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Die Leere des goldenen Hirns

DAS RHEINGOLD
(Richard Wagner)

Besuch am
29. September 2019
(Premiere)

 

Landes­theater Coburg

Den Ring des Nibelungen von Richard Wagner auf die Bühne zu bringen, ist für jedes Haus ein ambitio­niertes Unter­nehmen und stellt auch die größten Opern­häuser vor beträcht­liche Heraus­for­de­rungen. Wenn nun ein Landes­theater sich der Idee verschreibt, innerhalb von vier Spiel­zeiten den kompletten Ring zu präsen­tieren, so gebietet das Respekt vor dem Mut, aber auch eine gute Portion Skepsis, ob ein derar­tiges Projekt technisch, musika­lisch und sänge­risch überhaupt zu reali­sieren ist. Am Landes­theater Coburg wagt man nun genau fünfund­fünfzig Jahre nach der letzten zykli­schen Aufführung von Wagners Ring diesen Schritt und bringt mit einer Neuin­sze­nierung des Rheingold fast genau 150 Jahre nach der Urauf­führung in München den Vorabend der Tetra­logie zur Aufführung. Hier werden die zentralen Themen des Gesamt­werkes angesprochen. Liebe und Macht schließen sich aus, das ist die Erkenntnis, die am Anfang dieses Zyklus’ steht. Und musika­lisch ist es das tiefe Es der Streicher, das zurück­führt zur Geburt der Welt, zum ideal­ty­pi­schen Urzustand. Doch mit Alberichs Raub des Rhein­golds und seinem fatalen Fluch, Wotans größen­wahn­sin­niger Idee einer Götterburg als Symbol längst verlo­rener Autorität, der Überlistung Alberichs durch Loge und schließlich Fafners Brudermord an Fasolt entwi­ckelt sich ein Handlungs­strang, der unwei­gerlich zum Ende führt und auch durch Erda nicht mehr beein­flussbar ist.

Regisseur Alexander Müller-Elmau wählt für seine Inter­pre­tation des Beginns des Welten­dramas mit zwei Geburten einen durchaus inter­es­santen Ansatz, der aber in der szeni­schen Umsetzung schnell ins Stocken gerät und nicht wirklich überzeugen kann. Da ist zunächst die Geburt Alberichs, der am Grunde des Rheins aus einer Art Urschleim geboren wird. Die zweite Geburt ist die Wotans, der in einer Art mythi­schem Schlaf wie ein Mystiker, der durch eine Todes­er­fahrung geht und dann in eine spiri­tuelle Welt eintritt, aus der er meint, die Welt retten zu können. So entstehen parallel zwei Antipoden, deren Aufein­an­der­treffen die verschie­denen Ebenen symbo­li­sieren und das endgültige Scheitern der Götter vorwegnimmt.

