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Foto © Daniel Koch

Das Phänomen und der Ball

NABUCCO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
9. Juni 2019
(Premiere am 25. Mai 2019)

 

Semperoper Dresden

Konnte es nach der musika­lisch und sänge­risch umjubelten Premiere von Verdis Nabucco an der Semperoper Dresden am 25. Mai dieses Jahres eigentlich noch eine Steigerung geben? Wenn es nach dem Willen der Leitung der Semperoper Dresden ginge, sollte kein gerin­gerer als Plácido Domingo mit drei Auffüh­rungen in der Titel­rolle neuen Glanz und Gloria ins Haus bringen. Immerhin hatte Domingo, mittler­weile stolze 78 Jahre alt, der ehrwür­digen Semperoper bisher den Rücken gekehrt. Nun, im Spätherbst einer unbeschreib­lichen und auch sicher einzig­ar­tigen Karriere, war es endlich soweit, der Maestro gab sich die Ehre, und damit auch ein Publikum, das bereit war, für diesen beson­deren Moment Spitzen­preise von über 200 Euro für eine Eintritts­karte zu bezahlen. Das Hausdebüt von Domingo am 5. Juni fiel aller­dings anders aus, als alle Betei­ligten sich das erwartet haben. Diese Vorstellung begann bereits mit der Ansage des Inten­danten Peter Theiler: „Plácido Domingo bitte um Verständnis, er sei von einer Erkältung noch nicht gänzlich genesen, würde aber singen“. Das tat er dann auch bis zur Pause, danach folgte die nächste Inten­dan­ten­ansage: „Domingo solle auf ärztliches Anraten hin lieber nicht weiter singen“. Dafür sang Ensem­ble­mit­glied Markus Marquardt den Nabucco vom Pult an der Seite ein und der Spiel­leiter der Produktion agierte auf der Bühne. Natürlich ist es menschlich und verständlich, dass ein Sänger, wenn er indis­po­niert ist, notfalls auf die Fortführung einer Vorstellung verzichten muss. Da ist Domingo nicht der erste und nicht der letzte große Sänger, dem das passiert. Was aller­dings dann schon etwas seltsam war, dass Domingo am übernächsten Tag bereits wieder für ein Konzert in Madrid auf der Bühne stehen sollte. Nicht grade die besten Voraus­set­zungen, um sich für die zweite Vorstellung an der Semperoper am 9. Juni zu erholen, Reise­stress inklusive.

Bevor sich der Vorhang zur nächsten Nabucco-Vorstellung mit Plácido Domingo an der Semperoper Dresden hob, gab es erneut eine Ansage von Intendant Theiler. Zunächst wurde der Dirigent der Vorstellung, Omer Meir Wellber, der vor zwei Wochen mit seinem wunder­baren Dirigat das Premie­ren­pu­blikum berauscht hat, als so akut erkrankt angesagt, dass selbst die aktuellen Beset­zungs­zettel nicht mehr neu gedruckt werden konnten. Glück­li­cher­weise konnte kurzfristig der renom­mierte Dirigent Jordi Bernàcer, ein ausdrück­licher Wunsch­di­rigent Domingos, verpflichtet werden. Auch Domingo, so Intendant Theiler, sei von seiner Erkältung „noch nicht ganz wieder­her­ge­stellt“. So konnte man gespannt sein, ob Domingo diesmal durch­singen würde. Sein Debüt als Nabucco hatte er vor sechs Jahren in London gegeben. Seit über zehn Jahren singt Domingo nun im Bariton-Fach, nachdem er als Tenor über fünf Jahrzehnte vor allem im Verdi-Fach alles gesungen hat, was die Literatur hergibt. In einer Aufnahme von Nabucco unter Giuseppe Sinopoli aus dem Jahre 1983, die durchaus als Referenz­auf­nahme gilt, sang der unver­gessene Piero Cappuc­cilli den Nabucco und Plácido Domingo den Ismaele. War Domingo in seinen besten Tenor­jahren ein überra­gender Alfredo, Otello oder Radames, so sind es heute die Bariton­partien wie Germont, Simon Bocca­negra und eben Nabucco, mit denen Domingos Termin­ka­lender ansehnlich gefüllt ist.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Und nach all dem Vorge­plänkel hebt sich nun endlich der Vorhang zu einem in jeder Hinsicht denkwür­digen Abend. Regisseur David Bösch verlegt die Handlung in die heutige Zeit, einer Zeit der politi­schen und religiösen Konflikte und militä­ri­scher Ausein­an­der­setzung im Nahen Osten. Die Lage in Israel, Syrien und die Paläs­ti­nenser-Frage, sie spannt in der mit drasti­schen Bildern gespickten Insze­nierung den Bogen über einen Zeitraum von mehr als zweiein­halb­tausend Jahren leidvoller Geschichte. Zusammen mit Bühnen­bildner Patrick Bannwart und der Kostüm­bild­nerin Meentje Nielsen entwi­ckelt er ein Szenario, in dem neben dem politi­schen Aspekt der Umgang mit dem Glauben an Gott, die Fragen und Zweifel im Vorder­grund stehen. Nabucco im Outfit eines Militär­be­fehls­habers lässt Assozia­tionen zu früheren und heutigen Macht­habern im Nahen Osten zu. Seine Krönung zum Gott und der gleich­zeitige Verfall in den Wahnsinn wird durch die Licht­regie von Fabio Antoci großartig in Szene gesetzt. Nach etwa 30 Minuten ist es dann soweit, Domingos erster Auftritt beginnt. Eins ist schnell klar, von seiner Ausstrah­lungs­kraft hat dieses Phänomen nichts eingebüßt. Die Stimme springt sofort an, mit ausdrucks­vollem, hellem Bariton gestaltet er die Partie, wobei er sich in den großen Ensem­ble­stücken anfangs noch sehr zurückhält. Szenisch wirkt Domingo manchmal etwas hilflos und unsicher, was aufgrund der fehlenden Proben und nur einer kurzen szeni­schen Einweisung auch nicht weiter verwundert.

Ein erster Höhepunkt ist sicher die Szene im zweiten Akt, wo Nabucco sich zum Gott ernennt, vom Blitz getroffen wird und Abigaille ihn entmachtet. Fast flehentlich wendet er sich an Fenena, diese Szene hat was Väter­liches, fast Liebe­volles, was die grausame Figur des Nabucco mensch­licher werden lässt.

In der Pause wird natürlich im Publikum disku­tiert, ob Domingo weiter­machen kann, denn vor allem der dritte und vierte Akt sind sänge­risch deutlich anspruchs­voller als der erste Teil. Als das Licht wieder verlischt, es keine erneute Ansage von Intendant Theiler gab, ist klar: Domingo kann weiter­machen. Und dann kommt es zu diesem kleinen Zwischenfall, der auch ganz große Oper und ihre Protago­nisten so menschlich macht. Nabucco, dem Wahnsinn verfallen, kommt mit einem kleinen Ball auf die Bühne und soll mit ihm spielen. Domingo, in jungen Jahren ein begeis­terter Fußballer, versucht es nun auf der Bühne mit einer Art Handball. Hier hat er jedoch deutlich weniger Geschick, der Ball verspringt ihm und kullert, man ahnt es schon, in den Orches­ter­graben und fällt einem Cellisten auf den Kopf. Nach einer kurzen Schreck­se­kunde geht im Orches­ter­graben alles profes­sionell weiter, und Domingo macht eine entschul­di­gende Geste in Richtung der Musiker und spielt weiter mit einem imagi­nären Ball. Es ist, als ob diese Szene allen eine Art Adrena­linstoß verpasst hat, denn von diesem Moment an entwi­ckelt sich auf der Bühne eine musika­lische und sänge­rische Stern­stunde, die das gesamte Ensemble mitreißt und zur Höchst­leistung anspornt. Alle kriti­schen Fragen, ob Domingo dieser Partie sänge­risch und gesund­heitlich gewachsen sei, verstummen spätestens in der vorletzten Szene nach der großen Soloarie Dio di Giuda. Mit tiefer Innigkeit und großem Ausdruck gestaltet Domingo dieses Gebet, das das Publikum mit großem Jubel honoriert. Es ist einer von diesen seltenen Momenten, die berühren, vielleicht auch, weil da jemand auf der Bühne gegen seine eigene Vergäng­lichkeit kämpft.

Doch es ist nicht Domingo allein, dem der Triumpf des Abends gebührt. Hier hat sich ein gesamtes Ensemble im Vergleich zur Premiere noch einmal fulminant gesteigert. Die Sopra­nistin Saioa Hernández, die vor zwei Wochen mit der mörde­ri­schen Partie der Abigaille ein fulmi­nantes Rollen- und Deutsch­land­debüt gegeben hat, kann nun befreit von aller Premie­ren­ner­vo­sität ihre Rolle weiter­ent­wi­ckeln und begeistert vor allem mit den kraft­vollen und drama­ti­schen Ausbrüchen. Die Mezzo­so­pra­nistin Christina Bock in der Rolle der Fenena überzeugt vor allem in den lyrischen Passagen. Vitalij Kowaljow als Hohepriester Zaccaria begeistert erneut mit seinem ausdrucks­starken und markanten Bass. Schöner und balsa­mi­scher kann man diese Rolle nicht gestalten.

Foto © Daniel Koch

Auch Massimo Giordano hat sich gegenüber der Premiere deutlich steigern können und glänzt in der Rolle des Ismaele mit schönem Belcanto-Schmelz. Ein verein­zelter Buh-Ruf beim Schluss­ap­plaus ist absolut unangebracht.

Der auch heute wieder von Jörn Hinnerk Andresen formi­dabel einstu­dierte Chor und Extrachor der Staatsoper Dresden quillt über vor Sanges­freude, mit beein­dru­ckender Dekla­mation und einem starken, volumi­nösen Fundament. Auch der Gefan­ge­nenchor, sehr innig und pathe­tisch gesungen, berührt die Seele des Publikums.

Die kurzfristige Verpflichtung von Jordi Bernàcer als Dirigent ist für die Vorstellung ein Glücksfall. Schon bei der Ouvertüre, die er zügig im Tempo und furios im Ausdruck beginnt, hat man das Gefühl, Bernàcer wolle musika­lisch den Turm von Babel zum Einsturz bringen. Mit großem Einsatz und viel Finger­spit­zen­gefühl leitet er die bestens aufge­legte Sächsische Staats­ka­pelle Dresden, dabei hatte er, wenn überhaupt, nur eine Anspiel­probe. In den großen Ensem­blestellen legt er den Taktstock zur Seite und leitet mit sicherem Gespür den Chor und die Solisten zu einem Höhenflug.

Am Schluss der Vorstellung gibt es natürlich großen Jubel für Orchester, Chor und alle Betei­ligten. Insbe­sondere Jordi Bernàcer, Plácido Domingo, Saioa Hernández und Vitalij Kowaljow dürfen sich der bravi-Rufe erfreuen. Als Domingo das zweite Mal vor das Publikum tritt, erhebt sich dieses unisono und verneigt sich vor einem Ausnah­me­künstler, dem es auch mit unglaub­lichen 78 Jahren noch gelingt, eine an sich schon großartige Vorstellung noch einmal zu veredeln. Dass er den Blumen­strauß, den er am Schluss erhält, in den Orches­ter­graben hinun­ter­reicht und sich für sein Missge­schick bei den betrof­fenen Musikern entschuldigt, ist auch Ausdruck einer zutiefst mensch­lichen Art.  Man kann Plácido Domingo nur wünschen, dass seine Gesundheit noch viele Vorstel­lungen zulässt, dann wird er auch mit 80 Jahren noch das Publikum in seinen Bann ziehen. Diese denkwürdige Vorstellung mit dem Phänomen Domingo wird in Dresden in Erinnerung bleiben, und nicht nur wegen des Balls, der in den Orches­ter­graben fiel.

Andreas H. Hölscher

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