O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Händels letztes Oratorium, das er neu verfasst, umweht eine Atmosphäre von Düsternis und Tragik. Seine Entstehung ist geprägt durch ein Augenleiden, das sich zwischen der Komposition des ersten und zweiten Akts dramatisch verschlimmert. Nach einem zwischenzeitlichen Kuraufenthalt bringt Händel nur unter äußerster Anstrengung seine Fertigstellung zuwege. Welche Mühsal dem Komponisten abverlangt ist, wird durch die Parallelität der Vorstellung des Dunklen und das Schicksal der fortschreitenden Erblindung in der Partitur wie im Autograf ersichtlich.
Die Uraufführung am 26. Februar 1752 im Londoner Covent Garden Theatre und die weiteren Aufführungen in den beiden Folgejahren sowie noch 1758, ein Jahr vor dem Tod Händels, beweisen seine profunde Kunst. Wie nur wenige Komponisten vor ihm versteht er es, die tiefen Empfindungen seiner Figuren, seelische Qualen und heitere Gefühle durch differenzierte Farben und enorme stilistische Bandbreiten musikalisch zu charakterisieren und auszumalen. Verstärkt durch die die zahlreichen intensiven Chorpassagen, die in den Klagen wie in den Friedenshymnen der Israeliten gipfeln.
Nicht zuletzt durch die Auftritte des Chores, mal in der Rolle des Volkes, das sich einmischen möchte, mal als kommentierende Instanz wie im antiken griechischen Drama, zeichnet sich die konzertante Aufführung im Konzerthaus Dortmund mit Il pomo d’oro Chor und Orchester unter Leitung von Francesco Corti und einem exzellenten Sängerensemble aus. Sie mündet nach dreistündiger Dauer ungeachtet der zwei Pausen in einen Jubelsturm des Publikums, das zuvor durch totalen Verzicht auf Szenenapplaus dazu beiträgt, dass ein hoch konzentriertes und atmosphärisch enorm dichtes Hochamt des Spätbarocks zu erleben ist.
Jephta auf ein Textbuch von Thomas Morell – mit dem Reverend arbeitet Händel auch bei seinen vorigen Oratorien zusammen – thematisiert einen alttestamentarischen Stoff aus dem Buch der Richter. Der jüdische Heerführer Jephta leistet das Gelübde, Jehova im Fall eines Sieges über die Ammoniter den ersten Menschen zu opfern, dem er bei seiner Rückkehr begegnet. In diese Episode fügt Morell eine Liebesgeschichte zwischen Jephtas Tochter Iphis und ihrem Verlobten Hamor ein. Als der Heerführer siegreich heimkehrt, eilt ihm die ahnungslose Iphis entgegen. Auch als Hamor sich bereiterklärt, an Stelle von Iphis den Opfertod auf sich zu nehmen, ist Jephta zur Erfüllung seines Schwurs bereit. Anders als in der biblischen Vorlage endet die Erzählung harmonisch. Jehova hat ein Einsehen. Ein Engel verkündet, Iphis könne als jungfräuliche Priesterin dienen. Der Preis des Überlebens.
Rund 30 Jahre nach der Erstaufführung von Jephta greift Gianbattista Varesco für Wolfgang Amadeus Mozart das Thema des Opfergelübdes auf. Jetzt ist es der Kreterkönig Idomeneo, der dem Meeresgott Poseidon zum Dank für seine Rettung aus einem Orkan verspricht, den ersten Menschen, der ihm daheim entgegenkommt, dem Gott zu opfern. Als ihn sein Sohn Idamante als erster begrüßt, nimmt das Drama seinen Lauf.
Eine Analyse von Aufführungszahlen würde vermutlich belegen, dass in unserer Zeit Händels italienische Opern weit häufiger den Weg auf die Bühne finden als seine Oratorien in englischer Sprache, mit denen er dem Land seiner Wahlheimat nichts weniger als eine eigene Nationalkunst schenkt. Schon mit dem ersten Accompagnato des Chores und dem markigen Auftritt des Hohen Priesters Zebul, der seinen Bruder Jephta aus dem Exil ruft, um die Israeliten vor den Ammonitern zu retten, wird die flüssige Sangbarkeit der Sprache des Librettos deutlich, das Morell mit ausführlichen Schilderungen von Seelen- und immer wieder Naturlandschaften spickt.
Dieser Reichtum an Expressivität und Variabilität korrespondiert im Verlauf der Aufführung mehr und mehr mit der Virtuosität, mit der Händel die großartigen Instrumentalisten des Orchesters ausstattet, wenn sie die Tutti-Formation verlassen und solistisch zur Untermalung verschiedener Arien fungieren. Das unterstreicht Corti, ausgewiesener Kenner der historischen Aufführungspraxis, schon ganz bewusst bei der einführenden Sinfonia, indem er die Flötistin exponiert im Stehen agieren und so die Intimität der Musiklinie Händels aufscheinen lässt.
Spektakulär das Spiel der Solovioline, die den emotionalen Ausbruch Storgès, der Frau Jephtas, untermalt, die um das Leben ihrer Tochter Iphis bangt. Mit warmer Noblesse erweitern und akzentuieren zwei Naturhörner den Klangraum. Im dritten Aufzug steigern die beiden Solisten den Effekt im hymnischen Finale mit dem Wechsel zur Trompete noch um eine Idee.

Mit Ausnahme der Französin Mélissa Petit, die Iphis verkörpert, und der italienischen Sopranistin Anna Piroli, die die Partie des Engels beeindruckend gestaltet, stammen die Sänger von drei der vier Hauptpartien aus den USA, was wie im Brennglas die hohe Affinität der Musikschulen und Ausbildungsinstanzen Nordamerikas für die traditionelle europäische Kultur einmal mehr bestätigt. Zudem haben alle drei kürzlich oder vor einiger Zeit in Händel-Partien Erfahrungen gesammelt.
Michael Spyres‘ seit einigen Jahren baritonal gefärbter Tenor adaptiert den Charakter des anfänglich zögerlichen Feldherrn, der im Auftreten wie in der vokalen Präsenz eine Entwicklung durchläuft, vorzüglich. Rebelliert er zunächst mit sich steigernder Vehemenz gegen das selbst verschuldete Schicksal, so fügt er sich danach in das Unvermeidliche. Ohne freilich darauf zu verzichten, sich wie ein Mensch zu verhalten. Wie aus höchsten Höhen zu Boden gerissen, schleudert Spyres seine Verzweiflung angesichts des Leids seiner Tochter aus sich heraus, in packenden Koloraturen, im von Kummer getränkten Arioso wie im deklamierenden Sprechen. An eine Skulptur von Getriebenen gemahnt das heftige wie elegante Quartett, in dem Jephtha sein Gelübde gegenüber den Gefährten verteidigt, die ihn zum Rückzug bewegen wollen.
Der Zebul des Baritons Cody Quattlebaum ist als Sänger wie als Darsteller eine Offenbarung. Im äußeren Erscheinungsbild erinnert er mit seinem tief fallenden gelockten Haar an Darstellungen von Propheten. Diese Assoziation untermauert er mit vokaler Leuchtkraft und robustem Ausdruck. Die Sopranistin Mélissa Petit verleiht Iphis mit hell-reinen Stimmfarben Konturen einer jungen Frau im Reifeprozess. Noch klingen die fröhlichen Rhythmen einer Gavotte nach, zu denen Iphis wie ein junges Mädchen tollend den Vater begrüßt, ehe sich jäh der Schauder Bahn bricht, der Iphis im Erkennen der Tragweite des Gelübdes ihres Vaters überfällt. Großartig ihre fast dem Irdischen entrückte Arie, in der ihre Einsicht in das Unvermeidbare reift. Ein Höhepunkt im Schlussteil des Oratoriums, in dem Händel die Protagonisten wie in einem Stafettenspiel Sänger für Sänger die Bühne überlässt, damit die ihrer Freude über das glückliche Ende Ausdruck verleihen können.
Der Petit steht in nichts die Altistin Jasmin White als Hamor nach. Mit ihrem warmen charismatischen Timbre und einer affektvollen Phrasierung erobert sie eine famose Bühnenpräsenz. Schon nach ihrem ersten Auftritt lässt sie die übliche Besetzung der Rolle mit einem Countertenor nicht vermissen, Standard in der Londoner Uraufführung und in zahlreichen Aufnahmen seitdem.
Auf Joyce DiDonato in der Partie der Storgè liegt der besondere Fokus des Abends. Ihrem Status als Grande Dame der Klassikszene hat das Management des Konzerthauses durch ein eigenes Festival im März gebührende Reverenz erwiesen. Die Mezzosopranistin, deren Repertoire allein sechs Händel-Partien aufführt, beeindruckt durch perfekte Intonation, souveräne Phrasierung und variantenreich eingesetzte Stimmfarben, die sie durch effektvolle Mimik noch verstärkt. Es gibt keine emotionale Nuance, die sie nicht zu erfassen und zu schildern wüsste. Sei es die dunkle Ahnung des drohenden Verderbens, sei es die Parforce, mit der sie ihre Tochter zu schützen versucht, sei es das finale Frohlocken angesichts des lieto fine. Unwillkürlich möchte man bedauern, dass Händel der Gemahlin Jephtas nicht mehr Auftritte zugedacht hat.
Das Publikum enteilt eine halbe Stunde vor Mitternacht dem Konzerthaus in lebhaften Diskussionen. Wohl auch in dem Bewusstsein, einen Höhepunkt der Konzertsaison erlebt zu haben.
Ralf Siepmann