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Foto © Thomas Jauk

Selbstdemontage einer dekadenten Gesellschaft

Quartett
(Luca Francesconi)

Besuch am
18. April 2019
(Deutsche Erstaufführung)

 

Oper Dortmund

Die Urauf­führung an der Mailänder Scala liegt fast zehn Jahre zurück. Seitdem wurde Luca Frances­conis Oper Quartett rund um den Globus mit großem Erfolg gezeigt. Und der stellte sich jetzt auch bei der längst überfäl­ligen deutschen Erstauf­führung in einer Eigen­pro­duktion der Dortmunder Oper ein. Das Dortmunder Publikum reagiert ebenso begeistert wie das in Wien und Warschau, auch wenn das Parkett des riesigen Opern­hauses selbst zur Premiere gerade einmal halb gefüllt ist.

Dass das Quartett, ungewöhnlich für eine zeitge­nös­sische Oper, zu derart beacht­lichen Reper­toire-Ehren kommen kann, liegt an der packenden litera­ri­schen Vorlage von Heiner Müller, am raffi­nierten Klangsinn und ausge­prägten Bühnen­in­stinkt des Kompo­nisten sowie am überschau­baren äußeren Aufwand, mit dem das kammer­spiel­artige Zwei-Perso­nen­stück zu stemmen ist.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Umso größer sind die musika­li­schen Heraus­for­de­rungen. Denn die beiden Protago­nisten haben in dem andert­halb­stün­digen Werk eine Herku­les­aufgabe zu bewäl­tigen. Und wenn man auch für die einge­blen­deten groß besetzten Fernchöre und ‑orchester auf fertige Aufnahmen der Mailänder Urauf­führung zurück­greifen kann, verlangt die Abstimmung mit dem live agierenden Orchester dem Dirigenten viel Finger­spit­zen­gefühl ab.

Doch worum geht es in dem Quartett? Heiner Müller greift auf den Roman Gefähr­liche Liebschaften von Pierre-Ambroise de Laclos aus dem Jahre 1792 zurück, in dem sich ein adeliges Paar vor dekadenter Lange­weile und Überdruss soweit ausein­an­der­gelebt hat, dass beide das sexuelle Interesse anein­ander verloren haben. Da die Begierde nicht erloschen ist, stacheln sie sich gegen­seitig zu Eskapaden mit schlimmen Folgen an, unter anderem mit der Gattin des Präsi­denten und einer jungfräu­lichen Nichte, die von Valmont getötet wird, um ihren perfekten Körper vor dem Verwelken zu bewahren. Am Ende vergiftet die Marquise ihren verhassten Valmont und weidet sich an seinem Todeskampf.

Foto © Thomas Jauk

Szenen einer moralisch aus den Fugen geratenen Gesell­schaft, die sich im Vorfeld der Franzö­si­schen Revolution selbst demon­tiert. Heiner Müller sah dafür ein zweige­teiltes Bühnenbild mit einer histo­ri­schen Kulisse und einer Bunker­land­schaft aus dem Zweiten Weltkrieg vor. Das greift Bühnen­bild­nerin Anne Neuser in Dortmund auf, auch wenn Regisseur Ingo Kerkhof den Bunker­sektor kaum ins Spiel bringt. Das grausame Treiben läuft in einem mit einem klassi­zis­ti­schen Sofa spärlich möblierten Salon ab, der im Hinter­grund von schil­lernd illumi­nierten Laubgir­landen abgeschlossen wird und den Raum in ein bizarres Dschungel-Szenario verwandelt.

Eine geschickte Lösung, wobei Kerkhof weitgehend auf ablen­kende visuelle Zutaten verzichtet und das Bezie­hungs­drama mit großer Detail­ge­nau­igkeit und Inten­sität ins Zentrum rückt. Dass das Dortmunder Opernhaus für eine derartig filigrane Feinarbeit eigentlich zu groß dimen­sio­niert ist, kann man angesichts der brillanten Perso­nen­führung schnell vergessen. Zumal Müllers Trick, die Verfüh­rungs­szenen von den beiden Protago­nisten selbst darstellen zu lassen, so dass sie in verschiedene Rollen und auch ihr Geschlecht wechseln müssen, dem Stück einen zusätz­lichen drama­tur­gi­schen Ritter­schlag verleiht.

Luca Francesconi, Schüler von Luciano Berio und Karlheinz Stock­hausen, arbeitet musika­lisch geschickt mit mehreren Ebenen. Entma­te­ria­li­sierte, quasi kosmische Klänge sorgen für eine Gänsehaut, die jedem Horrorfilm zur Ehre gereichte. Was die Handlung angeht, orien­tiert er sich rücksichtsvoll an den Singstimmen, so dass ein Musik­drama von packender Inten­sität entsteht. Kompo­si­to­risch auf der Höhe der Zeit und gleich­zeitig sinnlich und spannend.

Philipp Armbruster am Pult der Dortmunder Philhar­mo­niker hält die feinen Fäden der Produktion sicher in Händen, wobei er sich mit Allison Cook und Christian Bowers auf überra­gende und erfahrene Solisten verlassen kann. Cook als Marquise, die bereits die Urauf­führung bestritten hat, vermag mit traum­hafter Sicherheit jede Fassette der komplexen Figur gesanglich und gestal­te­risch zu erfassen. Und auch Bowers als Valmont, dessen Bariton in den Frauen­pas­sagen extreme, bis ins Falsett reichende Höhen abver­langt werden, passt sich dem Niveau seiner Partnerin nahtlos an.

Eine bemer­kens­werte Produktion einer ungewöhn­lichen zeitge­nös­si­schen Oper, die auf jeden Fall einen stärkeren Publi­kums­zulauf verdient.

Pedro Obiera

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