Schon bevor der erste Ton aus der Tiefe des Orches­ter­grabens erklingt, öffnet sich der Vorhang und der Zuschauer erblickt einen musealen Raum, wo die drei Rhein­töchter in einem großen Behälter gleich einem Exponat zur Schau gestellt sind. Und Alberichs Pseudo­geburt geschieht unter einer Plane, kaum sichtbar, dafür von durch­gehend auf der Bühne präsenten Besuchern inter­es­siert beäugt. Das Rheingold, das die Rhein­töchter mit ihrer Schwatz­haf­tigkeit leicht­fertig verlieren, ist in dieser Insze­nierung zunächst ein kleines mensch­liches Gehirn, das aus Gold ist. Dieses Gehirn wird im Laufe des Stückes durch die Nibelungen, die immer mehr schaffen, immer größer, bis es dann in Nibelheim so groß ist, dass Alberich selber in diesem Hirn lebt. Müller-Elmau sieht dieses Gehirn aber nicht als Ausdruck des aufklä­re­ri­schen Denkens, sondern weil dieses Gehirn hohl ist und aus Gold, ist es für ihn Sinnbild für das Materia­lis­tische, das Goldene, das die Ratio, den Verstand ausblendet.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Die Götter sind dekadent charak­te­ri­siert, eine Prosecco schlür­fende Gruppe von Charak­teren, die illuster daher­kommen und doch nicht wirklich was zu sagen haben. Wotan wirkt wie ein Trapper, der erfolglos von der Bärenjagd zurück­kommt. Donner, im seidenen Tuch mit Stöckel­schuhen und einem winzigen Hammer, mit dem man noch nicht mal einen Sturm im Wasserglas entfachen kann, ist lediglich eine schlechte Karikatur, genauso wie Froh, der aussieht wie ein Remake von Tom Kaulitz von Tokio Hotel. Freia ist die erotische Verspre­chung des Abends, während Fricka sich mit ihrer Perücke abmüht und die genervte Gattin gibt. Loge dagegen ist inter­essant darge­stellt, überzogen mit Tattoos und das Gesicht geschminkt wie Heath Ledger als Joker im Film The Dark Knight. Und das passt tatsächlich irgendwie in diese groteske Ansammlung von Charak­teren, denn dieser dunkle Loge-Joker ist dämonisch, intrigant und manipu­liert Götter, Riesen und Zwerge. Dass er einen Rock aus einer Rettungs­folie trägt, die man bei Brand­ver­letzten einsetzt, hat schon wieder Stil. Während die Riesen in ihren Fellen wie Urzeit­men­schen daher­kommen, ist Mime ein wie unter Ecstasy stehender Derwisch, der zu den Schlägen der Ambosse einen gesteppten Veitstanz aufführt. Und Erda, die Urmutter, die Allwis­sende, die Wala? Sie ist eine der Zuschaue­rinnen des Museums, eine Menschenfrau, die alles beobachtet hat. Für Müller-Elmau perso­ni­fi­ziert Erda die Natur­kraft, die jegliches Leben entstehen lässt und in allem wirkt und daher in unter­schied­lichen Formen erscheinen kann. Klingt sehr esote­risch, ist aber am Wagner­schen Verständnis vorbei­ge­schrammt. Dass Müller-Elmau durchaus Kenntnis und Verständnis der Motive im Ring hat, sieht man quasi aus dem Augen­winkel im Hinter­grund. Wenn Wotan zu seinem letzten Monolog ansetzt, erklingt das erste Mal das Schwert­motiv, und hier schon scheint sich, wissend um das drohende Ende der Götter, sein großer Gedanke zu entwi­ckeln, nämlich das Schwert für seinen noch nicht gezeugten Sohn Siegmund in den Stamm der Esche zu rammen. Und Erda, die unscheinbare Museums­be­su­cherin, hat plötzlich das Schwert in der Hand und gibt es einer anderen Besucherin weiter. Der Raben­junge als Begleiter Wotans ist auch nur eine halbherzige Allegorie.

Foto © Sebastian Buff

Dass beobach­tende Menschen im Ring in das Geschehen direkt oder indirekt eingreifen, ist nun auch nichts neues, Patrice Chereau hat es in seinem Bayreuther Jahrhundert-Ring 1976 eindrucksvoll gezeigt. Neben dieser nicht wirklich überzeu­genden Perso­nen­regie ist Müller-Elmau auch für das Bühnenbild verant­wortlich, dass in der ersten Szene noch inter­essant wirkt, dann aber von Szene zu Szene nachlässt. Das große, goldene Hirn im Zentrum, und Alberichs Verwandlung in einen Drachen zeigt das Gehirn mit einer Art Rückenmark, und der ständige Wechsel von Erd- und Mondsil­houette, das sind schon die nennens­werten Effekte, die Markus Stretz mit seinem Licht­design gut in Szene setzt. Der Einzug der Götter in Walhall ist ein enges Zusam­men­rücken der Götter auf einem Podest, angestrahlt von einer Batterie Schein­werfer. Auch das wirkt profan, kann weder begeistern noch verärgern. Die schon beschrie­benen Kostüme hat Julia Kasch­linski entworfen.

Natürlich muss man die Möglich­keiten und Grenzen, technisch wie finan­ziell, eines Hauses betrachten. Aber grade bei einge­schränkten Mitteln ist Kreati­vität und Impro­vi­sation gefordert, das vermisst man während der knapp zweieinhalb Stunden doch. Auch musika­lisch und sänge­risch sind Grenzen schnell erreicht, und doch bietet so ein Abend ungeahnte Chancen und Möglich­keiten, die eigenen Grenzen auszu­loten und mögli­cher­weise zu überschreiten.

Allen voran Michael Lion als Wotan mit einem respek­tablen Rollen­debüt. Sein fast schon eleganter und ausdrucks­starker Bass-Bariton füllt das Haus, und seine Dekla­mation ist vorbildlich, da brauch er sich hinter großen Namen nicht verstecken. Simeon Esper stand vor kurzem noch in Dresden an der Semperoper in Verdis Nabucco mit Plácido Domingo auf der Bühne, und brilliert jetzt als Loge-Joker. Mit intel­ligent witzigem Spiel und schön­k­lin­gendem Tenor sowie übersprü­hender Spiel­freude ist er der Dominator dieser Aufführung und wird am Schluss vom Publikum lauthals gefeiert. Martin Trepl als Alberich bleibt spiele­risch und sänge­risch dagegen blass, da fehlt die Schwärze in der Stimme, das Brutale, die Wut. Trepl singt und spielt schön, fast anständig, aber er ist kein Schwarzalbe, vor dem man sich fürchten muss. Dirk Mestmacher als Mime weiß durchaus als Charak­ter­tenor mit dynami­schem Spiel zu gefallen. Kora Pavelic überzeugt als dominante Gemahlin Fricka mit abgeho­bener Attitüde und leicht drama­ti­schem Mezzo-Sopran. Marvin Zobel gibt den Donner mit kräftigem Bariton, während Peter Aisher als Froh noch etwas die Durch­schlags­kraft fehlt. Olga Shurshina gibt die Freia mit klarem, jugendlich-drama­ti­schem Sopran und leicht frivolem Spiel.

Foto © Sebastian Buff

Felix Rathgeber singt den Fasolt mit warmem und wohlklin­gendem Bass, da zeigen sich die Wurzeln der Kirchen­musik, und er verleiht dem verliebten Riesen dadurch eine schon fast mensch­liche Note, während Bartosz Araszkiewicz seinen schwarzen Bass mit starkem Akzent als Bruder­mörder Fafner erklingen lässt. Evelyn Krahe lässt mit ausdrucks­vollem warmem Mezzo­sopran in der Partie der Erda aufhorchen.

Dimitra Kotidou als Woglinde, Laura Incko als Wellgunde und Emily Lorini als Floss­hilde harmo­nieren gesanglich und spiele­risch als Rheintöchter-Trio.

Das Philhar­mo­nische Orchester des Landes­theaters Coburg weiß an diesem Abend trotz der einge­schränkten Möglich­keiten durchaus zu überzeugen. Natürlich hat Coburg nicht das von Wagner vorge­sehene 123 Mann starke Orchester, und hätte dafür im Graben auch gar keinen Platz. Gespielt wird daher die sogenannte Coburger Fassung für 40 Musiker, arran­giert vom Hofmu­sik­di­rektor Alfons Abbas, die mit Basstrompete und Wagnertuba modifi­ziert wurde und für die aktuelle Neuin­sze­nierung gespielt wird. Diese Fassung zeigt eine anspre­chende Klang­ma­lerei und ein farben­reiches und nuanciertes Spiel, auch wenn es zu Beginn die eine oder andere Unsau­berkeit bei den Bläsern im Orches­ter­graben zu vernehmen gibt. Dunkel und düster erklingt der Es-Dur Akkord zu Beginn aus dem Orches­ter­graben, doch die Farben wechseln schnell. Der Übergang zum zweiten Bild ist schon fast sympho­nisch zart, die Nibelungen-Szenen dagegen im überschäu­menden Forte schlag­kräftig, der Einzug der Götter in Walhall majes­tä­tisch und erhaben. Roland Kluttig, General­mu­sik­di­rektor in Coburg, führt die Orches­ter­mu­siker mit klarem Gestus durch die Partie. Er arbeitet Farbnu­ancen heraus, wechselt klug die Tempi und arbeitet besonders die Leitmotive und sympho­ni­schen Elemente klar heraus und beweist, dass auch eine kammer­mu­si­ka­lische Besetzung Wagner laut spielen kann, manchmal sogar zu laut. Darunter hatte vor allem Martin Trepl als Alberich etwas zu leiden.

Am Schluss gibt es großen Applaus im nicht ganz ausver­kauften Coburger Landes­theater für das gesamte Ensemble, besonders Simeon Esper als Loge wird umjubelt, dafür erhält Michael Lion eigentlich zu wenig Applaus. Großer Jubel auch für Roland Kluttig und sein Philhar­mo­ni­sches Orchester, während das Regieteam Applaus ohne Überschwang und ohne Buhrufe entgegen nehmen kann. Der erste Schritt dieses ambitio­nierten Projektes ist getan, doch am Ende bleiben Zweifel, in welche Richtung Alexander Müller-Elmau in den kommenden drei Jahren den Ring weiter­ent­wi­ckeln will. Oder um es mit der ersten und zweiten Norn im Vorspiel der Götter­däm­merung zu halten, die ihre Schwester fragen: „Weißt du, wie das wird?“

Andreas H. Hölscher

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