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Mozart aus 1001 Nacht

DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
4. September 2020
(Premiere)

 

Oper Dortmund

Die Dortmunder Oper startet, wie die meisten Häuser des Landes, überaus vorsichtig in die neue Saison. Zum Auftakt Mozarts Entführung aus dem Serail zu stemmen, klingt zwar nach großer Oper, aber Regie führt hier vor, auf und hinter Bühne der Dämon der Pandemie. Gestrichen auf 75 pausenlose Minuten, ein dünn abgespecktes Orchester ohne Janitscharen-Geklingel, kein Chor und Solisten, die zwar endlich wieder auf der Bühne stehen und singen, aber nicht spielen dürfen: keine guten Voraus­set­zungen für einen packenden Opernabend.

Um das Abstands­gebot nicht nur im Zuschau­erraum und Orches­ter­graben, sondern auch auf der Bühne einhalten zu können, lässt man in Dortmund die Puppen tanzen, die die Darsteller aus Fleisch und Blut vertreten müssen. Dafür fertigten Nikolaus Habjan und Marianne Meinl sechs jeweils ein Meter große Tisch­fi­guren an, die Habjan auch selbst führt. Dass die in den hinteren Reihen des riesigen Dortmunder Zuschau­er­raums kaum zu erkennen sind, wird durch großräumige Video-Projek­tionen aufge­fangen, die offen­sichtlich vorpro­du­ziert wurden. Die Sänger müssen sich mit einem Plätzchen am Bühnenrand begnügen.

Unter diesen Voraus­set­zungen ist es sinnvoll, auch die Regie dem Puppen­spieler zu überlassen. Und der zieht das Werk als Gute-Nacht-Geschichte für eine so genannte Klapp­maul­puppe auf, die der Sesam­straße entsprungen sein könnte. Unter einem orien­ta­li­schen, von Jakob Brossmann fanta­sievoll gestal­teten Baldachin erzählt Habjan seinem kindlichen Kompagnon die Abenteuer Belmontes wie ein Märchen aus 1001 Nacht. Das alles ist, wie auch die Kostüme von Denis Heschl, liebevoll ausge­führt und hat durchaus seinen Charme. Aber Puppen schaffen eine Distanz, die die Leiden­schaften und tiefen Gefühle der von Mozart so menschlich geprägten Figuren kaum zur Geltung kommen lassen.

Foto © Björn Hickmann

Zudem muss man empfind­liche Striche in Kauf nehmen. Ganze Arien und Ensembles werden ausge­lassen oder gekürzt. Das bekommt vor allem dem Finale schlecht. Der Wandel Bassa Selims vom liebes­hung­rigen Despoten zum großmü­tigen Wohltäter im Sinne der aufklä­re­ri­schen Botschaft des Stücks wird geradezu übersprungen. Das Happy End wirkt wie angehängt und entspre­chend banal. Dadurch reduziert sich das Stück auf den Gehalt einer reinen Piraten- und Entfüh­rungs­ge­schichte, was der Bedeutung des Werks bei weitem nicht gerecht werden kann.

Auch wenn sich die Sänger über ihre ersten Auftritte vor leibhaf­tigem Publikum freuen dürften: Eine emotional anrüh­rende Inter­aktion zwischen den Figuren ist unmöglich. Die Wärme und Inten­sität, die Mozarts Musik ausstrahlt, überträgt sich nur schemenhaft auf die Inter­pre­tation. Im Grunde verlassen die Sänger in diesem Umfeld ihre monate­lange Isolation nur scheinbar, was natürlich jede zündende Wirkung unter­bindet. Gleichwohl tun die fünf Solisten ihr Bestes: Sungho Kim gefällt mit seinem kulti­vierten Tenor als Belmonte, Irina Simmes bewältigt die knifflige Martern-Arie problemlos, Denis Velev versucht als Osmin, ein wenig Leben in das Spiel zu bringen, muss aber noch deutlich an seiner Aussprache arbeiten. Fritz Stein­bacher als Pedrillo und Sooyeon Lee als Blondchen ergänzen das Ensemble gleich­wertig. Die Sprech­rolle des Bassa Selim übernimmt Habjan selbst. Angesichts der teilweise sehr beschei­denen Textver­ständ­lichkeit wären Unter­titel hilfreich, zumal die Produktion auch jüngere Besucher ansprechen will.

Der arg geschrumpften Besetzung der Dortmunder Philhar­mo­niker fehlt es an Volumen und Kolorit, was Kapell­meister Motonori Kobayashi ebenso wenig mildern kann wie die emotionale Kühle der Produktion. Zu sehen ist ein fanta­sie­volles Märchen­stück, dem aber etliche Dimen­sionen für einen großen Opern­abend fehlen. Das Publikum reagiert mit großem Beifall und großer Dankbarkeit auf die ersten live erklin­genden Operntöne nach einem halben Jahr.

Pedro Obiera

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