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Foto © Ludwig Olah

Der Wahn der Macht

NABUCCO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
25. Mai 2019
(Premiere)

 

Semperoper Dresden

Jerusalem und Babylon zur Zeit Nebukad­nezars 587 v. Chr. sind Schau­platz der Oper Nabucco. Doch das Bibel-Epos um Macht, Liebe und Religion ist sicher mehr als ein bloßes Histo­ri­en­drama, das Sänger, Chöre und Bühnen­technik auf das Äußerste fordert. Mensch­liche Konflikte werden hier in hochemo­tio­naler Musik ausge­drückt und prägen bis heute diesen ersten, wirklich großen Opern­erfolg des Kompo­nisten Giuseppe Verdi. Die Geschichte des Werkes ist dennoch nicht einfach zu durch­schauen, stehen doch drei Handlungs­stränge neben­ein­ander. Es ist der brutale Krieg zwischen Hebräern und Babylo­niern einer­seits, die Rivalität der babylo­ni­schen Halbge­schwister Fenena und Abigaille sowie deren Liebe zum hebräi­schen Königs­neffen Ismaele anderer­seits, und dazwi­schen steht Nabucco, König von Babylon, dem Wahnsinn verfallen und am Schluss vermeintlich geheilt und geläutert. Nabucco hat die Hebräer unter­worfen und ihren Tempel zerstört. Im Rausch seines Sieges erhebt er sich zum Gott – und verliert darüber den Verstand. Als Abigaille erfährt, dass sie selbst in Wahrheit die Tochter eines Sklaven ist, beginnt ein mörde­ri­scher Kampf um die Macht. Verdis 1842 an der Mailänder Scala urauf­ge­führte Oper benutzt eine Geschichte aus dem Alten Testament für eine Ausein­an­der­setzung um Freiheit, Identität, mensch­licher Hybris und Glauben.

Seit dem Erscheinen der ersten Verdi-Biografien im letzten Drittel des 19. Jahrhun­derts wird immer wieder die These aufge­stellt, das unter Fremd­herr­schaft leidende italie­nische Volk habe sich mit dem in dieser Oper zum Ausdruck kommenden Freiheits­streben der in babylo­ni­scher Gefan­gen­schaft gehal­tenen Juden identifiziert.

So sei der Gefan­ge­nenchor Va pensiero, sull’ali dorate – Zieh, Gedanke, auf goldenen Flügeln – eine Art italie­nische Natio­nal­hymne, ein Protest gegen Tyrannei und politische Willkür, gewesen. Dafür gibt es jedoch nach neueren Forschungen zur politi­schen Verdi-Rezeption im Risor­gi­mento keine Belege. Mit Nabucco gelang dem 29-jährigen Verdi der Durch­bruch als Komponist. Doch Nabucco ist viel mehr als dieser populäre Chor, der erst im Zusam­menhang der voran­stür­zenden Handlung seine Kraft gewinnt. Zum ersten Mal hat Verdi hier eine Oper geschrieben, die klanglich aus einem einzigen Guss zu sein scheint und mit ihren vorwärts drängenden Rhythmen den Zuhörer emotional gefangen nimmt. Mit der ehrgei­zigen, nach Macht strebenden Abigaille schuf Verdi einen ganz neuen, kraft­vollen Frauen­typus auf der Opernbühne.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Regisseur David Bösch, der nach seinem Debüt mit Korngolds Die tote Stadt nun Verdis dritte Oper auf der Bühne der Semperoper insze­niert, verlegt die Handlung in die heutige Zeit, einer Zeit der politi­schen und religiösen Konflikte  und militä­ri­scher Ausein­an­der­setzung im Nahen Osten. Die Lage in Israel, Syrien und die Paläs­ti­nenser Frage, sie spannt in der mit drasti­schen Bildern gespickten Insze­nierung den Bogen über einen Zeitraum von mehr als zweiein­halb­tausend Jahren leidvoller Geschichte. Zusammen mit Bühnen­bildner Patrick Bannwart und der Kostüm­bild­nerin Meentje Nielsen entwi­ckelt er ein Szenario, in dem neben dem politi­schen Aspekt der Umgang mit dem Glauben an Gott, die Fragen und Zweifel im Vorder­grund stehen. Hybris, Macht­hunger und Macht­miss­brauch, Korrum­pierung religiöser Überzeu­gungen, Unter­drü­ckung und Unter­wür­figkeit, Oppor­tu­nismus und Aufbe­gehren sind Elemente, die Bösch durchaus nachvoll­ziehbar anspricht. Sein Gefan­ge­nenchor ist Ausdruck letzter Hoffnung und Wider­stand mit dem Symbol der weißen Rose und frei von jedem Natio­nal­pathos. Vor jedem Aufzug erscheint die Projektion eines alttes­ta­men­ta­ri­schen Zitates, deren Aktua­lität fast schon erschre­ckend ist, wenn man diese auf den Konflikt im Nahen Osten überträgt. Und von dieser Aktua­lität lebt auch die Spannung der Insze­nierung. Das erste Bild zeigt ein turmför­miges, offenes Gebäude, in dem die Menschen Jerusalems voller Angst vor der kommenden Invasion der Babylonier versammelt sind. Ein totes kleines Kind wird in einen einfachen Holzsarg gelegt, Alltag in einem Kriegs­gebiet. Das verschach­telte Gebäude soll natürlich an den Turm zu Babel erinnern, der sich im zweiten Bild als verbrannte Ruine öffnet und im Inneren eine Opfer­stätte für den heidni­schen Gott Baal zeigt. Erst wird hier ein Stier als Opfergabe geschlachtet, später sollen an selber Stelle die Hebräer getötet werden. Ein mobiler Kran dient als Galgen, Militär­fahrzeug, Sturm­ge­wehre und sandfarbene Uniformen zeigen ein Szenario, wie man es täglich in den Nachrichten aus den Konflikt­ge­bieten dieser Erde kennt.

Foto © Ludwig Olah

Nabucco im Outfit eines Militär­be­fehls­habers lässt Assozia­tionen zu früheren und heutigen Macht­habern im Nahen Osten zu. Seine Krönung zum Gott und der gleich­zeitige Verfall in den Wahnsinn wird durch die Licht­regie von Fabio Antoci großartig in Szene gesetzt. Auch der Wandel der Abigaille von der befehl­streuen Vasallin Nabuccos zur macht­gei­fernden Furie, die sich am Schluss selbst richtet, ist spannungs­reich und aufwühlend darge­stellt. Besonders drastisch wird es, wenn die von Hass und Eifer­sucht zerfressene Abigaille mit einem Feuerzeug das vorher mit Benzin getränkte Gebäude in Brand setzt und damit zum willfäh­rigen Handlanger Nabuccos wird. Ismaele, in den Augen der Juden der Verräter, wird seiner Kippa beraubt und fast von seinem eigenen Volk gesteinigt.

Der Gefan­ge­nenchor, natürlich ein Höhepunkt jeder Nabucco-Aufführung, wird dagegen ganz unspek­ta­kulär insze­niert. Er beginnt im zarten Piano, der Chor liegt auf dem Boden, erhebt sich ganz langsam und alle Sänger halten eine weiße Rose als Zeichen des Wider­standes und der Hoffnung nach oben. Ein einfaches Bild mit einer großen Wirkungs­kraft. Und das ist ein großes Plus dieser Insze­nierung. Da gibt es keinen Spannungs­abfall, und trotz der Verortung der Handlung in die heutige Zeit ist es am Werk orien­tiert, konse­quent und stringent durchdacht.

Foto © Ludwig Olah

Auch musika­lisch und sänge­risch gelingt die Premiere zu einem Abend der Extra­klasse. Omer Meir Wellber, seit dieser Spielzeit Erster Gastdi­rigent der Sächsi­schen Staatsoper, führt die Staats­ka­pelle Dresden   dynamisch und diffe­ren­ziert und nimmt sich und das Orchester in den großen drama­ti­schen Duetten und Chorszenen zurück, lässt aber die typische Verdische Chromatik zum Ausdruck kommen. Schon das Vorspiel ist diffe­ren­ziert, vom verhal­tenen Beginn bis zum drama­ti­schen Crescendo, vom ersten Moment an macht Meir Wellber klar, in welche Richtung dieser Nabucco gehen wird, und zwar mit vollstem körper­lichem Einsatz. Beein­dru­ckend auch der von Jörn Hinnerk Andresen profund einstu­dierte Chor und Extrachor der Staatsoper Dresden. Er sprüht nur so vor Dramatik und Sanges­freude, und der Gefan­ge­nenchor gelingt sänge­risch und szenisch zu einem berüh­renden Hoffnungs­choral eines zum Tode geweihten Volkes. Der Jubel am Schluss für den Chor dürfte da durchaus etwas inten­siver sein.

Es ist aber auch ein Abend großar­tiger Sänger­dar­steller. Andrzej Dobber gibt den wahnsin­nigen Nabucco mit profundem und wuchtigem Bariton. Seine letzte große Soloarie im vierten Aufzug gelingt ihm mit beson­derer Inten­sität. Auch der Wechsel vom macht­gie­rigen Militär­führer zum dem Wahnsinn verfal­lenen selbst­er­nannten Gott gelingt eindrucksvoll.

Die Sopra­nistin Saioa Hernández gibt mit der mörde­ri­schen Partie der Abigaille ein fulmi­nantes Rollen- und Deutsch­land­debüt. Besonders beein­druckt ihre bruchlose Tessitura, mit sicheren und drama­ti­schen Ausbrüchen, aber auch zarten Piano­tönen. Ihre Duette mit Andrzej Dobber im dritten Aufzug sind der sänge­rische Höhepunkt des Abends. Die Wagner-erfahrene Mezzo­so­pra­nistin Christa Mayer zeigt in der Rolle der Fenena ganz neue Facetten ihres Könnens, und überzeugt sowohl in den lyrischen als auch in den drama­ti­schen Passagen. Der Bass Vitalij Kowaljow als Hohepriester Zaccaria begeistert mit seinem ausdrucks­starken und markanten Bass. Tenor Massimo Giordano gibt den Ismaele mit strahl­kräf­tigem Belcanto und inten­sivem Spiel. Die Sopra­nistin Iulia Maria Dan als Zaccarias Genossin Anna überzeugt durch ihre klaren Spitzentöne. Alexandros Stavra­kakis gibt den Oberpriester mit solidem und durch­schla­gendem Bass, und Simeon Esper mit hellem Tenor ist als Abdallo ein treuer Unter­ge­bener Nabuccos.

Am Schluss der Vorstellung gibt es großen Jubel für Orchester, Chor und alle Betei­ligten, insbe­sondere für Omar Meir Wellber, Andrzej Dobber, Saioa Hernández und Christa Mayer. Das Regieteam muss nur verein­zelte Buh-Rufe aushalten, auch hier überwiegt der Jubel. Der Sächsi­schen Staatsoper Dresden ist mit dieser Insze­nierung eine intel­li­gente und zum politi­schen Diskurs anregende Produktion gelungen.

Mit großer Spannung wird in Dresden der Auftritt des mittler­weile 78-jährigen Plácido Domingo erwartet, der im Juni in drei Auffüh­rungen sein Hausdebüt an der Semperoper in der Rolle des Nabucco geben wird.

Andreas H. Hölscher

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