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DER RING DES NIBELUNGEN
(Richard Wagner)
Besuch vom
13. bis 20. Januar 2018
(Premieren vom 30. September 2001 bis 31. August 2003)
Am 13. Januar hob sich an der Semperoper Dresden der Vorhang zum ersten von zwei Zyklen von Richard Wagners musikalischem Weltendrama Der Ring des Nibelungen. Damit ist nach acht Jahren erstmals wieder der komplette szenische Ring in Dresden zu erleben. Gleichzeitig dirigiert der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann, nach Wien und Bayreuth zum ersten Mal an „seinem“ Haus den Ring als Zyklus. Das Ereignis hat Wagner-Freunde im Vorfeld so elektrisiert, dass bereits wenige Tage nach der Eröffnung des Vorverkaufs vor genau einem Jahr die Kartenkontingente für beide Zyklen im Januar 2018 ausgeschöpft waren. Dabei handelt es sich bei diesem Ring-Zyklus keineswegs um eine Neuinszenierung. Die Semperoper zeigt die Tetralogie in der Inszenierung von Willy Decker, die von September 2001 mit dem Rheingold bis zur Götterdämmerung im August 2003 ihre Premiere feierte. Die Dresdner Inszenierung des Rings entstand in Zusammenarbeit mit dem Bühnen- und Kostümbildner Wolfgang Gussmann. Ein typisches Merkmal des Teams Decker und Gussmann ist ein szenischer Minimalismus auf der Bühne sowie eine psychologisch präzise Personenführung. Das in Kombination mit der hohen Erwartungshaltung an die musikalische Leitung des Wagner-Experten Thielemann sorgten also im Vorfeld durchaus für einen Hype um den „Ring in Dresden“, der ein erstes großes musikalisches Highlight im noch jungen Jahr 2018 werden sollte. Und um es vorweg zu nehmen, die hohe Erwartungshaltung wurde nicht nur erfüllt, sondern teilweise übertroffen.
Um Deckers Ring-Interpretation und die szenische Umsetzung durch Wolfgang Gussmann verstehen zu wollen, muss man sich auch etwas mit der Philosophie des Werkes und Wagners Schaffen und seiner Zeit beschäftigen. Decker, der auch Philosophie studiert hat, wählt hier einen tiefenpsychologischen Ansatz, nämlich das dynamische Spiel und der erbitterte Kampf zwischen weiblichem und männlichem Prinzip, das in einer Apokalypse der männlichen Welt endet. Der Vorabend der Tetralogie, Das Rheingold, ist für Decker quasi die Genesis des Weltengeschehens. Am Anfang steht bei ihm Erda, die Göttermutter, die ein Spiel auf dem Theater beginnen lässt und langsam den Vorhang öffnet. Das Weltendrama als Kammerschauspiel, als Theater im Theater. Im Vordergrund Theatersitze, hier noch als Spiegelbild der Semperoper, mit Menschen als Zuschauer, die sich interessiert den Beginn des Dramas anschauen. Die Weltenkugel ist auf ihrer Rückseite golden eingefärbt und steht als Symbol für die unendliche Macht.
Von drei Rheintöchtern bewacht, verspricht es demjenigen die Weltherrschaft, der aus ihm einen Ring schmiedet und ewig auf die Liebe verzichtet. Was unmöglich erscheint, gelingt dem glatten Nibelungen Alberich. Er raubt das Rheingold, entsagt der Liebe und schmiedet den Ring. Doch mit der Macht kommt auch der Neid. Und die Aufspaltung in die männlichen und weiblichen Antipoden. Diese Spannung, die für den gesamten Ring und eigentlich auch für das gesamte Schaffen Richard Wagners gilt, findet im Rheingold seinen Ursprung, beginnend zwischen den Rheintöchtern und Alberich und endend zwischen Siegfried und Brünnhilde in der Götterdämmerung. Und Wotan, der sich in seinen eigenen Verträgen verstrickt, ist Zentrum und Katalysator dieser Spannungen, die er selbst hervorruft. Seine Burg Walhall, sein Zentrum der Macht, wird lediglich durch ein Modell angedeutet, mit dem Wotan wie mit einem Spielzeug herumhantiert. Die Götter sind blasiert, sich ihrer scheinbaren Überlegenheit bewusst. Doch das Schauspiel wendet sich, nachdem Fafner seinen Bruder Fasolt erschlagen hat. Der Auftritt Erdas hinter einem Vorhang, für den Zuschauer nicht sichtbar, wird hier zur Schlüsselszene, da das Geschehen nun einen anderen als von Wotan geplanten Verlauf nimmt. Decker zeigt die Figuren im Rheingold aus der Perspektive Erdas, mit vorläufig negativem Ausgang für das Weibliche.
