sich in dieser Szene von seinem Vater emanzi­piert, ja, erwachsen wird.

Nicht nur, dass er Vertrauen in seine eigene Kraft und Stärke gewinnt, auch seine Sexua­lität erwacht, mit einem deutlichen Griff seiner Hände in den eigenen Unterleib symbo­li­siert. Das verspro­chene Schwert versagt ja am Schluss des zweiten Aufzuges im Kampf mit Hunding, da Siegmunds Vater ihn im Stich lässt und sich über den Schutz von Brünn­hilde stellt. Somit waren der Glaube und das Vertrauen in den Vater ein Trugschluss. Für Wagemakers ist das Schwert mehr eine Art überdi­men­sio­naler „Schaschlik-Spieß“, ein Waffen-Requisit. Mit dem Verzicht auf Nothung will die Regis­seurin seine Bedeutung „kraft­voller und ausdrucks­stärker“ insze­nieren, auch weil das Schwert am Schluss des ersten Aufzuges nach ihrer Ansicht „deutlich mit dem sexuellen Erwachen Siegmunds“ konno­tiert sei. Das ist ein inter­es­santer Ansatz, der aber in der szeni­schen Umsetzung nicht wirklich gelingen will, zumal Sieglinde und Siegmund das Schwert ja immer wieder erwähnen. Und in der Todes­ver­kün­digung, in der Siegmund droht, Sieglinde mit dem Schwert zu töten, geht er ihr einfach an die Gurgel, auch ein sehr drasti­sches Bild! Zwar verzichtet Wagemakers konse­quen­ter­weise auch auf die Darstellung von Wotans Speer, dem Symbol für Macht und Stärke, aber auch die Gebun­denheit an die eigenen Verträge. Ohne Speer kann Wotan frei walten, wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Doch das ist schon eine sehr freie Inter­pre­tation. Inkon­se­quent wird Wagemakers dann aber zum Schluss des zweiten Aufzuges, indem sie Hunding mit einem Schwert ausstattet, der dann von hinten Siegmund erschlagen kann.

Foto © Kirsten Nijhof

Der dritte Aufzug einer Walküre beinhaltet immer zwei Fragen. Wie löst ein Regisseur den Auftritt der acht Walküren, und wie wird er den Feuer­zauber am Schluss insze­nieren? Es gibt keinen „Walkü­renritt“, mehr ein braves Defilee der acht Schwestern, die sich um die angeord­neten Stühle platzieren. Und der Feuer­zauber findet überhaupt nicht statt. In einer letzten großen Geste legt Wotan Brünn­hilde auf den Boden, und zieht den schwarzen Vorhang über sie. Als dieser Vorhang sich zu den letzten Klängen noch einmal öffnet, ist Brünn­hilde verschwunden, und ein kleines Mädchen steht dort und wartet fast ängstlich auf ihren Vater Wotan. Mit diesem durchaus eindrucks­vollem Schlussbild schließt sich auch die perspek­ti­vische Erzählung aus der Sicht der Kinder, die initial mit dem kleinen Zwillingspaar begonnen hat. Es ist eine durchaus gefühls­be­tonte, vielleicht auch feminine Sicht­weise der Handlung und der familiären Tragödie, die Wagemakers erzählt. Und obwohl vieles nachvoll­ziehbar ist, gelingt die szenische Umsetzung nicht wirklich. Es fehlt der zündende, fesselnde Ausdruck. Insgesamt ist es eine solide, aber deutlich zu brave und harmlose Darstellung der Geschichte. Da helfen auch die großar­tigen, archai­schen Kostüme von Erika Lander­tinger nicht weiter, die insbe­sondere Wotan und Hunding ein martia­li­sches Erschei­nungsbild verpassen, während die Walküren zwar über erotische Brust­panzer verfügen, mit ihren ausla­denden Reifröcken aber mehr als kleine Töchter Frickas erscheinen denn als kampf­erprobte Walküren.

