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ADAM UND EVA
(Franz Liszt, Johannes Brahms, Jules Massenet)
Besuch am
18. Mai 2018
(Einmalige Aufführung)
Das Musikfestival Klangvokal Dortmund schaut in diesem Jahr, man glaubt es kaum, schon auf zehn erfolgreiche Jahre zurück. Es besetzt einen inzwischen auch international vielfach beachteten Platz des Klassik-Festival-Kalenders im Frühjahr. Diese Aufmerksamkeit verdankt sich seinen von Jahr zu Jahr überzeugenden, staunenswerten Entdeckungen von vergessenen oder selten zu hörenden Kompositionen.
Allein das Entdecken wäre im Gegensatz zu vielen Festivals mit den ewig gleichen Klassik-Blockbustern schon bemerkenswert. Aber Klangvokal bietet noch viel mehr – anderes. Es hebt sich mit seinem Programm von anderen Festivals ab. Dem Festival-Direktor Torsten Mosgraber gelingt es, exzellente Musiker zu verpflichten, die selten Gehörtes mit Charme und Überzeugung wachküssen.
Das romantische Oratorium Ève von Jules Massenet, mit dem das zweite Festival-Wochenende eröffnet, ist ein typisches Klangvokal-Konzert. Jules Massenet, vor allem als Opernkomponist von Manon und Werther auf den Opernbühnen der Welt präsent, hat in Form mittelalterlicher Mysterienspiele mit Ève ein Zwischending von Oper und Oratorium komponiert.
Eva wird von Gott geschaffen. Sie soll zusammen mit Adam den Garten Eden pflegen und bewahren. Nachdem sie von der verbotenen Frucht versucht worden ist und von ihr gekostet hat, teilt sie die Frucht mit Adam. Beide werden von Gott verflucht und für alle Zeiten aus dem Paradies vertrieben.
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In vier Abteilungen verzaubert Massenets einstündige geistliche Oper, unterbrochen von Intermezzi und etwas längeren Vorspielen, die Genesis-Erzählung der Bibel nach einem Libretto von Louis Gallet mit paradiesischer Klangfülle.
Ève ist Teil eines Triptychons biblischer Frauenporträts, zu denen noch Marie-Magdaleine und La Vierge gehören. Es sind Kompositionen, die Massenet als einen Künstler zeigen, der auf dem Weg zu seiner eigentlichen Opern-Bestimmung ist, dass Ève keine Fingerübung ist, sondern schon über alles verfügt, was eine spätromantische Oper ausmacht: impressionistisch gefärbte Instrumentierung, klangschön kolorierte Arien und Duette, arioser und rezitativischer Gesang, oratorischer Chorgesang mit opernaffiner Dramatik.
Granville Walker, im Festivalmagazin vollmundig als Dortmunds englischer Großmeister des choralen Meistergesangs gerühmt, entdeckt mit den bestens aufgelegten, differenziert artikulierenden Dortmunder Philharmonikern und dem Tempi und Lautstärke aufmerksam betonenden Philharmonischen Chor des Musikvereins Dortmund ein musikalisches Kleinod. Walker dirigiert, empathisch mitsingend, im Wechsel von ausgreifenden Bewegungen in den narrativ lyrischen Passagen und explosiven, ins Orchester beschwörend stechenden Handbewegungen in den hochdramatischen.
Eleonore Marguirres Sopran und Thomas Laskes Tenor müssten Massenet, könnte er sie heute hören, in ihrer perfekt abgestimmten Klangfarbigkeit und ihrem melodischen Kolorit wie ein Eva-Adam-Ideal erscheinen. Marguirre staunt mit lyrisch schwelgendem Sopran ahnungsvoll von Liebe, wie sie sie kurze Zeit später dramatisch im Koloratur-Fortissimo verlangt. Laske singt sonor selbstverständlich schon im Ansatz. Sein lyrisch aufgefächerter Tenor berührt mit dramatischer Flexibilität. In den drei Liebesduetten entzünden Marguirre und Laske eine erotische Sinnlichkeit und Dramatik, die kurzzeitig vergessen lässt, dass das in der ehrwürdigen St. Reinoldikirche passiert und nicht in einem Opernhaus.
Thomas Blondelle nutzt als Erzähler die wenigen Einsätze mit narrativer Bravour. Fein abgestimmtes Timbre zwischen nüchternem Erzählen und körperbetontem Beschwören ist für seinen Bariton kein Problem.

Man ist mitunter mit Blick auf das jeweilige Konzertprogramm geneigt zu fragen, welche Ideen oder welche Assoziationen dem Programm zugrunde liegen. Vor Ève ist in der St. Reinoldikirche als erstes die Sinfonische Dichtung Nr. 4 – Orpheus von Franz Liszt zu hören. Dass Jules Massenet 21-jährig als Preisträger in Rom Liszt kennenlernt, mag auf den ersten Blick nicht mehr als eine Anekdote sein. Liszts künstlerisch allumfassender Ästhetik von Musik, Literatur und bildender Kunst, die sich auf einer reinen, harmonisch ausbalancierten Tonkunst gründet, ist eine Poetik eigen, die im Orpheus leuchtet. An Ève als Ariadne-Komplementär könnte auch Orpheus Gefallen finden.
Elegisch fließen assoziative Orpheus-Imaginationen, eingeführt von einem gefühlvoll schillernden Blech, strukturiert von Harfenklängen, extemporiert von Solo-Violine und Solo-Cello und dunkel raunenden Bässen. Aus der sich dramatisch aufbauenden Triumphpose leitet die Oboe in eine finale Übersichtlichkeit zurück.
Dirigiert Walker bei Liszts Orpheus mit großer Vorsicht, als wolle er den antiken Helden vor sich selbst beschützen, setzt er im Schicksalslied von Johannes Brahms nach dem gleichnamigen Gedicht von Friedrich Hölderlin dezidierte Akzente. Hölderlins Verse, in freien Rhythmen verfasst, rufen verzweifelt Hyperion, einen der Titanen in der griechischen Mythologie an, ihn zu retten. Eingerahmt von einem sinfonischen Prolog und einem Epilog, singt der Chor die ersten zwei Verse eher sachlich in rezitativischer Manier. Der abschließende dritte Vers ist ein mehrfach wiederholter, arios impulsiver Aufschrei, den leidenden Menschen aus seiner Ungewissheit zu befreien.
Brahms Schicksalslied, ein formidables Fortissimo als Zäsur zur Pause, das schon auf den großen Applaus verweist, der nach Éve das Gemäuer der St. Reinoldikirche erbeben lässt.
Peter E. Rytz