O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Zu perfekt für diese Welt

NOVA – IMPERFECTING PERFECTION
(Franz Danksagmüller)

Besuch am
20. Juni 2019
(Urauf­führung)

 

Evange­li­scher Kirchentag, Orches­ter­zentrum NRW, Dortmund

Auf einer Studio­bühne wird diese „Kammeroper im virtu­ellen Raum für Sopran, Bratsche, Tenor (virtuell), Bariton (virtuell) und Live-Elektronik“ kaum funktio­nieren. Vom Evange­li­schen Kirchentag, der derzeit in Dortmund statt­findet, hat Franz Danksag­müller einen Kompo­si­ti­ons­auftrag erhalten. Dementspre­chend findet die Urauf­führung von Nova – Imper­fecting Perfection im Orches­ter­zentrum NRW in Dortmund statt. Das Orches­ter­zentrum, nur wenige Meter vom Konzerthaus Dortmund entfernt, ist eine „gemeinsame Einrichtung der vier staat­lichen Musik­hoch­schulen des Landes Nordrhein-Westfalen – Detmold, Düsseldorf, Essen und Köln – und europaweit die erste hochschul­über­grei­fende Ausbil­dungs­stätte für künftige Orches­ter­mu­siker“. Sie verfügt über einen ordentlich ausge­stat­teten Konzertsaal mit einer ausrei­chend großen Bühne. Perfekt für eine Oper, die richtig große Projek­ti­ons­flächen und viel Spielraum für eine Sängerin und ihr Spielzeug braucht, um sich einem brand­ak­tu­ellen Thema zu widmen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Während nämlich Forscher und Entwickler der Gegenwart noch darüber nachdenken, was Künst­liche Intel­ligenz eigentlich ist und können soll, ist Komponist Danksag­müller schon einen Schritt weiter­ge­gangen. Wenn Künst­liche Intel­ligenz und mensch­liche Gesell­schaft zusam­men­wachsen, zu einem System verschmelzen, ist der Kollaps vorpro­gram­miert. Indivi­dua­lität, Diver­sität, Kreati­vität und viele Dinge mehr, die unser Leben ausmachen, finden dann nicht mehr statt. Still­stand droht, und Still­stand bedeutet Untergang. Weil aber das System intel­ligent ist, nimmt es diese Perfektion nicht in Kauf, sondern will sie mit einem Wesen unter­laufen, damit sich das System weiter­ent­wi­ckeln kann. Der Android Nova wird trainiert, sich zu indivi­dua­li­sieren und ein eigen­stän­diges Leben zu entwi­ckeln. Das muss trotz Liebes­ge­schichte und Entde­ckung der Liebe zur Musik schief­gehen, weil fehlende Perfektion impli­ziert, dass das System nicht akzep­tiert wird. Und weil das System immer stärker ist als der einzelne, scheitert der Android und beendet sein Leben. Es ist aller­dings Nova Nr. 354 – und Nova Nr. 355 ist schon in Sicht. Eine Geschichte, die zwischen Poe, Kafka, Star Wars und Orwell oszil­liert. Mit den richtigen Freunden könnte man darüber am philo­so­phi­schen Stamm­tisch viele Flaschen Wein öffnen und käme vermutlich dem Sonnen­aufgang ziemlich nah. Mit dem richtigen Team an seiner Seite kann ein Musiker wie Danksag­müller daraus ein Musik­theater entwi­ckeln, das nicht nur das Zeug zur Oper des Jahres hat, sondern vor allem beweist, dass Neue Musik kein Schreck­ge­spenst, sondern Notwen­digkeit ist. Genau das ist gerade in Dortmund geschehen.

