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DIE JÜDIN VON TOLEDO
(Detlev Glanert)
Besuch am
10. Februar 2024
(Uraufführung)
Liebe kennt bekanntlich keine Grenzen, keine Religion, keine gesellschaftlichen Hierarchien. So war es auch im Spanien des zwölften Jahrhunderts, als Rahel, eine junge, hübsche junge Frau, Tochter eines einflussreichen Bankers, mit ihrer Schwester über die Mauer in den royalen Garten eindringt. Dort trifft sie einen Mann, der sich gleich in ihre frische, freche Art verliebt. Das Problem ist: Er ist der verheiratete König Alfons VIII. in einem katholischen Land, und sie ist Jüdin. Die Liebe siegt, der König vernachlässigt siebe lange Monate seine Pflichten, seine Königin hetzt den Hofrat gegen ihn auf und erzwingt letztendlich seine Unterschrift auf zwei Dokumenten – einmal das Todesurteil der jungen Frau als vermeintliche Spionin für die Mauren, und die Kriegserklärung gegen die Mauren. Dabei hat Regisseur Robert Carsen eine der stärksten Szenen – quasi ein Autodafé – als die Waffen von einem Geistlichen gesegnet werden, die Truppen losmarschieren und allesamt getötet werden, während im Hintergrund aktuelle Kriegsvideos projiziert werden. An Brisanz hat die Geschichte, die die drei großen Weltreligionen gegenüberstellt, seit dem zwölften Jahrhundert überhaupt nichts verloren.
Detlev Glanert hat die Geschichte, die erstmals von Lope de Vega im 17. Jahrhundert notiert wurde, in fünf Akten als Auftragswerk für die Semperoper komponiert. Hans-Ulrich Treichel hat sich die Version des Dramas von Franz Grillparzer aus der Mitte des 19. Jahrhundert als Vorlage ausgesucht und hat daraus das Libretto auf Deutsch geschrieben.
Glanert hat eine Musik komponiert, die deutlich narrativ ist, die Szenen eindrucksvoll einfängt, die vokalen Persönlichkeiten markant herausarbeitet und der Sprache Raum zur Entfaltung gibt. Die Staatskapelle entwickelt den beeindruckenden Klangreichtum unter der Leitung von Jonathan Darlington. Die Zwischenspiele beeindrucken durch ihre packende Präsenz, während die nahtlose Integration der instrumentalen Klänge mit den Vokalpartien eine perfekte Harmonie schafft. Durch den Einbezug der Oud, der arabischen Laute, werden die Liebesszenen zwischen Rahel und Alfonso noch zarter und als Kontrast zu den blechstarken Musiken des christlichen Hofrates noch markanter.

Carsen hat mit seinem Bühnen-und Kostümbildner Luis F. Carvalho ein stringentes, minimalistisches Konzept geschaffen. Die schlichten und eleganten Anzüge der Männer und danach die sehr authentisch wirkenden Soldatenuniformen zeigen an, dass die Geschichte im Hier und Jetzt stattfindet. Alles ist schwarz oder grau. Mit architektonischen stilisierten Bögen sind Innen- und Außenräume angedeutet. Sogar das Landschloss, in das die Liebenden sich zurückziehen, ist karg. Nur einige Lampen mit roten Kerzen dürfen einen Hauch an Romantik verströmen. Das historisch strenge spanische Hofprotokoll lässt sich gut nachvollziehen. Es regiert die Staatsraison, menschliche Emotionen haben hier keinen Platz.
Carsen inszeniert die Geschichte in einer nicht krampfhaften Suche nach Innovation, die um ihrer selbst willen gilt, sondern die etablierten Mechanismen und Strukturen gekonnt für sich nutzt. Ziel ist es, beim Publikum nicht nur anzukommen, sondern es auch emotional zu berühren und zu fesseln, indem bewährte Elemente mit souveräner Handhabung neu interpretiert werden.
Unterstützt wird die Produktion durch ein hervorragendes Sängerensemble. Sopran Heidi Stober verkörpert eine sehr jugendlich wirkende Rahel, eine etwas verzogene Göre, die weiß, was sie will und wie sie es bekommt. Dass eben diese Wünsche missdeutet werden und sie als vermeintliche Spionin ihr Ende findet, gehört ebenso dazu, wie ihre lebhafte Sorglosigkeit überzeugend wirkt. Neben ihr wirkt Lilly Jørstad als Rahels Schwester mit weichem Mezzo als der Inbegriff der Vernunft. Bariton Christoph Pohl beeindruckt in seiner nuancierten Darstellung, gibt den Rahel hörig verfallenen, schwachen König Alfonso so glaubhaft, dass Tanja Ariane Baumgartners kraftvoller Mezzo in der Darstellung der machtbewussten und letztendlich siegreichen Königin Eleonore vollkommen nachvollziehbar erscheint. Der Staatsrat Manrique, Graf von Lara, wird von Bassbariton Markus Marquardt darstellerisch und stimmlich mit Überzeugung dargestellt. Sein Sohn und Gegenspieler Garceran wird von Aaron Pegram zwar stimmlich gut gesungen, aber als Figur bleibt er blass. Jonathan Becker hat den ausgezeichneten Staatsopernchor einstudiert.
Minutenlanger anhaltender Applaus für alle Darsteller, den Dirigenten und Regisseur und besonders für Detlev Glanerts zwölfte Oper. Es ist sehr zu hoffen, dass das Werk seinen Weg in das aktuelle Opernrepertoire findet.
Zenaida des Aubris