In der Walküre führt Göttervater Wotan seinen Sohn Siegmund mit dessen Zwillingsschwester Sieglinde zusammen. Sie erkennen sich nicht und verlieben sich ineinander. Siegmund soll der Held sein, der Wotan den Ring des Nibelungen wiederbeschafft. Im folgenden Zweikampf zwischen Siegmund und Sieglindes Ehemann Hunding soll Siegmund mit dem Schwert Nothung siegreich sein. Doch Wotans Frau Fricka fordert als Sühne des Ehebruchs und des Inzests Siegmunds Leben – Wotan muss sich fügen. Wotans Tochter Brünnhilde, eine Walküre, verkündet Siegmund den Tod, ist jedoch berührt von seiner Liebe zu Sieglinde. Weil sie entgegen Wotans Befehl für Siegmund eintritt, wird sie von Wotan auf den Walkürenfelsen gebannt. Mit einem ewigen Feuer umgeben, schläft sie dort, bis ein Sterblicher, der die Furcht nicht kennt, das Feuer durchschreiten und sie erlösen wird.
Auch in der Walküre benutzen Decker und Gussmann das Prinzip „Theater im Theater“. Vorder- und Hinterbühne bestehen aus Theatersesseln, das eigentliche Geschehen findet auf der Mittelbühne statt, abgetrennt durch einen durch die Protagonisten aufziehbaren Theatervorhang. Gottvater Wotan ist der Regisseur seiner eigenen Inszenierung, mit der er am Ende scheitern muss. So erscheint er schon zu Beginn des ersten Aufzuges und bringt das Zwillingspaar in Hundings Hütte zusammen. Dabei betrachtet er ein Kastenmodell des Bühnenbildes. Für Decker ist die Walküre „Wotans Weltprojekt“.
Hundings Hütte ist komplett mit Esche furniert, in der Mitte eine Säule mit einem überdimensionalen Schwert. Zwei Stühle und ein großes Hochzeitsbild von Hunding und Sieglinde sind die einzigen Requisiten.
Die Kostüme sind zeitlos, vielleicht dem Beginn des 20. Jahrhundert zuzuordnen. Zurück zu Wotan als Regisseur. Er erscheint zwischen den Theaterstühlen, wenn er mal wieder in seine Inszenierung eingreifen muss. Mit einer ausladenden Geste öffnet er die Hinterbühne, damit die Winterstürme weichen können und Siegmund nun endlich seine Sieglinde erobern kann. Damit ist klar, das Wälsungen-Paar ist nur eine Marionette in Wotans Ränke-Spiel, genauso wie Hunding, der auch ein überdimensioniertes Schwert sein eigen nennen darf. Es geht um Machtmissbrauch und Machtzerfall. Wenn Hunding Sieglinde vor ihrem Hochzeitsbild niederknien lässt und sie es in devoter Haltung küssen muss, so ist das eine sehr drastische Charakterbeschreibung Hundings.
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Brünnhilde ist Regisseur Wotans Lieblingsschauspielerin. Sie ist frech, aufmüpfig und darf sich Freiheiten erlauben wie kein anderer Protagonist. Doch ihre Kraft und ihr Wille zur Revolte bringen den Regisseur um den Verstand, sein so schön eingerichtetes Schauspiel droht auseinanderzubrechen. Und natürlich gibt es über jedem Regisseur noch einen Generalintendanten, in diesem Fall sogar eine Generalintendantin. Fricka, Chefin im Ring und nebenbei Wotans Gemahlin und Hüterin der Ehe. Ein inzestuöses Kammerspiel des Herrn Regisseurs? Aber nicht in Frickas Walhalla-Theater, da muss alles seine göttliche Ordnung haben. Und so muss Regisseur Wotan sich seiner Generalintendantin Fricka fügen, das Stück umschreiben, und am Schluss seine Hauptdarstellerin Brünnhilde wegen Befehlsverweigerung aus dem Theater verbannen. Das ist inhaltlich alles nachvollziehbar. Doch Deckers bildhafter Erzählweise fehlen in der Walküre die großen emotionalen Durchbruchsmomente. Zu minimalistisch ist die szenische Umsetzung, die Macht- und Minnespiele der Wälsungen, der eheliche Zwist im Hause Wotan und vor allem das pubertierende Jungmädchenspiel der Walküren erscheint harmlos und kann auch den unbedarften Zuschauer nicht wirklich aus seinem Sessel reißen. Wenn Brünnhilde zum Schluss auf einer Weltkugel über rot flackernden Plüschsesseln in tiefen Schlaf versetzt wird, so ist das optisch schön dargestellt, aber die Reduzierung auf ein allzu menschliches Kammerspiel reicht nicht.
Siegfried hebt sich vor allem durch den Spielcharakter von den ersten beiden Teilen der Tetralogie ab. Alle Szenen stehen hier unter dem Diktat der Aktion, sind also – entsprechend der kraftvollen und naiven Charakterisierung Siegfrieds – direktes Theater.

Demzufolge bleiben Regisseur Decker und Bühnenbildner Gussmann konsequent und stringent in ihrem Bühnenkosmos als Theater auf dem Theater. Ob Kinderzimmer, Drachenhöhle oder Wald – alles wird bei ihnen zur Kulisse, deren Illusion aufzubauen oder zu zerstören Ziel der Protagonisten ist. Wer sich allerdings auf der Bühne zur Schau stellt und wer den Beobachterposten einnimmt, bleibt dabei stets in der Schwebe – bis sich das Spiel ganz von der Bühne löst und auf den Zuschauer zuzulaufen scheint. Und natürlich ist Wotan in der Gestalt des Wanderers wieder der Strippenzieher in dem Theaterkosmos. Er beobachtet Mime, der nicht fähig ist, das Schwert Nothung neu zu schmieden, und schlägt die ersten Schmiedetöne mit dem Hammer selbst an. Mimes Schmiede selbst ist eine Rumpelkammer, mit ausrangierten Stühlen, ein psychologischer Trümmerhaufen, die noch nebenbei als Schule für Siegfried dient, wenn Mime auf einer Tafel Siegfried zu erklären versucht, warum er ihm gleichzeitig Vater und Mutter ist. Die Wurmszene ist dagegen schon fast komisch inszeniert.
Und das Waldvöglein hat hier eine doppeldeutige Rolle, in der Kindesgestalt Siegfrieds wird es nicht nur zum Wegbereiter des weiteren Handelns, sondern symbolisiert auch die Entwicklung Siegfrieds, der ohne echte Vaterfigur aufgewachsen ist und von Mime nur auf zum Töten Fafners instrumentalisiert wurde. Im dritten Aufzug des Siegfried gibt es dann durchaus einen Bruch in der Inszenierung, was aber mit der Entstehungsgeschichte des Rings und der kompositorischen Unterbrechung des Siegfried durchaus im Einklang steht. Die „Erda-Szene“ gelingt hier sehr eindrucksvoll, die alten Machtpositionen sind vordergründig wiederhergestellt. Wotan steht vor einer nunmehr rissigen Weltenkugel. Erda ist blind, ihr Wissen ist geschwunden, und auch Wotan in der Gestalt des Wanderers bäumt sich ein letztes Mal gegen sein eigenes Ende auf, obwohl er es so herbeisehnt. Nachdem Siegfried Wotans Speer zerschlagen hat, ist der Weg zu Brünnhilde frei.