Anna Herbst als Nova Nr. 354 – Foto © O‑Ton

Kay Link hat die Aufgabe übernommen, das Libretto in Bühnenform zu gießen. Gesa Gröning zeichnet für die Ausstattung verant­wortlich. In der Bühnen­mitte sind einige weiße Kartons aufgebaut, die in der Folge nicht nur verschiedene Funktionen bekommen, sondern auch für ständige Verän­derung sorgen. Der Hinter­grund der Bühne wird fast vollständig von drei Leinwänden einge­nommen. Links davon nimmt hinter ein paar Schein­werfern der Bratschist Platz. Auf der rechten Seite ist der Arbeits­platz von Virgil Widrich, der für das virtuelle Bühnenbild und die Videos zuständig ist, und von Franz Danksag­müller, der die musika­lische Leitung innehat und die Live-Elektronik übernimmt. Oleg Prodeus kümmert sich um die Projek­tionen und das Licht. Wie sich schnell heraus­stellt, hat hier ein konge­niales Team zusam­men­ge­funden, das Video nicht als schmü­ckendes Beiwerk, sondern als zentralen Bestandteil der Handlung begreift. Und damit bekommen die bewegten Bilder das emotionale Gewicht, das ihnen zusteht.

Olof von Gagern an der Viola – Foto © O‑Ton

Im Mittel­punkt des Geschehens steht Anna Herbst, Sopra­nistin und ausge­wiesene Spezia­listin für Neue und Alte Musik. Auf der Konzert­bühne hat sie sich einen exzel­lenten Ruf erarbeitet, auch auf der Opern­bühne ist sie zu Hause, aber der heutige Abend stellt doch noch mal eine besondere Heraus­for­derung dar. Ihr Anspiel­partner ist ein Avatar, den sie erst kurz vor der Urauf­führung kennen­ge­lernt hat. Ansonsten ist sie damit beschäftigt, die weißen Kartons zu bewegen, die einer­seits für bestimmte Themen stehen, anderer­seits in ihren wechselnden Konstel­la­tionen Bestandteil eines Netzwerks sind, das sich schließlich gar im Video fortsetzt. Als glatz­köp­figer Android tritt die Sängerin an, deren Erken­nungs­merkmal ansonsten das knielange, blonde Haar ist, wird vom System indivi­dua­li­siert, indem sie über ihr silber­far­benes Kostüm einen wirklich einfalls­losen, weißen Zweiteiler zu streifen und eine Perücke überzu­stülpen hat. Allein die Vorstellung dieses Doppel­kostüms lässt bei 23 Grad Außen­tem­pe­ratur und Schein­wer­fer­licht einige Besucher ins Schwitzen geraten. Es ist nicht die einzige Bürde, die die Sängerin zu meistern hat. Zwar hat der Komponist ihr die Stimme der Nova auf den Leib geschrieben – und das hört man auch – aller­dings nimmt er die Stimme elektro­nisch ab und kombi­niert sie mit seiner Musik zu einer perfekten Mischung. Was eigentlich nach Erleich­terung klingt, funktio­niert tatsächlich nur, wenn die Stimme auf die Note genau sitzt, weil es selbst in einer Nachbe­ar­beitung, die es hier nicht gibt, unecht klänge. Herbst ist an diesem Abend auf dem Punkt. Besser kann es nicht laufen. Damit passt sie sich auch den Stimm­lagen des Tenors Valdemar Villadsen, der virtuell als Seth auftritt, und den Stimmen von <wholeness> und des Versuchs­leiters, die der Bariton Gerard Quinn inter­pre­tiert, an.

Auch die Bratsche, die Olof von Gagern mit beson­derem Schwie­rig­keitsgrad gelungen beherrscht, weil er völlig allein­ge­lassen wird, wird elektro­nisch abgenommen. Danksag­müller mischt alles in Echtzeit mit einer Exaktheit ab, die nicht nur beein­druckt, sondern die einfach virtuos ist. Dabei hält er die musika­lische Spannung über eineinhalb Stunden ohne Schwie­rig­keiten aufrecht. Nur als Besucher mag man sich wundern, dass die Zeit schon um ist.

Dass der Evange­lische Kirchentag als Veran­stalter hier in Sachen Marketing und Öffent­lich­keits­arbeit komplett versagt hat, ändert nichts an der Tatsache, dass die wenigen Besucher absolut begeistert sind. Diese Oper ist nicht nur reper­toire­fähig, sondern weist in eine Zukunft, die Besucher anlockt, anstatt sie zu vergraulen.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: