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Mit seinen Fragen nach Glauben und Vertrauen verknüpft mit zentralen Themen wie Gesellschaft und Krieg gehört Lohengrin zu den spannendsten Opern Richard Wagners, und auch wegen der Rollendebüts von Christina Nilsson und Daniel Behle wird die Neuinszenierung an der Oper Dortmund schon im Vorfeld groß diskutiert. Das Endresultat löst dann erneut Diskussionen aus, aber ist dabei in der Inszenierung von Ingo Kerkhof so spannend, dass die ersten schon in der Pause das Haus gelangweilt oder frustriert verlassen.
Es ist immer ein ganz schlechtes Zeichen, wenn man sich beim Anschauen einer Inszenierung dumm vorkommt, und erstmal nach der Aufführung das Programmheft studiert, weil man sich hier Antworten erhofft. So versteht man zwar, dass Kerkhof in einer Art Traum Elsas ihre Revolution in einer von Männern beherrschten Welt durchführen, aber das passiert leider so bleiern und verkopft, dass man Träume als bestes Schlafmittel bezeichnen könnte. Nur einmal rückt man als Zuschauer auf die Bett‑, pardon, Stuhlkante, wenn die beiden Schurken in diesem Stück, Telramund und besonders Ortrud ihre Ränke schmieden. Die ersten beiden Szenen des zweiten Aktes sind handwerklich richtig gutes Theater mit einer ungehemmten Personenführung, wo nicht einmal der Sex zwischen Ortrud und Telramund peinlich gewollt, sondern durchaus plausibel erscheint.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Der andere gute Moment findet zu den letzten Takten der Oper statt, wenn Elsa türknallend ihr symbolisches Zimmer in dieser Gesellschaft verlässt und dort eine untätige beziehungsweise tote Männerriege zurücklässt. Auch Ortrud bekommt von Elsa das Messer zum Suizid in die Hand gedrückt. Das alles ist zu wenig für einen vierstündigen Opernabend, bei dem man das Gefühl hat, dass der Regisseur gar nicht verheimlichen will, dass ihm beispielsweise für die Szene vor dem Münster nichts Sinnvolles eingefallen ist, außer dass die Damen des Chores peu à peu auftreten dürfen. Die Videos von Philipp Ludwig Stangl, die handwerklich gut gemacht sind, lockern den langatmigen Abend nicht auf. Stattdessen darf man später im Programmheft erfahren, dass neckische Spielchen beim Abendessen zwischen den Kindern Gottfried und Elsa ein inzestuöses Begehren andeuten sollen. Interessant. Auch Dirk Becker und Jessica Rockstroh lassen die Augen des Publikums im Stich. Bühnenbild und Kostüme fallen erschreckend fahl und trist aus. Die Anzüge und Kleider, angelehnt an Wagners Zeiten, beschränken sich auf Schwarzweiß-Kontraste. Das macht die teils verkopften Aktionen zwischen Schilfstümpfen auch nicht besser.
Die meist offene Bühne macht die Akustik für die Sänger schwerer, und Kerkhof setzt sozusagen noch einen drauf. Wieso sich Dortmunds Generalmusikdirektor mit darauf eingelassen hat, im ersten und dritten Akt den Opernchor auf den Rängen zu positionieren, ist ein Rätsel, denn das musikalische Gefüge wird so empfindlich gestört. Wenn die Männer imposant König Heinrich begrüßen, macht das noch großen Effekt. Dann aber gelangen viele an sich verhaltene Einwürfe des Chores, der durchaus ein schönes, tragfähiges Piano singen kann, viel zu plakativ an die Ohren der direkt benachbarten Hörer. Da hätte Chordirektor Fabio Mancini schon einen Kammerchor aufstellen müssen, um die an sich gewünschte Atmosphäre zu erreichen. Zum großen Ärgernis gerät dann der Jubelchor des ersten Finales, in dem sich die Solisten auf der Bühne entweder die Stimmbänder aus dem Hals singen müssen oder sich einfach entspannt zurücklehnen können – von ihnen versteht man eh kein Wort. Denn die Chormasse im Publikum übersingt gnadenlos alles und kann noch nicht mal was dafür. Genau so soll Wagner nicht klingen: Laut und grell.

Natürlich geht es auch anders. Die Dortmunder Philharmoniker beginnen den Abend mit diesem wundervoll innigen Vorspiel, und zwar nicht künstlich ätherisch, sondern das Piano der Streicher hat Ausdruckskraft. Gabriel Feltz demonstriert hier sein Gefühl für akustisch fein abgestimmte Nuancen, und das Orchester setzt sie konzentriert um. Im Laufe der Vorstellung ist mancher Einsatz noch etwas zu direkt, wo ein Hineingleiten schöner wäre. Sehr gut ausgearbeitet ist der musikalische Fluss, der nie in falschen Stillstand gezwungen wird, sondern immer vorwärts bewegt wird und dann passend in starken Steigerungen mündet. Einen ganz starken Abend haben die Ferntrompeter, die blitzsauber ein dreidimensionales Hörerlebnis kreieren.
Was für ein Lohengrin unter diesen musikalischen Umständen wohl möglich gewesen wäre? Angefangen bei den vier Edelknaben und vier brabantischen Edlen sind alle Rollen durchweg gut besetzt. Morgan Moody tritt als Heerrufer mit den Gesten eines kalkulierenden Conférenciers auf und singt seine Phrasen elegant und markig aus. Mit dem gefährlichen Enthusiasmus eines Politikers führt Shavleg Armasi mit kräftigen Höhen das Volk Brabants in einen Krieg. Stéphanie Müther als emanzipierte Ortrud schillert darstellerisch schimärenhaft. Erotisch öffnet sie Telramund ihr „Seherauge“ und zeigt sich im nächsten Moment selbstzerstörerisch Elsa gegenüber. Auch vokal bietet die Sängerin eine große Menge an Farben und kostet zudem auch alle vokalen Höhepunkte der Partie ungefährdet aus. Eine große Leistung! Die Stärken von Joachim Golz liegen in der sauber und melodisch, aber auch zugleich effektvoll vorgetragenen Anklage des Telramunds. Im zweiten Akt singt er sich in seiner Schmach etwas fest, ist aber ein Partner auf Augenhöhe in der Diskussion mit Ortrud.
Das andere Paar hätte nicht besser aufeinander abgestimmt sein können. Christina Nilsson und Daniel Behle sind beide Debütanten und schmiegen sich vokal so schön aneinander, dass man den beiden unbedingt ein Happy End gewünscht hätte. Insgesamt darf man Behles Rollendebüt als geglückt bezeichnen, wenngleich man sich von ihm manchmal etwas mehr die tenorale Trompete gewünscht hätte. Die Spitzentöne kommen ungedrückt und klar, aber sie heben sich ein bisschen zu wenig von den lyrischen Phrasen ab. Hier liegen Behles überdeutliche Stärken. Selten hat man einen Schwanenritter, der so elegant die deutsche Sprache phrasiert und in lange Legato-Bögen einbindet. Genau wie ihm würde man – vorerst – auch Christina Nilsson davon abraten, ihre Partie an größeren Häusern zu singen. Aber Nomen ist Omen. Eine Schwedin namens Nilsson kann offenbar Wagner singen. Ihre Stimme klingt noch taufrisch und bewegt sich zugleich sehr sicher und femininer Anmut durch die jugendlich-dramatischen Phrasen, in der auch die Höhen ohne den Anflug von Schärfen in die Gesangslinie mit eingebunden werden.
Man darf vermuten, dass die spontanen, stehenden Ovationen, die unmittelbar nach dem Schlussapplaus einsetzen, den beiden gelten sowie auch den anderen Sängern. Mit Bravo-Rufen spart das Publikum dennoch. Die Buhrufe für das Regieteam sind deutlich vernehmbar, ebenso wie eine Abnahme des Applauspegels. Aber auch die Befürworter des Regiekonzepts machen sich bemerkbar. Insgesamt hätte man sich gewünscht, dass Szene und Musik näher beieinander liegen. So muss das Dortmunder Publikum auf den nächsten Schwan warten.
Christoph Broermann