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GIOVANNA D’ARCO
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
27. Mai 2018
(Einmalige Aufführung)
Die Metropole Ruhr, wie das Revier mit seinen fünf Millionen Einwohnern in 53 Städten gern nach außen firmiert, versteht die globale Dimension der Kultur. Das Klangvokal-Musikfestival Dortmund nimmt sich auch in seiner zehnten Ausgabe vor, die Vielfalt der Vokalmusik aus aller Welt in einem breiten Spektrum an Genres zu präsentieren. Ausgangspunkt des Vokalmusikfestes ist, wie der Veranstalter, die Stadt, versichert, die „bundesweit nahezu einmalige Begeisterung der Dortmunder für den Gesang, die sich in etwa 300 Chören und Vokalensembles niederschlägt“. Eines der Highlights des Festivals ist Jahr für Jahr die konzertante Aufführung einer Oper im Konzerthaus, das mit seiner vorzüglichen Akustik und nicht minder vorzüglichen Klimatechnik beeindruckt. Für zwei, drei Stunden pflegt sich dann der Konzertsaal in ein opulentes akustisches Schaufenster für Sänger, Orchester und eben Chöre zu verwandeln, die die Passion eint, die Wucht eines Opernfestes idealiter im Stil des Belcanto zu zelebrieren und zu genießen. Im Vorjahr war es der professionelle WDR-Rundfunkchor Köln, der in Rossinis Le Comte Ory seine Visitenkarte abgab. In der aktuellen Aufführung von Giovanna d‘Arco ist es der Landesjugendchor Nordrhein-Westfalen. Ein Ensemble von zirka 60 jugendlichen Sängerinnen und Sängern aus rund 30 Städten des Landes in der Trägerschaft des Musikrates und des Chorverbandes des Bundeslandes. Nicht nur besetzungstechnisch ein Signal, mindestens auch eine starke Botschaft in die Chorszene hinein.
Und so sind denn auch die Choristen, die jüngsten gerade 16-jährig, auf der Bühne in Augenhöhe der ersten Parkettreihen platziert. Links und rechts die Stimmgruppen der jungen Frauen, Sopran und Alt, im Zentrum en bloc die der jungen Männer, Tenor und Bass. Davor das WDR-Funkhausorchester Köln und die Solistenriege. Das Orchester vom Rhein, vormals WDR-Rundfunkorchester Köln, geht schon fast als ein local hero in der Brückstraße durch. Acht konzertante Produktionen bei Klangvokal seit 2009 stehen in seiner Chronik, in erster Linie Belcanto-Klassiker von Donizetti und Verdi. Für die Kontinuität italienischer Opernqualität sorgt diesmal der einfühlsam und stets konzentriert dirigierende Mailänder Daniele Callegari mit einem weltweiten Radius an Auftritten und Engagements. Mit Vehemenz entfalten sich die melodiesprühenden und die auch hier schon disruptiven Passagen in Verdis siebter Oper. Mit großer Musikalität die in die Partitur eingewobenen Kostbarkeiten, so minutenlange Preziosen der Holzbläser und die Wonnen der Harfe.
| Musik | ![]() |
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Klangvokal-Direktor Torsten Mosgraber und sein Team sind mit der Entscheidung, das Volk der Franzosen im Krieg gegen die Engländer sowie allerlei überirdisch angesiedelte Wesen wie Engel und Teufel durch eine semi-professionelle Chorjugend interpretieren zu lassen, gewiss ein Wagnis eingegangen. Verdi-Kolorit in Klang, Ausdruck und Artikulation sowie eine produktive Verbindung zu einem Dirigenten aufzubauen, der es üblicherweise mit den besten Opernchören an den Spitzenhäusern der Welt zu tun hat, muss erst einmal gelingen. Mag der Aufwand an Proben für eine einzige Aufführung auch beträchtlich scheinen, überschaubar ist er auf alle Fälle. Einwände drängen sich durchaus in der Aufführung auf. Die Männerstimmen dominieren insbesondere in den Parforce-Einsätzen die der Frauen und Mädchen. Erst im verklärenden Schluss Oh prodigio! stellt sich die Balance ein, die dem Werk wie dem Publikum gut tut. Ob eine alternative Aufstellung dieses Handicap hätte mildern können? Schlussendlich überwiegt ein äußerst positiver Gesamteindruck. Die Gestaltung des Chors der Dämonen ist hierfür musikalisch wie interpretatorisch ein beredter Beleg, der tosende Beifall nach dem tränenumflorten Finale, den das junge Ensemble sowie das Ehepaar Christiane Zywietz-Godland und Hermann Godland für die Einstudierung ernten, ein zudem spektakulärer.