Der Walkürenfelsen ist jetzt ein großer Raum, hinter dessen Vorhang wieder die Theaterstühle zu erkennen sind mit den acht Walküren, die das Geschehen um ihre verbannte Schwester interessiert beobachten. Das der Waldvogel in der Kindesgestalt Siegfrieds in dieser Szene noch präsent ist, ist eine von zahlreichen sehr freien Interpretationen Deckers, die man nicht unbedingt goutieren muss. Auch das elegante feuerrote Kleid, das Brünnhilde trägt, unterscheidet sich deutlich von der heroinischen Kleidung, in der sie am Schluss der Walküre in „festen Schlaf“ verschlossen wurde. Dennoch gerät die Schlussszene zu einem großen emotionalen Moment, der aber auch Brünnhildes geistige Überlegenheit deutlich herausstreicht.
Die Götterdämmerung als finaler Teil der Tetralogie gerät zum stärksten Part der Inszenierung von Decker und Gussmann. Decker selbst bezeichnete die Götterdämmerung als „Apokalypse einer männlichen Welt“. Das dynamische Spiel und der erbitterte Kampf zwischen weiblichem und männlichem Prinzip reift in der Götterdämmerung zu einer letzten tragischen Konsequenz, in der das Männliche durch Verdrängung und Vergewaltigung des Weiblichen eine ganze Welt in die Katastrophe reißt. In der Götterdämmerung wird der Wunsch nach dem Ende der Götter real – Wotans Welt geht in Flammen auf. Das männliche Prinzip in seinem wahnwitzigen Streben nach Macht und Dominanz hat sich selbst zerstört. Nur das Weibliche kann sich der drohenden Apokalypse entgegenwerfen und die rettende Kraft für den Neubeginn entwickeln. Der Ring wird wieder zum Gold am Grunde des Rheins.
Es sind die großen Räume, die die teilweise Beengtheit auf der Bühne in den vorangegangenen drei Werken vergessen machen und dem Zuschauer ein neues, ein großes Theatergefühl vermitteln. Die Gibichungenhalle wirkt kalt, etwas dekadent mit den zwei mächtigen Ledersesseln und der Cocktailbar. Bei den Kostümen sind Gussmann und Frauke Schernau, die als Kostümbildnerin der Semperoper zum Inszenierungsteam gehörte, in der Moderne angekommen. Die Kleider wirken elegant, bei Gunther und Gutrune etwas sehr aufgesetzt. Die schwarze Kleidung Hagens und seiner Mannen symbolisieren das Böse und die Niederträchtigkeit. Mit großen Bildern beschreibt Decker das Ende. Siegfrieds unwissender Verrat, die Racheintrige, Siegfrieds Tod und Brünnhildes großer, emotionaler Abschied, die mit ihrem Flammentod den Weg in eine neue Zukunft freigibt und Erdas Traum aus dem Rheingold von Neuem beginnen kann. Und so endet die Tetralogie, wie sie begonnen hat, mit Erda und der Weltenkugel im Mittelpunkt. Die psychologischen Beziehungsgeflechte der handelnden Personen hat Decker hier noch einmal kongenial verwoben. Das allerdings Gutrune am Schluss Hagen tötet, gehört wieder zu seinen künstlerischen Freiheiten, vielleicht wollte er damit den Sieg des weiblichen Prinzips über das Männliche noch einmal besonders herausstellen. Dennoch muss man dieser Gesamtinszenierung unter dem Strich eine gelungene tiefenpsychologische Analyse des Wagnerschen Weltenwerkes attestieren.
Der Ring des Nibelungen, insbesondere wenn er als Zyklus in einem kurzen Zeitraum aufgeführt wird, verlangt vom Dirigenten, dem Orchester, aber vor allem von den Sängerinnen und Sängern eine enorme physische Präsenz und Durchhaltevermögen. Immerhin beträgt die gesamte Aufführungsdauer – inklusive der relativ kurzen Pausen – über 18 Stunden, die auch beim Publikum eine gewisse Kondition erfordert. Wie eingangs erwähnt, werden die Erwartungshaltungen an diesen Zyklus sogar teilweise übertroffen.
