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HÄNSEL UND GRETEL
(Engelbert Humperdinck)
Besuch am
13. Dezember 2017
(Premiere am 20. Oktober 2017)
Die Bühne als Zeitmaschine. Wenn der Vorhang sich öffnet, werden sich Theaterbesucher, die nicht wissen, dass die Produktion im vergangenen Oktober ihre Premiere hatte, sich die Augen reibend fragen, wie viele Jahrzehnte die Inszenierung denn bereits auf dem Spielplan stehen mag.
Die ersten beiden Bilder nutzt Guta G. N. Rau, um sämtliche mit Humperdincks Oper verbundene Klischees zu bedienen. In blitzblanker Armut hausen die putzmunteren Geschwister. Sie und ihre Eltern dürfen niedliche Schnuten ziehen und mit aufgesetzter Pseudo-Naivität agieren. Besonderes Augenmerk liegt auf dem tänzerischen Element, das lebendig und breit ausgespielt wird. Trotz aller Emsigkeit wirkt das Ganze restlos entschleunigend. Wie aus der Zeit gefallen. Das dritte Bild bringt die Wende. Die Hexe mutiert zur Tingeltangel- oder Halbweltgröße. Jedenfalls benimmt sich die Dame stark übergriffig, frisst offenbar Menschenfleisch, weil das ihrem Teint bekommt und außerdem fürchterlich exklusiv ist. Zudem ergibt sie sich wahllos dem Trunk. Nimmt erst einmal einen tiefen Schluck aus dem Benzinkanister, bevor sie ihren Motorbesen mit dem Treibstoff befüllt. Kein Wunder, das solches Gebaren zur Bruchlandung im Off führt. Das Finale wiederum entspricht in seiner Treuherzigkeit dem Stückbeginn.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Auch die Bühne von Klaus Hellenstein frommt erst einmal liebdienerisch der so genannten Werktreue. Das aufgeräumte Wohnstübchen dürfen bürgerliche Theatergänger als poetische Armut goutieren. Der Märchenwald präsentiert sich als Kulissenbühne, die Hauptgesetze der Landschaftsmalerei bis zum Abwinken durchexerziert. So der ein gleichschenkliges Dreieck aus Baumwipfeln bildende Hintergrundprospekt. Selbst die gemalten Fliegenpilze im Unterholz fehlen nicht. Das Ganze gibt sich wie ein überdimensionales Papiertheater des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts. Das idyllische Szenario wandelt sich im dritten Bild ins Groteske. Die Hexe haust in einer überdimensionalen Kaffeemühle, in der wahrscheinlich nicht allein Kaffeebohnen pulverisiert werden. Der Backofen ist ein frühindustrielles Ungetüm, in dem die Kinder als Produktlinie reihenweise zu Lebkuchen verarbeitet werden. In ihre Fänge lockt sie die Hexe mittels eines verführerisch aufleuchtenden Selbstbedienungsautomaten, auf dem als kategorischer Imperativ die Devise „Wähle selbst!“ prangt.
Tatiana Tarwitz entwirft detailverliebte Kostüme in allbekannter Hänsel-und-Gretel-Machart. Das haben hier fürstlich- lippische Prinzessinnen und Prinzen samt ihrer Untertanen wahrscheinlich schon vor mehr als einem Jahrhundert nicht viel anders gesehen. Grandios aber ist die Hexe gewandet. Sie wirft sich als Mixtur aus Puffmutter und Maschinenwesen in Schale, prangen doch auf ihrer Stirn Apparaturen, die wie Prototypen für die Bork aus Star Trek anmuten.

Die von Christiane Schmidt einstudierten Kinder der Detmolder Schlossspatzen singen innig und präzise.
Angeleitet von Francesco Damiani entwickeln die Damen des Opernchores am Landestheater Detmold vokal feinsinniges spätromantisches Stilgefühl.
Das musikalisch herausragende Ereignis des Abends besteht im Dirigat von Hye Ryung Lee. Die Solorepetitorin mit Dirigierverpflichtung leistet für eine Kapellmeisterin am Beginn ihrer Karriere wahrhaft Erstaunliches. Klare Strukturen vereinbart Lee mit einem satten Klangbild. Wenn sie auch anfangs noch ein wenig vorsichtig agiert, so gewinnt ihr Dirigat zunehmend Tempo und dramatische Verve. Das Symphonische Orchester des Landestheaters Detmold folgt ihr beherzt. Die Streicher klingen transparent. Das Blech ist eine Wonne.
Das darstellerisch engagierte Solistenensemble tönt durchweg solide. Lotte Kortenhaus als Hänsel agiert jungenhaft und mit raumgreifender Stimme, die deutlich zum Dramatischen tendiert. Jeanne Seguin ist eine anmutige Gretel. Insu Hwang ein vokal etwas uneinheitlicher Peter, dessen Phrasierung noch gewinnen kann. Brigitte Bauma gibt eine souveräne Gertrud. Markus Gruber überzeugt darstellerisch als Knusperhexe. Sein Tenor lässt ein wenig Geschmeidigkeit vermissen.
Der Beifall für Solisten und Chor ist stark und schwillt weiter an, als Hye Ryung Lee die Bühne betritt. Abstecher mit Hänsel und Gretel werden das Landestheater Detmold noch nach Herford, Witten, Lippstadt und Bocholt führen.
Michael Kaminski