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FIDELIO
(Ludwig van Beethoven)
Besuch am
3. Mai 2018
(Premiere am 7. Oktober 1989)
Es ist der 7. Oktober 1989. Tag der Republik in der DDR. Mit Pomp und Parade feiert die DDR-Führung den 40. Jahrestag ihrer Staatsgründung. Während Sowjetchef Gorbatschow die SED-Altherrenriege zu Reformen mahnt, geht die Stasi brutal gegen Demonstranten vor. Es ist der Anfang vom Ende der Deutschen Demokratischen Republik, ab dem 8. Oktober geht das Volk auf die Straßen, zunächst in Dresden, dann in Leipzig und Berlin. Und an diesem 7. Oktober findet in der Semperoper Dresden die Premiere der Neuinszenierung von Beethovens Freiheitsoper Fidelio statt, während gleichzeitig auf dem Theaterplatz und in der Dresdner Innenstadt zehntausende Menschen unüberhörbar ihre Stimme erheben für eine Welt ohne Gewalt und Unterdrückung. Die Menschen in Dresden wie auch in Leipzig, Berlin und in vielen anderen Orten sind auf die Straße gegangen, um ein Zeichen zu setzen für ein Leben in Freiheit und gegen den unerträglich gewordenen Machtmissbrauch eines totalitären Staates. Die „Friedliche Revolution“ hatte begonnen. Noch hatte die Tagespolitik Beethovens Fidelio eingeholt, als seine „Befreiungsoper“ in der Inszenierung von Christine Mielitz am 7. Oktober 1989 in der Semperoper erstmalig auf dem Spielplan steht. Das Opernhaus ist von Polizei- und Militärfahrzeugen umstellt, in der Prager Straße und am Hauptbahnhof demonstrieren seit Tagen die Menschen, und auf der Bühne lehnt verzweifelt der Chor der Gefangenen am Zaun, der den deutsch-deutschen Grenzbefestigungen deutlich ähnelt. Es ist der gemeinsame Schrei nach Freiheit und Humanität – auf der Opernbühne genauso wie in den Straßen. Was für ein historischer Zeitbezug in den Tagen vor der Wende. Dass diese Inszenierung in ihrer beeindruckenden Sprache und Klarheit fast neunundzwanzig Jahre später zum bereits 129. Mal in der Semperoper auf dem Spielplan steht, spricht einmal für die Zeitlosigkeit der Inszenierung, gleichzeitig aber auch für die Aktualität der Thematik. Das Werk könnte genauso in Ankara, Moskau, in Peking oder überall dort auf der Welt spielen, wo Grundrechte wie freie Meinungsäußerung, Pressefreiheit oder die Grundwerte der Demokratie mit Füßen getreten werden. Und somit ist jede dieser Aufführungen nicht nur eine Verneigung vor Beethovens einziger Oper, sondern immer auch mahnendes Zeugnis für Freiheit und Humanität.
Als der Vorhang sich öffnet und die Ouvertüre wuchtig aus dem Orchestergraben erklingt, ist ein großes, surrealistisches Bild zu sehen. Es ist eine überdimensionale Schwarz-Weiß-Replikation von Edgar Endes Der Vogelmensch aus dem Jahre 1948, eine Art menschgewordene Friedenstaube. Schon hier ist klar, dass diese Inszenierung sich, im Kontext zu den Geschehnissen in den Tagen der Premiere, politisch eindeutig positioniert. Im Nachhinein erscheint es als ein Wunder, dass die Inszenierung von der Zensur nicht hinweggefegt wurde und die künstlerisch Verantwortlichen nicht kaltgestellt wurden.
Christine Mielitz hat die Handlung als Auftakt zur politischen Wende in ein Gefängnis, das dem der Staatssicherheit der DDR sehr ähnelte, verlegt. Ein großer Wachturm in der Mitte, der das drehbare Bühnenbild dreiteilt, ist von einem hohen Zaun umgeben. Der Stacheldraht, der die Gefangenen selbst bei ihrer von Fidelio erwirkten „Verschnaufpause“ im Gefängnishof „an freier Luft“ umgibt, ist dem der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze sehr ähnlich. Die Uniformen der schwarzgekleideten Gefängnisaufseher erinnern deutlich an die Uniformen von Volkspolizisten. Peter Heilein macht mit seinem Bühnenbild und den Kostümen noch immer – und immer wieder – betroffen. Die Inszenierung hat bis heute nichts von ihrer beklemmenden Wirkung eingebüßt. Und wenn als Höhepunkt zum Schluss des ersten Aufzuges der Gefangenenchor auf die Bühne kommt, verängstigt, ja scheinbar traumatisiert, dann ist die Beklemmung der damaligen Zeit wieder spürbar. Es scheint so, als ob die Inszenierung bei allen Protagonisten besondere Kräfte freisetzt, den Geist der Freiheit verströmen zu lassen.
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Und so lebt die Inszenierung insbesondere von der Atmosphäre auf der Bühne, die durch den Lichtwechsel von fast vollständigem Dunkel bis hin zum grellen Scheinwerferlicht die psychischen Belastungen einer Internierung spürbar werden lassen. Und es ist das intensive Spiel der Protagonisten, ihre Beziehungen zu einander, die das Geschehen realistisch erscheinen lassen, trotz des zuweilen idealisierenden und heroisierenden Textes, der nur wenig von der Urfassung gekürzt oder verändert ist. Und es ist natürlich der sängerische Ausdruck, der dieser Oper und ihrer Inszenierung zu einem besonderen Moment verhelfen.
Elisabeth Teige begeistert als Leonore respektive Fidelio. Ihr jugendlich-dramatischer Sopran hat in den dramatischen Höhen Klarheit und Schliff, in den Tiefen ein breites und warmes Fundament, was im großen Duett O namenlose Freude besonders gut zur Geltung kommt. Tomislav Muzek als Florestan singt seine große Freiheitsarie mit Strahlkraft, Dramatik und überzeugt mit dem Ausdruck seines Heldentenors. René Pape als Rocco darf man schon als Luxusbesetzung bezeichnen. Sein warmer, schmeichelnder Bass, der für diese Rolle fast schon zu schön klingt, zeigt die menschliche Komponente des Gefangenenaufsehers, der sich in seiner Position glaubhaft unwohl fühlt. Den Despoten Don Pizarro gestaltet John Lundgren mit kräftigem Bass und verleiht der Rolle dabei die dämonische Aura, die man von ihm erwartet. Die junge Tuuli Takala als naiv wirkende Marzelline überzeugt vor allem mit schönklingendem Koloratur-Sopran, der gut mit Simeon Jaspers Tenor harmoniert, dessen Jaquino als abgewiesener Liebhaber und willfähriger Erfüllungsgehilfe gut getroffen ist. Christoph Pohl, mit kraftvollem Bariton ausgestattet, hat als Don Fernando musikalisch das große und überzeugende Finale. Torsten Schäpan und und Holger Steinert, Mitglieder des Sächsischen Staatsopernchors, lassen als Gefangene mit ihrem kurzen Soloeinsatz angenehm aufhorchen.

Der Chor, hervorragend eingestimmt von Cornelius Volke, gestaltet seine große Szene O welche Lust – in freier Luft den Atem leicht zu heben sängerisch sehr differenziert, vom leisen Piano ausgehend, bis der Schrei nach Freiheit im wunderbaren Forte erklingt. Die Sächsische Staatskapelle Dresden spielt einen ausdrucksstarken Beethoven, die Ouvertüre erklingt majestätisch feierlich, und im leuchtenden C‑Dur-Finale erstrahlt eine ausgeprägte Harmonie. In der Wiederaufnahme steht Ádám Fischer am Pult der Staatskapelle. Sein Dirigat ist präzise, stringent das Tempo der Ouvertüre, immer weiter aufsteigend, bis sich jenes Tempo Bahn bricht, das der Einsicht entspricht, dass es ein „zu spät“ geben könnte. Noch einmal ergreifendes Ausharren beim Vorspiel zum zweiten Aufzug, und im Ohr bleiben die wenigen Takte der Einleitung zum Quartett Mir ist so wunderbar und das großartige Schlussfinale.
Das Publikum reagiert zwar am Schluss mit langanhaltendem Applaus und großem Jubel vor allem für Elisabeth Teige, René Pape und Ádám Fischer, hat aber während der Aufführung durch wiederholte Disziplinlosigkeiten einen großen Anteil daran, dass ein unbeschwerter Kunstgenuss mal wieder nicht möglich war. Auch hat man nicht den Eindruck, dass das Publikum betroffen auf diese Inszenierung reagiert. Vielen ist der geschichtliche Kontext wohl gar nicht mehr bewusst. Die große Anzahl an Reisebussen auf dem Theaterplatz vor der Oper geben hier ein anderes Zeugnis. Opernbesuch als Event, egal, was gespielt wird. Die touristische Vermarktung der Marke Semperoper nimmt hier schon abstruse Züge an. Da muss man aufpassen, dass die Spirale des Kommerz nicht überdreht wird.
Doch der Inszenierung von Christine Mielitz kann auch dieser Trend nichts anhaben. Insgesamt neunmal steht sie in diesem Jahr auf dem Spielplan. Und wenn man im Oktober 2019 in Deutschland der „Friedlichen Revolution“ vor dreißig Jahren in vielen Festveranstaltungen gedenken wird, wird sicher auch Fidelio wieder auf dem Spielplan stehen. Vielleicht wird dann zum 140. Mal der Schrei nach Freiheit und Humanität erklingen, als mahnendes Zeitzeugnis.
Andreas H. Hölscher