Das liegt einmal an der Zusammenstellung der Solisten, aber auch einer musikalisch beeindruckenden Leistung der Sächsischen Staatskapelle, die Wagner selbst einst als seine „Wunderharfe“ bezeichnet hatte. Und auch Thielemann, der ja über eine große Ring-Erfahrung verfügt, drückt hier in seinem ersten Zyklus an der Semperoper dem Haus seinen Stempel auf.
Die sängerische Leistung in diesem Zyklus hält jedem nationalen und internationalen Vergleich Stand. Petra Lang darf in der Rolle der Brünnhilde an allen drei Abenden der Tetralogie ihr großartiges Rollenverständnis unter Beweis stellen. Als Mezzosopranistin hat sie alle großen Rollen des Wagner-Fachs gesungen und wechselte dann erfolgreich in das hochdramatische Fach. Sie hat die strahlenden Höhen, die eine Brünnhilde braucht, sie beherrscht aber auch die hochdramatischen Ausbrüche wie in der Schwurszene in der Götterdämmerung, sie kann aber aufgrund ihrer warmen und etwas tiefen Mittellage auch in den Duetten mit Siegfried sehr viel Weiblichkeit in die Stimme legen. In der Walküre klingt die Stimme sogar eher jugendlich-dramatisch als hochdramatisch, was ihrer Rollenanlage aber entgegenkommt. Und immer wieder erzeugt sie leise Piano-Töne und beweist damit, wie differenziert und lyrisch man diese Partie anlegen kann. Bewegend die finale Szene, wo Wotan von ihr Abschied nimmt. Im Siegfried erklingt ihr „Heil dir Sonne, heil dir Licht“ wie eine Versprechung, die im finalen „leuchtende Liebe, lachender Tod“ in einen großen Jubelgesang mündet.
Andreas Schager ist der vor Kraft strotzende, fast überschäumende Siegfried, der mit einer schier unfassbaren Leichtigkeit die dramatischen Passagen bewältigt, als sei es ein Spaziergang. Schagers Bühnenpräsenz ist pure Lebensfreude ohne Kraftmeierei, und seine Stimmfärbungen variieren eindrucksvoll. Wenn man einem Interview mit ihm Glauben schenken darf, so macht er vor jedem Aufzug 50 Liegestütze, um seine Fitness und seine Ausdauer zu wahren. Das sind dann immerhin 300 Liegestütze, die zu den kräftezehrenden sechs Aufzügen im Siegfried und der Götterdämmerung hinzuzählen sind. Seine sängerische Darbietung des Siegfried zeigt, dass Schager zu Recht zu den größten Wagner-Tenören der Gegenwart zählt. Er hat die charismatische Ausstrahlung eines Heldentenors, gepaart mit enormer Kraft und Ausdauer und einem goldstrahlenden Timbre, dass die Höhen markant und mit Strahlkraft nimmt, sowie einer warmen Mittellage, ohne die Stimme künstlich abzudunkeln. Schager schont sich zu keinem Zeitpunkt, gibt bei allen dramatischen Ausbrüchen Vollgas, um dann seine Sterbeszene so lyrisch zu gestalten, dass es dem Zuhörer fast den Atem nimmt. Schager ist mit seiner Stimmanlage ein klassischer Heldentenor, wie er in dieser Ausdruckskraft, und dazu noch mit einer enormen Textverständlichkeit, heutzutage kaum noch zu finden ist. Einziges Manko ist seine leider unüberhörbare Textschwäche, die den Gesamteindruck aber nicht schmälern soll.
Vitalij Kowaljow verkörpert in diesem Ring-Zyklus die Partien des Wotan und des Wanderers. Mit ausdrucksstarkem und textverständlichem Bariton, mit kraftvollen Ausbrüchen und sicheren Höhen verkörpert er den zerbrochenen, einsamen Gott. Sein Leb wohl, du kühnes herrliches Kind ist einer der großartigsten Momente in der Walküre. Er begeistert mit seinem kräftigen und hohen Bass und überzeugt auch durch sein Charakterspiel, insbesondere als Wanderer im Siegfried in der großen Erda-Szene zu Beginn des dritten Aufzugs.
Elena Pankratova gibt die Sieglinde in der Walküre mit sicheren, klaren Höhen und einer warmen Mittellage, ihre dramatischen Ausbrüche sind höhensicher und ohne Brüche. Ihr gegenüber als Siegmund ein altes Wagner-Schlachtross, Peter Seiffert. Obwohl nicht mehr der Jüngste, hat seine Stimme immer noch diesen einzigarten tenoralen Schmelz, der ihn so berühmt gemacht hat. Und Seiffert geht klug mit der Krafteinteilung um, hat den Atem für zwei lange „Wälse-Rufe“, hat den Glanz für lyrisch gesungene „Winterstürme“, und hat noch die Strahlkraft in der Stimme für die dramatischen Ausbrüche. Georg Zeppenfeld ist im Wagnerschen Bass-Fach so etwas wie eine Allzweckwaffe, der seine markante Stimme färben kann zwischen lyrischem Ausdruck als Fasolt im Rheingold, grobschlächtig und aggressiv als Hunding in der Walküre oder mit tiefschwarzem Bass im Siegfried.

Albert Dohmen legt in seiner Rollenanlage des Alberich großen Wert auf Deklamation, was vor allem in der ersten Szene im Rheingold sehr wichtig ist. Mit großem Körpereinsatz, wuchtigem Bass und starkem Ausdruck gelingt die Rolle auch im Siegfried, die Fluch-Szene im Rheingold ragt jedoch heraus. Aber er überzeugt auch mit fast schon geflüsterter Stimme in der Götterdämmerung, wenn er Hagen auf dessen Treue einschwört. Gerhard Siegel darf man sicher zurecht als Idealbesetzung des Mime bezeichnen. Sein fokussierter Charaktertenor, seine Körperstatur und sein listiges Spiel geben diesem Sänger alles mit, was man für die Darstellung des kleinen Giftzwerges benötigt, die in der Wissenswette im Siegfried ihren Höhepunkt findet. Christa Mayer stellt mit ihrem ausdrucksstarken Mezzosopran und großer Bühnenpräsenz das Idealbild einer dominanten Fricka dar. Aber auch in der Partie der Erda im Siegfried gestaltet sie mit großer Leidenschaft, vom Publikum gefeiert wird sie aber für die Darstellung der Waltraute in der Götterdämmerung. Wie sie innig, voller Verzweiflung versucht, Brünnhilde zu überreden, ihr den Ring zu geben, um den Untergang Walhalls zu vermeiden, das geht schon unter die Haut.
Stephen Milling gibt die Partie des Hagen mit schwarzem, dröhnendem und furchteinflößendem Bass. Er ist optisch und stimmlich der Antipode zu dem strahlenden Siegfried, seine Mannenrufe überstimmen sogar ein großes Orchester. Martin Gantner gibt einen glatten, angstvollen Gunther. Sein Bariton ist schmeichelnd, aber er lässt alle Facetten von Schwäche, Angst und vorgespielter Stärke zu und ist damit der ideale Kontrapunkt zu Schagers strahlendem Tenor und Millings schwarzem Bass. Edith Haller, die demnächst in Leipzig ihr Rollendebüt als Brünnhilde in der Walküre geben wird, beeindruckt als Gutrune mit jugendlich-dramatischem Sopran und verführerischem Spiel.
Kurt Streit begeistert im Rheingold als Loge mit ausdrucksstarkem Charaktertenor und großer Spielfreude. Regine Hangler als Freia, Tansel Akzeybek als Froh und Derek Welton als Donner komplettieren im Rheingold die sangesstarke Götterriege, während Janina Baechle die Partie der Erda differenziert und mit ausdrucksvollem, warmem Mezzosopran gestaltet und Karl-Heinz Lehner stimmgewaltig seinen Bass als Brudermörder Fafner erklingen lässt. Christiane Kohl als Woglinde und dritte Norn, Sabrina Kögel als Wellgunde und Simone Schröder als Floßhilde und zweite Norn sowie Monika Bohinee als erste Norn harmonieren stimmlich und spielerisch wunderbar als Terzett. Tuuli Takala singt den Waldvogel mit klarem Koloratursopran von der Hinterbühne, und auch die acht Walküren überzeugen durch ihren stimmgewaltigen Auftritt.
Die Herren des Staatsopernchores, unterstützt von den Damen, dürfen in der Götterdämmerung mit dem Auftritt als Hagens Mannen im zweiten und dritten Aufzug ihrem umfangreichen stimmlichen Repertoire eine neue Facette hinzufügen. Kraftvoll, ohne zu dröhnen, und lyrisch, ohne zu säuseln, bildet der Chor, hervorragend eingestimmt von Jörn Hinnerck Andresen, eine musikalische Säule.
Den größten Erwartungsdruck seitens des Publikums hat vermutlich Thielemann am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden im Vorfeld auszuhalten. Doch wenn er es denn überhaupt so empfunden hat, dann geht er souverän damit um. Mit präzisem Schlag und viel Sensibilität arbeitet er die gut 260 Leitmotive und die großen Orchesterszenen an allen vier Abenden klar heraus, bereitet die expressiven Ausbrüche vor, um dann das Orchester immer wieder zurückzunehmen, ins Piano zu gehen und dabei fürsorglich sängerfreundlich zu begleiten. Er trägt die Sänger über die vier Aufführungen hinweg, geleitet sie wie ein Kapitän durch die engen Rinnen und steilen Klippen der Partitur, um sich dann schäumend wie eine wilde Meeresbrandung an den orchestralen Stellen in einen Rausch zu spielen.
Die Staatskapelle überzeugt an diesen vier Abenden durch eine beeindruckende Klangmalerei und durch ein farbenreiches und nuanciertes Spiel. Und der Dirigent zieht alle Register, wechselt die Tempi, wenn nötig, und geht ins feinste Piano, um eine Brünnhilde hauchen zu lassen: „Ruhe, du Gott“. Er schlägt ins stürmische Forte bei Siegfrieds Rheinfahrt, und sein Trauermarsch in der Götterdämmerung ist wohl der emotionalste Moment des gesamten Ringes, der durch die Dichte des Geschehens noch intensiver nachwirkt. Als der Weltenbrand durch den über die Ufer tretenden Rhein gelöscht wird, bevor die Musik sich beruhigt und die Hoffnung auf eine neue Weltenordnung entstehen kann, befindet sich in der Partitur eine Fermate, eine kleine Pause, die aber einen Rieseneffekt hat. Viele Dirigenten gehen darüber hinweg, aber Thielemann kostet diese Fermate aus, um Atem zu schöpfen, um den Effekt des Wandels von der Zerstörung zur Erneuerung aufzuzeigen. Diese mehrere Sekunden andauernde Pause, in der das Publikum den Atem anzuhalten scheint, und der Übergang zur beruhigten Orchestermusik, in der am Schluss wieder das Rheingold-Motiv erklingt, steht symbolisch für die Erlösung und den Neuanfang, aber auch für die Vollendung des Gesamtkunstwerkes.
An allen vier Abenden jubelt das Publikum frenetisch, feiert Christian Thielemann, die Sächsische Staatskapelle Dresden und die Sängerinnen und Sänger für eine überragende Leistung, die internationales Format zeigt. Als de Generalmusikdirektor nach der Götterdämmerung vor den Vorhang tritt, erhebt sich das Publikum unisono zu Ehren des Dirigenten und seines Orchesters. Somit wird der erste Zyklus des Ring des Nibelungen an der Semperoper Dresden zu einem grandiosen Erfolg.
Andreas H. Hölscher