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Giuseppe Verdis einundzwanzigste Oper La forza del destino steht im Vergleich zu seinen populären Werken eher seltener auf den Spielplänen, dabei hat sie musikalisch neben großen melodramatischen Arien und Chorszenen viel zu bieten, einschließlich der großen Ouvertüre, die in Konzerten gerne gespielt wird und deren Bekanntheitsgrad deutlich über dem des eigentlichen Werkes liegt. Mit La forza del destino schuf Verdi ein musikalisches Ideendrama, das mit seiner vielgliedrigen Handlung und der reichen musikalischen Bandbreite über Verdis frühere, populäre Trilogie Rigoletto, Il trovatore und La traviata hinausgeht. Insbesondere der Bezug zur Religion und die Chorszenen deuten schon auf den späteren Don Carlos hin. Uraufgeführt 1862 in St. Petersburg, überarbeitete Verdi das Werk nochmal und brachte die so genannte Mailänder Fassung 1869 auf die Bühne, mit der Konzertouvertüre, die in der Originalfassung noch fehlte.
Regisseur Keith Warner und Dirigent Mark Wigglesworth verständigten sich bei der Dresdner Neuinszenierung auf einen Mix beider Versionen, in dem die Ouvertüre vor den zweiten Aufzug gestellt wurde und der erste Aufzug als Prolog fungiert. Das soll einmal die zeitliche Distanz zwischen der Vorgeschichte und der eigentlichen Handlung musikalisch darstellen, soll aber auch die bekannten Motive der Ouvertüre, wie das Schicksalsmotiv, das mehreren Arien vorangestellt ist, nicht vorab nur als musikalische Ereignisnummer präsentieren. Das ist schon eine Herausforderung für den Zuschauer, der am Beginn vergeblich auf die Ouvertüre wartet. Wenn man sich aber auf den von Warner vorgegebenen zeitlichen Ablauf einlässt, dann entwickelt sich im Laufe des Abends ein durchaus spannungsgeladener Bogen.
Die Geschichte könnte aus einem Kinofilm entsprungen sein, in dem Quentin Tarantino gnadenlos Regie führt. Sie katapultiert den Zuschauer in eine erbarmungslose Welt und erzählt ein Epos über Fanatismus, Rache, Mord und Totschlag. Ausgehend von dem spanischen Drama Don Álvaro o la fuerza del sino von Ángel de Saavedra aus dem Jahre 1835, entfaltet das Geschehen in einer Mischung aus Tragik und Komik ein Breitbandpanorama bizarrer Schicksalswendungen, das mit einem blutigen Showdown in einem Kloster endet. Ein versehentlich gelöster Schuss aus Alvaros Pistole bringt das Schicksalsrad ins Rollen: Bei ihrem Versuch, gemeinsam zu fliehen, werden Leonora und Alvaro von Leonoras Vater überrascht. Sekunden später trifft den eine fehlgeleitete Kugel, und sterbend verflucht er seine Tochter. Panisch flieht das Liebespaar, verliert sich und wechselt die Identitäten, stets verfolgt von Leonoras Bruder Carlo, der blutige Rache schwört. Selbst als Alvaro und Carlo sich unerkannt gegenseitig das Leben retten, ist die Hoffnung auf Versöhnung vergebens. Auch Leonora kann dem unbarmherzigen Sog der Gewalt nicht entrinnen. Stetig wechselnd zwischen der Tragödie der drei Protagonisten und buffonesken Nebenschauplätzen, führte der politisch engagierte Komponist nicht nur einen maßlos übersteigerten Ehrbegriff, sondern auch Rassendiskriminierung und offen zur Schau gestellte Kriegslust vor. Dabei reicht Verdis Stilvielfalt von satirischen Strafpredigten, schillernden Chortableaus und dem berühmten Kampfruf „Rataplan“ bis zu leidenschaftlichen Duetten und intimen Arien, in denen sich Leonora, Alvaro und Carlo ausweglos im Schicksalsnetz und in ihren versengenden Emotionen verfangen.
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Warner sieht das Schicksal nicht als eine von Gott gegebene Fügung, sondern als das Ergebnis von Entscheidungen, die die Charaktere zu treffen haben. Ein großes Wegekreuz auf dem Boden, dessen Oberfläche von Schwarz zu Weiß wechselt, symbolisiert die Gabelung des Schicksals. Es sind die Kreuzungen, in denen Lebensentscheidungen getroffen werden, die das Schicksal bestimmen. Überhaupt sind es zwei Symbole, die die Inszenierung wie einen roten Faden durchziehen. Zum einen die schon erwähnte Schwarzweiß-Symbolik. So steht am Anfang eine weißgewandete Frau, Madonna oder Engel, neben einem schwarzen Inka-Häuptling. Da kann man jetzt viel reininterpretieren. Gut und Böse, unschuldig und schuldig, christliche Religion versus indianischem Glauben. Schließlich ist Don Alvaro indianischer Herkunft, er wird rassistisch beleidigt und verhöhnt, aktuelle Bezüge zur Fremdenfeindlichkeit sind da durchaus erlaubt. Diese beiden stummen Figuren treten immer wieder ab, sie verweben das Schicksal von Don Alvaro und Donna Leonora wie Nornen miteinander, weisen ihnen den Weg. Das zweite dominante Symbol ist das Kreuz, Ausdruck des christlichen Glaubens, des Leidens und der Erlösung. Auch hier ist die Nähe zu Don Carlo deutlich sichtbar.
Zwischen diesen schicksalshaften Verwebungen der beiden Hauptcharaktere und des auf Rache sinnenden Don Carlo di Vargas kommen die großen Chortableaus mit den Nebendarstellern, die um ihr eigenes Schicksal kämpfen, aber in der Einfachheit ihrer Charaktere sich frei entfalten können. Die Wahrsagerin und Freiheitskämpferin Preziosilla, ein Carmen-Verschnitt und der latent aggressive Mönch Fra Melitone, die mit ihren Auftritten das Schwarzweiß-Muster durchbrechen und szenisch wie musikalisch Farbe in das Geschehen bringen. Dazwischen wie aus einer anderen Welt Padre Guardiano, der gnädig Schutz und Asyl gewährt, sich aber ansonsten hinter seiner Bibel versteckt.
Ein drittes Momentum ist der Krieg mit zerstörerischem Leiden, wo ein jeder ums Überleben kämpft. Diese Stimmung wird durch teilweise etwas übertriebene und ins Lächerliche abdriftende Schlachtszenen und Schießereien auf der Bühne dargestellt. Das lautstarke Getümmel ist zwar spektakulär inszeniert, doch stört es mehr die Musik, als es für die Handlung wichtig wäre. Gleiches gilt für die rasanten Fechtszenen wie aus einem Hollywoodfilm der 1930-er Jahre mit Errol Flynn. Die Kampfchoreografie ist bestens einstudiert von Action-Spezialist Ran Arthur Braun und ein Riesenhingucker, lenkt aber zu sehr von der eigentlichen Rahmenhandlung ab. Und so schwankt die Inszenierung zwischen buffonesker Komik und melodramatischer Tragödie, und das ist vielleicht das größte Manko, das Warner hier zu viel auf einmal wollte und zu wenig auf die Macht der Musik vertraut. Das Bühnenbild von Julia Müller zeigt durchweg einen Hauptraum, ein Kabinett, der durch Schiebewände, Drehungen und Öffnung nach oben die verschieden Orte der Handlung darstellt. Elternhaus, Marktplatz, Feldlazarett und Kloster. Das Bühnenbild passt sich von der Struktur gut in die von Regisseur Warner vorgegebene Richtung an. Da ist kein Platz für Realismus, es ist der Rahmen für ein Personengeflecht auf verschiedenen Ebenen. Bühnenbild und die aufwändigen, historisch anmutenden Kostüme von Tilo Steffens verorten die Geschichte in das frühe 18. Jahrhundert.

Dass die Hauptcharaktere nicht überleben, aber auch nicht im Wagnerschen Sinne erlöst werden, ist von Anfang an klar. Das Finale, in dem zunächst Alvaro seinen Todfeind Vargas niedersticht, der wiederum im Sterben seine Schwester Leonora erdolcht, und sich abschließend Alvaro in den Tod stürzt, wird szenisch drastisch dargestellt, korrespondiert aber zu Verdis dramatischer Musik und kumuliert mit der passenden Lichtregie von Wolfgang Göbbel am Schluss zu einem Atem anhaltenden Moment.
Sängerisch ist dieser Abend in der Semperoper bis auf wenige Einschränkungen eine Sternstunde. Allen voran Gregory Kunde in der Rolle des Don Alvaro. Mit tenoralem Schmelz, Belcanto-Höhen und großer Leidenschaft verkörpert er die tragische Figur eindrucksvoll. Emily Magee als reife Leonora hat am Anfang mit der klaren Expressivität ihrer Stimme zu kämpfen, da wirken die Höhen etwas gepresst, ein zu starkes Vibrato belegt die Stimme. Das gibt sich aber im Laufe des Abends, und ihr Finale ist von großem Ausdruck geprägt, vor allem im Piano. Ihre Arie Pace, pace, mio Dio ist einer der Höhepunkte des Abends. Alexey Markov gibt den von Rachegelüsten verblendeten Don Carlo di Vargas mit markantem Bariton und starker physischer Präsenz. Stephen Milling in der Doppelrolle als Marchese di Calatrava und Padre Guardiano begeistert mit ausdrucksstarkem balsamischem Bass. Insbesondere die Rolle des Padre legt er an wie einen italienischen Gurnemanz, eine Rolle, die er schon fast verinnerlicht hat. Christina Bock weiß als Carmenhafte Preziosilla zu gefallen, ihr „Rataplan“ ist markant und kriegerisch. Pietro Spagnioli gibt den Fra Mellitone mit großem körperlichen Einsatz und teilweise dramatischem Gesang. Die übrigen Protagonisten reihen sich harmonisch in ein beeindruckendes Gesamtensemble ein. Auch der Sächsische Staatsopernchor, formidabel einstudiert von Jörn Hinnerk Andresen, bildet nicht nur stimmlich ein harmonisches Gefüge, sondern spielt auch mit großer Leidenschaft.
Diese Leidenschaft findet sich auch bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Mark Wigglesworth. Sein Debüt in Dresden ist überzeugend, er holt aus der Partitur die Farben raus, betont die dramatische Leidenschaft, gibt Pausen der Ruhe. Große Bögen, klare Struktur: Im Gegensatz zur verwobenen Handlung ist die musikalische Linie klar strukturiert, die Leitmotive werden prominent betont. Dass die Ouvertüre erst zu Beginn des zweiten Aufzuges gespielt wird, ist Keith Warners Regiekonzept geschuldet, ist aber für die musikalische Darstellung, insbesondere wenn man sich auf die überarbeitete Mailänder Fassung beruft, eher unglücklich. Das Publikum zeichnet sich vor allem durch Unkenntnis des Werkes aus und meint an allen unmöglichen Stellen Zwischenapplaus spenden zu müssen, obwohl die Musik keine Pausen macht. Dafür ist am Schluss aber der Jubel für alle Beteiligten groß, in den auch das Regieteam einhellig miteinbezogen wird. Bei allen Defiziten in der Umsetzung und der Symbolik überwiegt am Ende aber die Begeisterung über eine vor allem musikalisch herausragende Interpretation der Macht des Schicksals.
Andreas H. Hölscher