O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Slapstick-Komödie mit wenig Tiefgang

HÄNSEL UND GRETEL
(Engelbert Humperdinck)

Besuch am
2. Dezember 2023
(Premiere)

 

Landes­theater Coburg

Mit der dringend anste­henden Renovierung des Landes­theaters Coburg von 1840 soll in naher Zukunft begonnen werden. Für die Interimszeit hat die Stadt beim alten Güter­bahnhof ein Gebäude errichtet, das dem Globe Theatre von Shake­speare nachemp­funden ist. Ein polygo­naler Betonbau im Kern wird außen­herum von einem luftig-leicht wirkenden Holzstän­derbau mit vielen Fenstern umgeben. Hier finden sich das Foyer mit Garderobe, Bars, Kasse und so weiter. Betritt man den Zuschau­erraum, der durch den Orches­ter­graben von der Bühne getrennt ist, fallen die mit Holzleisten verklei­deten Wände auf, die eine gute Akustik versprechen. Das Gebäude wird die nächsten Jahre als Ausweich­spiel­stätte dienen und danach für weitere Zwecke zur Verfügung stehen – eine sehr gut gelungene Lösung.

Das Globe verfügt weder über einen Schnür­boden noch über eine Drehbühne, was Bühnen­bildner Marvin Ott geschickt mit einem sich drehenden Gazevorhang überspielt, der Raum für Projek­tionen bietet und je nach der klug durch­dachten Licht­regie unter Markus Stretz eine weiße Trennwand oder einen durch­sich­tigen, Geheim­nisse verber­genden Übergang zu einer anderen Welt darstellt. Das sind zunächst Voraus­set­zungen, die eine märchenhaft verlo­ckende Insze­nierung ermög­lichen könnten. Aber weit gefehlt. Hänsel und Gretel sind laut Programmheft in der Fränki­schen Schweiz und machen am Wald mit ihren Eltern Urlaub in einem herun­ter­ge­kom­menen Wohnwagen. Ein Camping­stuhl, ein alter rusti­kaler Holzstuhl, die Wachs­tuch­tisch­decke und der runde Holzkoh­len­grill setzen das Geschehen in die Nachkriegszeit.

Foto © Constanze Landt

Regisseur Neill Barry Moss zeichnet auch für die Kostüme verant­wortlich und schickt Mutter Gertrud mit Locken­wicklern und Puschel­san­dalen auf die Bühne, obwohl sie gerade trotz Urlaubs, man braucht ja das Geld, von einer Putzstelle kommt. Die Eltern, Hänsel und Gretel und die Kinder sind in Flicken­kostüme gekleidet, viele aus Krawatten gemacht, wie gesagt, die 50-er Jahre lassen grüßen. Vater Peter bringt als Staub­sauger­ver­treter nicht nur Lebens­mittel, sondern auch einen Pelzmantel für die Frau mit. Die Hexe kommt im gelben volumi­nösen Kleid mit Teddy­bären besetzt, das sehr viel Bein und das, was drüber liegt, zeigt, mit einem übermä­ßigen violett­far­benen Zylinder auf dem Kopf.

Nach eigener Aussage will Moss die Not der Kinder heraus­stellen und den theatralen Raum als Schutz für sie verstehen, Hoffnung vermitteln. Er hat sich viel einfallen lassen und die Ideen purzeln nur so im Verlauf der Handlung, die bezeich­nen­der­weise im Programmheft „Vorgänge“ genannt werden. Da werden zur Ouvertüre mit Zuckerguss verschiedene Namen auf der proji­zierten Torte auspro­biert, bis man endlich bei Hänsel und Gretel landet. Das Geschwis­terpaar bewirft sich beim Kochen des Reisbreis mit Mehl, das gerade auch so herum steht. Später verorten im Kino mitten im Wald alte Urlaubs­videos aus den 50/60-er Jahren das Geschehen mit Autos, die einen Pass nur mit qualmenden Kühlern überwinden, eher in Italien als in der Fränki­schen Schweiz. Sprechende Gesichter im stummen Super-8-Film, badende Kinder, Bier trinkende Männer, Frauen beim Kaffee­kränzchen und vieles mehr lenken von der wunder­baren Musik ab und bringen keinen Gewinn. Viele der Einfälle lassen keinen Bezug zum Geschehen erkennen. So haben Hänsel und Gretel im Wald ein Handy, das Gretel benutzt, um den Text von Ein Männlein steht im Walde abzulesen. Hänsel macht deutlich, dass sie keinen Empfang haben, aber natürlich läutet das Gerät mit dem Kuckucksruf im nächsten Moment. Und das ist so typisch für die gesamte Aufführung: Egal, ob es passt oder nicht, es wird jedem Gag nachgejagt, sehr assoziativ. Eine gedank­liche Konse­quenz ist oft nicht ersichtlich. Anstatt der vierzehn Engel kommen nach dem Abend­segen die Lebku­chen­kinder mit Teddy­bären im Arm auf die Bühne und Sand- und Taumännchen füttern sie mit Popcorn. Sie sind verlorene Kinder, nach denen im Kinofilm des aufplop­penden Waldkinos gesucht wird. Eine Mutter, die ihr Kind hier wieder­findet, soll Hoffnung ausdrücken.

Die Hexe wird bei Moss zu einer albtraum­mä­ßigen, Kinder missbrau­chenden Figur, die Hänsel und Gretel ihren Hintern entge­gen­strecken muss und sich ihrer Hände bedient, um über den üppigen Hänge­busen zu streichen. Einem Teddy wird in den Schritt gegriffen.

Da freut man sich über kurze Momente, die zeigen, dass Moss auch poetisch sein kann: Als sich die Bühne nach dem Abend­segen wandelt, verklären blaues Licht und Schnee­flocken die Szene, wenn auch das Taumännchen im rosaroten Bären­kostüm hereintapst.

Foto © Constanze Landt

Bei den Sängern sticht Kora Pavelić als Hexe heraus. Sie wirbelt energievoll über die Bühne und bringt auch in feinen Schat­tie­rungen ihre Lüsternheit zum Ausdruck. Ihr Mezzo­sopran ist voluminös und ausdrucks­stark, schau­spie­le­risch bringt sie sich voll ein, das Prüfen des Hühner­bein­chens gerät zum Kabinett­stückchen. Wie gut, dass sie am Ende trotz vorbe­rei­teter Dynamit­ladung nicht zersprengt wird, sondern einfach hinter dem Vorhang verschwindet, diese Sängerin möchte man noch des Öfteren hören! Francesca Paratore als Gretel hat eine oberton­reiche, lyrische Sopran­stimme und gibt mit funkelnden Tönen ihre Partie sehr beein­dru­ckend. Ihr zur Seite steht der Hänsel von Emily Lorini, der gut mit ihr harmo­niert. Anfangs singt sie noch etwas verhalten, im Laufe des Stückes aber gewinnt sie immer mehr an Kraft, Farben und Ausdruck. Sehr burschikos muss sie daher­kommen, mit Schnurrbart schon fast der Jugend entwachsen. Mutter Gertrud wird von Rebecca Davis ausdrucks­stark gesungen, einem kräftigen Sopran, der sich zwischen Überar­beitung und Sorge um die Kinder im Dialog mit Vater Peter profi­liert. Daniel Carison muss als Staub­sauger­ver­treter einen eher lüsternen als sorgen­vollen Vater spielen, singt aber mit charak­te­ri­sie­rendem Bariton einen spiel­freu­digen Besen­binder, mit stets angenehmer, in allen Bereichen gut durch­gän­giger Stimme. Das Sand- und Taumännchen sind mit Chordamen besetzt und fügen sich in das Ensemble gut ein. Stefanie Ernst und Luise Hecht bringen als Beschäf­tigte des Waldkinos nicht nur Popcorn, sondern auch passende Töne mit. Die Kinder des Lebku­chen­chores, Einstu­dierung Marius Popp, sind hier als verlorene Kinder stärker in die Insze­nierung einge­bunden und singen den Chor nach ihrer Erlösung sicher und schön.

Unter GMD Daniel Carter spielt das Philhar­mo­nische Orchester Landes­theater Coburg die anspruchs­volle Partitur weich, beweglich und präzise, große Bögen und Steige­rungen auskostend. Schade, dass man die Ouvertüre und die Zwischen­musik auf der Bühne mit Action überfrachtet, anstatt den Besucher zuhören zu lassen.

Wer also den Slapstick und die Candywelt liebt, der kann sich die Insze­nierung zu Gemüte führen, alle anderen sollten sich in anderen Häusern umsehen. Das Publikum im ausver­kauften Globe begeistert sich fast ausnahmslos für Moss‘ Sicht­weise, eine gedank­liche Konse­quenz scheint nicht mehr unbedingt nötig. Aller­dings gibt es auch etliche Zuschauer, die sich jeglichen Applaus sparen.

Jutta Schwegler

Teilen Sie O-Ton mit anderen: