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Vor zwanzig Jahren erregte ein handfester Skandal die Opernszene. Peter Konwitschnys umstrittene Inszenierung der Csárdásfürstin an der Dresdner Semperoper, die er in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges spielen ließ, erregte nicht nur die Gemüter, der Streit mit der damaligen Intendanz ging sogar vor Gericht. Konwitschny hat das alles nicht angefochten und er hat munter weiter seine spezielle Sichtweise von Opern und Komponisten dem Publikum vorgesetzt, oft auch zugemutet. Dass Konwitschny nun zwanzig Jahre nach diesem Skandal nach Dresden zurückkehrt, ist schon bemerkenswert. Hat er Frieden mit dem Haus geschlossen, oder würde es wieder einen typischen Konwitschny geben, an dem sich die Meinungen und Gemüter reiben würden, das war im Vorfeld der Aufführung die spannende Frage.
Giacomo Mayerbeers in der Vergangenheit selten gespielte Grand opéra Die Hugenotten, 1836 in Paris uraufgeführt, gilt mit seinen lyrischen Arien, aber auch spektakulären Chor- und Massenszenen als eine der wichtigsten Opern des 19. Jahrhunderts, auch wegen der synonymhaften Deutung für religiösen Fanatismus und politische Manipulation. Hintergrund der Handlung sind die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und den Hugenotten genannten französischen Protestanten, die in den Hugenottenkriegen und im Gemetzel der Bartholomäusnacht vom 23. auf den 24. August 1572 kulminierten. Vorausgegangen war die Vermählung des protestantischen Königs Henri von Navarra mit der französischen Königstochter Marguerite am 18. August 1572, als sich viele Hugenotten in Paris aufhielten.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Beginnend mit dem Mordanschlag auf den Hugenottenführer Coligny am 22. August, den darauf entstandenen Unruhen in Paris und der Furcht vor einem protestantischen Vergeltungsschlag, erfolgte das Massaker der Bartholomäusnacht, bei dem die katholische Fraktion mit dem Herzog von Guise an der Spitze die Hugenottenführer und etwa 3000 Menschen ermordete. 260 Jahre später bringt Giacomo Meyerbeer in seiner Oper Die Hugenotten die Ereignisse auf die Bühne. Mit der Liebesgeschichte zwischen dem Hugenotten Raoul und der Katholikin Valentine führt er vor, wie ein religiöser Konflikt eskaliert und schließlich zu einem Massaker führt, in dem selbst familiäre Bindungen nicht mehr zählen. Die Uraufführung von Die Hugenotten am 29. Februar 1836 ist ein Schlüsselereignis der Operngeschichte. Die historischen Tableaus, die harten Kontraste zwischen Festtagsfreude und Pogromstimmung und die Beschleunigung der Handlung zur Katastrophe, all das wirkte auf die Zeitgenossen atemberaubend. Meyerbeers Stärke zeigt sich vor allem daran, wie er die Massenszenen in der Oper musikalisch aufbaut. Schon das Vorspiel, eine Intonation des Luther-Chorales Ein feste Burg ist unser Gott, ist kennzeichnend für den Verlauf der Oper. Aus der schlichten Choralmelodie wird nach und nach ein martialischer Schlachtgesang. Gleichzeitig verwendet Meyerbeer diese Choralmelodie leitmotivisch für den radikalen protestantischen Diener Marcel. Das Libretto gab Meyerbeer weiter die Möglichkeit, von der lyrischsten Liebesszene bis zur rohesten Szene des Blutbades der Bartholomäusnacht alle Register der großen romantischen Oper zu ziehen. Erschütternd ist das Ende der Oper. Im Gegensatz zur deutschen romantischen Oper, vor allem derjenigen Wagners, ist der Tod der beiden Liebenden kurz und schmucklos dargestellt. Valentine und Raoul sterben, fast ohne zu singen. Anders als in den Opern Wagners, wo der Tod der Heldinnen fast immer ein hehrer Opfertod ist, gleichsam eine Apotheose, stellt diese Szene das Sterben von Valentine und Raoul nahezu beiläufig als Kollateralschaden dar. Von manchen Autoren wurde dieses Ende als eine geradezu moderne Darstellung eines sinnlosen Todes auf der Opernbühne verstanden; es darf jedoch nicht übersehen werden, dass letztlich gerade Raoul es ist, der – von Valentine angefleht zu schweigen – durch seinen heroischen Ruf „Huguenot!“ die Aufmerksamkeit der katholischen Soldaten auf sich lenkt. Indem er somit seine persönliche Glaubenstreue über sein eigenes Leben und das seiner Freunde stellt, fügt er sich durchaus nahtlos in die Reihe der zeitgenössischen, „idealistischen“ Opernhelden ein. Kaum eine Oper des 19. Jahrhunderts wurde so oft gespielt und zugleich von einer ganzen Generation von Opernkomponisten, zu denen neben Hector Berlioz auch Giuseppe Verdi und Richard Wagner gehören, nachgeahmt und weiterentwickelt. Insbesondere Wagner hat sich vom Stile Mayerbeers beeinflussen lassen, auch wenn er sich später vehement von seinem einstigen Gönner distanzierte, ihn mit seinem Antisemitismus sogar verschmähte.

Und nun ist Konwitschny zurück in Dresden, um dem Publikum seine Sichtweise auf das Werk und den Pogrom der Bartholomäusnacht zu präsentieren. Und da Konwitschny zeitlebens ein politisch unbequem denkender Regisseur war und ist, darf man gespannt sein, wie er dieses politisch-religiöse Drama angeht. Der Vorhang zeigt eine große naturgetreue Nachbildung von Leonardo da Vincis Abendmahl. Dieses Bild wird vor jedem Akt immer kleiner. Für Konwitschny ist das letzte Abendmahl ein Bild des Abschieds, eines der großen Symbole für unsere Zivilisation, für das unaufhaltsame Ende. Jesus und die Apostel essen gemeinsam ein letztes Mal, bevor der Verrat ergeht und der Terror beginnt. Und dieses Bild überträgt Konwitschny zusammen mit seinem Bühnenbildner und Kostümausstatter Johannes Leiacker auf die Bühne. Hintergrund des Bildes sind drei offene Fenster, und im Vordergrund eine große Tafel, an der zunächst nur die Katholiken, später auch Katholiken und Hugenotten gemeinsam sitzen, immer zu zwölft mit einem Anführer in der Mitte, und das Brot brechen und teilen. Das Grundkonzept des Raumes, der sich nur farblich ändert und im finalen Akt in ein totes Schwarz getaucht ist, wird nur im zweiten Bild durchbrochen, wo eine idyllische Badeszene der Königin Marguerite die heitere Seite von Mayerbeer, aber auch von Konwitschny zeigt. Die Katholiken sind alle in weinrote, der damaligen Zeit nachempfundenen Gewänder gekleidet, die Hugenotten in schwarz. Nicht nur optisch sind die beiden Lager gut auseinander zu halten, auch musikalisch haben die Gruppen ihre eigenen Themen. Insbesondere der Choral Ein feste Burg ist unser Gott von Martin Luther wird immer wieder zitiert, sowohl vom Orchester als auch vom Chor und ist so etwas wie die Kampfeshymne der Hugenotten, die damit auch ihre katholischen Feinde provozieren. Es ist eine sehr eigene Fassung dieser Oper, die Konwitschny präsentiert, denn sie ist deutlich bearbeitet, gekürzt und in einigen Punkten umgestellt und erneuert. Die Szene mit Catherine de Médicis, Regentin von Frankreich, die in ihrem Auftritt an eine Persiflage von Beatrix, der ehemaligen Königin der Niederlande, erinnert, ist komplett neu aufgenommen worden, Mayerbeer selbst hatte die Szene gestrichen. Für Konwitschny ist es eine Schlüsselszene für den Zuschauer, um zu verstehen, wie sich der Pogrom entwickelt hat, denn Catherine de Médicis ruft offen zur totalen Vernichtung der Hugenotten auf. Verstörend ist der Schluss. Konwitschny wechselt von der historischen Zeit der Bartholomäusnacht in die heutige Zeit, lässt die Katholikenführer in moderne Kampfanzüge stecken, und durch Maschinengewehrsalven werden die Hugenotten reihenweise niedergemetzelt. Da ist er wieder, der Konwitschny aus dem Schützengraben, keineswegs altersmilde, sondern immer den warnenden Finger erhoben. Als alle tot sind, ertönt statt des großen Orchesterfinales das Bassklarinettensolo aus dem fünften Akt, prominent an den Schluss gestellt, ein einsamer Rufer inmitten des Leichenberges.
Dieser Moment ist großartig und schrecklich zugleich, vielleicht mit das genialste, was Konwitschny sich in seinem langen Bühnendasein so alles ausgedacht hat. Und er trifft das Publikum mit aller Wucht, für einen viel zu kurzen Moment kann man die berühmte Stecknadel fallen hören, so still ist es im Publikum, sogar die störenden Huster verstummen aufgrund des großartigen Schlussbildes, das durch die schon malerische Lichtgestaltung von Fabio Antoci noch an Ausdruck gewinnt.

John Osborn in der Rolle des Raoul gibt an diesem Abend mit seinem Belcanto-Tenor eine Galavorstellung, mühelos schafft er die unglaublichen Höhen, und ein Höhepunkt ist sein großes Duett mit Valentine im vierten Bild. Jennifer Rowley als Valentine verleiht der Rolle mit schon fast dramatischem Sopran und leidenschaftlichem Spiel eine besondere Rolle. Ihre große Arie im fünften Bild bleibt nachhaltig im Ohr. John Relyea in der Rolle des Dieners Marcel sprüht nicht nur vor Kampfeslust, sondern sein tiefschwarzer Bass ist der große Kontrapunkt auf der Bühne, voluminös, männlich und von schlichter Schönheit. Mit den größten Jubel erntet Venera Gimadieva für ihre stimmlich und darstellerisch faszinierende Interpretation der Marguerite de Valois. Sabine Brohm mit ihrem Kurzauftritt als Catherine de Médicis kann da nicht mithalten. Christoph Pohl verleiht dem Grafen de Nevers mit wohlklingendem und akzentuiertem Bariton eine aristokratische Note, während Tilmann Rönnebeck mit markantem Bass den hasserfüllten Grafen de St. Bris gibt, der am Ende sogar den Befehl gibt, seine eigene Tochter zu erschießen. Die vielen Nebenrollen werden auf gewohnt hohem Niveau dargestellt und reihen sich in das großartige Sängerensemble ein, wo Stepanka Pucalkova als Page Urbain mit kraftvollem Mezzosopran und keckem Spiel hervorzuheben ist.
Ein Sonderlob hat sich der Sächsische Staatsopernchor Dresden unter der Leitung seines Chordirektors Jörn Hinnerk Andresen verdient. Nur fünf Wochen nach der umjubelten Nabucco-Premiere kann der Chor stimmlich und spielerisch noch eine weitere Glanzleistung hinzufügen. Möglicherweise auch ein Verdienst Konwitschnys, der dafür bekannt ist, jedem Chorsänger eine eigene Rolle, eine eigene Persönlichkeit auf der Bühne zu geben. Stefan Soltész ist nicht nur einer der renommiertesten Dirigenten unserer Zeit, sondern durchaus ein profunder Kenner dieses Werkes, das er schon mehrfach in seinem Leben dirigiert hat. Und den für Mayerbeer so typischen Klang mit seinen großen Chor- und Orchesterszenen arbeitet Soltész mit der Sächsischen Staatskapelle wuchtig heraus, um dann wieder die ruhigen und lyrischen Passagen mit viel Feingefühl erklingen zu lassen. Die anspruchsvolle Sängerbegleitung liegt bei ihm in guten Händen.
Kana Takenouchi an der Querflöte und Aline Khouri an der Harfe dürfen als Hofmusikerinnen auf der Bühne Marguerite de Valois bei ihrem Bad unterhalten, während Christoph Korn mit seinem wie ein Klagelied vorgetragenen Bassklarinetten-Solo den großen Schlusspunkt nach vier Stunden setzen darf.
Das Publikum im nicht ganz ausverkauften Haus bejubelt am Schluss die Protagonisten, nur das Regieteam um Peter Konwitschny muss erwartungsgemäß eine Menge Buhrufe ertragen, aber das ist Konwitschny ja gewohnt. Mit dieser Inszenierung hat die Staatsoper Dresden einen fulminanten Saisonschluss hingelegt und innerhalb von fünf Wochen zwei bemerkenswerte Premieren auf die Bühne gebracht. Und Peter Konwitschnys Comeback zwanzig Jahre nach seiner umstrittenen Csárdásfürstin? Es war nicht so schlimm, wie viele es vielleicht befürchtet haben. Aber von Altersmilde oder gar Altersmüdigkeit ist bei diesem Theaterpferd nichts zu spüren. Aber das Wichtigste ist, dass einem ganz großen Komponisten, dessen Werke in der jüngeren deutschen Geschichte wegen seines jüdischen Glaubens verboten waren, hier endlich einmal wieder die Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, die er verdient hat. Denn ohne ihn wäre die Entwicklung von Offenbach, Bizet, Wagner und Verdi nicht möglich gewesen.
Andreas H. Hölscher