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DREIGROSCHENOPER/SWEET DREAMS
(Kurt Weill, Ute Lemper)
Besuch am
1. und 3. März 2019
(Einmalige Aufführungen)
Was dem formellen Festakt der Honoratioren zur Eröffnung des 27. Kurt-Weill-Festes an Schwung und Witz fehlt, bringen die Eröffnungs-Revue mit Dagmar Pecková als Mackie Messer und Kurt Weills Dreigroschenoper, ein „Stück mit Musik“ in der Inszenierung von EzioToffolutti in wenigen Minuten auf die Bühne und ins Publikum. Mit Toffoluttis Inszenierung nimmt das Kurt-Weill-Fest wieder ein Stück auf, das schon im vergangenen Jahr beim Publikum die Lust auf Weill verstärkt hat: Flottes Spiel, eine mitreißende Musik und vor Spiellust sprühende Schauspieler – das Publikum geht mit. Natürlich hat die schrill und vielfach überzeichnete Hurengruppe in ihren eindeutig-zweideutigen Kostümen und provokanten Auftritten das Publikum schnell auf seiner Seite. Ob grelle Gesichtsmasken, Kostüme, Songs oder Bühnenpräsenz: Toffolutti überzeichnet gern und reichlich. Das Publikum akzeptiert diesen Spaß und hat offensichtlich viel Freude an dieser schon 2018 opulent und spitzfindig eingerichteten und jetzt wieder aufgenommenen Inszenierung.
Die Musiker unter bewährter Leitung von Markus I. Frank haben den Weill-Sound bestens „drauf“. Ob Ballade, Moritat, Tango-Habanera oder Jazz-Fetzen, das klingt und schwingt bis ins Publikum. Bemerkenswert, wie präzise und klangvoll dieser große Orchesterblock mit über 80 Musikern des Anhaltischen Theaters die zum Teil eher ungewohnten Rhythmen auf die Bühne bringt.
Mit Matthias Mosbach als windigem, glattem Macheath, Mirjana Milosavljevic als stabiler Polly Peachum und Dirk S. Greis als souveränem Jonathan J. Peachum sind die Figuren prominent besetzt. Auch die übrigen Figuren, von Londons Polizeipräsidenten Tiger Brown bis zur Spelunken-Jenny sind in besten Händen und zeigen viel schauspielerischen Spaß. Dass „Hochwürden“ zu diesen Zeiten mehr als Karikatur denn als reale Figur gezeichnet wird, ist fast unvermeidlich.
Und dann die Weillsche Musik: Ob den Anstatt-Song oder den Mond über Soho, den Kanonensong, die Mackie-Messer-Ballade, das Lied von der Seeräuberjenny oder die Zuhälterballade, die „alten Bekannten“ sind alle da und haben nichts von ihrer Musikalität und ihrem Charme verloren. Sie bringen unvermeidlich ein wenig Romantik und Sentimentalität in den dunklen Saal, die Brecht eigentlich vermeiden wollte. Manch grauer Kopf beginnt leicht mitzuschwingen oder leise mit zu summen bei diesen Evergreens, die Zuhörer beklatschen jeden Song einzeln. Kurz: Ein unterhaltsames, musikalisch und darstellerisch gelungenes Theatervergnügen.
Süße Träume

Mit Ute Lemper haben sich die Dessauer nun schon zum zweiten Mal einen internationalen Showstar auf die Bühne geholt, der mit seinen deutschen, französischen und amerikanischen Programmen eine Besonderheit unter den international renommierten Bühnenstars darstellt. Ihre international gefärbte Orientierung wie ihre deutschen Schwerpunkte mit Marlene Dietrich und Kurt Weill machen sie uneingeschränkt zu einer bemerkenswerten Ausnahme auf internationalen Bühnen. Als einzige unter den Programmpunkten betont und unterstreicht sie mehrfach das gesellschaftspolitische Engagement von Kurt Weill und bedauert, dass dieses in den USA fast völlig verloren gegangen sei und vor allem in Verbindung mit Brecht „eher verlästert“ wurde.
Den ersten Teil ihres Programms widmet Ute Lemper komplett der Musik von Kurt Weill, mit dessen Musik sie schon 1986 ihre erste Platte herausbrachte und dessen „Frechheit und Deftigkeit“ sie faszinierte. Musikalisch eingängig, erkannte Lemper, Weills Lieder „musste man eben fühlen und denken.“ In ihren mal sanften, verträumten Partien oder in stark expressiven Passagen erklingen die bekannten Weill-Songs Wie man sich bettet, der September-Song und The Saga of Jenny, in denen sie das Publikum zu wahrer Begeisterung mitreißt. Im zweiten Teil des Abends wird das Programm internationaler : Nach einem Gershwin-Medley folgen I got Rythm, Naughty Baby und schließlich, als abschließendes Feuerwerk, der unvergessliche Song von John Kander Cabaret aus dem Jahr 1966, bei dem Lemper noch einmal ihr ganzes musikalisch-tänzerisches Temperament und ihr Talent zur perfekten Selbstdarstellung blitzen lässt. Kein Zweifel, dass sie als artist in residence in Dessau hoch willkommen ist und das Publikum mit der Bandbreite ihres Programms und ihrer Expressivität mehr als begeistert.
Oberbürgermeister Peter Kuras und der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haselhoff, nehmen in ihren Grußworten zu gern das Motto des diesjährigen, nun schon 27. Kurt-Weill-Festes Mut zur Erneuerung für ihre Stadt Dessau und für Sachsen-Anhalt in Anspruch und schlagen gern den Bogen zum Festival, das neben dem Bauhaus eines der wenigen Lichter in dieser Region darstellt, das sie dem 1900 in Dessau geborenen Komponisten Kurt Weill verdankt. Und die über 50 Festival-Veranstaltungen mit vielen international renommierten Künstlern zeigen, dass sich die Programmmacher für das Festival 2020 zwar den Kopf zerbrechen müssen, aber sich keine Sorgen zu machen brauchen, dass ihnen der Stoff ausgeht – dank Kurt Weill.
Horst Dichanz