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EUGEN ONEGIN
(Peter Tschaikowski)
Besuch am
7. Dezember 2017
(Premiere am 2. Dezember 2017)
Was ist los in Dortmund? Zugegeben, es ist Adventszeit, Weihnachtsmarkt. Aber wenn in der zweiten Vorstellung das Opernhaus gefühlt gerade mal zur Hälfte gefüllt ist, dann überrascht das schon. Vielleicht hatte sich nach der Premiere schon herumgesprochen, dass die Neuinszenierung Tina Laniks zwar sehr werkgetreu, aber leider auch eine Spur oberflächlich ist. Die Geschichte um die junge Tatjana, die sich in den arroganten Eugen Onegin verliebt, von ihm zurückgewiesen wird und dann später seinen Absturz erlebt, wird sehr gradlinig erzählt, findet leider aber keine eindeutige Linie. Mal sind es symbolische Bilder, mal eine Handlung. Im ersten Fall fehlt es an optischem Zauber. Da bleibt der übermächtige Schatten des Onegin, der vor dem Duell den Lenski überragt, am ehesten im Gedächtnis hängen. Stefan Schmidt kann mit seiner Beleuchtung einiges zu der Atmosphäre beisteuern. Auch die Kostüme von Johanna Hlawica sind sehr schön anzusehen, insbesondere für die Damen. Der Kontrast von den Szenen auf dem Lande zum Ball in der Metropole beim Fürsten Gremin ist deutlich greifbar.
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Auch Jens Kilian gelingt im Übergang zum dritten Akt eine gefällige Veränderung, wenn die Sicht frei wird auf die Glaswände seines Kubus. In den ersten beiden Akten sind seine Wände passend zum Gutshof der Larina aus Holz. Auf die Drehbühne montiert, ermöglicht er kleinere, schnelle Umbauten. Über weite Strecken müssen alle Protagonisten in diesen drei Wänden spielen, was recht eng und unübersichtlich werden kann, wenn der Chor mitmischt. Auf der anderen Seite fokussiert er den Blick auf die zentrale Auseinandersetzung Onegin und Tatjana. Leider übertreibt es Lanik, die an sich mit einer guten Personenführung aufwartet, wenn sie die Charaktere wie in einem emotionalen Bilderbuch für Hobbypsychologen ausbreitet. Tatjana muss fast wie in einem schlechten Ballett schüchtern an den Wänden entlang hasten, sich in die Ecken drücken. Kein Wunder, dass Onegin zunächst kein Interesse an ihr hat, aber dann auf sie aufmerksam wird, wenn sie sich wie ein Pin-up-Girl im roten Kleid auf dem Oldtimer räkelt. Und der Titelheld wird so unsympathisch und übertrieben arrogant gezeichnet, dass man keinen Funken Sympathie mit ihm verspürt. Im Gegenteil fragt man sich, warum sich Tatjana überhaupt die Mühe macht, diesem Mann einen Brief zu schreiben. Auch bei dem anderen Paar gibt es keine Überraschung: Lenski klammert bei seiner Olga, die alles nicht so ernst nimmt.

Die musikalische Interpretation hätte durchaus das Potenzial, dem Abend mehr Tiefgang zu geben. Allerdings läuft es in der zweiten Vorstellung nicht ganz rund. Selbst bei Emily Newton schleichen sich Schärfen ein, die man sonst nicht bei ihr hört. Ansonsten enttäuscht die Sopranistin mit einer emotionalen Darbietung auch als Tatjana nicht. Auf Augenhöhe mit ihr ist Simon Mechlinski als Eugen Onegin mit einem in sich ruhenden, kräftig timbrierten Bartion, der nur in der Höhe ein bisschen blass wird. Das Finale singt er dann fast eine Spur zu kontrolliert. Der gefühlvoll singende Thomas Paul wartet als Lenski mit einem baritonalem Kern auf, demonstriert in den Höhen den makellosen Glanz eines Tenors. Ileana Mateescu bleibt als Olga überraschenderweise vokal etwas unscheinbar, zeigt aber szenische Präsenz. Gutes Niveau in den kleinen Rollen: Almerija Delic überzeugt als Larina, und Judith Christ singt die Filipjewna sehr sauber – ein Genuss, den man nicht häufig hat. Luke Stoker holt aus seinem kurzen Part als Gremin das Beste heraus. Auch Fritz Steinbacher wickelt mit den wenigen Takten des Triquet das Publikum um seinen Finger.
Die Stimmen in den Ensembles fügen sich nicht immer sauber zusammen, und auch der Chor, einstudiert von Manuel Pujol, lässt eine gewisse Harmonie und zuweilen auch die richtigen Tempi vermissen, ist aber voller Einsatz dabei. Ob Philipp Armbruster am Pult hätte mehr helfen können, ist fraglich. Aber auch bei den Dortmunder Philharmonikern vermisst man die Präzision. Die Interpretation mit teilweise recht zügigen Tempi, aber auch mit einigen ungewohnten Verzögerungen ist aber auch sehr schwer zu spielen. Immer wieder blitzt die Klasse des Orchesters durch, wenn die Instrumente den Geist von Tschaikowskys Musik, seine ganz speziellen Farben plötzlich packen, aber leider auch schnell wieder verlieren.
Die Lust am Applaus hat das Publikum wohl an der Garderobe abgegeben. Gibt es eine größere Strafe für die Künstler? Wenige Zuschauer, die noch dazu mit dem Beifall knausern und sich stattdessen unterhalten. Es gibt ganz selten Szenenapplaus, der dann aber wenig motiviert klingt. Am Schluss werden Klatschen und Bravorufe immerhin deutlich kräftiger, aber schon bei der nächsten Gelegenheit verlässt man schnell den Zuschauerraum. Das ist eine ganz schwache Leistung.
Rebecca Hoffmann