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NEUE MUSIK UND ANDERER HORROR
(Diverse Komponisten)
Besuch am
12. Mai 2019
(Premiere)
Wenn die so genannte Freie Szene zu Aufführungen einlädt, landet man als Besucher in der Regel in stillgelegten Fabriken, Feuerwachen, Lokschuppen oder ehemaligen Straßenbahn-Depots. Das hat gewiss seinen Charme. So ist beispielsweise das Depot in der Dortmunder Immermannstraße ein Ort, der Stadtgeschichte atmet und architektonisch ausgesprochen reizvoll ist. Wenn man allerdings ein ganzes Wochenende an diesen Orten der Vergangenheit verbringt, die oft nur notdürftig an die Erfordernisse der Gegenwart angepasst werden, beschleicht einen schon mal die Frage, welchen Einfluss eigentlich diese Resteverwertung auf die alternative Kulturszene hat. Was macht das mit Komponisten, die von Sinfonien träumen, aber froh sind, wenn sie mit einem Kammerorchester in Räumen mit marginaler Technik und oft genug nicht einmal mit einem Bühnenpodest ihre Werke aufführen? Kammer ist das große Wort, dass die Musik der Gegenwart beherrscht. Dass dort immerhin große Ideen zur Aufführung kommen, mag einem Komponisten Genugtuung verschaffen, aber von Befriedigung weit entfernt sein.
Welche „großen“ Werke immerhin in den kleinen Sälen möglich sind, zeigt das E‑Mex-Ensemble bei seinem Treffen mit dem Moderator Martin Zingsheim im Dortmunder Depot. Das Kölner Kammerensemble hat nach Dortmund in das Sweet-Sixteen-Kino eingeladen, um ein Gesprächskonzert aufzuführen. Die Fördergelder von Stadt und Land sind bewilligt, und das ist auch gut so. Denn wenn jemand Neue Musik auf seine Plakate schreibt, darf er kaum mit Scharen von Besuchern rechnen – schon gar nicht im Ruhrgebiet. Es nimmt nicht Wunder, dass an diesem Abend die Zahl der Besucher kaum die der Akteure auf der Bühne übersteigt. Obwohl das Thema des Abends doch eigentlich ganz vielversprechend klingt. Neue Musik und anderer Horror – Ein Abend zwischen Mikroton und Kettensäge lautet der ironische Titel. Offenbar wird die Ironie nicht so ganz deutlich. Zu groß scheint die Aversion gegen den Begriff Neue Musik – obwohl sie ja wirklich nicht mehr neu ist. So auch an diesem Abend. Da gibt es nämlich bis auf den letzten von vier Teilen Musik aus dem vergangenen Jahrhundert. Ein bisschen mehr Marketing hätte vielleicht geholfen, denn eigentlich geht es um ein spannendes Thema. Die Neue Musik im Spiegel der Splatter-Filme.
Als Moderator ist der Kabarettist Martin Zingsheim eingeladen. Der gebürtige Kölner versteht sich nicht nur auf Wortwitz, sondern vor allem auch auf Neue Musik. Er hat über Karlheinz Stockhausens Intuitive Musik promoviert. Zingsheim zeigt sich bestens vorbereitet, und so werden die kurzen Gespräche mit Christoph Maria Wagner vor den einzelnen Stücken zum echten und informativen Genuss. Wagner ist Komponist, Dirigent, Arrangeur und Künstlerischer Leiter des E‑Mex-Ensembles, mit dem er an diesem Abend, sofern nötig, auftritt. Den rasanten Einstieg allerdings meistert Martin von der Heydt allein am Flügel. Keine fünf Minuten dauert Suicide in an Airplane von Leo Ornstein aus dem Jahr 1919. Aber die haben es in sich. Über einem rasenden Grundrhythmus bäumen sich die Dissonanzen auf, die den Gefühlstumult des Selbstmörders nahezu als tosenden Wahn erscheinen lassen. Da läuft der nichtexistierende Film zur Musik vor dem inneren Auge des Hörers ab.
Kaum weniger eindrucksvoll sind die Black Angels – Thirteen Images from the Dark Land. Einige Sekunden aus dem 1970 entstandenen Werk von George Crumb finden sich auch in dem Film The Exorcist wieder. Zu mehr reichte es nicht, weil Crumb ablehnte, die Filmmusik zu dem Horrorstreifen vollständig zu komponieren. Das Streichquartett, das zu den bekanntesten Werken Crumbs gehört, ist deshalb besonders anspruchsvoll, weil von den Streichern nicht nur ungewöhnliche Techniken, sondern auch der Einsatz zusätzlicher Instrumente und der eigenen Stimmen verlangt werden. Da darf Kalina Kolarova die Geige schon mal als Cello halten, Lola Rubio den Bogen ihrer Geige an einer Klangschale ausprobieren. Konrad von Coelln bearbeitet seine Bratsche zwischenzeitlich mit Fingerhüten oder eine Plastikkarte, während Burkart Zeller das Cello zwischendurch beiseite legen muss, um einen Gong zu bedienen. Dass Geigerinnen und Bratschist nebenbei auch noch Gläser streichen, ist wohl eher ein lustiger Einfall des Komponisten, als dass es tatsächlich zur Klangvariation beitrüge. Aber immerhin ist es auch schön anzusehen. Patricia Martins übernimmt bei dem elektronisch verstärkten Stück gekonnt die Klangregie.

Von Arnold Schönberg gibt es in keinem Film Musik zu hören. Die Vorstellung, sich den künstlerischen Ideen eines Regisseurs oder Produzenten unterordnen zu müssen, wäre ihm absurd vorgekommen. Trotzdem interessierte ihn als Fan von Stummfilmen das Genre und so komponierte er 1930 die Begleitungsmusik zu einer Lichtspielscene mit dem Untertitel Drohende Gefahr – Angst – Katastrophe. Um das farbenreiche Werk, das hier für Kammerensemble bearbeitet ist, wiedergeben zu können, gesellen sich zu den Streichern die Flötistin Evelin Degen, Joachim Striepens an der Klarinette, Yoshiki Matsuura mit der Posaune und Michael Pattmann bedient das umfangreiche Schlagzeug. Unter der präzisen Leitung von Wagner entfalten die Musiker einen Klang, der jedem Katastrophenfilm zur Ehre gereichen könnte.
Und dann gibt es sie doch noch – die Musik von heute. Der rollende Totenschädel heißt das Stück nach einem brasilianischen Märchen, das Wagner zuerst in einer Fassung für Sänger und Klavier komponierte und heute Abend als Uraufführung in der Ensemblefassung hören lässt. Dazu hat er den Mann eingeladen, für dessen Stimme er das Stück geschrieben hat: Der Bariton Renatus Mészár verfügt über einen Stimmumfang von dreieinhalb Oktaven. Blitzschnelle Stimmwechsel über viele Register hinweg beeindrucken schon rein technisch. Aber auch klanglich gibt er nicht nur die Rollenwechsel, sondern auch gekonnt die Atmosphäre des Gruselmärchens wieder, die sich auch in der affektreichen Musik der Instrumente findet.
Nach einer Zugabe, nämlich einem Ausschnitt aus der Musik des Films Re-Animator aus dem Jahr 1985 – ein Höhepunkt in der Geschichte des Splatter-Films, sagt Wagner, der selbst bekennender Fan dieses kuriosen Genres ist – lassen sich die Akteure von einem enthusiasmierten Publikum feiern, das sich alle Mühe gibt, mehr Präsenz darzustellen als tatsächlich vorhanden. Ein rundherum gelungener, vielschichtiger und abwechslungsreicher Abend, der mit der anschließenden Vorführung der ungeschnittenen Originalfassung des Horrorfilmchens von Stuart Gordon endet.
Dass sich die Enttäuschung der Musiker über das geringe Publikumsinteresse in Grenzen hält, liegt daran, dass die zweite Vorstellung bereits einen Tag später auf der Studiobühne in Köln stattfinden wird – dann vor vollem Haus.
Michael S. Zerban