Der in der Natur der Sache liegende Entschluss, Verdis zum Karneval 1845 für die Mailänder Scala geschriebene Dramma lirico anders als 2014 in Bonn unter Verzicht auf eine szenische Umsetzung herauszubringen, hat einen unschätzbaren Vorteil. Möglicherweise gar zwei. Das Publikum ist in die Lage versetzt, sich – prima la musica – ausschließlich auf die Musik und deren Akteure zu konzentrieren. Zudem entfällt der Zwang, das in stärker säkular geprägten Zeiten potenziell als heikel empfundene Libretto in einer annehmbaren Konvention szenisch umzusetzen. Das Bemühen von Temistocle Solera, Verdis Librettist schon bei Nabucco und I Lombardi, die Legende der von Gott auserwählten Freiheitskriegerin Giovanna in ihren historischen Wurzeln und zahlreichen dramatischen Adaptionen insbesondere Schillers theaterwirksam zu erfassen, ist des jungen Komponisten Sache nicht. Verdi, gesundheitlich angeschlagen, greift entzückt die Gelegenheit dank Soleras Vorlage auf, den Schwerpunkt seiner Kompositionen im eigenen Entwicklungsprozess vom Stoff des Dramas auf die menschlichen Charaktere, konkret: die Stimmen zu verlagern. Das wiederum kommt dem Geist von Klangvokal sehr nahe, als wäre die Sache so bestellt.

Der Primat der Stimmen prägt dann auch den Charakter der Aufführung, die den strengen Regularien einer konzertanten Produktion folgt. Augenkontakte zwischen den Protagonisten unterbleiben fast gänzlich. Einzig der Umstand, dass der König zwischen Vater und Tochter platziert ist, lässt sich als ein dramaturgisches Element deuten. In der Titelpartie der seelisch und geistig gespaltenen Giovanna zieht Marina Rebeka die Blicke auf sich. Angekündigt ist die Sopranistin als „eine der größten Rossini- und Mozart-Interpretinnen unserer Tage“. Diesen Ruf bestätigt sie schon auf Grund ihrer makellosen, technisch ausgereiften, in allen Registern äußerst präsenten Stimme. Gleichwohl gibt sie bei ihrem Rollendebüt auch Rätsel auf. Sie agiert mit unablässig auf die Partitur gerichtetem Blick, der nur in einigen Momenten suchend zum Dirigenten wandert, auffällig in sich gekehrt. Es muss schon verwundern, den Part dieser jungen Frau zwischen Himmel und Hölle, die Solera wahrscheinlich menschlicher und sentimentaler gefasst hat als die historische Johanna, weitgehend ohne Versuch einer charismatischen Annäherung vermitteln zu wollen.
Charisma ist hingegen Jean-François Borras als König Carlo VII zweifellos zu eigen. Von seiner ersten Arie im Prolog an brilliert der Tenor mit samtenem Timbre, souverän ausbalancierter Phrasierung und Belcanto-Tugenden in der strahlenden Höhe. Als Giovannas Vater Giacomo ist Vittorio Vitelli eine sichere Bank. Der Bariton offenbart angenehme Legato-Qualitäten und eine Mimik, die stets auf dem qui vive ist. Das Dämonische, das seiner Tochter nachgesagt wird, funkelt geradezu in seinen Augen. Eine Ohrenweide sind insbesondere die Duette und weiteren Ensembleauftritte, in denen das vokale Dreigestirn zusammenfindet. Darunter besticht ein berückend schönes A‑cappella-Terzett, das kommende Schöpfungen, etwa Rigoletto und Il Trovatore vorwegnimmt. In den kleineren Partien lassen der Bassbariton Baurzhan Anderzhanov als englischer Kommandeur Talbot und der Tenor Bryan López González als französischer Offizier Delil erkennen, wie gut sie im Verdi-Fach aufgehoben sind.
Das Publikum hat Lust und nimmt sich die Zeit, ausgiebig zu jubeln. Die Ovationen schlagen über allen Beteiligten zusammen. Noch bis zum 10. Juni währt das Klangvokal-Musikfestival. Die jährliche Erwartung, wenigstens einmal Klangschönheit vom Feinsten liefern zu sollen, hat es jedenfalls schon einmal eingelöst.
Ralf Siepmann