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Die Uraufführung an der Mailänder Scala liegt fast zehn Jahre zurück. Seitdem wurde Luca Francesconis Oper Quartett rund um den Globus mit großem Erfolg gezeigt. Und der stellte sich jetzt auch bei der längst überfälligen deutschen Erstaufführung in einer Eigenproduktion der Dortmunder Oper ein. Das Dortmunder Publikum reagiert ebenso begeistert wie das in Wien und Warschau, auch wenn das Parkett des riesigen Opernhauses selbst zur Premiere gerade einmal halb gefüllt ist.
Dass das Quartett, ungewöhnlich für eine zeitgenössische Oper, zu derart beachtlichen Repertoire-Ehren kommen kann, liegt an der packenden literarischen Vorlage von Heiner Müller, am raffinierten Klangsinn und ausgeprägten Bühneninstinkt des Komponisten sowie am überschaubaren äußeren Aufwand, mit dem das kammerspielartige Zwei-Personenstück zu stemmen ist.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Umso größer sind die musikalischen Herausforderungen. Denn die beiden Protagonisten haben in dem anderthalbstündigen Werk eine Herkulesaufgabe zu bewältigen. Und wenn man auch für die eingeblendeten groß besetzten Fernchöre und ‑orchester auf fertige Aufnahmen der Mailänder Uraufführung zurückgreifen kann, verlangt die Abstimmung mit dem live agierenden Orchester dem Dirigenten viel Fingerspitzengefühl ab.
Doch worum geht es in dem Quartett? Heiner Müller greift auf den Roman Gefährliche Liebschaften von Pierre-Ambroise de Laclos aus dem Jahre 1792 zurück, in dem sich ein adeliges Paar vor dekadenter Langeweile und Überdruss soweit auseinandergelebt hat, dass beide das sexuelle Interesse aneinander verloren haben. Da die Begierde nicht erloschen ist, stacheln sie sich gegenseitig zu Eskapaden mit schlimmen Folgen an, unter anderem mit der Gattin des Präsidenten und einer jungfräulichen Nichte, die von Valmont getötet wird, um ihren perfekten Körper vor dem Verwelken zu bewahren. Am Ende vergiftet die Marquise ihren verhassten Valmont und weidet sich an seinem Todeskampf.

Szenen einer moralisch aus den Fugen geratenen Gesellschaft, die sich im Vorfeld der Französischen Revolution selbst demontiert. Heiner Müller sah dafür ein zweigeteiltes Bühnenbild mit einer historischen Kulisse und einer Bunkerlandschaft aus dem Zweiten Weltkrieg vor. Das greift Bühnenbildnerin Anne Neuser in Dortmund auf, auch wenn Regisseur Ingo Kerkhof den Bunkersektor kaum ins Spiel bringt. Das grausame Treiben läuft in einem mit einem klassizistischen Sofa spärlich möblierten Salon ab, der im Hintergrund von schillernd illuminierten Laubgirlanden abgeschlossen wird und den Raum in ein bizarres Dschungel-Szenario verwandelt.
Eine geschickte Lösung, wobei Kerkhof weitgehend auf ablenkende visuelle Zutaten verzichtet und das Beziehungsdrama mit großer Detailgenauigkeit und Intensität ins Zentrum rückt. Dass das Dortmunder Opernhaus für eine derartig filigrane Feinarbeit eigentlich zu groß dimensioniert ist, kann man angesichts der brillanten Personenführung schnell vergessen. Zumal Müllers Trick, die Verführungsszenen von den beiden Protagonisten selbst darstellen zu lassen, so dass sie in verschiedene Rollen und auch ihr Geschlecht wechseln müssen, dem Stück einen zusätzlichen dramaturgischen Ritterschlag verleiht.
Luca Francesconi, Schüler von Luciano Berio und Karlheinz Stockhausen, arbeitet musikalisch geschickt mit mehreren Ebenen. Entmaterialisierte, quasi kosmische Klänge sorgen für eine Gänsehaut, die jedem Horrorfilm zur Ehre gereichte. Was die Handlung angeht, orientiert er sich rücksichtsvoll an den Singstimmen, so dass ein Musikdrama von packender Intensität entsteht. Kompositorisch auf der Höhe der Zeit und gleichzeitig sinnlich und spannend.
Philipp Armbruster am Pult der Dortmunder Philharmoniker hält die feinen Fäden der Produktion sicher in Händen, wobei er sich mit Allison Cook und Christian Bowers auf überragende und erfahrene Solisten verlassen kann. Cook als Marquise, die bereits die Uraufführung bestritten hat, vermag mit traumhafter Sicherheit jede Fassette der komplexen Figur gesanglich und gestalterisch zu erfassen. Und auch Bowers als Valmont, dessen Bariton in den Frauenpassagen extreme, bis ins Falsett reichende Höhen abverlangt werden, passt sich dem Niveau seiner Partnerin nahtlos an.
Eine bemerkenswerte Produktion einer ungewöhnlichen zeitgenössischen Oper, die auf jeden Fall einen stärkeren Publikumszulauf verdient.
Pedro Obiera