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ORPHEUS UND EURYDIKE
(Christoph Willibald Gluck)
Besuch am
30. November 2024
(Premiere am 6. Oktober 2024)
Orpheus, mythischer Sänger – ja, der Sänger schlechthin in der Literatur. In den letzten 400 Jahren, von Claudio Monteverdi im 17. Jahrhundert bis Hans Werner Henze oder Philip Glass im letzten Jahrhundert oder in unserem Jahrtausend Ricky Ian Gordon, haben sich viele Komponisten mit dem Stoff des Sängers beschäftigt, der nicht nur die Tiere des Waldes, die Bäume und Felsen mit seinem Gesang erweichte, sondern auch die blutleeren Schatten in ihrem grässlichen Reich.
Verschiedene Fassungen gibt es von Christoph Willibald Glucks Werk von 1762, in Darmstadt spielt man in großen Teilen die 1859 entstandene von Héctor Berlioz. Die Handlung ist nicht kompliziert: Eurydike, die Frau von Orpheus, stirbt, und er beklagt mit traurigen Gesängen ihr Ableben. Da tritt Amor auf und teilt ihm mit, dass Zeus ihm erlaube, in die Unterwelt hinabzusteigen und seine Frau wieder mit in die Oberwelt zu nehmen. Als einzige Bedingung darf er Eurydike während dieses Weges nicht ansehen. Orpheus bewirkt mit seinem Gesang seinen Zutritt in die Welt der Schatten und erreicht das Elysium, wo Eurydike weilt. Die gerät aber ob der Tatsache, dass ihr Mann sie nicht ansehen will, in Panik, was ihn wiederum dazu bringt, sich umzudrehen. Eurydike sinkt zurück in die Unterwelt, und Orpheus verzweifelt und will sich erdolchen. Doch da schaltet sich Amor wieder ein und führt letztendlich die Liebenden wieder zusammen.

Regisseur Søren Schuhmacher, seit dieser Spielzeit Operndirektor in Darmstadt, stülpt dem recht einfachen und dann doch wieder komplexen Geschehen eine psychologische Deutung über und opfert ihr einiges, was Glucks Oper sonst auch so attraktiv macht: großartige Chöre, die auf der Bühne agieren, dazu die Ballettnummern. In Schuhmachers Interpretation wird der von Alice Meregaglia einstudierte Chor erst in den Rang, dann in den Orchestergraben und schließlich auf die Seitenbühne verbannt. Von dort aus verströmen die von Meregaglia einstudierten Sänger einen sauberen und homogenen Wohlklang. Man hätte den Chor sehr gerne auch in Aktion auf der Bühne erlebt, sicherlich hätte das auch zu einer intensiveren Dramatik des Geschehens beigetragen. So bleibt alles auf die drei Hauptakteure auf der Bühne konzentriert, denen Schuhmacher eine vierte Figur, als Mort und Psychée – Tod und Psyche – bezeichnet, zur Seite stellt: den Tänzer Marcos Abranches, in dieser Spielzeit Artist in Residence am Darmstädter Staatstheater. Der Künstler ist durch eine Zerebralparese betroffen, an der er durch Sauerstoffmangel seit der Geburt leidet. Er bringt die inneren Kämpfe Orpheus‘ in seiner eigenen Körpersprache in teils unkontrollierbaren Bewegungen zum Ausdruck, ist Verkörperung der Ängste, der Verzweiflung und der Hoffnung in Orpheus, aber auch der vermenschlichte Kerberos, der Wächter des Totenreiches.
Das bleibt aber nicht die einzige Neuerung, die Schuhmacher einbringt. Amor ist ebenfalls verliebt in Orpheus, das wird schon zu Beginn nahegelegt, als er sich die Verkleidung in Eurydike auszieht. Nach der Wiederkehr aus dem Totenreich gesellt sich Eurydice zu Orpheus, aber beide versinken in eng umschlungener Untätigkeit, das Messer in der Hand, von einer Freude über die Wiedervereinigung ist nichts zu spüren. Eher erwartet man den gemeinsamen Tod beider, der Schlusschor entfällt, der Chor darf gehen und erscheint auch zum Applaus nicht.
Damit ist die Geschichte in Darmstadt aber noch lange nicht zu Ende. Amor darf noch, in der Bewegung wie Abranches schlingernd und stolpernd in großer Langsamkeit eine Rampe hinaufkrabbeln, fast am Ende seiner Kräfte, oben angelangt Amor vincit omnia – die Liebe besiegt alles – auf den Boden schreiben und eine berückende Mozartarie singen: Vorrei spiegarvi, oh Dio! Qual è l’affanno mio – Gern würde ich euch erklären, oh Gott, was mein Kummer ist. In der heißt es später: Arder non pù il mio core Per chi vorrebbe amore – Mein Herz darf sich nicht verzehren nach dem, den es gerne lieben würde. Das glückliche Ende bei Gluck in der Fassung von Belioz bleibt den Beteiligten versagt, letztendlich bleibt es hier offen.

Das Bühnenbild von Norbert Bellens, der auch die leicht barocken Kostüme entworfen hat, zeigt nur einen Raum. Der ist anscheinend, so legt es ein Bild im Programmheft nahe, von einem Lost Place inspiriert, einem stark verrotteten Raum der Heilstätten Beelitz bei Berlin. Graue Sonnenblumen schauen von den Wänden auf die Agierenden herab. Zehn Neonröhren hängen bis in den Zuschauerraum hinein. Anfangs sieht man Orpheus in der Pose Freddie Mercurys mit hochgereckter Faust hinten stehen. Bellen hat das Ganze gedreht, die für den Zuschauer sichtbare Bühne ist die eigentliche Hinterbühne, auf der sich das Geschehen abspielt. Ein Gazevorhang mitten hindurch trennt die Ober- von der Unterwelt. Im hinteren Bereich, wo es in den Hades hinabgeht, wallen kräftig Nebel, von dort tritt Eurydike aus dem Elysium auf. Einige Stühle stehen vorne herum, dazu ein alter Kahn, der eifrig bespielt wird, auf dem Amor Orpheus bezirzen möchte und der am Ende das Gefährt in die Unterwelt sein soll, alles sehr reduziert, bedeutungsvoll über sich hinausweisend, aber auch recht mager. Auf der einen Seite werden starke äußerliche Affekte gestrichen, auf der anderen Seite innere Konflikte durch eine Figur personalisiert, obwohl gerade diese Sängerin wirklich alles in ihre Stimme legen kann.
Lena Sutor-Wernich als Orpheus ist von Anfang an glutvoll und absolut überzeugend in ihrer Rolle. Ihren Mezzosopran mit außergewöhnlichem, schokoladig-dunklem Timbre setzt sie durch alle Lagen warm und kräftig ein, sehr beweglich in den Koloraturen und immer intensiv im Ausdruck. Bei Laissez vous toucher par mes pleures – Lasst euch durch meine Tränen anrühren – ist sie sehr inniglich, sehr zurückgenommen und zart. Ihre Arie J’ai perdu mon Eurydice – Ach, ich habe sie verloren – gerät zum Höhepunkt des Abends und man merkt, wie wichtig intensiv gefühlte Pausen sein können. Jana Baumeister singt die Eurydice mit lyrischer Stimme, zeigt aber auch immer wieder dramatische Ansätze. Sehr weich ist ihr Ansatz, gut durchgebildet alle Register, ohne störendes Vibrato. Besonders gefühlvoll ist sie, als sie Orpheus aus der Unterwelt folgen will. Im Duett mit Orpheus verschmelzen beide Stimmen sehr gut. Marie Smolka singt mit sehr hellem, blitzsauberem und absolut höhensicherem Sopran einen überzeugenden Amor, der zwischendurch auch als Todesengel mit großen schwarzen Flügeln erscheinen darf. Ihre Mozartarie zum Schluss gestaltet sie mit großer Intensität und bester Pianokultur in den hohen, silbrigen Tönen.
Nicolas Kierdorf dirigiert das Staatsorchester Darmstadt bereits in der Ouvertüre frisch und lebendig. Beim Eintritt Orpheus‘ in die Unterwelt klingt es dann scharf wie Peitschenhiebe, heftig, vom Donnerblech verstärkt. Aber Kierdorf nimmt seine Musiker auch sehr fein und zart zurück, phrasiert gut ab. Harfe und Spinett seien als besonders prominent erwähnt, das Flötensolo beim Eintritt in Elysium gerät berückend.
Insgesamt ein vor allem musikalisch gelungener Abend vor ausverkauftem Haus. Bis Januar ist die Produktion noch vier Mal zu sehen ist.
Jutta Schwegler