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Foto © Thomas Jauk

Im Reich der Oligarchen

EUGEN ONEGIN
(Peter Tschaikowsky)

Besuch am
2. Dezember 2017
(Premiere)

 

Oper Dortmund

In den letzten Jahren hatte Eugen Onegin, die belieb­teste und neben Pique Dame wohl auch beste Oper Peter Tschai­kowskys, an den rheini­schen Opern­häusern von Köln bis Wuppertal Hochkon­junktur. Meist mit durch­wach­senen bis mageren Ergeb­nissen. Leicht macht es Tschai­kowsky den Regis­seuren mit seinen „Lyrischen Szenen“ auch nicht. Das psycho­lo­gisch feinge­strickte, auf drama­tische Knall­ef­fekte weitgehend verzich­tende Kammer­spiel taugt für die große Bühne nur bedingt. Dafür sind Feingefühl und Fantasie gefragt, um die Irritation der Gefühle und die Leere, die die dekadente Gesell­schaft im zaris­ti­schen Russland Puschkins aussaugt, ohne Spannungs­ver­luste darstellen zu können.

Das gelingt Tina Lanik in der Dortmunder Neuin­sze­nierung über weite Strecken. Wie schon in ihrer immer noch erfolg­reichen und wieder aufge­nom­menen Traviata kann sie auch jetzt mit detail­ge­nauen und sensibel erspürten Psycho­grammen der Figuren überzeugen. Allesamt junge, teilweise noch puber­tie­rende Figuren, die Tschai­kowsky bewusst mit Studenten besetzen wollte, die von ihren Gefühlen überfordert sind, sich von ihnen täuschen lassen und falsche Entschei­dungen treffen. Es gibt nur Verlierer: der am Ende tote Lenski, der isolierte, von Gewis­sens­bissen und innerer Leere durch­schüt­telte Onegin, die zurück­ge­lassene Olga und die zwar zur Fürstin aufge­stiegene, aber emotional unglück­liche Tatjana. Und auch der Oligarch Gremin, der die schöne Tatjana stolz wie ein Standes­symbol präsen­tiert, täuscht sich, wenn er glaubt, von der jungen Frau geliebt zu werden. Das alles wird in Laniks Insze­nierung mit lupen­reiner Klarheit deutlich. Hilfreich ist ihr dabei das Bühnenbild von Jens Kilian: Ein Kubus, der die für dieses Stück zu große Dortmunder Bühne auf Kammer­di­men­sionen reduziert und den verschie­denen Spiel­orten flexibel angepasst werden kann. In schlichtem, braunem Ambiente für die Welt der ländlichen Provinz, in modernem Glasdesign für die mondäne Gesell­schaft von St. Petersburg.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Was die zeitlich und örtlich eher neutral angesie­delte Insze­nierung vermissen lässt, ist freilich das durch die Musik vorge­prägte russische Kolorit, das sich bei Tschai­kowsky genau so wenig unter­drücken lässt wie bei einem Tschechow-Drama. Ein spezi­fi­sches Kolorit, das die Stimmung und Wirkung des Stücks wesentlich stärker beein­flusst als etwa eine Mozart-Oper, die Peter Sellars auch in einer Fritten-Bude spielen lassen kann, wenn nur die Psycho­logie stimmt.

Die scheintote Peters­burger Gesell­schaft im Schlussakt, die Lanik als stink­reiche Oligarchen-Bande darstellt, die Tatjana als Kühler­figur einer protzigen Luxus-Limousine missbraucht, reflek­tiert zutreffend den heutigen und der zaris­ti­schen Endzeit nicht unähn­lichen Zustand einer dekadenten Schicki-Micki-Gesell­schaft, verspielt aber die Chance, Text, Musik und Ambiente zu einer geschlos­senen Einheit zu führen.

Foto © Thomas Jauk

Überhaupt schwä­chelt die Insze­nierung in den groß besetzten Passagen. Damit kann die Regis­seurin erheblich weniger anfangen als mit den intimen Szenen des Kammerspiels.

Der bis auf wenige Ausnahmen durchweg lyrisch und dezent zurück­hal­tende Grundton des Werks animiert Gabriel Feltz am Pult der Dortmunder Philhar­mo­niker dazu, drohender Monotonie durch einen stark aufge­drehten, bisweilen überhitzten und insgesamt zu rauen Klang entge­gen­zu­wirken. Eine Haltung, die der Sensi­bi­lität der Musik ebenso wenig gerecht wird wie der filigranen Insze­nierung. Mit extrem schnellen Tempi bringt er die Ensemble- und Chorszenen ins Schlingern, mit extremen Tempo­deh­nungen den musika­li­schen Fluss ins Stocken.

Davon lässt sich Emily Newton als Tatjana freilich nicht beein­flussen, die die komplexe Partie mit allen Fassetten vom schüchtern verliebten Teenager bis zur unglücklich verliebten Fürstin stimmlich und darstel­le­risch mit jugend­lichem Charisma zum Ausdruck bringt. Mit seinem imposanten Bariton verkörpert Simon Mechlinski einen Onegin, der sich dem rauen Klangbild des Dirigenten anpasst. Eine etwas eindi­men­sionale Inter­pre­tation, die die Entwicklung der Figur stimmlich nicht hinrei­chend nachvoll­zieht, die aber ein großes Potenzial erkennen lässt. Thomas Paul als Lenski verfügt zwar über einen Tenor mit schönem, metal­li­schem Glanz, doch wirkt die Tonbildung unstabil. Die kleine Rolle des Fürsten Gremin bewältigt Luke Stoker mit kulti­vierter Bravour und Ileana Mateescu hat als Olga zwar mit den tiefen Tönen einige Probleme, überzeugt aber durch eine in sich geschlossene Gesamtleistung.

Die Abstimmung des Chors mit dem Orchester gelingt in der Premiere nicht durchweg. Auch in den, zugegeben, kniff­ligen Ensem­ble­szenen klappert es bisweilen, was sich im Laufe der Auffüh­rungs­serie gewiss noch korri­gieren lässt.

Das Publikum reagiert ausnahmslos begeistert auf die Neuin­sze­nierung, die nicht alle Ansprüche des Werks erfüllt, aber mehr als die meisten anderen Produk­tionen an Rhein und Ruhr.

Pedro Obiera

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