O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Bilder ähnlich der besuchten Aufführung - Foto © Matthias Creutziger

Schrei nach Freiheit und Humanität

FIDELIO
(Ludwig van Beethoven)

Besuch am
3. Mai 2018
(Premiere am 7. Oktober 1989)

 

Semperoper Dresden

Es ist der 7. Oktober 1989. Tag der Republik in der DDR. Mit Pomp und Parade feiert die DDR-Führung den 40. Jahrestag ihrer Staats­gründung. Während Sowjetchef Gorbat­schow die SED-Alther­ren­riege zu Reformen mahnt, geht die Stasi brutal gegen Demons­tranten vor. Es ist der Anfang vom Ende der Deutschen Demokra­ti­schen Republik, ab dem 8. Oktober geht das Volk auf die Straßen, zunächst in Dresden, dann in Leipzig und Berlin. Und an diesem 7. Oktober findet in der Semperoper Dresden die Premiere der Neuin­sze­nierung von Beethovens Freiheitsoper Fidelio statt, während gleich­zeitig auf dem Theater­platz und in der Dresdner Innen­stadt zehntau­sende Menschen unüber­hörbar ihre Stimme erheben für eine Welt ohne Gewalt und Unter­drü­ckung. Die Menschen in Dresden wie auch in Leipzig, Berlin und in vielen anderen Orten sind auf die Straße gegangen, um ein Zeichen zu setzen für ein Leben in Freiheit und gegen den unerträglich gewor­denen Macht­miss­brauch eines totali­tären Staates. Die „Fried­liche Revolution“ hatte begonnen. Noch hatte die Tages­po­litik Beethovens Fidelio eingeholt, als seine „Befrei­ungsoper“ in der Insze­nierung von Christine Mielitz am 7. Oktober 1989 in der Semperoper erstmalig auf dem Spielplan steht. Das Opernhaus ist von Polizei- und Militär­fahr­zeugen umstellt, in der Prager Straße und am Haupt­bahnhof demons­trieren seit Tagen die Menschen, und auf der Bühne lehnt verzweifelt der Chor der Gefan­genen am Zaun, der den deutsch-deutschen Grenz­be­fes­ti­gungen deutlich ähnelt. Es ist der gemeinsame Schrei nach Freiheit und Humanität – auf der Opern­bühne genauso wie in den Straßen. Was für ein histo­ri­scher Zeitbezug in den Tagen vor der Wende. Dass diese Insze­nierung in ihrer beein­dru­ckenden Sprache und Klarheit fast neunund­zwanzig Jahre später zum bereits 129. Mal in der Semperoper auf dem Spielplan steht, spricht einmal für die Zeitlo­sigkeit der Insze­nierung, gleich­zeitig aber auch für die Aktua­lität der Thematik. Das Werk könnte genauso in Ankara, Moskau, in Peking oder überall dort auf der Welt spielen, wo Grund­rechte wie freie Meinungs­äu­ßerung, Presse­freiheit oder die Grund­werte der Demokratie mit Füßen getreten werden. Und somit ist jede dieser Auffüh­rungen nicht nur eine Verneigung vor Beethovens einziger Oper, sondern immer auch mahnendes Zeugnis für Freiheit und Humanität.

Als der Vorhang sich öffnet und die Ouvertüre wuchtig aus dem Orches­ter­graben erklingt, ist ein großes, surrea­lis­ti­sches Bild zu sehen. Es ist eine überdi­men­sionale Schwarz-Weiß-Repli­kation von Edgar Endes Der Vogel­mensch aus dem Jahre 1948, eine Art mensch­ge­wordene Friedens­taube. Schon hier ist klar, dass diese Insze­nierung sich, im Kontext zu den Gescheh­nissen in den Tagen der Premiere, politisch eindeutig positio­niert. Im Nachhinein erscheint es als ein Wunder, dass die Insze­nierung von der Zensur nicht hinweg­gefegt wurde und die künst­le­risch Verant­wort­lichen nicht kaltge­stellt wurden.

Christine Mielitz hat die Handlung als Auftakt zur politi­schen Wende in ein Gefängnis, das dem der Staats­si­cherheit der DDR sehr ähnelte, verlegt. Ein großer Wachturm in der Mitte, der das drehbare Bühnenbild dreiteilt, ist von einem hohen Zaun umgeben. Der Stachel­draht, der die Gefan­genen selbst bei ihrer von Fidelio erwirkten „Verschnauf­pause“ im Gefäng­nishof „an freier Luft“ umgibt, ist dem der ehema­ligen deutsch-deutschen Grenze sehr ähnlich. Die Uniformen der schwarz­ge­klei­deten Gefäng­nis­auf­seher erinnern deutlich an die Uniformen von Volks­po­li­zisten. Peter Heilein macht mit seinem Bühnenbild und den Kostümen noch immer – und immer wieder – betroffen. Die Insze­nierung hat bis heute nichts von ihrer beklem­menden Wirkung eingebüßt. Und wenn als Höhepunkt zum Schluss des ersten Aufzuges der Gefan­ge­nenchor auf die Bühne kommt, verängstigt, ja scheinbar trauma­ti­siert, dann ist die Beklemmung der damaligen Zeit wieder spürbar. Es scheint so, als ob die Insze­nierung bei allen Protago­nisten besondere Kräfte freisetzt, den Geist der Freiheit verströmen zu lassen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Und so lebt die Insze­nierung insbe­sondere von der Atmosphäre auf der Bühne, die durch den Licht­wechsel von fast vollstän­digem Dunkel bis hin zum grellen Schein­wer­fer­licht die psychi­schen Belas­tungen einer Inter­nierung spürbar werden lassen. Und es ist das intensive Spiel der Protago­nisten, ihre Bezie­hungen zu einander, die das Geschehen realis­tisch erscheinen lassen, trotz des zuweilen ideali­sie­renden und heroi­sie­renden Textes, der nur wenig von der Urfassung gekürzt oder verändert ist. Und es ist natürlich der sänge­rische Ausdruck, der dieser Oper und ihrer Insze­nierung zu einem beson­deren Moment verhelfen.

Elisabeth Teige begeistert als Leonore respektive Fidelio. Ihr jugendlich-drama­ti­scher Sopran hat in den drama­ti­schen Höhen Klarheit und Schliff, in den Tiefen ein breites und warmes Fundament, was im großen Duett O namenlose Freude besonders gut zur Geltung kommt. Tomislav Muzek als Florestan singt seine große Freiheitsarie mit Strahl­kraft, Dramatik und überzeugt mit dem Ausdruck seines Helden­tenors. René Pape als Rocco darf man schon als Luxus­be­setzung bezeichnen.  Sein warmer, schmei­chelnder Bass, der für diese Rolle fast schon zu schön klingt, zeigt die mensch­liche Kompo­nente des Gefan­ge­nen­auf­sehers, der sich in seiner Position glaubhaft unwohl fühlt. Den Despoten Don Pizarro gestaltet John Lundgren mit kräftigem Bass und verleiht der Rolle dabei die dämonische Aura, die man von ihm erwartet. Die junge Tuuli Takala als naiv wirkende Marzelline überzeugt vor allem mit schön­k­lin­gendem Koloratur-Sopran, der gut mit Simeon Jaspers Tenor harmo­niert, dessen Jaquino als abgewie­sener Liebhaber und willfäh­riger Erfül­lungs­ge­hilfe gut getroffen ist. Christoph Pohl, mit kraft­vollem Bariton ausge­stattet, hat als Don Fernando musika­lisch das große und überzeu­gende Finale. Torsten Schäpan und und Holger Steinert, Mitglieder des Sächsi­schen Staats­opern­chors, lassen als Gefangene mit ihrem kurzen Soloeinsatz angenehm aufhorchen.

Foto © Matthias Creut­ziger

Der Chor, hervor­ragend einge­stimmt von Cornelius Volke, gestaltet seine große Szene O welche Lust – in freier Luft den Atem leicht zu heben sänge­risch sehr diffe­ren­ziert, vom leisen Piano ausgehend, bis der Schrei nach Freiheit im wunder­baren Forte erklingt. Die Sächsische Staats­ka­pelle Dresden spielt einen ausdrucks­starken Beethoven, die Ouvertüre erklingt majes­tä­tisch feierlich, und im leuch­tenden C‑Dur-Finale erstrahlt eine ausge­prägte Harmonie. In der Wieder­auf­nahme steht Ádám Fischer am Pult der Staats­ka­pelle. Sein Dirigat ist präzise, stringent das Tempo der Ouvertüre, immer weiter aufsteigend, bis sich jenes Tempo Bahn bricht, das der Einsicht entspricht, dass es ein „zu spät“ geben könnte. Noch einmal ergrei­fendes Ausharren beim Vorspiel zum zweiten Aufzug, und im Ohr bleiben die wenigen Takte der Einleitung zum Quartett Mir ist so wunderbar und das großartige Schlussfinale.

Das Publikum reagiert zwar am Schluss mit langan­hal­tendem Applaus und großem Jubel vor allem für Elisabeth Teige, René Pape und Ádám Fischer, hat aber während der Aufführung durch wieder­holte Diszi­plin­lo­sig­keiten einen großen Anteil daran, dass ein unbeschwerter Kunst­genuss mal wieder nicht möglich war. Auch hat man nicht den Eindruck, dass das Publikum betroffen auf diese Insze­nierung reagiert. Vielen ist der geschicht­liche Kontext wohl gar nicht mehr bewusst. Die große Anzahl an Reise­bussen auf dem Theater­platz vor der Oper geben hier ein anderes Zeugnis. Opern­besuch als Event, egal, was gespielt wird. Die touris­tische Vermarktung der Marke Semperoper nimmt hier schon abstruse Züge an. Da muss man aufpassen, dass die Spirale des Kommerz nicht überdreht wird.

Doch der Insze­nierung von Christine Mielitz kann auch dieser Trend nichts anhaben. Insgesamt neunmal steht sie in diesem Jahr auf dem Spielplan. Und wenn man im Oktober 2019 in Deutschland der „Fried­lichen Revolution“ vor dreißig Jahren in vielen Festver­an­stal­tungen gedenken wird, wird sicher auch Fidelio wieder auf dem Spielplan stehen. Vielleicht wird dann zum 140. Mal der Schrei nach Freiheit und Humanität erklingen, als mahnendes Zeitzeugnis.

Andreas H. Hölscher

Teilen Sie O-Ton mit anderen: