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Psychogramm zerstörter Seelen

CARMEN
(Georges Bizet)

Besuch am
2. Juni 2019
(Premiere)

 

Landes­theater Coburg

Die Oper Carmen von Georges Bizet zählt zu den meist­ge­spielten Opern weltweit, und das nicht nur an den ganz großen Häusern. Es ist die eingängige, manchmal folklo­ris­tisch wirkende Musik mit ihren großen lyrischen und drama­ti­schen Passagen, die uns diese Oper so nahe bringt.  Die Ouvertüre ist fast schon eine eigene Marke, so hoch ist ihr Wieder­erken­nungswert. Carmen hat bis heute nichts an Aktua­lität verloren. Es ist das ewige Spiel um Liebe und Eifer­sucht, um Schuld­zu­wei­sungen und Verletz­barkeit, erotische Fantasien, um Ehre und Stolz, alles Themen, die auch in der heutigen Zeit eine wichtige Rolle spielen. Und deshalb stellt sich bei jeder Neunin­sze­nierung die Frage, wie geht das Konzept des Regis­seurs auf? Spielt er mit den gängigen Klischees, oder vermeidet er sie und sucht eine radikale Lösung? Beide Ansätze sind durchaus berechtigt und können auch voll aufgehen.

Im Fall der Coburger Neuin­sze­nierung gelingt das Konzept aller­dings nur im Ansatz. Denn zu Beginn der Oper ist die eigent­liche Handlung schon gelaufen, und Don José wartet als verur­teilter Mörder im Gefängnis auf seine bevor­ste­hende Hinrichtung. In Rückblenden erinnert er sich an die schick­sal­hafte Begegnung mit der Zigeu­nerin Carmen, die anders als er die Freiheit der Liebe über alle Konven­tionen stellt. L’amour est un oiseau rebelle singt sie in ihrer Habanera. Auch Don José gelingt es nicht, sie zu zähmen – als Carmen ihn für den Stier­kämpfer Escamillo verlässt, tötet er sie aus Eifer­sucht. Ausgehend von Prosper Mérimées 1845 veröf­fent­lichter Novelle erzählt der Regisseur und Bühnen­bildner Alexander Müller-Elmau die Geschichte aus der Perspektive Don Josés und entwi­ckelt ein psycho­lo­gisch-albtraum­haftes Insze­nie­rungs­konzept jenseits aller Zigeu­ner­ro­mantik und Spani­en­kli­schees. So gut die Idee im Ansatz ist, so belanglos scheitert dieses Konzept im Laufe der Insze­nierung. Das liegt zum einen an dem kalten, weißen Einheitsraum, der Gefäng­nis­zelle und Gefäng­nishof einer­seits, anderer­seits aber auch Stier­kampf­arena, Zigaret­ten­fabrik und Schmugg­ler­schänke darstellen soll. Überhaupt scheint der Raum mehr Psych­iatrie als Gefängnis zu sein, denn es wird die Figur eines Aufpassers im Arztkittel einge­führt, der Don José befragt, alles beobachtet und notiert.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Die franzö­si­schen Dialoge sind entspre­chend angepasst, die deutschen Übertitel dafür sehr frei übersetzt. Man fragt sich die ganze Zeit, warum dieser Typ eigentlich eine Augen­klappe trägt. Der Psych­iater entpuppt sich dann als Doppel­figur und verwandelt sich nach Ablegen des weißen Kittels in den Torero Escamillo, der bei einem seiner Kämpfe ein Auge verloren haben muss. Und auch Don Josés Jugend­liebe Micaëla, in der er mehr die Projektion seiner Mutter sieht, erscheint im weißen Arztkittel, quasi als Lebens­hel­ferin. Und die Soldaten sehen aus wie Angehörige einer jetzt­zei­tigen Wach- und Schließ­ge­sell­schaft. Nun wird es richtig krude.  Unter der Gruppe der Soldaten finden sich auch Damen, die zu den Uniform­hosen und Kampf­stiefeln grüne OP-Oberkleidung tragen. Die Arbei­te­rinnen der Fabrik tragen unter einer Art Metzger­schürze lediglich einen BH, das soll wohl die eroti­schen Fantasien beflügeln, und es gibt auch männliche Arbeiter, so viel zum Thema Gleich­be­rech­tigung.  Auch Carmen wandelt ihr Outfit. Am Anfang gekleidet wie eine Wachsol­datin, entledigt sie sich schnell ihrer Bluse, und schnell wird klar, diese Carmen ist eine femme fatale, nur dass Emily Lorini das schau­spie­le­risch leider nur ansatz­weise zum Ausdruck bringen kann. Die Kostüme hat Julia Kasch­linski kreiert.

Foto © Sebastian Buff

Dann werden alle bunt durch­ein­an­der­ge­mischt, so dass der Zuschauer, der das Werk nicht näher kennt, Mühen hat, die einzelnen Figuren der entspre­chenden Gruppe zuzuordnen. Es herrscht bisweilen heilloses Chaos auf der Bühne. Aber vielleicht empfindet ein zum Tode verur­teilter Mörder kurz vor seiner Hinrichtung so, und das Erlebte wird zum Albtraum. Auch die Kinder, die ja eigentlich die Wachab­lösung imitieren, werden hier zu kleinen Toreros und Matadoren, die mit Holzlanzen Don José malträ­tieren, dem man zum Vergnügen aller einen Stierkopf aus Pappmaché aufge­setzt hat. Da stellt sich dann schon die Frage, ist Don José nur Täter oder auch Opfer? Zumindest ist er Opfer seiner eigenen Dämonen geworden, die ihn beherr­schen und ihn gegenüber Carmen und Escamillo zu gewalt­tä­tigen Ausbrüchen verleiten. Viel zu spät reali­siert er, dass er von Carmen auch nur als Mittel zum Zweck gebraucht wurde.

Leider wird in dieser Insze­nierung die psycho­lo­gische Dreiecks­be­ziehung zwischen Carmen, Escamillo und Don José nicht wirklich heraus­ge­ar­beitet, die Handlung läuft mehr als Neben­strang ab. Und wenn Micaëla ihre wunder­schöne Arie im dritten Aufzug singt, dann schläft sie zuvor unter der bunt gemischten Gruppe am Boden liegend. Passt auch nicht richtig. Der letzte Akt wird dann doch noch mal etwas spannend, als es zum Showdown zwischen Don José und Carmen kommt, aufmerksam beobachtet vom gesamten Ensemble, dass sich im Halbrund versammelt hat. Als Don José Carmen die Gurgel durch­schneidet und diese mit einem erlösten Lächeln zu Boden sinkt, schleicht sich Escamillo mit seinem Degen von hinten an den Wider­sacher und erlegt ihn quasi wie einen Stier, und der Albtraum auf der Bühne hat nicht nur für Don José ein Ende. So endet ein Psycho­gramm zerstörter Seelen auf der Bühne zwar spekta­kulär, aber am Ende bleibt doch ein fader Nachgeschmack.

Foto © Sebastian Buff

Dass der Abend trotzdem seine großen Momente hat, ist vor allem der Musik und dem Gesang zuzuschreiben. Die Mezzo­so­pra­nistin Emily Lorini, in der letzten Spielzeit noch Mitglied des Coburger Choren­semble, gibt nun als Gesangs­so­listin ihr Rollen­debüt als Carmen. Und dass sie sich mit dieser Carmen identi­fi­ziert, zeigt sie sänge­risch und darstel­le­risch mit leiden­schaft­lichem Spiel. Die Habanera singt sie zwar mit lasziver Stimme, doch insgesamt fehlt sowohl der Stimme als auch der Darstellung etwas die erotische Ausstrahlung, die für eine Carmen so bedeutsam ist. Milen Bozhkov verleiht der Partie des Don José eine ganz besondere Ausstrahlung und inter­pre­tiert die albtraum­hafte Rückblende des Geschehens mit leiden­schaft­lichem Gestus.  Seine Blume­narie ist von inspi­rie­render Schlichtheit, mit tenoralem Schmelz und sicherer Höhe. Die Verän­derung Don Josés als zum Tode verur­teilter Mörder setzt Bozhkov nicht nur darstel­le­risch, sondern auch sänge­risch mit großem Engagement um. Olga Shurshina begeistert als Micaëla mit jugendlich-drama­ti­schem Sopran, strah­lender Höhe und zurück­hal­tendem Spiel. Ihre große Arie Je dis que rien ne m‘ épouvante im dritten Akt singt sie innig und empathisch. Marvin Zobel überzeugt in der Doppel­rolle als Psych­iater und dem Stier­kämpfer Escamillo mit wohlklin­gendem Bariton, verständ­lichem Franzö­sisch und physi­scher Präsenz. Die Neben­rollen, aus denen Dimitra Kotidou als Frasquita mit hellem und klarem Sopran herausragt, sind an diesem Abend durch­gängig gut besetzt, so dass das gesamte Ensemble einen ordent­lichen sänge­ri­schen und darstel­le­ri­schen Eindruck hinter­lässt. Chor, Extrachor und Kinderchor des Landes­theaters Coburg, einstu­diert von Mikko Sidoroff und Daniela Pfaff-Lapins, sind stimmlich gut präsent und bringen sich auch darstel­le­risch intensiv ein.

Das Philhar­mo­nische Orchester des Landes­theaters Coburg unter der Leitung seines General­mu­sik­di­rektors Roland Kluttig spielt einen spannenden und eingän­gigen Bizet. Schon die bekannte Ouvertüre ist zügig und munter wie ein Weckruf im ersten Teil, im zweiten Teil düster und melan­cho­lisch. Werden die Orches­tersoli prägnant mit Betonung der verschie­denen Motive gespielt, so ist die Begleitung der Sänger ein zurück­neh­mendes und sänger­freund­liches Dirigat. Kluttig und das Philhar­mo­nische Orchester Coburg werden zum Schluss umjubelt. Das Publikum ist mit dem Zwischen­ap­plaus sehr sparsam, was aber definitiv nicht an der sänge­ri­schen Darstellung liegt. Einhellig werden Chor, Orchester sowie das Sänger­ensemble mit großem Applaus bedacht, während es für das Regieteam nur Höflich­keits­ap­plaus gibt. Überzeugen kann diese psycho­lo­gisch-albtraum­hafte Insze­nierung von Alexander Müller-Elmau nicht wirklich, obwohl der Regie­ansatz verhei­ßungsvoll begann. In der kommenden Spielzeit wird Müller-Elmau in Coburg Wagners Rheingold auf die Bühne bringen. Vielleicht dann aus der Perspektive eines Götter­däm­me­rungs-Wotan, der vor dem Brand Walhalls noch einmal den Raub des Goldes und seinen Fluch erlebt. Wir werden es sehen.

Andreas H. Hölscher

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