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Konnte es nach der musikalisch und sängerisch umjubelten Premiere von Verdis Nabucco an der Semperoper Dresden am 25. Mai dieses Jahres eigentlich noch eine Steigerung geben? Wenn es nach dem Willen der Leitung der Semperoper Dresden ginge, sollte kein geringerer als Plácido Domingo mit drei Aufführungen in der Titelrolle neuen Glanz und Gloria ins Haus bringen. Immerhin hatte Domingo, mittlerweile stolze 78 Jahre alt, der ehrwürdigen Semperoper bisher den Rücken gekehrt. Nun, im Spätherbst einer unbeschreiblichen und auch sicher einzigartigen Karriere, war es endlich soweit, der Maestro gab sich die Ehre, und damit auch ein Publikum, das bereit war, für diesen besonderen Moment Spitzenpreise von über 200 Euro für eine Eintrittskarte zu bezahlen. Das Hausdebüt von Domingo am 5. Juni fiel allerdings anders aus, als alle Beteiligten sich das erwartet haben. Diese Vorstellung begann bereits mit der Ansage des Intendanten Peter Theiler: „Plácido Domingo bitte um Verständnis, er sei von einer Erkältung noch nicht gänzlich genesen, würde aber singen“. Das tat er dann auch bis zur Pause, danach folgte die nächste Intendantenansage: „Domingo solle auf ärztliches Anraten hin lieber nicht weiter singen“. Dafür sang Ensemblemitglied Markus Marquardt den Nabucco vom Pult an der Seite ein und der Spielleiter der Produktion agierte auf der Bühne. Natürlich ist es menschlich und verständlich, dass ein Sänger, wenn er indisponiert ist, notfalls auf die Fortführung einer Vorstellung verzichten muss. Da ist Domingo nicht der erste und nicht der letzte große Sänger, dem das passiert. Was allerdings dann schon etwas seltsam war, dass Domingo am übernächsten Tag bereits wieder für ein Konzert in Madrid auf der Bühne stehen sollte. Nicht grade die besten Voraussetzungen, um sich für die zweite Vorstellung an der Semperoper am 9. Juni zu erholen, Reisestress inklusive.
Bevor sich der Vorhang zur nächsten Nabucco-Vorstellung mit Plácido Domingo an der Semperoper Dresden hob, gab es erneut eine Ansage von Intendant Theiler. Zunächst wurde der Dirigent der Vorstellung, Omer Meir Wellber, der vor zwei Wochen mit seinem wunderbaren Dirigat das Premierenpublikum berauscht hat, als so akut erkrankt angesagt, dass selbst die aktuellen Besetzungszettel nicht mehr neu gedruckt werden konnten. Glücklicherweise konnte kurzfristig der renommierte Dirigent Jordi Bernàcer, ein ausdrücklicher Wunschdirigent Domingos, verpflichtet werden. Auch Domingo, so Intendant Theiler, sei von seiner Erkältung „noch nicht ganz wiederhergestellt“. So konnte man gespannt sein, ob Domingo diesmal durchsingen würde. Sein Debüt als Nabucco hatte er vor sechs Jahren in London gegeben. Seit über zehn Jahren singt Domingo nun im Bariton-Fach, nachdem er als Tenor über fünf Jahrzehnte vor allem im Verdi-Fach alles gesungen hat, was die Literatur hergibt. In einer Aufnahme von Nabucco unter Giuseppe Sinopoli aus dem Jahre 1983, die durchaus als Referenzaufnahme gilt, sang der unvergessene Piero Cappuccilli den Nabucco und Plácido Domingo den Ismaele. War Domingo in seinen besten Tenorjahren ein überragender Alfredo, Otello oder Radames, so sind es heute die Baritonpartien wie Germont, Simon Boccanegra und eben Nabucco, mit denen Domingos Terminkalender ansehnlich gefüllt ist.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Und nach all dem Vorgeplänkel hebt sich nun endlich der Vorhang zu einem in jeder Hinsicht denkwürdigen Abend. Regisseur David Bösch verlegt die Handlung in die heutige Zeit, einer Zeit der politischen und religiösen Konflikte und militärischer Auseinandersetzung im Nahen Osten. Die Lage in Israel, Syrien und die Palästinenser-Frage, sie spannt in der mit drastischen Bildern gespickten Inszenierung den Bogen über einen Zeitraum von mehr als zweieinhalbtausend Jahren leidvoller Geschichte. Zusammen mit Bühnenbildner Patrick Bannwart und der Kostümbildnerin Meentje Nielsen entwickelt er ein Szenario, in dem neben dem politischen Aspekt der Umgang mit dem Glauben an Gott, die Fragen und Zweifel im Vordergrund stehen. Nabucco im Outfit eines Militärbefehlshabers lässt Assoziationen zu früheren und heutigen Machthabern im Nahen Osten zu. Seine Krönung zum Gott und der gleichzeitige Verfall in den Wahnsinn wird durch die Lichtregie von Fabio Antoci großartig in Szene gesetzt. Nach etwa 30 Minuten ist es dann soweit, Domingos erster Auftritt beginnt. Eins ist schnell klar, von seiner Ausstrahlungskraft hat dieses Phänomen nichts eingebüßt. Die Stimme springt sofort an, mit ausdrucksvollem, hellem Bariton gestaltet er die Partie, wobei er sich in den großen Ensemblestücken anfangs noch sehr zurückhält. Szenisch wirkt Domingo manchmal etwas hilflos und unsicher, was aufgrund der fehlenden Proben und nur einer kurzen szenischen Einweisung auch nicht weiter verwundert.
Ein erster Höhepunkt ist sicher die Szene im zweiten Akt, wo Nabucco sich zum Gott ernennt, vom Blitz getroffen wird und Abigaille ihn entmachtet. Fast flehentlich wendet er sich an Fenena, diese Szene hat was Väterliches, fast Liebevolles, was die grausame Figur des Nabucco menschlicher werden lässt.
In der Pause wird natürlich im Publikum diskutiert, ob Domingo weitermachen kann, denn vor allem der dritte und vierte Akt sind sängerisch deutlich anspruchsvoller als der erste Teil. Als das Licht wieder verlischt, es keine erneute Ansage von Intendant Theiler gab, ist klar: Domingo kann weitermachen. Und dann kommt es zu diesem kleinen Zwischenfall, der auch ganz große Oper und ihre Protagonisten so menschlich macht. Nabucco, dem Wahnsinn verfallen, kommt mit einem kleinen Ball auf die Bühne und soll mit ihm spielen. Domingo, in jungen Jahren ein begeisterter Fußballer, versucht es nun auf der Bühne mit einer Art Handball. Hier hat er jedoch deutlich weniger Geschick, der Ball verspringt ihm und kullert, man ahnt es schon, in den Orchestergraben und fällt einem Cellisten auf den Kopf. Nach einer kurzen Schrecksekunde geht im Orchestergraben alles professionell weiter, und Domingo macht eine entschuldigende Geste in Richtung der Musiker und spielt weiter mit einem imaginären Ball. Es ist, als ob diese Szene allen eine Art Adrenalinstoß verpasst hat, denn von diesem Moment an entwickelt sich auf der Bühne eine musikalische und sängerische Sternstunde, die das gesamte Ensemble mitreißt und zur Höchstleistung anspornt. Alle kritischen Fragen, ob Domingo dieser Partie sängerisch und gesundheitlich gewachsen sei, verstummen spätestens in der vorletzten Szene nach der großen Soloarie Dio di Giuda. Mit tiefer Innigkeit und großem Ausdruck gestaltet Domingo dieses Gebet, das das Publikum mit großem Jubel honoriert. Es ist einer von diesen seltenen Momenten, die berühren, vielleicht auch, weil da jemand auf der Bühne gegen seine eigene Vergänglichkeit kämpft.
Doch es ist nicht Domingo allein, dem der Triumpf des Abends gebührt. Hier hat sich ein gesamtes Ensemble im Vergleich zur Premiere noch einmal fulminant gesteigert. Die Sopranistin Saioa Hernández, die vor zwei Wochen mit der mörderischen Partie der Abigaille ein fulminantes Rollen- und Deutschlanddebüt gegeben hat, kann nun befreit von aller Premierennervosität ihre Rolle weiterentwickeln und begeistert vor allem mit den kraftvollen und dramatischen Ausbrüchen. Die Mezzosopranistin Christina Bock in der Rolle der Fenena überzeugt vor allem in den lyrischen Passagen. Vitalij Kowaljow als Hohepriester Zaccaria begeistert erneut mit seinem ausdrucksstarken und markanten Bass. Schöner und balsamischer kann man diese Rolle nicht gestalten.

Auch Massimo Giordano hat sich gegenüber der Premiere deutlich steigern können und glänzt in der Rolle des Ismaele mit schönem Belcanto-Schmelz. Ein vereinzelter Buh-Ruf beim Schlussapplaus ist absolut unangebracht.
Der auch heute wieder von Jörn Hinnerk Andresen formidabel einstudierte Chor und Extrachor der Staatsoper Dresden quillt über vor Sangesfreude, mit beeindruckender Deklamation und einem starken, voluminösen Fundament. Auch der Gefangenenchor, sehr innig und pathetisch gesungen, berührt die Seele des Publikums.
Die kurzfristige Verpflichtung von Jordi Bernàcer als Dirigent ist für die Vorstellung ein Glücksfall. Schon bei der Ouvertüre, die er zügig im Tempo und furios im Ausdruck beginnt, hat man das Gefühl, Bernàcer wolle musikalisch den Turm von Babel zum Einsturz bringen. Mit großem Einsatz und viel Fingerspitzengefühl leitet er die bestens aufgelegte Sächsische Staatskapelle Dresden, dabei hatte er, wenn überhaupt, nur eine Anspielprobe. In den großen Ensemblestellen legt er den Taktstock zur Seite und leitet mit sicherem Gespür den Chor und die Solisten zu einem Höhenflug.
Am Schluss der Vorstellung gibt es natürlich großen Jubel für Orchester, Chor und alle Beteiligten. Insbesondere Jordi Bernàcer, Plácido Domingo, Saioa Hernández und Vitalij Kowaljow dürfen sich der bravi-Rufe erfreuen. Als Domingo das zweite Mal vor das Publikum tritt, erhebt sich dieses unisono und verneigt sich vor einem Ausnahmekünstler, dem es auch mit unglaublichen 78 Jahren noch gelingt, eine an sich schon großartige Vorstellung noch einmal zu veredeln. Dass er den Blumenstrauß, den er am Schluss erhält, in den Orchestergraben hinunterreicht und sich für sein Missgeschick bei den betroffenen Musikern entschuldigt, ist auch Ausdruck einer zutiefst menschlichen Art. Man kann Plácido Domingo nur wünschen, dass seine Gesundheit noch viele Vorstellungen zulässt, dann wird er auch mit 80 Jahren noch das Publikum in seinen Bann ziehen. Diese denkwürdige Vorstellung mit dem Phänomen Domingo wird in Dresden in Erinnerung bleiben, und nicht nur wegen des Balls, der in den Orchestergraben fiel.
Andreas H. Hölscher