Auch musika­lisch ist es ein Abend des gefühls­be­tonten Ausdrucks. Insbe­sondere Zoltán Nyári, der erst vor wenigen Monaten in Oldenburg sein Rollen­debüt als Siegmund gegeben hat, ist ein sanfter Siegmund, kein wirklicher Held. Sein schöner, klarer Tenor hat nicht die klassische Strahl­kraft eines Helden­tenors, es ist mehr der Schön­gesang, wie ein Klaus Florian Vogt ihn erfolg­reich kulti­viert hat. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Aber Nyári singt ausdrucks­stark und textver­ständlich, und seine Wälse-Rufe sind keine Kraft­er­güsse, sondern verzwei­felte Hilferufe an den Vater. Spiele­risch gelingt ihm die Umsetzung von Wagemakers Intention. Ein wunder­bares Rollen­debüt als Sieglinde gelingt Chris­tiane Kohl. Ihr jugendlich-drama­ti­scher Sopran klingt frisch und unver­braucht, sie hat eine sehr warme Mittellage und gleich­zeitig expressive leuch­tende Höhen. Auch ihre Textver­ständ­lichkeit ist in der heutigen Zeit fast schon eine Ausnahme. Auch sie setzt das gefühls­betone Spiel in der Vorgabe von Monique Wagemakers eindrucksvoll um. Aris Argiris gibt den Wotan mit fulmi­nantem Bariton und exzen­tri­schem Spiel, so dass die Katego­ri­sierung der Rolle von Wagemakers als „arroganter Narziss“ von Argiris auch konse­quent umgesetzt wird. Sein musika­li­scher Ausdruck aber ist der eines ganz Großen, und sein berüh­render Abschied von Brünn­hilde „Leb wohl, du kühnes herrliches Kind“ vielleicht der emotio­nalste Moment des Abends. Magnus Piontek, der im Chemnitzer Rheingold einen eher balsa­mi­schen Fasolt gegeben hat, darf hier als Hunding eine ganz andere Facette seines Könnens zeigen. Mit seinem markanten Bass und seinem martia­li­schen Auftreten verleiht er der Rolle des Hunding etwas Archai­sches, so wie Wagner ihn sicher selbst darge­stellt hätte. Diana Hobbs gefällt als hochdra­ma­tische Brünn­hilde, mit starkem Ausdruck und inten­sivem Spiel. Lediglich in den drama­ti­schen Ausbrüchen klingt ihre Stimme etwas scharf, ist ein zu starkes Vibrato vorhanden, das den guten sänge­ri­schen Gesamt­ein­druck etwas trübt. Monika Bohinec, die schon als Fricka im Rheingold zu reüssieren wusste, gibt auch mit dieser Partie in der Walküre einen überzeu­genden Auftritt, und zwingt ihren Götter­gatten Wotan mit weiblichem Charme, aber vor allem auch mit kraft­vollem Ausdruck, von seinem Schutz für Siegmund abzurücken. Das Oktett der Walküren harmo­niert stimmlich gut mitein­ander, und Guibee Yang singt die Helmwige besonders kultiviert.

Etwas diffe­ren­zierter muss man die musika­lische Umsetzung betrachten. Felix Bender, Erster Kapell­meister und stell­ver­tre­tender GMD am Theater Chemnitz, steht am Pult der Robert-Schumann-Philhar­monie. Auch das ist etwas Beson­deres an der Chemnitzer Ring-Insze­nierung, dass GMD Guillermo Garcia Calvo nicht alle vier Premieren dirigiert, sondern sich die Tetra­logie mit seinem Stell­ver­treter teilt, ein Ausdruck von Größe und Wertschätzung gegenüber dem jungen Kollegen. Und Bender zeigt, dass er seinen eigenen Stil hat, insbe­sondere in der Tempo­ge­staltung und in der Phrasierung. Mit knapp 70 Minuten ist der erste Aufzug der Walküre deutlich länger als die meisten Referenz­auf­nahmen, gleiches gilt für den zweiten Aufzug. Die langge­zo­genen Tempi, dabei immer wieder ins Piano gehen, ist effektvoll, wenn es im Wechsel einge­setzt wird. Doch Bender zieht dieses Tempo über zwei Aufzüge durch, was leider langatmig und ermüdend wirkt, obwohl er schöne Farben und Nuancie­rungen heraus­ar­beitet. Durch das Piano-Spiel steht der Gesang im Vorder­grund, das ist redlich, aber ebenfalls etwas langweilig, weil die Ausdrucks­stärke dann doch zu einseitig wird. Im dritten Aufzug hat Bender dann umgestellt, wechselt klug die Tempi und dirigiert sowohl einen kraft­vollen Walkü­renritt als auch einen ausdrucks­starken Schluss mit Wotans Abschied und dem Feuer­zauber. Das Orchester folgt dem Gestus des jungen Dirigenten, arbeitet die Leitmotive klug heraus. Einige Unsau­ber­keiten im Blech trüben schon wie im Rheingold einen ansonsten überzeu­genden Gesamteindruck.

Das Chemnitzer Publikum nimmt die Vorstellung dankbar auf, es gibt großen Jubel für die Protago­nisten einschließlich Dirigent und Orchester, und auch das Regieteam um Monique Wagemakers darf sich über einen warmher­zigen Applaus ohne Buhrufe erfreuen. Das Publikum erhebt sich ab dem zweiten Vorhang von den Sitzen. Dieje­nigen, die schon das Rheingold gesehen haben, sind vielleicht etwas erleichtert, nicht wieder mit so drasti­schen Bildern konfron­tiert zu werden. Einziger Wermuts­tropfen sind mal wieder die vielen Huster, die insbe­sondere an den leisen Stellen im zweiten Aufzug wie der Todes­ver­kün­digung einen ungetrübten Musik­genuss unmöglich machen. Nach einem expres­siven Rheingold und der etwas biederen Walküre ist jetzt Halbzeit­pause im Chemnitzer Ring. Im Herbst geht es dann weiter mit Siegfried und Götter­däm­merung, jeweils wieder mit neuen Regis­seu­rinnen. Dann erst wird man sehen, wie weit dieses Ring-Konzept aufgeht. Nach der Walküre bleibt indes ein Fragezeichen.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: