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Die Operette lebt vom Zauber der Illusion, von Traumbildern und von der Sehnsucht nach einer heilen Welt. Aber was passiert, wenn sich die Träumerei als trügerisch erweist? Am Landestheater Coburg lässt der Regisseur Jörg Behr in der Operette Der Vetter aus Dingsda von Eduard Künneke illusionäre Träume von der großen Liebe mit der Realität der Nachkriegszeit Anfang der 20-er Jahre des letzten Jahrhunderts aufeinander krachen. Das geschieht mit hintergründigem, entlarvendem und teilweise skurrilem Witz und einem direkten Zeitbezug zum Jahr der Uraufführung dieses Werkes. Eduard Künneke komponierte den Vetter aus Dingsda für das Berliner Theater am Nollendorfplatz. Der für die Goldenen Zwanziger typische Vergnügungstempel hob das Erfolgsstück 1921 aus der Taufe. Zu seinem Erfolg trug Künnekes Geschick bei, Gesangsnummern mit den damals neu aufkommenden Modetänzen Foxtrott, Paso doble, Tango oder Valse boston zu kombinieren. Arien wie Strahlender Mond oder Ich bin nur ein armer Wandergesell, von Rudolf Schock unerreichbar intoniert, begründeten Eduard Künnekes Ruhm als Großmeister der deutschen Operette, insbesondere der Berliner Operette. Die Melodien waren seinerzeit Gassenhauer, und bis heute hat diese witzige Operette nichts von ihrem Charme verloren.
Wer kennt sie nicht, lästige Verwandte, die man am liebsten nur von hinten sieht? Der jungen und schönen Julia de Weert geht es da nicht anders: Ausgerechnet ihr Vormund, der gefräßige Josef Kuhbrot, genannt Onkel Josse, und seine Frau Wilhelmine, genannt Wimpel, sind zu Besuch, um ihr ihren Neffen August Kuhbrot als Ehemann schmackhaft zu machen – und um sicherzugehen, dass ihr Vermögen damit in der Familie bleibt. Aber Julia liebt nur einen: ihren Vetter Roderich. Der ist allerdings vor sieben Jahren nach „Dingsda“, einer Stadt im Indischen Ozean, aufgebrochen und hat seither nichts mehr von sich hören lassen. Just da tauchen gleich zwei Fremde auf, die behaupten, Roderich zu sein – wer ist nun der Richtige? Wer ist Traumbild, wer ist Realität? Und kann Liebe, auf eine Illusion aufgebaut, überdauern?
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Der Regisseur Jörg Behr und der Bühnen- und Kostümbildner Marc Weeger haben dafür einen interessanten Ansatz gewählt, der zeigt, dass auch eine fast 100 Jahre alte Operette immer noch aktuell sein kann. Es sind die alltäglichen Figuren der Handlung, die versuchen, in einer, sagt Behr, „zunehmend undurchschaubaren und unlogischen Welt zu überleben und es sich so lange wie möglich gutgehen zu lassen – was durchaus sehr nah an unserer Gegenwart ist.“ Entsprechend überzeichnet sind die Charaktere, verstärkt durch ein teilweise schrilles Outfit. Der gefräßige und nur auf seinen finanziellen Vorteil bedachte Josse fällt mit langer Mähne und Netzhemd unter seinem Sakko aus dem Rahmen der damaligen Zeit. Seine Frau Wimpel, in ein kanariengelbes Kleid gehüllt, hat mehr Interesse für den Alkohol und die jungen Männer als am Zusammenhalt der Familie. Die naiv sentimentale Julia, in ein kurzes Gewand gehüllt, macht im Laufe der Handlung eine nachvollziehbare Wandlung vom Hascherl zur selbstbewussten Frau. Das ist ihre Freundin Hannchen schon lange, mit ihrem erotischen Paillettenkleid scheint sie grade von einem Auftritt aus einem Berliner Revuepalast gekommen zu sein. Der Möchtegern-Galan Egon von Wildenhagen, der aussieht wie ein durchzechter Burschenschaftler, faltet lieber ordentlich das Papier für die Blumen zusammen, als einen romantischen Angriff auf die Damenwelt zu starten. Ja, und der erste Fremde, der sich so gerne als Wandergesell darstellt, ist ein ehemaliger Weltkriegssoldat, der in derbem Tuch und durchtretenen Knobelbechern die Bühne betritt, aus denen malträtierte und bandagierte Füße lugen. Da ist zunächst wenig Platz für Romantik, die Realität der Nachkriegszeit ist omnipräsent. Und genau diesen Kontext stellt Regisseur Behr in den Mittelpunkt der Handlung. Julia, die seit sieben Jahren – und damit seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges – auf ihre Jugendliebe Roderich wartet, hat sich in eine Traumwelt geflüchtet, in der Shakespeares Romeo und Julia und der Mond als Postillon d’Amour ihre Sehnsüchte bestimmen. Und das Schloss wird von Jörg Behr und Marc Weeger als eine Oase im fiktiven Holland dargestellt, in der die Figuren als Lebenskünstler gestrandet sind und sich vor der Realität verkriechen. Die Gestaltung des Portals ist inspiriert von einem Blumenmuster der 20-er Jahre und dominiert das Bühnenbild, das den vorderen Teil der Bühne einschließlich Orchestergraben einnimmt, mit wenigen Requisiten wie Tisch, Sofa und verschiebbarem Kühlschrank. Im Hintergrund ist eine Silhouette des zerstörten Berlins mit dem Brandenburger Tor zu erkennen.
