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Das Premierenpublikum ist auffallend gemischt. Die mit ihrem Vater gekommene Fünftklässlerin zieht die Schuhe aus und macht es sich im Parkettsessel bequem, um mit voller Aufmerksamkeit dem Bühnengeschehen folgen zu können. Zum Glück sitzt das hochgewachsene Gothic-Pärchen, dessen weiblicher Teil auch noch einen Kopfschmuck trägt, nicht direkt vor des Kindes Nase. Im Rang nimmt eine Schulklasse Platz. Überhaupt sind die Besucher dieser Premiere im Schnitt erstaunlich jung.
Frank Wildhorns auf dem Roman von Bram Stoker basierendes Musical stellt Dialoge und Tanz hintenan, es gehört mit seinen zahlreichen Ensembles eher in die Linie der Opéra comique und der Rockoper. Beide Genres sind vom Komponisten einige Male weichgespült worden. Immerhin bietet das Ergebnis Aussicht auf einen kurzweiligen Abend.
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Da reicht es völlig aus, wenn Lars Helmer die Figurenkonstellation deutlich herausarbeitet, für effektvolle Auftritte und Abgänge sorgt und optisch attraktive szenische Arrangements trifft. Sogar für den blutsaugenden Grafen ein wenig Sympathie zu wecken, gelingt dem Regisseur. Dracula ist im tiefsten Herzen ein Melancholiker, der gleichermaßen unter dem Fluch der bösen Tat und der Verdammung zu ewigem Leben leidet. Eher als das Schreckgespenst kehrt der transsylvanische Hochadlige die triviale Ausgabe eines Byronschen Dandys und Weltschmerzlers hervor. Grausamkeiten serviert Helmer meist dezent als Schattenspiel. Die Kinder im Saal sind da aus ihren Märchen- und Sagenbüchern Schlimmeres gewohnt. Und wenn van Helsing mit Lucys abgeschlagenem Kopf über die Bühne läuft, bleibt der Lacherfolg weder bei der Schulklasse im Rang noch im übrigen Publikum aus. Auch die Erotik zeigt sich jugendfrei. Was sich zwischen Dracula und Mina auf dem Kanapee taktil und haptisch abspielt, kommt dennoch eindeutig über die Rampe. Freilich lässt die Dialogregie zu wünschen übrig. Die kurzen Sprechtexte scheinen bloßer Ballast.
Kay Anthonys Bühne setzt auf Lichtstimmungen und Hintergrundprojektionen, die den jeweiligen Schauplatz andeuten. Das wirkt ein wenig dürftig, ist aber sicher praktikabel für Abstecherorte mit nur bescheidenen technischen Möglichkeiten.
Die Kostüme von Torsten Rauer mischen 19. Jahrhundert für die Titelfigur mit Art-déco- Kreationen für die Damen. Die Herrengarderobe gehört unbestimmter ins zweite Viertel des 20. Jahrhunderts.

Versiert entledigt sich der von Francesco Damiani einstudierte Chor des Landestheaters seiner überschaubaren Aufgabe.
Für ein Musical denkbar differenziert und klangkultiviert tönt es aus dem Graben. Das Symphonische Orchester des Landetheaters unter Mathias Mönius gibt alles, um zwischen den Gefahren von Seifigem und Zuckerwatte, die beide in Wildhorns Partitur lauern, hindurch zu schiffen. Dirigent und Orchester holen mehr aus der Musik heraus, als vermeintlich in ihr steckt. Dass hier Symphoniker und nicht Musiker einer kommerziellen Produktion aufspielen, wirkt sich entschieden zum qualitativen Vorteil aus.
Auch die Sängerdarsteller dürfen Facetten jenseits rein profitorientierter Musicalindustrie zeigen. So wartet Lucius Wolter in der Titelrolle mit markantem Timbre und dramatischem Aplomb auf. Angelina Biermann als Mina Murray und Katrin Merkl als Lucy Westenra profilieren sich durch intelligente Phrasierung. Der van Helsing von Udo Eickelmann trägt durch darstellerische Agilität und gepflegte Sprechkultur die schauspielerische Palme des Abends davon. Nur Julian Culemann als Jonathan Harker bleibt blass. Alle weiteren Rollen sind angemessen besetzt.
Bürgerliche Premierenabonnenten, Gothic-Leute, Jugendliche und Kinder, sie alle sind höchst angetan. Die Detmolder Begeisterung für das heimische Theater kennt wieder einmal keine Grenzen. Sofort erhebt sich das Publikum zu standing ovations. Auf Auswärtige wirkt das befremdlich, andererseits hat die Verbundenheit des Publikums mit „seinem“ Haus etwas Gewinnendes. Jedenfalls kann über die Familientauglichkeit der Produktion kein Zweifel bestehen. Wer das adrette, einstige lippische Residenzstädtchen mit seinem Theater nicht kennt, mag sie als Abendprogramm für einen Wochenendausflug mit dem Nachwuchs dorthin vormerken.
Michael Kaminski