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DIDONE ABBANDONATA
(Giuseppe Saverio Mercadante)
Besuch am
10. August 2018
(Premiere)
Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, Tiroler Landestheater
Soll man eine Oper, die in Vergessenheit geriet, wieder ausgraben? Es muss ja wohl seine Gründe haben, warum Giuseppe Saverio Mercadantes frühe Oper Didone abbondanata, 1823 in Turin uraufgeführt, heute nicht mehr auf den Spielplänen steht. Musikalisch bewegt sich der 1795 geborene Komponist, der im Laufe seines im 19. Jahrhunderts recht erfolgreichen Lebens 60 Opern geschrieben hat, auf den Spuren Rossinis, den er sehr verehrte; aber in Mercadantes melodiereichen Werken vermeint man auch Bellini und Donizetti durchzuhören; mit dem Sujet ist er jedoch noch verhaftet in der Vergangenheit. Denn er verwendete ein schon 1724 verfasstes Libretto von Pietro Metastasio, allerdings überarbeitet von Andrea Leone Tottola. Und der Stoff selbst über die unglückliche karthagische Königin Dido, die in den trojanischen Helden Aeneas verliebt ist, der sie aber verlässt, weil er gemäß göttlichem Auftrag Rom gründen soll, entstammt der antiken Mythologie, und in dieser Geschichte bringt sich die Abgewiesene nach der Abfahrt des Geliebten aus Verzweiflung selbst um. Darin ist schon eine Vorausdeutung auf den Untergang Karthagos enthalten. Doch Mercadante orientiert sich nicht nur an der alten Richtung, indem er die barocke Tradition der Hosenrolle des Aeneas aufnimmt, gedacht für einen weiblichen Mezzosopran oder Alt, wobei die Besetzung durch einen Kastraten zu seiner Zeit schon zu altertümlich erschien, sondern nimmt auch seine Gegenwart auf: Er vereinfacht Formen und melodische Linien, schafft dramatische Übergänge, gestaltet den Deklamationsstil plastisch und führt vor allem viele Chöre ein. Bei ihm ist die Didone ganz sentimentalen Empfindungen, Zerwürfnissen und Turbulenzen gewidmet, weniger äußeren Konflikten. Das drückt sich aus in gefühlvollen Melodien und weist damit voraus in die Blüte der europäischen Romantik. Ein wichtiges Element für Mercadante ist der Gesangsstil des Belcanto, und dadurch steht er in enger Verbindung auch zu Verdi, der ihn allerdings wegen dessen Lehrtätigkeit am Konservatorium in Neapel für „rückständig“ hielt. Belcanto beinhaltet, positiv gesehen, technische Virtuosität, gepaart mit höchster musikalischer Gestaltungskunst, aber nicht den negativ besetzten effekthascherischen Ziergesang.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Warum aber Mercadante heute nahezu vergessen ist, kann man ein wenig nachvollziehen angesichts der Wiederaufnahme seines Dido-Melodrams anlässlich der Festwochen der Alten Musik in Innsbruck, im Tiroler Landestheater. Nun ist der Intendant diese Festivals, Alessandro De Marchi, eigentlich bekannt für „Ausgrabungen“ barocker Werke. Warum er nun ausgerechnet Mercadante mit seiner Oper von 1828 gewählt hat, begründet er so: „Der entscheidende Aspekt für uns ist der Originalklang. Auch die Opernmusik des frühen 19. Jahrhunderts braucht Instrumente in der Originalbauweise der Entstehungszeit der Musik, um wirklich zur Geltung kommen zu können. Der Originalklang ist feiner, transparenter und eine viel bessere Grundlage für die Sängerinnen und Sänger.“ Außerdem lässt er in der tieferen Stimmung von 430 Hertz musizieren, was für die höheren Partien eine Erleichterung bedeutet. Der Originalklang hat aber auch seine Tücken, zu verfolgen an den oft störenden Ansätzen des Naturhorns besonders bei der Einleitung von empfindsamen Stellen. Wichtig ist auch: Von der Didone existieren zwei Fassungen; De Marchi wählte die der Uraufführung in Turin, nicht die spätere zweite, die für Neapel entstand, kürzt aber die umfangreichen Secco-Rezitative, die oft lediglich „Wortkulissen“ bilden. Komplett aufgeführt werden die orchestralen Accompagnato-Rezitative als wichtige Übergänge zwischen den Szenen. Lediglich der Schluss der Ouvertüre stammt aus der Version für Neapel. Ansonsten richtet sich De Marchi nach dem erhaltenen Turiner Autograph der Didone mit einer Sinfonia und vierzehn Nummern, von denen acht Solostücke sind. Auch die Besetzung des Orchesters richtet sich nach den Vorgaben der Originalpartitur, nur das Schlagwerk nach einer Kopie. Die beiden Protagonisten besitzen bei De Marchi die ursprünglich vorgesehenen Charakteristika; die Dido wird von einem klaren Sopran mit dramatisch-expressiven Qualitäten gesungen, der Maurenkönig Jarba von einem „robusten“ Tenor mit baritonaler Ausstrahlung.

Wie die Zuschauer aber das ständige Hin und Her der Gefühle zwischen Abschied und Bleiben als spannend erleben, das bei Mercadante doch leider etwas überstrapaziert wird und sich in die Länge zieht, trotz vieler Crescendi, hängt von der Inszenierung ab. Dafür konnte Regisseur Jürgen Flimm gewonnen werden. Der, wie die meisten ohne Erfahrung mit Mercadantes Werk, versucht, das „innere“ Geschehen durch möglichst viel „äußeres“ zu füttern. Das gelingt nicht immer plausibel, wirkt manchmal überstrapaziert, aufgesetzt. Flimms Grundidee lautet: Karthago ist noch nicht fertig errichtet; so hat Magdalena Gut auf die Drehbühne einen Betonkubus und Baugerüste gesetzt, Bauarbeiter füllen immer wieder einen Zementmischer, Glasbausteine werden gestapelt, vieles scheint improvisiert, und die Einrichtung des „Palastes“ der Dido ist rudimentär, im Freien angesiedelt, anfangs von roten Stoffbahnen überspannt. Für die Abfahrt des Aeneas übers Meer werden Schiffskähne herbei- und wieder weggeschleppt. Alles erinnert durch die Kostüme von Kristina Bell ein wenig an koloniale Zeiten; die Trojaner sind Soldaten in Khaki-Uniformen mit Tschakos, und dieselben Chorsänger wandeln sich durch passenden Kopfputz schnell zur Maurenarmee des Jarba. Dido trägt anfangs im vermeintlichen Liebesglück noch ein Brautkleid, später ein elegantes rotes Gewand, das sie hoheitlich wirken lässt, je nach Frisur aber voll Hoffnung oder Verzweiflung. Licht von Irene Selka und reichlich Theaternebel sorgen für passende Stimmung. Dass aber am Schluss Dido nicht wie im antiken Mythos durch Selbstmord endet, weil Aeneas sie endgültig verlassen hat, wird von Flimm, der wieder den obligatorischen nostalgischen Kühlschrank fürs Bier auf der Bühne platziert, entscheidend geändert: Alles versinkt bei ihm in Mord und Totschlag. Jarba tötet die Getreuen, vergewaltigt Didos Schwester Selene, Dido ergibt sich scheinbar dem Maurenherrscher, aber nur, um ihn aus der Nähe erdolchen zu können; dabei stirbt sie selbst, und Karthago geht in Rauch auf; nur Selene überlebt als eine Art schwarze Witwe das Desaster. Letztlich siegt Rom, Terror regiert die Welt, nicht die Liebe. Ein durch und durch pessimistischer Ausblick. Weil aber die Nebenfiguren wie die Vertrauten Osmida, Araspe und Selene fast durchgängig am Geschehen beteiligt sind, betraut Flimm sie mit vielfältigen Aktionen, kleinen Kämpfen, Diensten und mehr. Dadurch ist äußerlich ständig etwas los, wobei aber innerlich dank der Musik die Emotionen hochkochen. Eine ganz wichtige Figur ist dabei Aeneas, hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Neigung, wobei letztlich die Pflicht, also die Staatsräson über die Liebe siegt. Ganz anders Dido; sie hätte für ihre Liebe alles aufgegeben.
Eigentlich aber müsste diese Aufführung nicht Didone , sondern Enea – italienisch für Aeneas – heißen. Denn Katrin Wundsam, in dieser Hosenrolle ein schlanker Jüngling in schmucker blauer Uniform, begeistert nicht nur durch ihre bewegliche Gestaltung, sondern auch mit ihrem flexiblen, relativ hellen Mezzosopran; der imponiert mit satter Tiefe, vor allem aber mit ungeheuer lockeren, scheinbar mühe- und endlos wie an einem Band dahin laufenden Koloraturen; nirgends ist Anstrengung zu spüren, alles ist eingebunden in Wohlklang, und im Verlauf der Inszenierung steigert sie sich mehr und mehr. Dabei ist die Dido von Viktorija Miskunaite ebenfalls stimmlich eine Wucht. Ihr klarer, dramatischer, kraftvoller Sopran ohne jegliche Härten meistert mit strahlendem Glanz auch die höchsten Höhen, die Koloraturen gelingen meist, nur manchmal schleichen sich Unsauberkeiten ein. Heftige Emotionen drücken sich im überzeugenden Gestaltungswillen ihrer inneren Zerrissenheit aus. Dabei sieht sie immer beeindruckend attraktiv aus. Kein Wunder, dass sich auch der Maurenherrscher Jarba in sie verliebt. Carlo Vincenzo Allemano ist in dieser Rolle ein primitiver Macho und Unsympath, eingebildet und ein wenig dümmlich. Mit seinem baritonal gefärbten, kräftigen, etwas offen geführten Tenor verkörpert er wunderbar einen alternden Lüstling, und wenn er selbstverliebt in falscher Einschätzung der Wirklichkeit herumstolziert und herumtänzelt, wird er zum Liebling des Publikums. Von den drei Nebenrollen gefällt vor allem Emilie Renard mit ihrem hellen, angenehmen Mezzosopran als irgendwie an den Rand gedrängte Beobachterin des Geschehens, Selene. Osmida, der letztlich ungetreue Vertraute der Dido, wird von Pietro Di Bianco mit relativ schlankem Bass gesungen, und Araspe, der Vertraute von Jarba, der sich später in Selene verliebt, erhält durch Diego Godoy darstellerische Präsenz und sängerisches Profil durch seinen angenehm dunkel timbrierten Tenor. Ein besonderer musikalischer Glanzpunkt der Aufführung ist der klangschöne Herrenchor des Coro Maghini, einstudiert von Claudio Chiavezza, mal mit Gewehren als Trojaner, mal mit Geschenken für Dido beladen als Mauren. Alles aber wird zusammengehalten durch die mit viel Einsatz, schwungvoller Präzision aufspielende und in gefühlvollen, sonnig süßen Melodien schwelgende Academia Montis Regalis unter der Leitung von Alessandro De Marchi, der sein Orchester vor allem zu vielfarbiger, packender Gestaltung anregt.
Nach dem Ende der etwa dreistündigen Aufführung im ausverkauften Haus gibt es zuerst laute Jubelbekundungen für alle Mitwirkenden, vor allem aber riesigen Beifall für Katrin Wundsam als Enea; als jedoch das Regieteam mit Flimm erscheint, bricht ein wahrer Buhsturm los. Der verstörende Schluss muss nicht jedem gefallen, ist aber irgendwie logisch. Ob Mercadantes zweiaktiges Dramma per musica nach Innsbruck auf der Bühne Bestand haben wird, ist fraglich, schon wegen der extremen Anforderungen an die Hauptpartien.
Renate Freyeisen