Dafür sitzt das Orchester auf der Bühne, quasi im Rücken der Akteure. Behr bezeichnet das als sichtbare „Sehnsuchts- und Emotionsmaschine“. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Akustik und auf die Kommunikation zwischen Dirigent und dem Ensemble, die nur indirekt über Monitore erfolgen kann. Der Auftritt des zweiten Fremden, des echten Roderich de Weert, wird hier nicht wie üblich mit einem Automobil dargestellt, sondern er kommt wie ein Astronaut von der Bühnendecke abgeseilt, was für Begeisterung im Publikum sorgt.
Der Einsatz eines Stroboskoplichts und die Videoprojektion von Kriegsszenen in die Mondsilhouette zu Beginn des dritten Aktes lassen wieder den Bezug zur Realität der Nachkriegszeit sichtbar werden, allerdings etwas zu dick aufgetragen. Künneke und seine Librettisten hatten sicher nicht den traumatisierten Soldaten im Hinterkopf, als sie das Lied vom Wandergesellen schrieben.
Insofern ist diese Assoziation zwar nachvollziehbar aufgrund des zeitlichen Zusammenhangs, aber es fällt doch etwas zu sehr aus dem ansonsten heiter bis sentimentalen Rahmen. Nun heißt es in der Operette so schön: … und im Märchen da wurden die beiden ein Paar, und Behr verweigert sich nicht dem obligatorischen Happy End. Julia nimmt dann doch den August Kuhbrot, ihren Roderich, und der echte Roderich, sehr selbstgefällig, nimmt sich das Hannchen, nur für Egon von Wildenhagen bleibt nichts übrig als ein veritabler Korb, den die beiden Damen ihm gegeben haben. Und die Moral von der Geschichte, jage keinem Traumbild nach, sondern liebe den Menschen so, wie er ist. Eine Weisheit, die im Zeitalter von Dating-Apps mehr denn je aktuell ist.

Musikalisch ist das eine formidable Leistung, die das Philharmonische Orchester des Landestheater Coburg unter der Leitung von Roland Fister präsentiert, mit den akustischen Herausforderungen der Besetzung auf der Bühne und der nur eingeschränkten Kommunikation mit den Sängern. Doch diesen Balanceakt haben Fister und seine Musiker voll im Griff, die Tänze sind vor allem in den Ensembles mitreißend, und in den Solo-Stücken begleitet Fister die Sänger wie der „dienende Geist“ und schafft es, dass die Musik und die Hits nach zweieinhalb Stunden Spielzeit wie Ohrwürmer im Kopf nachsummen. An diesem Effekt haben natürlich auch die Sänger einen großen Anteil, die nicht nur sängerisch, sondern auch schauspielerisch beeindrucken. Laura Incko gibt mit klarem, hellem Sopran und strahlender Höhe die romantisch verklärte Julia, mit dem anrührend vorgetragenem Auftrittslied Strahlender Mond, der am Himmelszelt thront … hat sie schnell das Publikum für sich eingenommen. Das gilt auch für Peter Aisher, der den ersten Fremden mit viel Charme und Überzeugungskraft gibt. Sein Ich bin nur ein armer Wandergesell singt er noch etwas zurückhaltend, aber mit tenoralem Schmelz, während er in den Ensembles und den Duetten dann zur Hochform aufläuft. Francesca Paratore als Hannchen ist mit ihrem liebreizenden Sopran und ihrem frechen, manchmal schon fast lasziven Spiel eine Idealbesetzung für diese Rolle. Einen Sturz in den Orchestergraben kurz vor dem Finale übersteht sie ohne sichtbare Einschränkungen. Michael Lion lässt es in der Rolle des Josef Kuhbrot so richtig krachen, sein markanter Bass und sein komödiantisches Spiel werten die Rolle richtig auf. Anne Heßling gibt die Wilhelmine mit markantem Alt und komödiantischem Spiel. Dirk Mestmacher überzeugt in der Rolle des verklemmten Egon von Wildenhagen; Jan Korab in der Rolle des zweiten Fremden gefällt mit schlankem Tenor und lässigem Spiel.
Ein Sonderlob haben sich Konstantinos Bafas und Martin Trepl als Diener Hans und Karl verdient. Als seien sie einer Varieté-Revue aus den 20-er Jahren entsprungen, agieren sie urkomisch und messerwerfend und geben der Aufführung eine ganz besondere Note. Die mitreißende Choreografie studierte Daniel Cimpean ein, und für die immer atmosphärisch richtige Beleuchtung sorgte Thilo Schneider. Erwartungsgemäß gab es am Schluss großen Jubel für alle Beteiligten einschließlich Regieteam. Mit dieser Neuinszenierung eines Klassikers der deutschen Operette hat das Landestheater Coburg einen großen Wurf gelandet, der sicher noch für lange Zeit für kurzweiliges Vergnügen sorgen wird, trotz des immer präsenten Hintergrundes der Nachkriegszeit des Ersten Weltkrieges.
Andreas H. Hölscher